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07.04.2018 - KULTURGESCHICHTE

"Spare in der Zeit"

oder die Geschichte einer deutschen Tugend

von Josef Tutsch

 
 

Das Sparschwein
Bild: joyous!/Wikipedia

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, war ein kurzer Zeichentrickfilm der UFA aus dem Jahr 1935 betitelt. Auf einer sommerlichen Wiese sind die Bienen emsig bei der Arbeit zu sehen. „Was Fleiß geschafft, wird hier gespart“, kommentiert eine Stimme aus dem Off, „und Ordnung herrscht im Haus.“ Im Kontrast verbringen die Heuschrecken den ganzen Tag mit Saufen und Fressen. „Hier fragt man nicht, was später wird, und lebt in Saus und Braus.“ Als die Szene in den Winter wechselt, sitzen die Bienen behaglich und warm in ihrem Stock. Die frierenden und hungernden Faulenzerinsekten, die um Einlass bitten, werden abgewiesen. „Ohne Fleiß kein Preis“, verkündet das Schild an der Tür.

„Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“, hat das Deutsche Historische Museum in Berlin seine aktuelle Ausstellung überschrieben, die in Kooperation mit der Berliner Sparkasse erstellt wurde. In dem UFA-Film, berichtet der Präsident des Museums, der Schweizer Historiker Raphael Gross im Vorwort zum begleitenden Essayband, war das Thema sogar eindeutig antisemitisch konnotiert: Der propagandistischen Absicht nach sollten die fleißigen Deutschen ihr Selbstverständnis aus der Abgrenzung zu den angeblich schmarotzenden Juden gewinnen.

Dabei hätte doch jedem Zuschauer auffallen können, dass die als spezifisch deutsch ausgegebene Tugend des Sparens bereits in einer Geschichte des Alten Testaments hochgehalten wird: Der Patriarchensohn Joseph verordnet den Ägyptern, in den Jahren einer fetten Ernte Rücklagen zu bilden, damit sie – und im Ergebnis auch ihre weniger vorsorgenden Nachbarn – in den folgenden mageren Jahren nicht hungern müssen. In letzter Zeit, vermerkt Gross, ist die Frage politisch wieder kontrovers geworden: Unter dem Stichwort „austerity“ wurde die restriktive Haushaltspolitik, die in Deutschland Tradition hat, heftig kritisiert, weil die Differenz gegenüber der größeren Ausgabefreude anderer europäischer Staaten im Rahmen der gemeinsamen Euro-Währung zu Verwerfungen geführt hat.

Daran hängen, wie sich versteht, eine Menge politischer Fragen – angefangen bei dem merkwürdigen Umstand, dass in der öffentlichen Diskussion heute bereits die sogenannte „schwarze Null“, also der Unwille dagegen, sich weiter zu verschulden (und sich im Ergebnis bei den Gläubigern zu versklaven), gern als „Sparen“ bezeichnet wird. Die Zahlen scheinen aber tatsächlich zu belegen, dass die Sparkultur in Deutschland im internationalen Vergleich stark ausgeprägt ist. Hierzulande werden fast 10 Prozent des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte auf die „hohe Kante“ gelegt.

Das kann in Form von Geld geschehen, ob nun im sprichwörtlichen Sparstrumpf oder auf dem Konto, als Edelmetall oder in Immobilien auch in Wertpapieren – der Übergang zur gewinnorientierten Anlage ist oft fließend. Noch vor wenigen Jahrhunderten, schreibt Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, war es gar nicht so selten, dass vermögende Menschen Krüge mit Bargeld im Garten vergruben. Nach dem Kollaps von Lehman Brothers 2008 wird sich mancher überlegt haben, ob diese Methode wirklich so dumm war. Allerdings – die Willkür staatlicher Münzpolitik brachte damals bereits eine erhebliche Unsicherheit, im Grunde nicht viel anders als heutzutage die internationale Spekulation, die sich ja selbst gegen ganze Währungen richtet.

Wilhelm Leibl: Der Spargroschen,
1877 (von-der-Heydt-Museum,
Wuppertal) - Bild: Wikipedia


Die ersten deutschen Sparkassen, referiert der ehemalige Präsident des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jürgen Kocka, entstanden in den 1770er Jahren im norddeutschen Raum. Fleißigen Personen beiderlei Geschlechts wie „Dienstboten, Tagelöhnern, Handarbeitern, Seeleuten etc.“, hieß es in der Satzung der Hamburgischen „Ersparungs-Classe“ von 1778, solle Gelegenheit gegeben werden, „auch bei Kleinigkeiten etwas zurückzulegen“. Eine Maßnahme der Armenfürsorge, und zwar präventiv gedacht. Dahinter, erläutert der Kurator der Ausstellung, Robert Muschalla, stand eine weltanschauliche Revolution: „Armut wurde in der Aufklärung nicht mehr als gottgewolltes Schicksal verstanden, dem es mit Almosen zu begegnen galt“, sondern mit „Erziehung zu gewissenhafter Arbeit“.

„Wobei man hofft“, hieß es in jener Satzung aus Hamburg weiter, die Anleger würden sich „diese ihnen verschaffte Bequemlichkeit zur Aufmunterung gereichen lassen, um durch Fleiß und Sparsamkeit dem Staate nützlich und wichtig zu werden.“ Den Initiatoren, die durchweg aus dem städtischen Bürgertum kamen, interpretiert der Sparkassenhistoriker Thorsten Wehber, waren „die erhofften Wirkungen auf den Charakter, die Wertvorstellungen und die Lebensweise der Sparer“ vielleicht noch wichtiger als der materielle Nutzen. Diese frühen Sparkassen waren, so Kocka, „Instrumente zur Absicherung der kleinen Leute gegen Armut und andere Lebensrisiken“ – und zugleich zur Integration breiterer Bevölkerungsschichten in die entstehende bürgerliche Gesellschaft.

Die ganz kleinen Leute können es freilich nicht gewesen sein können: Sparen setzt voraus, dass wenigstens ein minimaler Teil dessen, was verfügbar ist, nicht unmittelbar zur Lebensfristung benötigt wird. Dass mit den Realeinkommen seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Spareinlagen wuchsen, machte die Sparkassen, referiert der Bochumer Wirtschaftshistoriker Dieter Ziegler, dann auch als Reserve für die Staatsschuldenverwaltungen interessant. Im Ersten Weltkrieg propagierte das wilhelminische Kaiserreich das „Sparen für den Krieg“.

Ein Vierteljahrhundert später konnte das Dritte Reich gerade aufgrund dieser Erfahrungen jedoch nicht mehr davon ausgehen, die Bürger würden ihre Ersparnisse erneut in Kriegsanleihen investieren. „Die Rüstungsfinanzierung vollzog sich ‚geräuschlos‘ hinter dem Rücken der Bevölkerung“, schreibt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr. Die Sparer ahnten nicht, in welchem Ausmaß sich das Regime – der offiziell verkündeten Ideologie des Sparens zum Trotz – verschuldete. Bähr unterstellt, dass der Sparboom der 1930er Jahre in der Hauptsache durch das allgemeine Wirtschaftswachstum verursacht war.

Nach Kriegsende lief die offizielle Propagierung des Sparens weiter, und zwar in beiden deutschen Staaten. Der Bonner Wirtschaftshistoriker Günther Schulz, der diesen Aspekt bearbeitet hat, geht nicht weiter auf die Frage ein, wie dabei die Erfahrung zweier Inflationen, in denen das Sparvermögen von vielen Millionen Deutschen jeweils auf einen Schlag vernichtet worden war, überwunden werden konnte.  „Sparen schafft Wohlstand“, verkündete 1949 eine Blech-Spardose der Dresdner Bank, „Sparen hilft aufbauen“, hieß es 1956 auf einem DDR-Plakat, und „Sparen ist das Gegenteil von Geiz“ war 1972 auf einem Werbeplakat der Sparkassen in Westdeutschland zu lesen – garniert mit den Insignien des Aufschwungs wie Volkswagen, Fernseher und Reisekoffer.

Rechenbuch der Spar- und 
Waisenkasse Salem, 1882 
Bild: Wikipedi

Diese Bebilderung ließ keinen Zweifel: Gespart werden sollte für konkrete Zwecke, vor allem für das „eigene Heim“. Ein Modell, wie es bei aller Nüchternheit aber auch jener Geschichtsphilosophie entsprach, welche die Bochumer Historikerin Sandra Maß zum Beispiel in einer Studie des Engländers Alfred Pinhornvon 1891 gefunden hat: Sparsamkeit als zeitweiliger Konsumaufschub galt „als Motor der Zivilisationsentwicklung des europäischen Menschen“. Vorausgesetzt natürlich, dass der Sparer später überhaupt noch die Gelegenheit hat, die Erträge seines Sparens zu genießen. Axel Börsch-Supan und Tabea Bucher-Koenen vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München zitieren Studien, dass es vielen Menschen heute trotz wachsender Lebenserwartung ökonomisch unvernünftig erscheinen muss, für ihr Alter zu sparen: Bei einer Bedürftigkeitsprüfung würden ihnen alle Ersparnisse zunächst einmal von der Grundsicherung abgezogen.

Das kann man allerdings auch umgekehrt ausdrücken: Das Versprechen der Grundsicherung durch den modernen Sozialstaat hat die Methode des Sparens in dieser Hinsicht obsolet werden lassen. Sonst wäre es die einzige Möglichkeit, nicht als Bettler auf der Straße vegetieren zu müssen – wenigstens solange, wie die Ersparnisse hinreichen. Selbstverständlich ist eine Kultur des Sparens eben keineswegs. Der Historiker Sheldon Garon von der Princeton University führt zum Vergleich die USA an. Dort waren in den Jahren um 2000 Kredite so billig, dass Millionen Menschen dazu verführt wurden, sich für ihren Konsum hoch zu verschulden, auf die Gefahr hin, bei einem Schwanken ihrer Einkommensverhältnisse gleich alles zu verlieren.

Ein Effekt, wie er hierzulande vorläufig nicht zu beobachten ist. Ob die deutsche Sparkultur auch die seit Jahren anhaltende Politik der Europäischen Zentralbank, die mit niedrigen und sehr niedrigen Zinsen das Sparen so unattraktiv macht, unbeschadet überstehen wird? Rücklagen geben Sicherheit, wenigstens ein bisschen. Das wusste bereits Lessings Minna von Barnhelm, als sie sich die Möglichkeit ausmalt, der Glücksspieler Riccaut de la Marlinière könnte statt seiner Betrügereien ja auch „seine kleinen Schulden bezahlen, von dem Rest, soweit er reicht, still und sparsam leben und an das Spiel nicht denken“. Wer Maß hält, der vermeidet das Trauerspiel, schreibt die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Heike Gfrereis, oft freilich um den Preis der Langeweile. Selbst Immanuel Kant, der es im Leben doch so offenkundig mit der Tugend der Sparsamkeit hielt, konnte sich nicht dazu durchringen, deren Lobpreis zu singen: „Wenn wir sie mit der Verschwendung gegeneinanderhalten, so gehört dazu, um ein Verschwender zu sein, weit mehr Talent und Geschick als zum Sparen. Denn Geld ablegen kann auch der Dümmste.“ Vorausgesetzt allerdings, dass man überhaupt Geld zum Ablegen hat, wenigstens ein bisschen.


Aktuelle Ausstellung:

Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend, im Deutschen Historischen Museum, Berlin, bis 26.8.2018


Neu auf dem Büchermarkt:

Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend, herausgegeben von Robert Muschalla, Theiss Verlag, Darmstadt 2018, 268 S. mit 80 Abb., ISBN 978-3-8062-3722-1, 34,95 €



Mehr im Internet:
Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend
 
Sparen - Wikipedia 
scienzz artikel Geld 


 

 

 

 

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