Berlin, den 24.05.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

19.04.2018 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt"

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt ueber die Geschichte von Adam und Eva

von Josef Tutsch

 
 

Adam und Eva (Lucas Cranach
d.Ä., um 1520, Herzog-Anton-
Ulrich-Museum, Braunschweig)
Bild: Wikipedia

Eines schönen Tages im Jahre 370 n. Chr. nahm in der römischen Provinzstadt Thagaste im heutigen Algerien ein Vater seinen 16-jährigen Sohn mit in die Thermen. Als die beiden zurück waren, sagte der Vater voller Stolz und Freude zu seiner Frau, er habe guten Grund, auf Enkel zu hoffen, der Sohn stehe „in aufkeimender Mannbarkeit“.

Kurzum: Der Heranwachsende hatte eine Erektion. Das wäre nicht der Rede wert, wenn dieser junge Mann nicht Augustinus gewesen wäre, der vielleicht bedeutendste Kirchenvater der Christenheit. Ein Vierteljahrhundert später, in seinen „Bekenntnissen“, machte er den kleinen Vorfall – oder eigentlich die Diskussion, die sich daran zwischen den Eltern anschloss - zur Schlüsselszene seiner intellektuellen und moralischen Biographie. Indirekt, meint der Anglist Stephen Greenblatt von der Harvard University in seinem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch über die „Geschichte von Adam und Eva“, damit auch zum Ausgangspunkt seiner Theologie des Sündenfalls, die das christliche Denken über Jahrhunderte geprägt hat.

„Der mächtigste Mythos der Menschheit“ lautet der Untertitel von Greenblatts Buch in der deutschen Übersetzung. Diese „Macht“ betrifft keineswegs nur die Sexualmoral. Gottes Spruch über Adam „im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“ wurde zum Leitmotiv christlicher Arbeitsethik; das Urteil über Eva „er [Adam] wird über dich herrschen“ stellt bis heute eine Hürde für theologische Reflexionen zur Gleichberechtigung der Geschlechter dar; der Auftrag an das erste Menschenpaar „bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“ gab die Rechtfertigung für ein Herrschaftsstreben des Menschen über die Welt, das in den letzten Jahrzehnten der ökologischen Besinnung mehr und mehr auch problematisch gesehen wird.

Freilich – man muss sich hüten, all unsere Gedanken im Zusammenhang mit Adam und Eva dem biblischen Text unterzuschieben. Zum Beispiel der Traum von einem Leben in Muße, den wir gern mit dem Paradies verbinden – den Erzählern der hebräischen Bibel scheint er fremd gewesen zu sein, betont Greenblatt, er kam erst durch die griechischen Übersetzer hinein. Adam ist in den Garten Eden gesetzt, „damit er ihn bebaue und behüte“; Arbeit gehörte in dieser Perspektive offenbar von Anfang an zum menschlichen Dasein. Mag aber sein, dass sie ohne den „Schweiß“ gedacht war, den die Vertreibung aus dem Paradies nach sich zog.

Ob die weit verbreitete Abscheu vor Schlangen ohne die Geschichte von Adam und Eva weniger tief in uns verwurzelt wäre? Es hat Interpreten gegeben, berichtet Greenblatt, die in der Schlange die eigentliche Heldin der Geschichte sahen: Sie habe den Menschen zu dem Wissen „von Gut und Böse“ verhelfen wollen, das ein eifersüchtiger Gott ihnen vorenthielt. So ist es in einem der frühchristlichen Texte zu lesen, die 1945 im oberägyptischen Nag Hammadi gefunden wurden, im sogenannten „Zeugnis der Wahrheit“. Das hat sich nicht durchgesetzt. Aber die Theologiegeschichte des Christentums ist voll von Reflexionen, dass die Sünde von Adam und Eva, auf das Ganze der Heilsgeschichte gesehen, eben doch eine „glückliche Schuld“ war, indem sie Gott einen Anlass gab, seinen Sohn Mensch werden zu lassen.

Erschaffung Evas (Dom zu Orvieto, um
1320) - Bild: NicFer/Wikipedia


Bloß beiläufig geht Greenblatt, der aus einer jüdischen Familie stammt, auf die Frage ein, wie die Schuld von Adam und Eva im Judentum selbst gesehen wurde, in dem der Text ja entstand. Was eigentlich war in der Sicht jüdischer Interpreten der Sinn des göttlichen Verbots, vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen? Wie auch immer – die späteren christlichen Interpretationen kreisen, ausdrücklich oder weniger ausdrücklich, um das Thema Sexualität, am wirkungsmächtigsten zweifellos in der Theologie des Augustinus. Augustinus‘ Mutter Monica, im Unterschied zu ihrem Mann Patricius christlich getauft, war von der „aufkeimenden Mannbarkeit“ des Sohnes, von der ihr Mann so strahlend berichtete, keineswegs angetan. Sie erzitterte, erinnerte sich Augustinus, „in sehr frommer Angst“, weil sie befürchtete, er könnte „unheilvolle Wege beschreiten“.


Und für’s erste behielt die besorgte Mutter Recht. In seinen „Bekenntnissen“ schrieb Augustinus später von einem „zischenden Kessel ausschweifender Leidenschaften“, der ihn für einige Monate umgeben habe; Greenblatt mutmaßt eine „fiebrige Promiskuität“. Als sich Augustinus im Jahr 396 zum Christentum bekehrte, verzichtete er jedoch fortan auf jede Art von Sexualität. „Etwas hatte sich veränderte“, resümiert Greenblatt die ideenhistorische Wende, die Augustinus in seinen theologischen Traktaten nun formulierte. Im Judentum dagegen sei die Schöpfungsgeschichte als „eine ekstatische Feier der Ehe und der Fortpflanzung“ verstanden worden.

Ausgerechnet für diese Aussage verzichtet der Autor jedoch auf nähere Belege aus der rabbinischen Literatur der Antike oder auch des Mittelalters. Die These klingt ein wenig, als wären die frühen Juden alle Anhänger von Ludwig Feuerbach gewesen, der die Religion, in Friedrich Engels leicht ironischer Zusammenfassung, als „Herzensverhältnis zwischen Mensch und Mensch“ begriff. Und eben vor allem zwischen Mann und Frau.

Für Augustinus dagegen war Keuschheit das höchste Ideal, die Ehe – ähnlich wie es bereits der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief gesehen hatte – eine Art Notbehelf für die vielen, denen das Ideal nicht zuzumuten war. Natürlich wollte der christliche Kirchenvater ebenso wenig wie die jüdischen Rabbinen dem Bibeltext Gewalt antun. Aber er sah ihn im Lichte anderer moralischer Vorstellungen. Und Augustinus war in seiner Zeit kein Einzelfall. In einer Polemik gegen den Eigenwert der Ehe griff Hieronymus, der durch seine Übersetzung des Alten Testaments ins Lateinische in die Geschichte einging, zu der gewagten These, Adam und Eva hätten im Paradies in jungfräulicher Partnerschaft gelebt. Eine Ehe im fleischlichen Sinn hätten sie erst nach der Vertreibung geschlossen.

Aus den Adam-und-Eva-Interpretationen in der Neuzeit hat Greenblatt als Beispiel die des englischen Schriftstellers John Milton in seinem großen Epos vom „Verlorenen Paradies“ ausgewählt. Ein Blick auf Miltons Biographie zeigt, wie sehr er die Eltern des Menschengeschlechts im Sinne eigener Erfahrungen auffasste. 1642 hatte Milton, im Alter von bereits 35 Jahre, die 16-jährige Mary Powell geheiratet. Nach wenigen Wochen floh die junge Ehefrau aus dem gemeinsamen Haus. Charakterliche Unverträglichkeit, darf man mutmaßen, machte es unmöglich, dass die beiden, mit dem biblischen Ausdruck, „ein Fleisch“ wurden. Oder „ein Herz und eine Seele“.

Sündenfall und Vertreibung aus dem Para-
dies (MIchelangelo, Sixtinsiche Kapelle,
Rom, um 1510) - Bild: Wikipedia


Milton reagierte auf eine Weise, die viele seiner Zeitgenossen schockierte. Neben politischen Traktaten – wenige Monate zuvor war der Bürgerkrieg zwischen König Karl I. und dem englischen Parlament ausgebrochen – verfasste er einige Schriften, „in denen er für alle Engländer und Engländerinnen das Recht forderte, sich einvernehmlich scheiden zu lassen, das Recht zu anschließender Wiederheirat eingeschlossen. Das sei zu rechtfertigen, wenn man die Erzählung von Adam und Eva nur richtig verstehe.“

Aber für Milton und seine Ehefrau kam eine Scheidung real natürlich nicht in Frage. Vermutlich auf Druck ihrer royalistisch eingestellten Familie, die durch den Verlauf des Bürgerkriegs unter Druck geraten war, kehrte Mary drei Jahre später zurück und bat um Verzeihung. Milton nahm sie wieder auf. Die Ehe blieb unglücklich, dennoch gingen vier Kinder daraus hervor. Milton hatte nicht im Geringsten die Absicht, im „Verlorenen Paradies“ so etwas wie einen Schlüsselroman seiner Ehehölle zu schreiben. Aber ebenso wenig, meint der Literaturwissenschaftler, kann ein Zweifel bestehen, dass er sich auch in seinem persönlichen Schicksal, und zwar im buchstäblichen Sinn, als „Erbe“ von Adam und Eva sah. Durch Alter und Gewöhnung wohl schon etwas abgeklärt, malte er aus, wie ein Ehestreit im Paradies abgelaufen sein könnte. „So geh!“ sagt Adam zu Eva, „erzwung’nes Bleiben entfernt dich mehr.“

Neben Milton ließen sich, Greenblatt geht darauf nicht weiter ein, viele weitere Dichtungen nennen, in denen die Geschichte von Adam und Eva neu erzählt oder auch umgeschrieben wird, zum Beispiel bei Jean-Paul Sartre. „Die Hölle, das sind die anderen“, sagt Garcin im Stück „Bei verschlossenen Türen“ und kehrt damit die Aussage des biblischen Schöpfergottes um: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“ Adam und Eva, schreibt Greenblatt, prägen bis heute, „was wir über Verbrechen und Strafe denken, über moralische Verantwortung und Neugier, über Tod, Schmerzen und Leid, über Arbeit und Muße, über Gemeinschaft, Heirat, Geschlecht und Sexualität, über das uns gemeinsame Menschsein.“

In einem Punkt hat sich unsere Wahrnehmung seit anderthalb Jahrhunderten jedoch gründlich geändert. „Nichts in Charles Darwins ‚Abstammung des Menschen‘, erschienen 1871“, schreibt Greenblatt, „lässt auch nur die geringste Möglichkeit offen, dass unsere Art von zwei exemplarischen frischgebackenen Menschen abstammen könnte, die in einem paradiesischen Garten lebten.“ Wenn man die Erkenntnisse der Evolutionstheorie ernstnimmt, versperren sie jeden Weg, die beiden als historisch lebende Personen aufzufassen: „Der Darwinismus ist nicht unvereinbar mit dem Glauben an Gott, wohl aber mit dem an Adam und Eva.“

Als Chiffren unseres Menschseins sind Adam und Eva lebendig wie eh und je, das zeigt verblüffend ein Rekonstruktionsversuch zum Australopithecus afarensis „Lucy“, der im American Museum of Natural History in New York zu sehen ist. Die Gestalten sind affenähnlich gezeichnet, doch unverkennbar lehnt sich die Szenerie an die „klassischen“ Adam-und-Eva-Darstellungen an, von den Fresken in den frühchristlichen Katakomben über Masaccio und van Eyck, Dürer und Michelangelo bis in die Moderne. Eine besonders bemerkenswerte Variante schuf Max Beckmann 1917: Die Frucht, die Eva Adam zum „Verzehr“ anbietet, ist ihre Brust.


Neu auf dem Büchermarkt:
Stephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit, aus dem Englischen von Klaus Binder, Siedler Verlag, München 2018, 448 S. mit farb. Abb., ISBN 978-3-8275-0041-0, 28,00 € [D], 28,80 € [A], 38,90 CHF



Mehr im Internet:

Adam und Eva - Wikipedia 
Stephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva 
scienzz artikel Religiöse Ethik 


 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet