Berlin, den 24.05.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

06.05.2018 - ZEITGESCHICHTE

Meriten - und "ein Quentchen Wahn"

Vor 50 Jahren erreichte die "68er Bewegung" ihren Hoehepunkt

von Josef Tutsch

 
 

Rudi Dutschke
Bild: Wikipedia

„Mir scheint“, schrieb im Juni 1968 die politische Philosophin Hannah Arendt an ihren Kollegen Karl Jaspers und dessen Frau Gertrud, „die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848.“ Nach den Verwüstungen, die im 20. Jahrhundert die Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus angerichtet hatten, setzte Arendt große Hoffnungen auf den Aufbruch der Jugend in eine bessere Welt, den sie wahrzunehmen glaubte. Jaspers hatte solche Hoffnungen bereits 1964 in einem Brief an Arendt formuliert: „Immer häufiger hört man vom Wahrheitswillen deutscher Studenten. Sie wollen sich nicht mehr betrügen lassen.“

Jaspers und Arendt – zwei Namen, die wir im Rückblick nicht unbedingt mit „1968“ verbinden würden. Umgekehrt äußerte sich ausgerechnet Theodor W. Adorno, der unter den revoltierenden Studenten ursprünglich als eine Art Mentor verehrt worden war, ein Stück weit skeptisch. Am 6. August 1969, wenige Stunden vor seinem Tod, sagte er zu Herbert Marcuse: „Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der letzte zu unterschätzen. Aber es ist ihr ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt.“

„Ein Quentchen Wahn“, „totalitär“? Als Adornos jüngerer Kollege Jürgen Habermas sich zwei Jahre zuvor darum bemühte, die Aktionen zu analysieren, mit denen der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ das Gewaltpotential der bürgerlichen Gesellschaft entlarven wollte, war er gar so unvorsichtig gewesen, sich das Wort vom „linken Faschismus“ entschlüpfen zu lassen: Die Strategie des SDS schließe, „um mich vorsichtig auszudrücken“, „das Risiko von Menschenrechtsverletzungen absichtlich ein“.

Aufbruch in eine bessere Welt? Oder, wenigstens ein bisschen, der Rückfall in eine womöglich noch schlimmere Welt, als es die bürgerliche, „kapitalistische“ Gesellschaft der Gegenwart war? „Was ‚68‘ war, ist seit jeher umstritten“, schreibt der Historiker Norbert Frei in seiner Zusammenfassung der Ereignisse von damals, die zum halbhundertjährigen Jubiläum in einer aktualisierten Neuausgabe erschienen ist. „Was davon blieb, ist Gegenstand des Streits.“

Auch des aktuell-politischen Streits. In den sozialen Medien von heute findet sich zuhauf die Verdächtigung, die fortwirkenden Ideen von 1968 seien für manche der politischen Krisen unserer Gegenwart mitverantwortlich – vor allem für den etwas hilflosen Umgang unseres Staates mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Der Gedanke klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie, man fragt sich, ob „die 68er“ überhaupt als handelndes Subjekt der Geschichte in Frage kommen. Vielleicht ja in der Tat, antwortete der Jenaer Historiker bereits in der ersten Auflage seines Buches 2008: Lange vor dem Jahr 1968, das der Bewegung ihren Namen gab, bildete die „Weltgemeinde der Protestbewegten“ „eine stolze Idee von sich selbst“ aus. Einschließlich des missionarischen Eifers, wie er solchen „Gemeinden“ nun einmal zu eigen ist.

Demonstration gegen den Vienamkrieg,
Chicago 1968 - Bild: David Wilson/Wikipedia


Ihren Höhepunkt erreichte die „Bewegung“ im Mai 1968 in Paris. Für einige Wochen kam es sogar zum Schulterschluss zwischen der „neuen“, der studentischen Linken und Teilen der „alten“, in Parteien und Gewerkschaften organisierten. Während an den Wänden der Sorbonne die Revolutionslyrik blühte mit Sprüchen wie „Die Phantasie an die Macht!“, „Unter dem Pflaster liegt der Strand!“, „Es ist verboten zu verbieten“, legte ein „wilder“ Generalstreik Frankreich für einige Wochen lahm.

Es blieb eine Ausnahme. Die studentischen Protestler machten es sich selbst so schwer wie nur möglich, Anschluss an den Rest der Gesellschaft zu finden. Eigentlich ging es ihnen ja „um nichts Geringeres als eine bessere Welt“, wie Frei es formuliert, „um die Freiheit der Unterdrückten, um die gesellschaftliche Teilhabe aller, um eine Mehr an Demokratie“. Doch in diesem Punkt wird man der „Bewegung“ auch Naivität vorhalten müssen: ein fundamentales Unverständnis, dass Gesellschaften, die nach Millionen zählen, nun einmal auf Prozeduren und Formalitäten angewiesen sind. Als Ideal der Demokratie galt die Vollversammlung, in der jeder einzelne seine Beteiligung unmittelbar wirksam erleben kann.

Schwer zu sagen, inwieweit an die Realisierbarkeit dieser „wahren“ Demokratie wirklich geglaubt wurde. Viele der Wortführer verstanden sich selbst als „Marxisten“. Aber es waren zweifellos sehr eigentümliche Varianten von „Marxismus“. So vertrat Rudi Dutschke die Auffassung, in der Gegenwart hänge „alles vom bewussten Willen der Menschen ab, sich ihre Geschichte zu unterwerfen“. Da sei die ökonomische Analyse durch eine „voluntaristische Ideologie“ ersetzt, stellte Habermas lapidar fest.

Das war im Grunde eine Bankrotterklärung. Doch es kennzeichnet die merkwürdig widersprüchliche Haltung vieler Intellektueller zur Studentenbewegung, dass auch Habermas trotz aller Kritik seine grundsätzliche Sympathie nicht aufgeben wollte. In einem Punkt immerhin stand die Gemeinsamkeit der 68er mit dem vermeintlichen Übervater Karl Marx außer Frage. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“, hatte Marx 1845 sein Programm einer Einheit von Theorie und Praxis, Reflexion und Politik formuliert.

Verändern – doch wohin? Über diese Frage spaltete sich die 68er Bewegung sehr rasch in die verschiedensten Richtungen auf. Eine gar nicht so kleine Gruppierung meinte allen Ernstes, den westlichen Gesellschaften das politische System der Sowjetunion und der DDR als Vorbild andienen zu können. Daneben kam China in Frage. Oder Albanien. Oder ein bislang nur in Gedanken formuliertes Modell von „Sozialismus“. Bemerkenswert, mit welcher Selbstgewissheit und mit welchem Anspruch auf eine alleinseligmachende Wahrheit all diese Utopien vorgetragen wurden, gegen das bestehende System und gegeneinander. „Der Dogmatismus nennt sich heutzutage Kritik“, spottete der Philosoph Odo Marquard, der als Hochschullehrer sozusagen auf der anderen Seite stand.

Der Idealismus, von dessen Anfängen Karl Jaspers so angetan gewesen war, hatte in den Niederungen der Wirklichkeit seine Schattenseiten. Eines der gängigsten Mittel der politischen Auseinandersetzung damals war die Lautstärke. Man wird den Protestlern zugutehalten müssen, dass Argumente von den Vertretern des „Establishments“ oft gar nicht erst angehört wurden. Etwa die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung in Vietnam, es war der erste Krieg der Weltgeschichte, dessen Grausamkeiten dem Publikum Abend für Abend auf den Fernsehschirmen serviert wurden – das Establishment, stellt Frei fest, glaubte in der Konfrontation zwischen Ost und West, „sich keinerlei Kritik leisten zu können“.

Woodstock-Festival, 1969 
Bild: Derek Redmond/Wikipedia


Also griff man zur „Waffe“ des Niederbrüllens, gerechtfertigt durch die Analyse, dass die „strukturelle Gewalt“, die vom „System“ ausging, doch viel schlimmer war. Und durch Vokabeln wie „faschistisch“ oder „faschistoid“, die gern gegen alles Unliebsame aufgebracht wurden. Im Rückblick lässt sich leicht sagen, dass darin eine Verharmlosung des Dritten Reiches lag. Vergleiche mit dem Nationalsozialismus waren wohlfeil, auch bei den Professoren, die nach Vorlesungssprengungen süffisant darauf hinweisen konnten, dass dergleichen bereits zum Instrumentarium des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes gehört hatte. Immerhin war es nur eine winzige Minderheit, die der Versuchung erlag, aus Bertolt Brechts Feststellung, dass man einen Menschen nicht nur töten kann, indem man ihm ein Messer in den Bauch sticht, die Folgerung zu ziehen, dann könne und dürfe man doch gleich zum „Messer“ – zum Terror – greifen.

Dahinter stand die Verzweiflung, dass der Prozess pluralistischer und demokratischer Willensbildung nun einmal in höchstem Maße irrtumsanfällig ist und nicht unbedingt das herauskommt, was die Reflexion als Wahrheit erkannt zu haben glaubt. Auch Jugend an sich ist noch keine Garantie dafür, dass der Weg, der da beschritten werden soll, wirklich in eine bessere Welt führt. Frei, der die 68er Bewegung ansonsten gelegentlich gegen pauschale Anwürfe verteidigt, erinnert daran, dass es nicht die erste Jugendbewegung der Geschichte war, auch nicht die erste, die mit derartigem Sendungsbewusstsein am Werke war: „Gerade Deutschland und Europa hatten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für solche Vorstellungen bitter bezahlt.“

Womit wir wieder bei Adornos „Quentchen Wahn“ wären. Im Ergebnis, darf man ein halbes Jahrhundert danach wohl mit aller Vorsicht sagen, hat „1968“ Deutschland in eine liberalere, in eine emanzipatorische Richtung verändert. Am sichtbarsten ist das bei den Rechten von Frauen: In den westlichen Gesellschaften wurden viele Schranken, die Jahrtausende lang in aller Selbstverständlichkeit gegolten hatten, in einer einzigen Generation beseitigt. Auch das Spektrum an Weltanschauungen und Lebensweisen, in dem wir uns bewegen, ist deutlich größer geworden, wir haben mehr Freiheit, darin unseren eigenen Weg zu wählen.

Eine Freiheit, die unvermeidlich mit einem höheren Maß an Unsicherheit einherging. Eine der Folgen von 1968 war, dass im politischen System der Bundesrepublik Deutschland nun Positionen als salonfähig galten, die zuvor tabuisiert waren – die Grenzsteine wurden sozusagen „ver-rückt“. Wie es scheint, erleben wir da zur Zeit wiederum eine Verschiebung, in den sozialen Medien wird sie von manchen als eine Art „Anti-68“ ebenso erbittert bekämpft wie von anderen frenetisch gefeiert. Und wie damals übertönen die lauten, schrillen Stimmen dabei die nachdenklichen und leisen.


Eine Darstellung der Ereignisse von damals, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und in den USA, bietet:

Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, dtv, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, München 2017, ISBN 978-3-423-34920-8, 10,90 € [D], 11,30 € [A]


Mehr im Internet:
68er Bewegung - Wikipedia 
scienzz artikel Zeitgeschichte 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet