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01.05.2018 - IDEENGESCHICHTE

"Es koemmt darauf an, die Welt zu veraendern"

Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren

von Josef Tutsch

 
 

Karl Marx, Portrait von John
Mayall, 1875 - Bild: Wikipedia

„Mit solchem Geschwätz wollen wir uns nicht länger aufhalten“, sagte Hegel an einer Stelle seiner Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie zu seinen Studenten, „es sind leere Worte. Vor seinen philosophischen Gedanken können wir keine Achtung haben; oder vielmehr sind es gar keine Gedanken.“

Der so Gescholtene war Epikur, jener griechische Denker, der um 300 v. Chr., also nach Aristoteles, die Tradition der griechischen Philosophie fortgesetzt und in neue Bahnen gelenkt hatte. Hegels Schüler werden die Botschaft verstanden haben, die der Meister in seine Worte legte: Diese Fortsetzung sei höchst überflüssig – so überflüssig wie in der Neuzeit eine Philosophie, die auf ihn selbst, auf Hegel, folgen würde.

Aber natürlich konnten sich die „Hegelianer“ mit einem solchen Ende der Geistesgeschichte nicht zufriedengeben. Der Berliner Althistoriker Wilfried Nippel führt es darauf zurück, dass der junge Karl Marx, als er 1839, acht Jahre nach Hegels Tod, seine Dissertationsarbeit in Angriff nahm, sich ausgerechnet Epikur zum Thema wählte: als Ergänzung und Korrektur von Hegels Philosophiegeschichte, in der diese nach-aristotelische Philosoph nicht hinreichend gewürdigt war. Und dahinter tauchte insgeheim der weitergehende Gedanke auf: „Wenn es nach Aristoteles noch Philosophie geben konnte, die diesen Namen verdiente, dann war dies auch nach Hegel möglich.“

Im Vorfeld des 200. Geburtstags von Karl Marx am 5. Mai hat Nippel jetzt eine kurze, aber prägnante Biographie vorgelegt. Thema ist neben Marx‘ Leben vor allem die Art, wie er von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wurde, auf den Schlussseiten auch der Mythos, der sich bereits in Marx‘ späten Jahren zu entwickeln begann. Nippel erzählt eine Anekdote von dem Nationalökonomen Lujo Brentano, der 1868/69 in London Hermann Jung besuchte, einen Funktionär der „Internationalen Arbeiterassoziation“. Auf dem Schreibtisch lag der 1. Band des „Kapitals“, der anderthalb Jahre zuvor erschienen war. Dieses Buch enthalte „die Wahrheit“, sagte Jung feierlich. Als Brentano daraufhin bemerkte, der Band sei ja noch gar nicht aufgeschnitten, entgegnete Jung, für eine Lektüre habe er ohnehin keine Zeit, er kenne den Inhalt ja aus Marx‘ Vorträgen.

Für einige dieser frühesten „Marxisten“, resümiert Nippel, war „Das Kapital“ eine Art Bibel, nicht einmal zur Lektüre bestimmt, sondern zur Präsentation auf einem Altar. Marx hatte sich mit dem Text fast ein Vierteljahrhundert lang abgemüht. Die erste Erwähnung des Projekts findet sich im Februar 1845: Gegenüber dem Darmstädter Verleger Leske verpflichtete sich Marx, eine „Kritik der Politik und Nationalökonomie“ abzuliefern.

Grab von Karl Marx auf dem 
Highgate Cemetery, London
Bild: Markus Nilsson/Wikipedia


Doch das Manuskript wollte nicht fertig werden. Offenbar sah Marx die Notwendigkeit, zuvor die Grundzüge einer „materialistischen Geschichtsauffassung“ auszuarbeiten. Diesem Umstand verdankt die Nachwelt die lyrisch gefärbte Vision des jungen Marx von einer Gesellschaft jenseits der Arbeitsteilung: „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen kritisieren …“

Eine Notiz aus dem Frühjahr 1845 lässt ahnen, dass es nicht bei der bloßen Vision bleiben sollte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ Natürlich war sich Marx bewusst, dass er diesen Traum von der großen Veränderung nicht als erster träumte. Er wird vor allem an Platon gedacht haben, der sich in Syrakus allen Ernstes an den Versuch gemacht haben soll, seine Vorstellung von einem idealen Staat in die Wirklichkeit umzusetzen. Platon scheiterte kläglich.

In der englischen Nationalökonomie glaubte Marx nun den Schlüssel gefunden zu haben, mit dem die „Veränderung“ tatsächlich zu bewerkstelligen war. Er wollte die Hegelsche Dialektik sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen, und mit seiner Analyse des Wirtschaftsprozesses in Vergangenheit und Gegenwart zugleich und vor allem den Weg in die Zukunft weisen. 1848 legte er gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“ vor. Das Ziel wurde, im Vergleich mit jenem „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben“ um einiges abstrakter, umschrieben als eine „Assoziation“, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

Es sollte ein „Aktionsprogramm“ sein, bis hin zum Schlussakkord: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier, aller Lände vereinigt euch!“ Die einprägsamen Formeln vermittelten eine drängende Gegenwärtigkeit, die bis in die Gegenwart Revolutionäre in aller Welt motiviert hat. Andererseits – Marx verwandte in den folgenden Jahren ein Großteil seiner Diskussion mit anderen Theoretikern, die ebenfalls den Titel „Kommunisten“ für sich in Anspruch nahmen, auf den Gedanken, vor einer Verwirklichung des Kommunismus müsse sich zunächst die kapitalistische Produktionsweise voll durchgesetzt haben. Das setzte sein ganzes Werk in eine merkwürdige Spannung, die Ideenhistoriker gern mit der chiliastischen Idee im Christentum verglichen haben: Vor einer Wiederkunft Christi stehe zunächst die Herrschaft des Antichristen an.

Mit dieser Spannung war bereits eine innere Paradoxie des späteren „Marxismus“ angelegt: Reformistische Marxisten bemühten sich nach Kräften, diese Schrecken des „Antichristen“, wenn man das so bildlich benennen will, abzuwenden, sie arbeiteten – von der Warte der Revolution her betrachtet, höchst widersinnig – an einer Reform des Kapitalismus. Marx selbst hatte zu Lebzeiten allerdings viel handfestere Probleme. Er stand unter dem Zwang, durch journalistische Arbeiten Geld verdienen zu müssen; das kam seinem Wunsch nach systematischer Ausarbeitung der Theorie immer wieder in die Quere. Für viele seiner Zeitungsartikel, hat Nippel beobachtet, betrieb er einen Rechercheaufwand, der ökonomisch völlig unverhältnismäßig war, etwa wenn es um die historischen Hintergründe der britischen Kolonialpolitik in Indien ging. Und wenn der Theoretiker der Nationalökonomie für irgendetwas völlig unbegabt war, dann für seine eigene Haushaltsführung. „Die Existenz des Marx besteht in Pendelschwingungen zwischen Champagner und Pfandhaus“, berichtete 1859 ein österreichischer Polizeispitzel aus London.

1857 schien es wieder einmal soweit zu sein: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner ökonomischen Studien“, schrieb Marx 1857 aus London an Friedrich Engels. Das Hauptwerk zur Kritik der politischen Ökonomie schien kurz vor der Vollendung zu stehen. Es dauerte mit dem „Kapital“ dann aber doch bis zum September 1867. In der Befürchtung, die Publikation könnte in der „bürgerlichen“ Presse totgeschwiegen werden, lancierte Engels eine Reihe von anonymen Rezensionen. In der „Düsseldorfer Zeitung“ schrieb er, mancher Leser werde von dem Buch vermutlich enttäuscht sein. Der Autor sage nicht, „wie es denn eigentlich im kommunistischen tausendjährigen Reich aussehen werde“.

Das sagte Marx in der Tat nicht. In seinen Bildern von der Zukunft war der alte Marx zurückhaltend geworden, er musste sich wohl eingestehen, dass die Nationalökonomie dafür keine wissenschaftliche Grundlage bot. Oder noch nicht, in der gegebenen Phase des Erkenntnisprozesses. Als Marx 1875 das „Gothaer Programm“ der SPD kritisch kommentierte, meinte er lakonisch, die Frage nach den Staatsfunktionen in der „Periode der revolutionären Umwandlung“ sei „nur wissenschaftlich zu beantworten“. Da scheint die alte Hoffnung durch, den Verlauf der Geschichte auf lange Sicht systematisch planen zu können.

Engels hatte in der „Düsseldorfer Zeitung“ noch einen zweiten Punkt für eine mögliche Enttäuschung des Lesers angeführt: Der „rote Faden“ des Buches sei im Grunde bloß die Feststellung, „dass der Arbeiter in der heutigen Gesellschaft nicht den vollen Wert seines Arbeitsprodukts vergütet erhält“. Zurückhaltender hätte später auch das „Godesberger Programm“ der deutschen Sozialdemokratie seine Kritik an der kapitalistischen Wirtschaft nicht ausdrücken können. Der Satz wurde zum Ausgangspunkt einer „reformistischen“, nicht-revolutionären Politik, die sich damit ebenfalls auf Karl Marx berufen konnte.

Engels‘ Formulierung vom „tausendjährigen Reich“ zeigt in aller Deutlichkeit, wie sehr den Begründern des „wissenschaftlichen Sozialismus“ selbst die religiösen Vorläufer ihrer Revolutionsidee gegenwärtig waren. Aber Marx war die Rolle des Propheten unheimlich, „alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“, sagte er gelegentlich. Wahrscheinlich, meinte Engels in einem Brief 1890, hätte er für sich selbst den Seufzer gelten lassen, den Heinrich Heine einmal ausstieß: „Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet.“

Im historischen Rückblick wird man allerdings feststellen müssen, dass auch das nur die eine Hälfte der Wahrheit ist: Marx‘ Werk musste einigen der fürchterlichsten „Drachen“-systeme in der Weltgeschichte zur Legitimation dienen. Welche Vieldeutigkeiten in seiner Nachwirkung enthalten sind, zeigt ganz aktuell die Diskussion um die Karl-Marx-Statue, die jetzt in der Geburtsstadt Trier als Geschenk der Volksrepublik China aufgestellt wird. Das China von heute hat mit der europäischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die Marx kritisch analysierte, sicherlich mehr gemein als mit seinen Utopien. Davon zu schweigen, dass alle Ansätze zu Rechtsstaat und Freiheit und Demokratie, wie sie zu Marx‘ Zeiten in vielen Ländern Europas bereits selbstverständlich waren, dort weitgehend fehlen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Wilfried Nippel: Karl Marx,  Verlag C. H. Beck, München 2018, 128 S., ISBN 978-3-406-71418-4, 9,95 € [D], 10,30 € [A]



Mehr im Internet:

Karl Marx - Wikipedia 
scienzz artikel Politische Ideen 

 

 

 

 

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