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23.04.2018 - ETHNOLOGIE

Eine Kunst des Ungefaehren und der Umwege

Zur Phaenomenologie des "Wiener Schmaeh"

von Josef Tutsch

 
 

Grab von Helmut Qualtinger auf dem
Wiener Zentralfriedhof
Bild: invisigoth67/Wikipedia

Wissen Sie, was gemeint ist, wenn der Wiener eine Ausführung mit der Formel „schmähohne“ beschließt? Das „Österreichische Wörterbuch“ gibt dafür die Übersetzung „ganz im Ernst“. Die Gesprächssituation hat man sich wohl so vorzustellen, dass der Angesprochene – womöglich ein „Piefke“, ein Deutscher oder Norddeutscher – zu den Worten des Wieners ein wenig ungläubig die Augenbrauen hochgezogen hat, was den Wiener dazu veranlasst, ein bekräftigendes „Schmähohne“ hinterherzuschieben: Was er gesagt hatte, war kein „Schmäh“. Ob der andere sich wirklich darauf verlassen sollte, ist eine andere Frage. Vielleicht gehört das „Schmähohne“ ja mit zum Schmäh.

Ja, was ist das, der „Schmäh“? oder der „Wiener Schmäh“, was aber ein Pleonasmus ist, denn es gibt ja keinen anderen? „Außerhalb von Wien, bei den Fremden quasi, steht der Schmäh in schlechtem Ruf“, schreibt der Komponist und Feuilletonredakteur bei der „Wiener Zeitung“, Edwin Baumgartner. „Er gilt als Zeichen einer spezifisch wienerischen Form der Unehrlichkeit.“ Fremde, meint Baumgartner, beklagen sich gelegentlich darüber, dass Wiener „Ja“ sagen, wenn sie eigentlich „Nein“ meinen. Manchmal sagen sie auch „Schau ma“ oder „Schau ma amoe“. Besucher von außerhalb erwarten dann, dass etwas geschieht. Doch „es wird geschaut. Von gemacht ist da wirklich nicht die Rede.“

Mit einem einzigen Wort oder Halbsatz begnügt der Schmäh sich aber nicht, das wäre zu direkt. „Was ganz geradlinig verläuft, ist kein Schmäh“, oder umgekehrt gesagt: Der Schmäh ist eine Kunst, über Umwege zum Ziel zu gelangen. Oder auch am Ende gerade nicht zu gelangen, jedenfalls nicht in direkten Worten. Der Wiener, schreibt Baumgartner, „bedient sich des Schmähs, um im Ungefähren zu verharren, das mehr Sicherheit verspricht“ – was die Piefkes (und womöglich schon die Österreicher von außerhalb der Hauptstadt) aber vielleicht anders sehen.

Solche Aussagen rühren gefährlich nah an das, was man früher „Völkerpsychologie“ nannte. Eine Vorgehensweise, die in Verruf gekommen ist, und das nicht ohne Grund, freilich ohne dass geklärt wäre, wie man kulturelle Unterschiede eigentlich sonst bezeichnen und erklären soll. Dergleichen wissenschaftstheoretische Bedenken ignoriert Baumgartner souverän, durchaus im Einklang mit seinem Gegenstand: „Hüter der politisch korrekten Ausdrucksweise verzweifeln am Schmäh. Dem Schmäh ist es, wienerisch gesprochen, wuascht, ob man und wie man etwas sagen kann.“

Was zu Ärger führen kann. Im Februar 2014, berichtet Baumgartner, bezeichnete der FPÖ-Politiker Andreas Mölzer die Europäische Union als „Negerkonglomerat“. Die Äußerung erzeugte einen Skandal, Mölzer musste auf eine Kandidatur für die kommende Europawahl verzichten. Ein Blick auf den Wiener Dialekt hätte allerdings gezeigt, dass der FPÖler, dem Provokationen mit rassistischem Unterton durchaus zuzutrauen waren, es in diesem Fall gar nicht rassistisch gemeint hatte; irgendwie wäre es ja auch unsinnig gewesen, einen europäischen Staatenverbund als Konglomerat von Schwarzafrikanern zu bezeichnen. Auf dem Umweg über „bloßfüßig“ oder „nackt“ (wegen der durch die afrikanische Sonne nahegelegten spärlichen Bekleidung) hat „neger“ im Wienerischen die Bedeutung angenommen, kein Geld zu haben. Mölzer wollte die EU als pleite bezeichnen.

Allerseelen, auf dem Weg zum Zentral-
friedhof, 1903 - Bild: Wikipedia


Doch das wäre zu direkt gewesen, mithin irgendwie, so wird Mölzer es gesehen haben, der über seinen erhofften Wählern den Rest der Welt wohl etwas aus dem Blick verlor, unwienerisch. Aber es gibt auch Beispiele für Schmäh, in denen eine offenkundige Unwahrheit propagiert wird. Baumgartner zitiert einige Verse des Dialektdichters Ernst Kein, zwecks leichterer Lesbarkeit hier mit Satzzeichen wiedergegeben: „Da Moozat, da Schubeat Franzl, d Schdraus, de Heidn und da deirische Bedhoofn, sengs, des woan ollas Weana so wie i.“ Mozart kam aus Salzburg, Haydn aus Niederösterreich, Beethoven aus Bonn – was tut’s, „ein Wiener ist, wen der Wiener, mit Schmäh, wohlgemerkt – zum Wiener erklärt“.

Ist das Lüge? Der Schmäh, schreibt Baumgartner, ist „eine mit Charme erzählte Geschichte“, die – wortwörtlich genommen – wahr oder erfunden oder übertrieben sein kann, darauf kommt es gar nicht so sehr an, sondern auf die Situation der Unterhaltung. „Beim Reden kummen d‘ Leit zsamm“, sagt man in Wien. „Der Schmäh (oder der „Schmähtandler“) hat Zeit, und wenn er sie nicht hat, dann nimmt er sie sich.“ Wie schwer es da mit präzisen Definitionsversuchen wird, also solchen „schmähohne“, demonstriert der Autor an dem Buch „Sprechen Sie Wienerisch?“ von dem Kabarettisten Peter Wehle. Darin werden als Synonyme unter anderem „Gag“ und „Pointe“ vorgeschlagen. Aber ein Witz, der um eine Pointe, womöglich sogar eine aggressive Pointe, kreisen würde, ist der Schmäh gerade nicht. Dabei kann er durchaus zynisch und böse sein, berühmtes Beispiel: „Gehen wir Tauben vergiften im Park! Wir sitzen zusamm‘ in der Laube und ein jeder vergiftet a Taube“ von Georg Kreisler; Mitte der 1950er Jahre dachten viele bei diesem Lied an den Judenmord im Dritten Reich. Oder Falcos „Oh, Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“- ob er bei „Koks“ nur an Kohle oder auch an Geld und Drogen denken soll, bleibt dem Hörer überlassen.

Der Urvater des Wiener Schmähs, meint Baumgartner augenzwinkernd, könnte Herzog Rudolf IV. sein, der 1359 das „Privilegium Maius“ fälschen ließ, weil die „Goldene Bulle“ drei Jahre zuvor die Habsburger übergangen hatte. Die Fälschung berief sich auf eine ganz und gar phantastische Weltgeschichte: Bereits Caesar und Nero hätten die Sonderrechte Österreichs garantiert. Schmähohne. Ob Habsburgs Konkurrenten damals das wörtlich und ernsthaft geglaubt haben?

Anfang der 1950er Jahre, erzählt Baumgartner, hatte sich der österreichische P.E.N.-Club die Völkerverständigung auf die Fahnen geschrieben, unfreiwillig ließ sich der Präsident Franz Theodor Csokor damit auch vor den Karren der sowjetischen Propaganda im Kalten Krieg spannen. So wurde es in der Wiener Presse mit allergrößter Begeisterung aufgenommen, als der grönländische Dichter Kobuk für den Juli 1951 seinen Besuch ankündigte. Kobuk, so war in der Pressemitteilung zu lesen, hatte 1927 mit dem Roman „Brennende Arktis“ den internationalen Durchbruch geschafft, auch mit seinem Theaterstück „Die Republik der Pinguine“ hatte er große Erfolge gefeiert.

Pinguine in Grönland? Nun ja, als Kobuk am Wiener Westbahnhof ankam, wartete eine große Schar von Journalisten und Fotografen. Kobuk – trotz der Julihitze im gepolsterten Wintermantel, mit einer dicken Pelzmütze, die sein Gesicht halb verdeckte – entstieg dem Zug und wurde von einem der Reporter gleich gefragt, wie ihm denn Wien gefalle. Worauf der Grönländer antwortete: „Haaß is‘.“ Bevor jemand darüber nachdenken konnte, wie er zu seinem breiten Wienerisch kam, zog er die Mütze ab. Hervor kam ein Wiener Original, der „Oberschmähtandler“ seiner Zeit, Helmut Qualtinger.

Hans Moser, 1925
Bild: Wikipedia


Natürlich hätte Qualtinger auch ein Pamphlet schreiben können, Csokor und sein P.E.N. (und mit ihnen die Wiener Öffentlichkeit)  hätten sich unter der Parole „Völkerverständigung“ ein wenig verrannt, es wäre doch angebracht, das Werk eines Autors, wie exotisch auch immer, vor allen Lobpreisungen zunächst einmal zu lesen. Stattdessen inszenierte er einen großen Auftritt, als „Antwort auf die Dummheit der Welt“, wie Baumgartner den Wiener Schmäh im Untertitel seines Buches umschreibt. Der Wiener „braucht den Schmäh, um in einer schmählosen Welt zu überleben.“

Eine beinahe schon philosophische Aussage. Man kann im Schmäh eine Parallele zum „Granteln“ sehen, dem verdrießlichen Kommentieren des Weltgeschehens, wie wir es eher aus Bayern kennen. Oder zur Berliner „Schnauze“, die so tut, als sei ihr alles außerhalb völlig „wurscht“. Baumgartner hat die nahe liegende Frage ausgeklammert, wie es eigentlich zu solchen kulturellen Physiognomien kommt. Bei den Großen der Philosophiegeschichte haben solche „Antworten“ die verschiedensten individuellen Ausdrucksformen angenommen, vom experimentellen Sichzurückversetzen in den Status des Nichtwissens bei Sokrates bis zur „Kunst des Schimpfens“ bei Arthur Schopenhauer.

Selbst die letzten Sinnfragen, meint Baumgartner, sind im Wiener Schmäh ins Ungefähre entrückt. „Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub und zupft mich: ‚Brüderl, kumm!“, sang Ferdinand Raimund 1834 in seinem „Hobellied“, „dann leg ich meinen Hobel hin und sag‘ der Welt ade.“ Es geht auch ein Stück makabrer wie in der Wiener Redensart „mit dem 71er fahren“. Die Straßenbahnlinie 71 fährt zum Zentralfriedhof, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs transportierte sie auch Särge …

Ja, Wien und der Tod, der Kult der Überlebenden um die „scheene Leich“ … Vielleicht war der erste Wiener „Schmähtandler“ ja doch jener Bänkelsänger Augustin Marx, der zur großen Pest 1679 seinen Galgenhumor zum Besten gegeben haben soll: „Ei du lieber Augustin, Augustin, Augustin, ei du lieber Augustin, alles ist hin.“ Dabei gehört wenn nicht der Wiener Dialekt, dann doch eine Dialektfärbung wohl zwingend dazu. Was bleibt von Hans Mosers „Heurigenlied“ ohne den Dialekt übrig? „I muaß im früheren Lebn eine Reblaus gwesen sein“, „und wann i stiab, möchte i a Reblaus wieda werdn.“ Womöglich, meint Baumgartner, könnten Hörer auf die Idee verfallen, da wollte jemand seine Reinkarnationslehre verkünden. Schmähohne.


Neu auf dem Büchermarkt:

Edwin Baumgartner: Schmäh. Die Wiener Antwort auf die Dummheit der Welt, Claudius Verlag, München 2018, 240 S., ISBN 978-3-532-62812-6, 16,00 €



Mehr im Internet:
Wiener Schmäh - Wikipedia 
Edwin Baumgartner: Schmäh 
scienzz artikel Poesie des Lachens 

 

 

 

 

 

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