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27.04.2018 - RELIGIONSGESCHICHTE

Ein gemeinsames Erbe - und der Streit darum

Die drei "abrahamititischen Religionen" Judentum, Christentum und Islam

von Josef Tutsch

 
 

Abrahams Schoß, aus dem
"Hortus Deliciarum" um 1180
Bild: Wikipedia

„Folget dem Weg Abrahams“, heißt es in der 2. Sure des Korans, „denn er war keiner der Götzendiener!“ Darin lag das zentrale Anliegen Mohammeds: Er wollte die Religion des Patriarchen Abraham getreu wiederherstellen. Die Geschichte in der Bibel von Abrahams erstgeborenem Sohn mit der Magd Hagar, Ismael, gab ihm die Grundlage für die Annahme, „seine“ Araber würden ebenso wie die Juden von diesem Urvater abstammen.

Und zwar mit größerer Legitimität als ihre „Vettern“. In der Bibel wird erzählt, wie Gott sein Einverständnis gibt, dass Abraham, nachdem ihm seine Ehefrau Sara den zweiten Sohn, Isaak, geboren hat, um des häuslichen Friedens willen Hagar und Ismael in die Wüste schickt; Erbe der Verheißung wird Isaak – und damit das Volk Israel. Der Koran dagegen legte auf die Erstgeburt ein größeres Gewicht als auf das eheliche Band. Und er fügte ein Detail hinzu: Abraham erhält von Gott den Auftrag, Hagar und Ismael gerade an jenem Ort zurückzulassen, wo später Mekka entsteht. Viele muslimische Koran-Exegeten glauben auch, dass es Ismael und nicht Isaak war, den Abraham Gott opfern wollte. Die Geschichte, wie ihn ein Engel davon abbrachte, begründete eine neue, humanere Stufe der Religion: eine, die auf Menschenopfer verzichtete.

Zwei Halbbrüder mit gemeinsamem Erbe. Es sind sogar drei große Religionen, die sich auf Abraham berufen und Anspruch auf dieses Erbe erheben. Das Christentum übernahm die jüdische Ahnenreihe über Isaak und Jakob hin zu Moses, deutete sie jedoch radikal um. Statt der Verwandtschaft durch das Blut, lehrte der Apostel Paulus, sollte in Zukunft eine geistig-geistliche Verwandtschaft gelten: „Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams“. Und zwar aus dem Glauben an Christus: „Wenn ihr Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erbe gemäß der Verheißung.“

Im Zeichen des Dialogs zwischen den Weltreligionen ist seit einigen Jahrzehnten die Formel von den drei „abrahamitischen Religionen“ populär geworden. Das signalisiert ein gemeinsames, nicht nur theologisches, sondern auch ethisches Erbe. Aber ein gemeinsames Erbe kann auch einen Streit um dieses Erbe bedeuten. Aus jüdischer Sicht interpretierten bereits die ersten Christen die gemeinsame Bibel sehr eigenwillig, indem sie Jesus von Nazareth als den verheißenen Messias verkündeten. Die christlichen Glaubensbekenntnisse des 4. Jahrhunderts zogen mit den Dogmen vom Gottmenschen Jesus Christus und von der göttlichen Dreifaltigkeit eine noch viel schärfere Trennung von der „Mutterreligion“. Der Islam wiederum erklärte diese christlichen Dogmen für einen Abfall vom Monotheismus in Vielgötterei.

Und sowohl im Christentum wie auch im Islam wurde der Missionsauftrag „Bekehret alle Völker“ sehr häufig als Erlaubnis und Befehl verstanden, für die Ausbreitung des Glaubens notfalls Gewalt anzuwenden. Das friedliche Miteinander der Religionen, das Lessing in seinem Ideendrama „Nathan der Weise“ verkündete, war eben niemals selbstverständlich. Auch nicht zwischen den „abrahamitischen“, den über das gemeinsame Erbe Abrahams verwandten Religionen. Vor einigen Jahren erregte der Ägyptologe Jan Assmann viel Aufsehen mit seiner These, der biblische Monotheismus habe keineswegs friedensstiftend gewirkt. Mit der Unterscheidung zwischen einem einzigen Gott und den vielen Götzen sei die Religion zwar einerseits ethisch vertieft worden. Andererseits habe sich gerade mit der Notwendigkeit für den einzelnen Menschen, nun zwischen einer „wahren“ und einer „falschen“ Religion unterscheiden zu müssen, eine Grundlage für die religiöse Legitimierung von Gewalt ergeben.

Die Posaunen von Jericho, von Jean
Fouquet, Illustration zu Flavius Jose-
phus, um 1465 (Blbliothèque Nationale
de France, Paris) - Bild: Wikipedia


Assmann bezog sich auf die Fortsetzung der Patriarchengeschichte: den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und die Eroberung des Heiligen Landes. Einige Male wird darin berichtet, wie Gott seinen Israeliten befiehlt, an anderen Völkern „den Bann zu vollziehen“ – oder auch an religiösen Abweichlern in den eigenen Reihen. Nun war es in der Religionswelt damals nicht weiter verwunderlich, dass Stammesgötter auch im Krieg auf der Seite ihrer Stämme standen. Aber mit dem neuen Verständnis von Jahwe als dem einzigen, wahren Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, gewannen solche Texte eine ganz neue Schärfe. Spätere christliche Theologen rechtfertigten mit diesen Stellen den Heiligen Krieg, die Kreuzzüge und die Inquisition – gegen „Heiden“, gegen „Ketzer“ im Christentum selbst, und eben auch gegen Juden und Muslime.

Dass Assmanns Buch über die „mosaische Unterscheidung“ oder den „Preis des Monotheismus“ zwei Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September erschien, gab der Diskussion eine Aktualität, die der Autor nicht beabsichtigt haben wird. Der Philosoph Peter Sloterdijk spitzte die These nochmals polemisch zu: Die modernen politischen Ideologien hätten aus der religiösen Tradition nicht nur die Heilsversprechen übernommen, sondern auch die Heiligung von Gewalt – vorausgesetzt, dass sie, auf das Ganze der Geschichte gesehen, der Verwirklichung des Guten dient. Über dieser Provokation gerieten andere Fragen in den Hintergrund, etwa inwieweit auch die nicht-monotheistischen Religionen des Fernen Ostens an der ethischen Revolution teilhaben, die Assmann mit dem Namen „Moses“ und dem Konzept „Monotheismus“ verknüpfte – und, sofern man die These teilen will, auch am „Preis“, an der religiösen Legitimierung von Gewalt.

Betrachtet man nur die drei „westlichen“ Religionen Judentum, Christentum und Islam, ist jedenfalls festzustellen: Dem Judentum kam in der gemeinsamen Geschichte über Jahrhunderte hinweg immer wieder eine leidende Rolle zu. Von den Christen wurde den Juden angelastet, dass sie in Jesus nicht den Messias, den ihnen die Propheten verheißen hatten, erkennen wollten. „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“, ruft „das ganze Volk“ im Matthäusevangelium, während der römische Statthalter Pontius Pilatus über Jesus zu Gericht sitzt. „Ihr“, sagt Petrus in seiner Predigt nach dem Pfingstwunder, „ihr habt ihn durch die Hand der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.“

Eine Schuldzuweisung, die aus der Enttäuschung resultierte, dass sich das Judentum in seiner Mehrheit nicht von der Auferstehungsbotschaft überzeugen ließ. Der Vorgang wiederholte sich später im Islam: Mohammed wollte die Religion Abrahams in ihrer Reinheit, befreit von späteren Verfälschungen, wie er sie sah, wiederherstellen – und musste dann einsehen, dass er damit bei Juden und Christen kein Echo fand. Und dann nochmals in der Reformation. Die heftigen antijüdischen, aber auch antikatholischen Ausbrüche bei Martin Luther erklären sich aus der Enttäuschung, dass sowohl die Anhänger der alten Kirche als auch die Juden sich gegenüber seiner Interpretation der Bibel unzugänglich zeigten.

Im hohen Mittelalter, während sich die abendländische Ritterschaft aufmachte, das Heilige Land von den Muslimen zu „befreien“, griffen die christlichen Unterschichten oft zu einer Parallelaktion: Sie wollten den Tod Jesu durch ein Massaker an den Juden vor Ort rächen. Im islamischen Herrschaftsbereich war die Situation ein Stück erträglicher. Juden und Christen galten als „Schutzbefohlene“. Sie waren zwar minderberechtigt und mussten eine Sondersteuer zahlen, aber ihre Existenz wurde nicht in Frage gestellt. Jedenfalls in der Regel nicht, auch dort gab es Ausbrüche von Fanatismus. Zum Beispiel Harun al-Rashid, jener Sultan, dessen Name durch die Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ unsterblich geworden ist, wollte die Juden zur Konversion bewegen, indem er sie zwang, einen gelben Gürtel zu tragen – das historische Vorbild des Judensterns, wenn man so will.

Ibrahims Opfer, persisch, um
1411 (Gulbenkian Museum,
Lissabon) - Bild: Wikipedia


Auch Christen sollten in Harun al-Rashids islamischem Staat auf Dauer keinen Platz haben, er verordnete ihnen einen blauen Gürtel. Kultureller Hochmut wäre jedoch unangebracht: Bis in die frühe Neuzeit gab es im christlichen Abendland immer wieder Verordnungen, dass Juden und Muslime stigmatisierende Kennzeichen zu tragen hätten, etwa den spitzen „Judenhut“. Es gehört zu den großen Paradoxien der Geschichte, dass sich ausgerechnet im Abendland, das über anderthalb Jahrtausende vor allem durch die intoleranteste der drei abrahamitischen Religionen geprägt wurde, in der Aufklärung das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt hat. Im Westen ist religiöse Motivation und Legitimation von Gewalt selten geworden. Timothy McVeigh, der Urheber des Attentats von Oklahoma City 1995, der gelegentlich mit der „Christian Right“ in den USA in Verbindung gebracht wurde, bezeichnete sich selbst als Agnostiker. In dem „Manifest“ von Anders Behring Breivik, dem Attentäter von Oslo 2011, finden sich christliche Motive; Breivik beteuerte jedoch, für ihn sei das Christentum bloß eine kulturelle und moralische „Plattform“.

Wie ja auch die Feindlichkeit oder jedenfalls Skepsis gegenüber dem Islam, die in der deutschen Öffentlichkeit nach der Migrationsbewegung von 2015 aufkam, nicht religiös argumentiert, sondern mit einer befürchteten Änderung der westlichen Lebenswelt. Dagegen rechtfertigte Muhammed Ata, einer der Attentäter vom 11. September 2001, in seinem „Testament“ den Kampf und Krieg gegen die „Ungläubigen“ ausdrücklich als Erfüllung eines göttlichen Willens. Anfang März 2013 wurde der Herausgeber der satirischen Zeitung „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, im Online-Magazin „Inspire“ zur „Fahndung“ ausgeschrieben, „tot oder lebendig“, „wegen Verbrechen gegen den Islam“. Am 7. Januar 2015 wurde das „Todesurteil“ vollzogen, Charbonnier wurde mit mehreren seiner Kollegen ermordet.

Und es häufen sich Vorfälle, die zeigen, dass neben solchen terroristischen Angriffen auf die säkulare westliche Lebensart bei manchen Muslimen auch eine religiös begründete Judenfeindlichkeit weiterhin lebendig ist, mit aggressiven Attacken auf Menschen, die aufgrund ihrer Kleidung als Juden erkennbar sind. Die Frage, was dergleichen alles „wirklich“ mit dem Koran und dem Islam zu tun hat, bildet, wenn dieser Superlativ erlaubt ist, eine der kontroversesten Diskussionen in der politischen Kultur der Gegenwart. Stellen, die zur Gewalt aufrufen, finden sich zweifellos in der Bibel ebenso wie im Koran – und umgekehrt auch Stellen, die zum Frieden mahnen. Ob es da zwischen den Religionen Unterschiede gibt, hängt an der Interpretation heute und an der Art, wie solche Vorgaben sich im Leben und Handeln der Gläubigen umsetzen. „Es strebe von euch jeder um die Wette“, lässt Nathan der Weise in der Ringparabel seinen Richter sagen, „die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen.“ „Der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm.

Zweieinhalb Jahrhunderte nach Lessing ist zu sagen, dass Christentum und Judentum durch einen Prozess der Aufklärung - als Selbstkritik der Religion verstanden - hindurchgegangen sind. Was in dieser Hinsicht den Islam angeht – in den Kommentaren der Islamwissenschaftler kommt oft Skepsis zum Ausdruck, zum Beispiel bei Rudolph Peters von der Universität Amsterdam: Die meisten Muslime in der Gegenwart könnten „fundamentalistisch genannt werden“. Sicherlich spielen auch leidvolle Erfahrungen aus der Geschichte hinein, wenn viele Muslime heute zum Westen auf Distanz gehen. Die islamischen Gesellschaften hinkten dem westlichen Fortschritt in den letzten Jahrhunderten technisch, militärisch, ökonomisch und politisch oft hinterher, das mag apokalyptische Gedanken beflügeln. Und die Existenz des Staates Israel wird von vielen Muslimen auch heute noch, sieben Jahrzehnte nach der Staatsgründung, als ein Fall von historischer Illegitimität verstanden. Assmann hat darauf aufmerksam gemacht, wie anders das Judentum auf die Situation der Unterlegenheit und der Unterdrückung reagierte. Mit Hilfe verfeinerter Auslegungstechniken sei es den jüdischen Rabbinen im Mittelalter gelungen, die blutigen Erzählungen aus der Bibel „zu humanisieren“.


Mehr im Internet:

Abrahamitische Religionen - Wikipedia 
scienzz artikel Judentum 

 

 

 

 

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