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10.05.2018 - KUNSTGESCHICHTE

Kunstwerke, die nur mit dem inneren Auge zu sehen waren

Die Nasca-Kultur kommt in die Bundeskunsthalle Bonn

von Josef Tutsch

 
 

Figurengefäß mit mythischem
Wesen und abgetrennten Men-
schenköpfen, 450–650 n. Chr.,
Museo Nacional de Arqueología,
Antropología e Historia del Perú
Bild: Ministerio de Cultura

Hatten die Träger der sogenannten „Nasca“-Kultur im Süden Perus, vor 2.000 oder 2.400 Jahren, bereits Heißluftballons, mit denen es möglich war, die gigantischen Scharrbilder in der Wüste von oben zu betrachten? Einige der Gravuren zeigen die größten Tierbilder, die jemals von Menschenhand geschaffen wurden. Wenn niemand sie vollständig sehen konnte, möchte man meinen, waren sie doch sinnlos. Schließlich muss es einigen Aufwand gekostet haben, die Vorlagen auf ein mehrere Quadratkilometer großes Netz zu übertragen.

Oder waren es gar nicht Menschen, denen wir diese Linien verdanken, sondern Außerirdische, die hier vielleicht ihre Landeplätze anlegten? Die „Geoglyphen“ in der Wüste von Nasca, zwischen der Pazifikküste und den Westhängen der Anden, gehören zu den ungelösten Rätseln der Weltgeschichte, keine schriftliche Überlieferung gibt zu dieser untergegangenen Kultur im südlichen Peru Auskunft. Die Spekulationen reichen von einem gigantischen Kalender bis zu einer Sportarena – und eben bis zu extraterrestrischen Einflüssen. Vom 10. Mai 2018 an ist eine große Ausstellung zur Nasca-Kultur, die zunächst im Museo de Arte in Lima und dann im Museum Rietberg, Zürich, zu sehen war, in der Bundeskunsthalle Bonn zu Gast: Tongefäße und Musikinstrumente, Goldmasken und Textilien, die in den Gräbern der Nasca gefunden wurden.

Und natürlich Luftbilder von den rätselhaften Linien, die 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte wurden – Bilder, wie sie den Künstlern selbst und ihren Zeitgenossen verwehrt waren. Aber Rätsel geben bereits die viel kleineren Funde aus den Gräbern auf. Immer wieder sind auf den farbenfreudig bemalten Gefäßen menschengestaltige Wesen abgebildet, die mit Erntearbeiten befasst scheinen. Es könnte sich tatsächlich um Bauern handeln, ebenso gut aber auch um Ahnen oder mythische Wesen, die für eine gute Ernte Sorge tragen sollten.

Doch wir wissen nichts über die Vorstellungswelt der „Nasca“, während uns ihre Nahrung und Kleidung inzwischen recht gut bekannt sind. Auf dem Speiseplan standen unter vor allem Mais, Bohnen, Erdnüsse und Kartoffeln sowie das Fleisch von Lamas und Alpakas, Hirschen und Meerschweinchen, man trug Kleidung aus Baumwolle oder aus Fellfasern von Lamas und Alpakas. Es handelte sich um eine Kultur von Bauern, Fischern und Jägern; städtische Ansiedlungen, wie sie bei der Entstehung der Hochkulturen im Alten Orient eine so herausragende Rolle spielten, waren unbekannt.

Eine Schrift ebenso – es gibt keinerlei Texte, die den Archäologen bei der Deutung der Funde helfen könnten. Ein Figurengefäß zeigt einen sitzenden, schwarzgefärbten Mann, dessen Oberkörper mit Punkten übersät ist. Die Darstellung eines Kranken? Und wenn ja, zu welchem Zweck? Sollte die Krankheit dazu gebracht werden, sozusagen vom Kranken auf die Figur überzuspringen? Eines der Gefäße ist als Frauenfigur geformt, aus dem Mund scheint ein Fluss zu strömen, in dem Langusten zu erkennen sind, von den Armen hängen Früchte herab. Ein Fruchtbarkeitssymbol? Versprachen die Künstler oder ihre „Kunden“ sich davon magische Wirkungen?

Teller mit dem Anthropomorphen Mythi-
schen Wesen, 300–450 n. Chr. (Museo
Regional de Ica "Adolfo Bermúdez Jenkins"
Bild: Ministerio de Cultura del Perú


Die Menge der Funde erlaubt es inzwischen, sogar eine Art Kunstgeschichte der Nasca zu schreiben: Die Entwicklung ging von einem naturalistischen zu einem eher abstrahierenden Stil. Doch bei der Deutung bleibt vieles umstritten. Eines der häufigsten Motive sind abgetrennte Menschenköpfe, die Archäologen sprechen von Trophäenköpfen. Doch es ist zweifelhaft, ob da wirklich Kriegsgefangene dargestellt sind. Untersuchungen an den Mumien in den Gräbern haben gezeigt, dass jene Toten, deren Köpfe sorgsam und aufwendig präpariert wurden, offenbar aus derselben Gegend stammten wie die anderen Bestatteten auch.

Das legt die Vermutung nahe, dass es die Spitzen der eigenen Gesellschaft gewesen sein müssen, denen da eine besondere Ehre zu Teil wurde. Und dass auch die abgetrennten Köpfe auf den Gefäßen nicht von Kriegen, sondern von einem Ahnenkult zeugen. Der Katalogtext verweist darauf, dass zur Zeit der spanischen Eroberung solche Köpfe als sakrale Objekte umhergetragen und zusammen mit Feldfrüchten aufgehängt wurden.

Aber das war beinahe ein Jahrtausend nach dem Untergang der Nasca-Kultur. Sicher scheint immerhin, dass im Zentrum der Nasca-Religion eine Vorstellung stand, der die Forscher hilfsweise den Namen „Maskenwesen“ oder „Anthropomorphes mythisches Wesen“ gegeben haben. Erkennbar ist es an der „Mundmaske“, einem Nasenschmuck, der den Mund bedeckte, und einem Stirndiadem. Häufig hat es eine lang gezogene Zunge, von seinem Kopf geht ein Band aus, an dem abgetrennte Köpfe hängen. Verband sich mit diesem Wesen so etwas wie eine Jenseitshoffnung?

Es wäre leichtfertig anzunehmen, die Glaubensvorstellungen müssten über Jahrhunderte hinweg gleich geblieben sein. Eines der Figurengefäße zeigt ebenfalls ein offenbar übernatürliches Wesen, dessen Mundmaske an einen Leoparden erinnert, auf Armen und Beinen sind Schlangen sowie Kakteentriebe dargestellt. Der eine oder andere Archäologe hat an eine Schöpfergottheit gedacht. Doch es ist fraglich, ob man theologische Vorstellungen aus anderen Kulturen derart auf die Nasca übertragen darf.

Andererseits: Wie sonst als mit Analogiebildungen lässt sich von einer fremden Kultur reden, die uns keine eigene Begrifflichkeit hinterlassen hat? Noch ein für uns ganz und gar fremdartiges Detail: Bereits die spanischen Chronisten beobachteten, dass „Schädelumformungen“ (die Forscher vermeiden das abwertende Wort „Deformationen“) bei den Völkern im Andenraum sehr gebräuchlich waren. Die Befunde in den Nasca-Gräbern bestätigen diesen Umstand: Bei etwa 80 Prozent der Individuen waren in frühester Kindheit die Schädel entweder vertikal verlängert oder horizontal gestreckt worden. Wie man diese Praxis zu verstehen hat, ist unbekannt. Vielleicht sollten die Kinder von vornherein bestimmten sozialen Schichten zugewiesen werden.

Die Erdgravuren erstrecken sich über ein riesiges Areal von fast 500 Quadratkilometern. Luftbilder lassen erkennen, was die Nasca selbst bloß vor ihrem inneren Auge sehen konnten: schnurgrade Linien und geometrische Mustern und dazwischen, recht deutlich erkennbar, Tiergestalten: Affe, Hund, Kondor, Pelikan, Kolibri, Kolibri, Orcawal, Eidechse, Spinne … Die geraden Linien waren mit Fluchtstangen relativ einfach herzustellen, bei den Figuren wird einiges an Planung nötig gewesen sein. Bis in die 1930er Jahre fanden sie wenig Beachtung. Erst durch den Luftverkehr wurde die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam, dass es in der peruanischen Wüste Kunstwerke gab, die sonst nirgendwo ihresgleichen haben.

Geoglyphe eines Orca-Wals in der Wüste
von Nasca - Bild: Alfonso Casabonne


Doch wozu waren diese riesigen Linien und Figuren eigentlich gut? Viele Archäologen vermuten heute, dass es sich um Prozessionswege handelte. Zweck des Rituals könnte es gewesen sein, eine hinreichende Bewässerung der Felder zu sichern. Das war überlebenswichtig, die südperuanische Wüste gilt als eine der trockensten Regionen der Erde. Die präzise Anlage mag wichtig gewesen sein, um beim feierlichen Abschreiten der Wege den Zweck des Rituals nicht zu verfehlen. An einigen Stellen wurden Reste von Altären gefunden, dort werden die Teilnehmer der Prozession Opfergaben – Keramikgefäße, Textilien, Feldfrüchte und Muscheln – niedergelegt haben.

Wie man sich solche Prozessionen vorstellen darf, dazu gibt vielleicht eine kleine Keramikplastik, die in der Ausstellung zu sehen ist, datiert auf die Zeit um 500 oder 600 n. Chr., einen Hinweis. Zwei Musikanten mit Panflöten schreiten voran. Ihnen folgt ein weiterer, viel größer dargestellter Musikant, wahrscheinlich das zeremonielle Oberhaupt der Gruppe. Den Schluss bilden wieder zwei kleine Figuren, die Papageien auf den Schultern tragen. Flankiert wird der Aufmarsch von mehreren schwarz-weiß gefleckten Hunden.

Trommeln, wie sie in den Gräbern gefunden wurden, sind in dieser Plastik nicht dargestellt, aber man darf unterstellen, dass auch sie bei solchen Ritualen zum Einsatz kamen: Rhythmusinstrumente können in besonderem Maße „psychoaktiv“ wirken. Ein beliebtes Motiv auf der Keramik ist übrigens der San-Pedro-Kaktus, aus dem Mescalin extrahiert werden kann. Sicherlich wurden bei diesen Prozessionen auch solche bewusstseinsverändernden Substanzen genutzt, der Katalogtext spricht geradezu von einer „Synästhesie“ aus Ritual, Musik und Trance. Im Rausch, während sie die Linien abschritten, hofften die Nasca vielleicht, den Zugang zu höheren Kräften zu gewinnen, die Landwirtschaft und Fischfang günstig beeinflussen konnten.

Verlassen wollten sie sich auf solche nach unseren Begriffen übernatürlichen Mechanismen aber nicht. Weniger augenfällig als die berühmten „Linien“, aber für das alltägliche Leben mindestens ebenso wichtig war das umfangreiche Bewässerungssystem, das die Nasca in ihrer Wüste anlegte. Über Kanäle wurde das Grundwasser für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. Für einige Jahrhunderte gelang es, einen ursprünglich aufgrund des Wassermangels recht unwirtlichen Ort zum Blühen zu bringen.

Begünstigt wurde diese Entwicklung durch eine vorübergehende Gunst des Klimas. Um 200 v. Chr. muss es an der peruanischen Pazifikküste deutlich feuchter geworden sein. Wie die archäologischen Funde belegen, strömten neue Gruppen von Menschen aus den Anden in die Küstenregion, erst durch diesen Bevölkerungszuwachs verwandelte sich die vorangehende Paracas-Kultur in die der Nasca. Und offenbar bemühten sich diese Menschen tatkräftig darum, durch künstliche Bewässerung die günstigen Umstände auf Dauer zu bewahren. Im 7. Jahrhundert n. Chr. trat jedoch erneut eine Klimaveränderung ein, der diese Technologie nicht gewachsen war. Die Region entvölkerte sich und konnte erst sechs Jahrhunderte später, als es wieder feuchter wurde, neu besiedelt werden.


Aktuelle Ausstellung:
Nasca – im Zeichen der Götter. Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus, 10. Mai bis 16. September 2018 in der Bundeskunsthalle Bonn


Neu auf dem Büchermarkt:

Nasca – Peru. Archäologische Spurensuche in der Wüste, herausgegeben von Cecilia Pardo und Peter Fux, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, 364 S. mit 369 farb. u. 35 s/w. Abb., ISBN 978-3-85881-577-4, 48,00 €, 49,00 CHF


Mehr im Internet:
Nasca-Kultur - Wikipedia
Ausstellung Nasca – im Zeichen der Götter
Katalog Nasca – Peru
scienzz artikel Außereuropäische Kunst

 

 

 

 

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