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15.05.2018 - KUNSTGESCHICHTE

"Man untersucht alles, was einen ergoetzt, und macht an allen Aussichtspunkten Halt"

"Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie Berlin

von Josef Tutsch

 
 

Caspar David Friedrich: Wanderer
über dem Nebelmeer, um 1817
(Hamburger Kunsthalle) - Bild:
SHK/Hamburger Kunsthalle /bpk/
Elke Walford

„Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern, das Wandern“, singen in der schönen Jahreszeit viele tausend Menschen, seit Franz Schubert und Carl Friedrich Zöllner ihre Vertonungen der „Schönen Müllerin“ geschaffen haben. Warum gerade „des Müllers“? Mit „Lust“ hatte das ursprünglich wenig zu tun. Selbständiger Müller konnte nur sein, wer eine Mühle zur Verfügung hatte. Gesellen, die keine Mühle erbten, mussten sich einen Meister suchen, in dessen Diensten sie unterkommen konnten. Im besten Fall fanden sie eine Müllerstochter, eine „schöne Müllerin“, zum Heiraten – und kamen so doch noch zu der Aussicht, eine Mühle zu erben.

Das eigenständige Phänomen der „Wanderlust“ dagegen – also dass Menschen rein um des Wanderns willen auf Wanderschaft gehen, eine Zeitlang befreit von den Nöten des Alltags – ist gerademal zweieinhalb Jahrhunderte alt, es entstand als Ausdruck eines sehr modernen Lebensgefühls, zeigt die aktuelle Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin. Um die hundert Werke sind zu sehen, darunter weltberühmte Stücke wie Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ aus der Hamburger Kunsthalle oder Gustave Courbets „Bonjour, Monsieur Courbet“ aus Montpellier.

Eines der ältesten Bilder, entstanden um 1775, ist von dem Zürcher Maler Heinrich Wüest, darauf ist der Rhonegletscher im Wallis wiedergegeben. Einige Bergwanderer bestaunen die erhabene Gebirgslandschaft, ganz vorn sitzt ein Zeichner. Das ist mehr als bloß Staffage. Die neue Naturbegeisterung mitsamt der Mode, zu Fuß gehen zu wollen, war eine Sache gerade der Künstler – oder vielmehr: jener Vertreter des aufstrebenden Bürgertums, die der belebten wie unbelebten Natur nicht nur Nutzen, sondern auch Schönheit und Erhabenheit abgewinnen konnten.

Die ideologische Grundlage für die „Wanderlust“ formulierte 1762 der Schweizer Philosoph Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman „Émile“: „Man bricht nach Belieben auf, rastet, wenn es einem behagt, und macht größere und kleinere Tagesreisen, je nach Lust und Laune. Man betrachtet die ganze Gegend, wendet sich bald zur Rechten, bald zur Linken, untersucht alles, was einen ergötzt, und macht an allen Aussichtspunkten Halt.“ „Die Reise selbst macht uns Genuss“, „wir denken nicht allein an die beiden Endpunkte unserer Reise, sondern auch an den Weg, der zwischen ihnen liegt.“

1799 brachte Pierre Henri de Valenciennes einen „Ratgeber für Zeichner und Maler, besonders in dem Fache der Landschaftsmalerei“ heraus – einschließlich „Tips“, welche Ansichten etwa in Italien besonders lohnend wären. Als Highlight galt zum Beispiel der Vesuv. Glücklich, wer die Gelegenheit hatte, einen Ausbruch aus der Nähe beobachten zu können. Aus Kassel ist ein Bild von Jakob Philipp Hackert, 1774, nach Berlin gekommen. Eine Gruppe von Wanderern betrachtet fasziniert und mit wohligem Schaudern, darf man vermuten, das Schauspiel einer Eruption.

Gustave Courbet: Bonjour Monsieur Courbet
(Ausschnitt), 1854 (Musée Courbet, Mont-
pellier) -Bild: Musée Fabre/Frédéric Jaulmes


Die Entdeckung der Rheinlandschaft wenige Jahre später ist in der Ausstellung ausgeklammert. Aber das Wandern im Deutschland jener Zeit ist durch eine Neckarlandschaft von Ferdinand Kobell vertreten, 1782. Insgesamt wird der frühe „Rousseauismus“, also die Landschaftsmalerei des späten 18. Jahrhunderts, in der Ausstellung aber doch ein bisschen kurz abgehandelt. Rasch führt der Weg zu ihrem ersten Höhepunkt, zu Caspar David Friedrich, voran seinem „Wanderer über dem Nebelmeer“, um 1817. „Konfrontiert mit dem Unwägbaren, dem im Nebel liegenden Ungewissen, ist der einsame Wanderer auf sich selbst gestellt“, schreibt die Kuratorin der Ausstellung, Birgit Verwiebe.

Es wäre ein grobes Missverständnis, wollte man solche Landschaftsmalerei nach Art von Postkartenfotografien missverstehen: Friedrich hat im Atelier Motive aus seinen Skizzenbüchern frei kombiniert. Die neue Selbständigkeit, die Natur als künstlerisches Thema in der Nachfolge Rousseaus gewann, war auf eigenartige Weise philosophisch und literarisch vermittelt. Das zeigt schon der Titel eines Bild von Johann Christian Reinhart, das aus Stuttgart nach Berlin kam, „Wanderers Sturmlied“. Der Betrachter soll an ein Goethe-Gedicht denken: „Wen du nicht verlässest, Genius …“

An Friedrichs Bild „Mönch am Meer“, um 1810, das die Berliner Nationalgalerie aus eigenen Beständen zur Ausstellung beisteuern konnte, wird besonders deutlich, wie sich solche private Weltanschauung oder Religiosität aus dem Motivschatz der alten, kirchlich organisierten Religion frei bediente. „Und sännest du auch vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur sinkenden Mitternacht: Dennoch würdest du nicht ersinnen, nicht ergründen das unerforschliche Jenseits“, schrieb Friedrich über seinen Bildentwurf. Ähnlich Karl Friedrich Schinkels „Felsentor“ von 1818: Ganz klein sitzt ein Mönch betend vor der erhabenen und erhebenden Hochgebirgsszenerie.

Ganz nebenbei hat die Berliner Nationalgalerie durch das Nebeneinander von Bildern so etwas wie die Wiedervereinigung einer realen Wandergemeinschaft bewerkstelligt: Friedrich wanderte mit seinen Freunden Georg Friedrich Kersting („Herr auf einem Hügel“, um 1820) und Carl Gustav Carus („Wanderer auf Bergeshöhn“, 1818) oft gemeinsam, zum Beispiel durch das Riesengebirge. Auf die Vorgeschichte des Themas – das ökonomisch bedingte Wandern der Handwerksgesellen oder die Pilgerfahrten des christlichen Mittelalters – hat die Ausstellung verzichtet. Dafür gibt es einen überraschenden Seitenblick nach Ostasien: Eine japanische Tuschezeichnung, um 1876, zeigt zwei Wanderer mit Diener in einer gebirgigen Winterlandschaft.

Bloß realistisch war das nicht gemeint. „Ein Ort, um Herzen zu treffen, muss nicht in der Ferne liegen“, ist das Album überschrieben, für das diese Winterlandschaft geschaffen wurde. Was der Wanderer mit seinen Sinnen erfassen kann, ist nicht unbedingt das Wichtigste, so hatte es im 14. Jahrhundert auch der Dichter Petrarca gesehen, als er den Gipfel des Mont Ventoux in der Provence erstieg und oben die „Bekenntnisse“ des Augustinus aufschlug, „zufällig“ genau an der passenden Stelle: „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge, und haben nicht acht ihrer selbst.“

Carl Spitzweg: Engländer in der Campagna
(Ausschnitt), um 1834 - Bild: Staatliche
Museen zu Berlin/Jörg P. Anders


Das Wandern als Bild des Lebenswegs. Um 1840 malte Ludwig Richter sein berühmtes Bild von der Überfahrt über die Elbe am Schreckenstein. Bloß eine realistische Szene am Fluss oder vielmehr ein Sinnbild? Das kann man auch bei Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins weltbekanntem Portrait „Goethe in der Campagna“, 1787, fragen. Das Bild selbst ist nicht aus Frankfurt nach Berlin gekommen. Wohl aber ist in der Ausstellung eine Übersetzung in Gips zu sehen, die Gustav Heinrich Eberlein um 1902 schuf. In Marmor steht das Denkmal heute im Park der Villa Borghese in Rom: Lebensgroß, mit in die Ferne gerichtetem Blick, von seinen Wanderungen rastend, lagert der Dichter auf antiken Bruchstücken.

Eine Rast nur. Das „Ziel“ des Wanderns als Lebensreise stellt etwa eine Radierung von Max Klinger dar, 1879, die aus Köln gekommen ist: ein offenbar zu Tode erschöpfter, nackter Mann; vor ihm hockt ein Geier, der darauf wartet, seinen Schnabel in das Fleisch des Mannes hacken zu können. Ein Ölbild von Ferdinand Hodler, 1887, aus Winterthur zeigt einen „Lebensmüden“. An seiner Schulter lehnt der Wanderstab, der wohl ausgedient hat.

Anders als der frohe Beginn mit „Das Wandern ist des Müllers Lust“ vermuten lässt, endet auch Müllers Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ mit dem Tod des „Helden“. „Wand‘rer, du müder, du bist zu Haus …“ Weil seine Liebe nicht erwidert wird, ertränkt er sich im Bach. Aber die Situation des Wanderns kann auch höchsten Stolz ausdrücken. 1854 malte Gustave Courbet sein Selbstportrait in Wandererpose. Der reiche Kunstsammler Alfred Bruyas begrüßt ihn respektvoll, Courbets Wanderstock wirkt beinahe wie ein Hoheitszeichen. Eine Abwandlung dieses Motivs, geradezu seine Verkehrung ins Gegenteil schuf 1880 Paul Gauguin. Von Courbets Selbstbewusstsein ist in „Bonjour Monsieur Gauguin“ wenig zu spüren. Die Bäuerin, die von dem einsamen Wanderer durch einen Zaun getrennt ist, scheint ihm mit leichtem Widerwillen gegenüberzustehen.

Daneben wirkt Auguste Renoirs „Ansteigender Weg durch hohes Gras“ von 1877 aus dem Pariser Musée d’Orsay als heiterer Spaziergang. Im gleißenden Sommerlicht verfließen die Figuren mit der Wiese. Ein ungebrochenes Einssein mit der Natur oder vielmehr die Suche nach einem verlorenen Paradies? Um 1835 warf Carl Spitzweg in seinem Bild „Engländer in der Campagna“ einen ironischen Blick auf die Frühzeit des modernen Tourismus. Die Besucher stehen den Überresten der Antike, die ihnen der Fremdenführer erläutert, merkwürdig fremd, beinahe möchte man glauben, verständnislos gegenüber. Auch Spitzweg konnte sich, zwei Generationen nach Rousseau, dem Ruf, die Welt wandernd zu erobern, nicht entziehen. Aber er glaubte nicht an die „romantischen“ Implikationen dieses Rufs.


Aktuelle Ausstellung:

Wanderlust – von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir, bis 16. September 2018 in der Alten Nationalgalerie, Berlin


Neu auf dem Büchermarkt:

Wanderlust – von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir, herausgegeben von Birgit Verwiebe und Gabriel Montua, Hirmer Verlag, München 2018, 320 S. mit 190 Farbabb., ISBN 978-3-7774-3018-8, 39,90 € [D], 41,10 € [A], 48,70 CHF


Mehr im Internet:
Wandern - Wikipedia 
Ausstellung Wanderlust - von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir 
scienzz artikel Kunst des 19. Jahrhunderts 


 

 

 

 

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