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25.05.2018 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

"Wir sind nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit"

Vor 200 Jahren wurde Jacob Burckhardt geboren

von Josef Tutsch

 
 

Jacob Burckhardt, 1890
Bild: Wikipedia

„Wir, der Schwanz der Welt, wissen nicht, was der Kopf vorhat“, notierte Georg Christoph Lichtenberg in einem seiner „Sudelbücher“. Das war 1776, die Diskussionen, die damals im vorrevolutionären Frankreich über einen gemutmaßten Fortgang der Weltgeschichte geführt wurden, reichten bis nach Göttingen.

Welchen Aufschwung der Glaube an ein vorbestimmtes Ziel der Weltgeschichte in den nächsten Jahrzehnten nehmen würde, gipfelnd in Hegels Philosophie der Geschichte, konnte noch niemand ahnen. Aber auch die Gegenströmung, die Lichtenberg derart salopp in Worte gekleidet hatte, blieb lebendig. Der Riss ging durch die Vertreter der zugehörigen Fachwissenschaft, der Geschichte, mitten durch. So versuchte vor allem der Basler Historiker Jacob Burckhardt in seinen Vorlesungen „Über das Studium der Geschichte“, um 1870, wieder und wieder, seine Studenten von einem „kecken Antizipieren“ des „Weltplans“ abzubringen. Burckhardts Satz „Wir sind nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht“ ging in das Buch ein, das 1905 aus dem Nachlass unter dem Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ an die Öffentlichkeit gelangte, und wurde zum geflügelten Wort.

Dabei lag dem Gelehrten, der am 25. Mai 1818, vor 200 Jahren, in Basel geboren worden war, nichts ferner als der Gedanke, vor dem großen Publikum eine Gegenposition zum „Hegelianismus“ aufbauen zu sollen. Er konzentrierte sich auf seine Lehrtätigkeit an der Universität; was er zu Lebzeiten veröffentlichte, blieb im Vergleich mit dem Werk vieler Kollegen recht schmal. Aber dafür waren gleich zwei „Bestseller“ darunter, die weit über die Fachwelt hinaus gelesen wurden. 1855 brachte er den „Cicerone“ heraus, eine „Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens“, entstanden aus zwei Reisen in den späten 1840er Jahren.

Der Band von mehr als tausend Seiten wurde zum Vademecum für alle Reisenden, die von der Kunst Italiens mehr wissen wollten, als der „Baedeker“ hergab. Der Untertitel machte deutlich: Wissenschaftlich war dieses Buch zwar dem Inhalt, weniger jedoch der Intention nach. Burckhardt wollte eine Grundlage für das liefern, was in seinen Augen vielleicht sogar wertvoller war als Erkenntnis: für den „Genuss“ der Kunst und die Bildung des Geschmacks. „Absichtlich ausgeschlossen blieb alles bloß Archäologische“, beteuerte die Vorrede.

Vorangegangen war 1853 eine fachwissenschaftliche Studie über die „Die Zeit Konstantins des Großen“. Man darf vermuten, dass der junge Historiker darin ein wenig auch von der Lust geritten wurde, seine Kollegen zu provozieren. Während die dem Kaiser seine Wendung zum Christentum als ehrliche und ernsthaft religiöse Bekehrung abnahmen, erklärte Burckhardt Konstantin zum religiös indifferenten und amoralischen Machtpolitiker, ein Muster dessen, was er dann in den „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ in die Sentenz kleidete: „Das Allerseltenste ist bei weltgeschichtlichen Individuen die Seelengröße.“

Und dennoch: Halb und halb wider Willen kam der Historiker zu dem Schluss, Konstantin – Konstantin „der Große“, wie bereits der Titel der Studie sagte –  habe die Zukunftsmöglichkeiten der christlichen Kirche vorausgeahnt, ein anderer hätte diese „kühne“ Wendung womöglich nicht gewagt. Das Thema der historischen „Größe“ hat Burckhardt niemals losgelassen. „Sprichwörtlich heißt es: ‚Kein Mensch ist unersetzlich‘“, notierte er später in den „Betrachtungen“. „Aber die wenigen, die es eben doch sind, sind groß.“ „Unersetzlich“ in dem Sinn, dass sich die Kontinuität der Geschichte hin zur Gegenwart zum Beispiel ohne die Hinwendung des Römischen Reiches zum Christentum, die Konstantin in die Wege leitete, schwer denken lässt.

Jacob Burckhardt passiert auf
dem  Weg zur Vorlesung das
Basler Münster
Bild: MyNameAmtpm/Wikipedia


Kontinuität: Der Basler Patriziersohn wusste den Wert historischer Tradition zu schätzen. In den „Betrachtungen“ reflektierte er die Frage, inwieweit es sinnvoll sein kann, historische Entwicklungen im Nachhinein als „Glück“ oder „Unglück“ zu klassifizieren – nicht an sich betrachtet, sondern vom Standpunkt der Gegenwart aus, die ohne diese Entwicklungen freilich eine ganz andere wäre und zu anderen Urteilen kommen müsste. War es ein Glück, dass sich Europa im 8. Jahrhundert der islamischen Eroberung erwehren konnte? Oder ein Unglück, dass die Reformation im 16. Jahrhundert nicht in ganz Europa durchdrang?

„Je näher der Gegenwart, desto mehr gehen die Urteile auseinander“, vermerkte Burckhardt. Als Redakteur bei den „Basler Nachrichten“ hatte er ganz aktuell erlebt, womöglich auch an sich selbst beobachtet, wie solche Urteile „oft publizistisch verbraucht werden zu Beweisen für oder gegen bestimmte Richtungen der Gegenwart“ – „ganz als wäre Welt und Weltgeschichte nur unseretwillen vorhanden“. Heute hat sich die Schwierigkeit bei solchen Urteilen im Vergleich zu Burckhardts Zeiten noch vervielfältigt. Das gebildete Bürgertum, das Burckhardt noch wie selbstverständlich als Kommunikationsgemeinschaft beschwören konnte, existiert nicht mehr. Und auf der anderen Seite hat sich die abendländische Gelehrtencommunity längst ins Weltweite aufgelöst, mit sehr verschiedenen Traditionen und Kontinuitäten im Hintergrund.

In der Einleitung zu seinem zweiten Bestseller neben dem „Cicerone“, der „Kultur der Renaissance in Italien“, 1860, konnte Burckhardt noch von einer Zivilisation schreiben, „welche als nächstes Muster der unsrigen noch jetzt fortwirkt“. „Der unsrigen“ – Burckhardt meinte in aller Selbstverständlichkeit die abendländische. Und die Kontinuität ist ja auch gar nicht zu bezweifeln: Ohne die italienische Renaissance kein „Wir“, keine moderne Welt – „modern“ im Sinne einer abendländischen Moderne; inwiefern darin etwas Universalhistorisches liegt, stellt eine der großen Kontroversen unserer Gegenwart dar.

Durch Formulierungen wie „Die Entdeckung der Welt und des Menschen“ und „Das Erwachen der Persönlichkeit“ nährte Burckhardt den Stolz seiner Leser auf diese kulturelle Abstammung. Eine Idealisierung der Renaissance wird man ihm jedoch nicht vorhalten können. Immer wieder kommt zum Ausdruck, wie fasziniert Burckhardt einerseits war – und wie abgestoßen zugleich vom Willen zum Bösen, den er in Figuren wie Cesare Borgia spürte. Die Frage, ob dieser ungezügelte Individualismus und Egoismus und Amoralismus womöglich eine Vorbedingung der kulturellen Größe war, konnte der Historiker nicht beantworten.

Und er hütete sich wohl, das Rätsel, wie Hegel es in seiner Geschichtsphilosophie getan hatte, durch eine „List der Vernunft“ auflösen zu wollen. Burckhardt war bemüht, sich nichts vorzumachen – schon gar nicht über eine vermeintliche Herrschaft von Moral oder Vernunft in der Geschichte. Die „Griechische Kulturgeschichte“, die nach Burckhardts Tod 1897 an die Öffentlichkeit kam, ging da noch einen Schritt weiter. Vergleichbare Werke damals fingen im ersten Kapitel mit den geographischen Grundlagen der griechischen Geschichte an. Nicht so Burckhardt, der den „Mythos“ zum „großen allgemeinen geistigen Lebensgrund der [griechischen] Nation“ erklärte.

Ein unheimlicher Gedanke – mitten im 19. Jahrhundert, das auf die fass- und mess- und zählbaren Realitäten so viel Wert legte, entdeckte Burckhardt, welche Bedeutung Phantasie und Fiktionen im Geschichtsprozess haben können. Hellsichtig ahnte der Historiker auch voraus, welche Rolle in den Massendemokratien des 20. Jahrhunderts Propaganda und Meinungsmache spielen würden: „Lange freiwillige Unterwerfung unter einzelne Führer und Usurpatoren steht in Aussicht. Die Leute glauben nicht mehr an Prinzipien, werden aber wahrscheinlich periodisch an Erlöser glauben.“

Jacob Burckhardt auf 
1000-Franken-Schein
Bild: Swiss National
Bank/Wikipedia


Das kann man als bildungsbürgerlichen Hochmut abtun. Aber nicht nur vor dem Hintergrund der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts, auch angesichts des grassierenden Populismus heutzutage kommen uns dergleichen Vorbehalte vielleicht nicht mehr ganz so unbegreiflich vor. Angesichts solcher Perspektiven wird der alte Burckhardt gelegentlich an sein Jugendwerk, den „Konstantin“, zurückgedacht haben. Ein wenig kam er sich vor wie ein spätantiker Intellektueller, der sich darauf einstellte, dass in der Völkerwanderung „so unendlich vieles von den höchsten Errungenschaften des menschlichen Geistes untergehen“ würde.

An die humanistische Utopie, die einst Winckelmann und Goethe und Schiller und Humboldt in die klassische Antike zurückprojiziert hatten, konnte Burckhardt nur mit Wehmut denken. Seine wissenschaftliche Redlichkeit verbot es ihm, daran zu glauben: Kein moderner Mensch hätte es im antiken Athen lange aushalten wollen, notierte er in der „Griechischen Kulturgeschichte“. Glücklich, das war wohl seine tiefste Überzeugung, könnte man am ehesten jene Epochen nennen, die nachher im Geschichtsbuch, dem rückblickenden Historiker zur Langeweile, als weiße Seiten erscheinen.

Eine Resignation, über die sich trefflich spotten lässt. Hegel, der vor seinen Hörern in hymnischen Worten einen Bilderbogen ausmalte, wie der Geist in der Weltgeschichte durch Ströme von Blut hindurch zu seiner endlichen Selbstverwirklichung gelangt, hätte darin nur ein Werk der „faulen Vernunft“ gesehen. Aus Burckhardts Perspektive war das Vertrauen auf eine solche „Ökonomie“ der Weltgeschichte dagegen pure Selbsttäuschung; im schlimmsten Fall lief sie darauf hinaus, Verbrechen mit dem Hinweis auf einen guten Endzweck zu rechtfertigen. Im Schluss von Homers „Odyssee“ sah er ein Gleichnis für die Weltgeschichte: Den Dulder erwartet nach seiner Heimkehr noch eine weitere schwere Pilgerfahrt, womöglich noch eine und noch eine, seine Prüfungen werden fortdauern.


Mehr im Internet:

Jacob Burckhardt - Wikipedia 
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