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29.05.2018 - POLITIKWISSENSCHAFT

Alle wissen, was dazu gehoert - und was nicht

Die Verwendung des Begriffs "Heimat" im aktuellen Populismus

von Josef Tutsch

 
 

Wahlkampf der "Lega Nord" in
Florenz,
Bild: Richardfabi/Wikipedia

„Mir welle bleiwe, wat mir sinn“, lautet eine Zeile in dem Lied „D’Feuerwon“, „Die Dampflokomotive“. Der Luxemburger Schriftsteller Michael Lentz dichtete es 1859, in jenem Jahr, als Luxemburg an das europäische Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Angesichts der Industrialisierung und des zunehmenden Fremdenverkehr wollte Lentz beides harmonisch miteinander verbinden, die Bewahrung der eigenen Tradition und Identität mit der Offenheit gegenüber dem Anderen, zunächst einmal Fremden: „Kommt her aus Frankeich, Belgien, Preisen, mir kennen iech ons Hemecht weisen.“ '

Im Laufe des 20. Jahrhunderts, hat der luxemburgische Literaturwissenschaftler Claude D. Conter beobachtet, wurde der Vers mehr und mehr zur patriotischen Kampfparole. Und geriet damit auch unter kabarettistischen Beschuss. Der Autor Samuel Hamen verhunzte ihn über mehrere Zwischenstrophen in ein „Nixt blöt alleng weitwech blann wixt steng!“ – da darf man allerlei Unfreundliches wie „blöd“ und „Versteinerung“ heraushören. Serge Tonnar beschrieb die Luxemburger in seiner Fassung des Lieds gar als „ein Volk von Spottvögeln, eine Kompanie kultureller Krüppel – wir haben keinen Mumm, aber einen dicken Arsch“. Dennoch (oder gerade deswegen): „Mir welle bleiwe, wat mir sinn!“

Nationalismus und Populismus auf Luxemburgisch – und die Kritik daran. Letztes Jahr veranstaltete die Berliner Humboldt-Universität eine Ringvorlesung über „alte und neue Populismen“. Anliegen, erläutert der Kulturwissenschaftler Olaf Briese, sei es „nationalistischen Populismen und ihrer vereinfachenden Verführungskraft entgegen zu treten“. Dabei fallen die Begriff „Populismus“ und „Nationalismus“ jedoch keineswegs zusammen. Der Bezugspunkt heutiger „Populismen“ – bei der Vielfalt der Erscheinungsformen muss man den Begriff wohl im Plural verwenden – ist nicht unbedingt das „Vaterland“, die politische Einheit, die von ihren Bürgern im Krieg den Einsatz des eigenen Lebens verlangen kann. Ebenso gut kann es die in der Regel kleinere „Heimat“ sein. Oder, wie PEGIDA jedenfalls von sich behauptet, das viel größere „Abendland“.

Der Soziologe Richard Faber von der Freien Universität Berlin stellt das Projekt in eine ehrenwerte Tradition: Am Ende der Weimarer Republik schleuderte der SPD-Politiker Kurt Schumacher der NSDAP entgegen, sie betreibe einen „permanenten Appell an den inneren Schweinehund des Menschen“. Faber: „Gerade auch heute wird niemand bezweifeln, dass im Namen recht imaginärer Völker – ‚Wir (?) sind das Volk‘ – an niedere Instinkte appelliert wird.“

Ein einziger Satz, der aber gleich drei große Fragezeichen aufgibt. Erstens ist das „niemand“ pure Rhetorik, wörtlich genommen ist diese Aussage schlicht falsch: Die Anhänger der populistischen Bewegungen werden vehement bestreiten, dass an „niedere Instinkte“ appelliert würde. Zweitens – „imaginäre Völker“ ist schon richtig. Der Historiker Wilhelm Kreutz demonstriert den Anteil der Imagination in der Historie am „Volksstamm“ der Pfälzer. Letztes Jahr gab es keinen Nachruf auf Helmut Kohl, in dem der ehemalige Bundeskanzler nicht als „typischer Pfälzer“ gewürdigt worden wäre, einschließlich der Vorliebe für Saumagen. Doch die heutige Pfalz ist in einem komplexen Prozess entstanden, der auch anders verlaufen sein könnte. „Die willkürlichen Grenzen gewannen mehr und mehr den Charakter von natürlichen“, schreibt Kreutz.

Demonstration von PEGIDA, in Dresden,
2015 - Bild: Kalispera Dell/Wikipedia


Im Grunde kein so erstaunlicher Vorgang: Die Gewohnheit wird zu einer zweiten Natur, und darin liegt ein Schein, dessen kritische Auflösung sich die Initiatoren der Ringvorlesung auf die Fahnen geschrieben haben. Doch das ist eine Analyse sozusagen „von oben“; die konkreten Individuen erleben ihre „imaginäre“ Identität und ihre Lebenswelt tatsächlich als eine Art Natur; dass sie auch anders geworden sein könnte, spielt aus dieser Sicht keine Rolle.

Was das dritte Fragezeichen zu Fabers Satz betrifft: In der politischen Auseinandersetzung war Schumachers Rede vom „Apell an den inneren Schweinehund“ ja durchaus treffend. Aber ob sie sich als politik- oder sozial- oder kulturwissenschaftliche Kategorie eignet? Bloß am Rande geht Briese auf die „neuen Medien“ ein, die solchen Appellen jedenfalls ganz neue Möglichkeiten eröffnet haben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass viele Medientheoretiker von einem „globalen Dorf“ träumten, einer allumfassenden „face-to-face“-Gesellschaft. Realisiert wurden globale Stammtische, mit allem Unerfreulichen, was Stammtische so an sich haben.

Sozusagen aktuell zum 68er Jubiläum macht der Dresdner Soziologe Karl-Siegbert Rehberg darauf aufmerksam, dass der Populismus heute mit der „linken“ Bewegung damals – und ebenso mit dem „rechten“ Antiparlamentarismus von Bismarck bis Hitler – auf höchst merkwürdige Weise einen Affekt erstens gegen „die da oben“ und zweitens gegen komplexe Entscheidungsmechanismen teilt. Ein Affekt, der sich negativ zur Zeit in den USA als das aggressive Bestreben äußert, den „Sumpf von Washington“ auszutrocknen – der Germanist Peter Uwe Hohendahl hat den aktuellen „Trumpismus“ unter die Lupe genommen. Oder, zunächst einmal positiv, als Wunsch nach „Heimat“, als das Bestreben, so der Leipziger Philosoph Christoph Türcke, „in einer globalisierten Welt dennoch irgendwo zu Hause zu sein“.

Und da hatten, konstatiert Türcke, die Regierungen generationenlang Gelegenheit, die nationalstaatlichen Maßnahmen „zur Disziplinierung und Vereinheitlichung der Bevölkerung als Bewahrung und Vertiefung ihres angestammten Volkscharakters auszugeben“, über die Heimat im engeren Sinne hinaus. Dagegen werde die Europäische Union heute weitgehend als künstliches Konstrukt empfunden. Türcke: In keinem der europäischen Länder „hat ‚das Volk‘ die EU verlangt. Nationalstaatliche Regierungen haben sie ausgeheckt“, weil ein zeitgemäßer Wirtschaftsraum eine angemessene Größe verlangte.

Die ganze Wahrheit ist das freilich nicht. Nicht weniger wichtig war nach den Verwüstungen der beiden Weltkriege doch das Friedensprojekt Europa, und zweifellos hatte dieser Wunsch eine Basis in der Bevölkerung. Faber widmet sich in seinem Beitrag dem Begriff des „Abendlandes“, der damals gern herangezogen wurde, um die Familienzusammengehörigkeit der europäischen Völker zu betonen und jetzt von PEGIDA instrumentalisiert wird. „Das Abendland an sich und für sich gab es nie“, vermerkt Faber und bietet eine kritische Auflösung des Abendland-Begriffs, von Vergils „Aeneis“-Dichtung, die Roms Vorherrschaft über die Mittelmeerwelt rechtfertigen sollte, bis zum Antikommunismus der 1950er Jahre.

Den „Orient“ ebenso wenig, zeigt der Kölner Germanist Norbert Mecklenburg in seiner Analyse. „Das ‚christliche Abendland‘, das sich gegen einen islamischen Orient zu verteidigen habe, ist ein Konstrukt mythischer Geographie.“ Aber ob in Fabers Kritik des „an und für sich“ eigentlich mitgedacht ist, dass es ein Abendland „für uns“ durchaus geben kann – und für viele in der Tat auch gibt? Ein „Abendland“ oder einen „Westen“ oder ein „Europa“, wie auch immer, die natürlich nicht nur durch Antike und Christentum geprägt sind, sondern vor allem durch die Aufklärung?

Bundesparteitag der AfD in Essen, 2015
Bild: Olaf Kosinsky/Wikipedia


Womit wir wieder bei der vieldiskutierten Frage wären, ob und inwieweit die Aufklärung mit der Idee der Menschenrechte eine Entwicklung der europäischen Neuzeit ist, potentiell von universalhistorischer Relevanz oder womöglich doch bloß ein Sonderweg. Einer der aufschlussreichsten Beiträge befasst sich mit der ideenhistorischen Genese der „Alternative für Deutschland.“ 2016, berichtet der Soziologe Dominik Ghonghadze, wurde in der „Zeit“ gemutmaßt, die AfD-Programmatiker könnten sich auf die sogenannte „Ritter-Schule“ bezogen haben, den Schülerkreis um den Münsteraner Philosophen Joachim Ritter, der in der frühen Bundesrepublik mithalf, dem deutschen Konservatismus seine nationalistischen und antiparlamentarischen Impulse auszutreiben.

Aber später dann auch, diese Bundesrepublik gegen das zu verteidigen, was Hermann Lübbe an der „Neuen Linken“ spöttisch als „Exaltationen“ kritisierte. Diese Stellung gegen manche Phänomene von „1968“ mag die Ritter-Schule in der Tat mit der AfD verbinden. Die Unterschiede seien jedoch viel gravierender, erklärt Ghonghadze. Und zitiert eine Aussage Lübbes aus dem Jahr 1979, die sich wie ein vorweggenommener – und intellektuell vernichtender – Kommentar zur Parole „Deutschland soll deutsch bleiben“ liest: „Wer wir zu sein haben, kann nicht Gegenstand einer Vorschrift sein.“

Auf die liberal-konservativen Theoretiker der frühen Bundesrepublik kann sich die AfD wohl doch nicht berufen, eher schon auf die „alte“, antidemokratische und nationalistische Rechte, was manchmal ja tatsächlich geschieht. Daneben allerdings auch auf Positionen, die vor wenigen Jahren noch von den sogenannten „Alt-Parteien“ vertreten und keineswegs als anrüchig galten; gut möglich, dass sie ihren Zuspruch bei den Wählern vor allem solchen Positionen verdankt. Faber verweist auf ein Interview mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt in der „Frankfurter Rundschau“, 1992: „Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen.“ „Es muss derjenige, der aus Bosnien oder aus Rumänien kommt, wissen: Er kommt in ein Lager, möglicherweise, bis sein Fall entschieden worden ist, dann muss der Mann auch abgeschoben werden.“

„Wer wir zu sein haben, kann nicht Gegenstand einer Vorschrift sein …“ Oder: was als „Heimat“ empfunden wird. Conter zitiert den Schriftsteller Guy Rewenig, der die scheinbaren Selbstverständlichkeiten ironisch auf den Punkt gebracht hat: „Heute loben wir das typisch Luxemburgische. Was das ist, kann zwar keiner sagen, aber alle Luxemburger wissen genau, was nicht zu unserer Heimat gehört.“ Oder eben doch gehört. Die Äußerung stammt von 2008, Rewenig wollte also nicht die Kontroverse zwischen Merkel und Seehofer über den Islam kommentieren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Heimatland – Vaterland – Abendland. Über alte und neue Populismen, herausgegeben von Richard Faber und Olaf Briese, Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 283 S., 39,80 €


Mehr im Internet:

Populismus - Wikipedia 
Heimatland – Vaterland – Abendland, herausgegeben von Richard Faber und Olaf Briese 
scienzz artikel Politische Mechanismen

 

 

 

 

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