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06.06.2018 - LITERATURGESCHICHTE

"Am Ende stirbt immer der Wolf"

Woelfe, Menschen, Wolfsmenschen - vom antiken Roman bis zum Horrorfilm

von Josef Tutsch

 
 

Werwolf, an der Kathedrale von Moulins
Bild: Vassil/Wikipedia

In einer Novelle von Miguel de Cervantes berichtet der Hund Berganza seinem Freund Cipión von seiner vorübergehenden Beschäftigung als Hirtenhund. „Des Nachts kam kein Schlaf in meine Augen, weil uns die Wölfe immer wacker hielten und uns keinen Augenblick Ruhe gönnten.“ Trotz allen Eifers und aller Wachsamkeit – immer wieder kommt ein Schaf oder Lamm zu Tode. Eines Tages entdeckt Berganza, dass es gar nicht die Wölfe sind, sondern die Schäferknechte, die gelegentlich ein Tier „reißen“ und die Schuld daran den Wölfen anlasten. „Ich war außer mir, wie ich sah, dass die Hirten die Wölfe waren und dass die Hüter der Herde sie selbst würgten.“

Das Gleichnis vom „Guten Hirten“ aus dem Neuen Testament, verkehrt in ein negatives Beispiel, in eine Geschichte von schlechten Hirten. Ob sich nicht gelegentlich auch die Arbeitgeber der Hirten, die Herdenbesitzer, einen Lammbraten gönnen? Mensch und Wolf waren – oder sind – „Konkurrenten um die identischen Futterreserven“, schreibt der Literaturwissenschaftler Achim Geisenhanslüke von der Goethe-Universität Frankfurt am Main in seiner neuen Studie über „Wolfsmänner“. Allerdings mit dem Unterschied, dass der Mensch, indem er die Viehzucht erfand, zugleich zum Hüter der Schafherden wurde, während der Wolf sozusagen von außen kommen musste, als Räuber.

Von Romulus und Remus, den Gründern Roms, die dem Mythos zufolge von einer Wölfin gesäugt wurden, über Rotkäppchen und die sieben Geißlein bis zu den aktuellen Kontroversen, ob dem Wolf wieder ein Heimatrecht in Mitteleuropa zugestanden werden sollte – die Kulturgeschichte des Wolfs, so Geisenhanslüke, schwankt zwischen der Angst vor einer Bedrohung, wie real oder imaginiert auch immer, und einer geheimnisvollen Faszination, in der sich irgendwie das Gefühl einer tieferen Verwandtschaft zu zeigen scheint. Seit der Antike ist die Literatur voll von Phantasien, wie sich Menschen in Wölfe verwandeln und wieder zurück.

Im Schelmenroman „Satyricon“ des Petronius aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. – geschrieben in Rom, der Stadt mit der wölfischen Nährmutter – muss jemand erleben, dass sich sein Kamerad urplötzlich in einen Wolf verwandelt und in den Wald davonrennt. Damit nicht genug: Als er zu Hause ankommt, erfährt er, dass ein Wolf alles Vieh gerissen habe, jedoch sei er von einem Knecht am Hals verletzt worden. Tatsächlich findet er seinen Kameraden mit einer Wunde am Hals vor. „Ich sah also wohl, dass er ein Werwolf war und konnte mit ihm danach nie wieder ein Brot brechen, selbst ums Verrecken nicht.“

Bei Petronius bleibt der Wolfsmensch ein Nebenmotiv, die tragischen Möglichkeiten, die darin liegen, werden nicht ausgeführt. Anders in Friedrich Schillers Erzählung „Verbrecher aus Infamie“ von 1786. In seiner Vorlage, berichtet Geisenhanslüke, fand Schiller gar keinen Wolfsmann vor. Aber er trug dieses Motiv des Volksaberglaubens in die Geschichte hinein und änderte den Namen seines „Helden“, des „Sonnenwirts“ Johann Friedrich Schwan, in „Christian Wolf“. Auch in der körperlichen Gestalt ließ Schiller, ebenfalls entgegen der Vorlage, das Tierhafte durchscheinen. Durch sexuelle Lust, darin liegt die Pointe der Erzählung, will „Wolf“ sein abstoßendes Äußeres vergessen und verdrängen – und wird darüber zum Verbrecher. Am Ende spaltet er sich in den reuigen Christenmenschen einerseits, den räuberischen Wolf andererseits, der selbstverständlich gehenkt wird.

Werwolf, Holzschnitt von Lucas
Cranach, 1512 - Bild: Wikipedia
 
„Eine Kreatur, die in beiden Welten wohnt, weder Mensch noch Bestie, sondern in beiden wohnt, ohne der einen oder der anderen anzugehören“: So umschrieb der italienische Philosoph Giorgio Agamben 1995 in seinem Buch „Homo sacer“ die Vorstellung des Werwolf bei den alten Germanen. In der Literatur ist eine solche Existenz auf der Schwelle auch in humoristischer Variante möglich. Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, 1894: Durch seine Geburt gehört Mogli zur Welt der Menschen, aus der er durch unglückliche Umstände hinausfällt. Im Dschungel beansprucht der Tiger, der sich als Alleinherrscher sieht, an ihm das Recht des Stärkeren. Doch die Wölfe nehmen den Jungen in ihre Familie auf.

Den umgekehrten Weg hat Jack London 1906 in „Wolfsblut“ beschrieben. Ein Wolf, der von seiner Abstammung zu einem Viertel allerdings bereits Hund ist, unterwirft sich der Zähmung durch den Menschen und wird damit voll und ganz zum Hund. Die Geschichte wiederholt den Prozess der Domestizierung in grauer Urzeit: Der „Urwolf“ wurde vom Menschen aufgespalten in das gezähmte, dienende, geliebte Haustier einerseits, den anderen, den weiterhin feindlichen, als Räuber gefürchteten und verfemten, den auszurottenden Schädling andererseits.

Die Geschichte hat etwas von Verrat und Selbstverrat: Um „in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden“, stellt sich der Hund quasi „gegen seine eigene Natur“. Hängt es damit zusammen, dass der Hund von den Menschen nicht nur geschätzt, sondern manchmal auch verachtet wird? In La Fontaines Fabel „Der Wolf und der Hund“, 1668, überlegt der abgemagerte Wolf, ob er seine Armut nicht gegen die materielle Sicherheit eintauschen sollte, die ihm die wohlgenährte Dogge so verlockend vorführt. Doch dann entscheidet er sich gegen die hündische Unterwerfung, für die Freiheit in der Wildnis.

Das darf man als Plädoyer gegen die höfische Etikette des Versailler Hofs von Ludwig XIV. verstehen. Eine andere Fabel La Fontaines, „Der Wolf und das Lamm“, zeigt aber auch gleich, dass diese wilde Freiheit das Naturrecht des Stärkeren ist: Der gierige Räuber hat zugleich die Stellung des politischen Souveräns inne, der über das Leben des Lamms frei verfügen kann. Bereits der römische Komödiendichter Plautus, um 200 v. Chr., hatte die bedrohliche Vorstellung des Wolfs heraufbeschworen, um die menschliche Lebenswelt zu beschreiben: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, solange er ihn nicht kennt“.

Nämlich solange der eine nicht abschätzen kann, ob auch der andere friedliche Absichten verfolgt. Im 17. Jahrhundert machte der englische Philosoph Thomas Hobbes den Wolf zur zentralen Metapher seiner politischen Philosophie. Geisenhanslüke: „Die tierische Natur kann erst in einem gerechten Staat aufgehoben werden, in dem jeder sein Recht auf Gewalt an den Leviathan abgetreten hat.“ Mit dem Namen des biblischen Fabelwesens Leviathan bezeichnete Hobbes den Staat eine Art Über-Wolf. Die Frage, wie sich dessen wölfische, räuberische Natur zähmen lässt – und zwar ohne ihm die Kraft zur Abwehr der vielen anderen Räuber zu nehmen – beschäftigt die politischen Theoretiker bis heute.

Einiges von seiner Bedrohlichkeit hat der Wolf bereits in den Fabeln Lessings, hundert Jahre nach Hobbes und Lafontaine, eingebüßt. Als er, für die Jagd zu schwach geworden, die Schäfer um den gewohnten Tribut bittet, wird er immer wieder abgewiesen. Ersatzweise versucht er am Ende, die Kinder der Schäfer anzugreifen. Und wird erschlagen. Ein merkwürdig jämmerliches, arg heruntergekommenes Bild bietet nochmals ein Jahrhundert später der Wolf später in „Brehms Tierleben“: ein Raubtier, von dem kaum noch eine Gefahr auszugehen scheint, „zwischen ernst zu nehmenden Raubtieren wie dem Tiger und dem Löwen auf der einen und den domestizierten Hunden andererseits“. Von der einen wie von der anderen Seite her wird der Wolf abgewertet. Originalton des „Brehm“: „eines der feigsten und furchtsamsten Tiere, die es gibt“.

Horrorfilm "The Werewolf
of Washington", 1973  - Bild:
Shout Factory/Wikipedia
 
Zu Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war der „Brehm“ das Leib- und Magenbuch aller bildungsbeflissenen Schichten in Deutschland. Doch daneben war auch das Bild vom freien, wilden, „heldischen“ Wolf lebendig geblieben. In Richard Wagners „Walküre“, 1870, nennt sich Siegmund einen „Wölfing“, das Leben mit seinem Vater Wotan im „wilden Wald“ ist mehr das Leben eines Wolfes als das eines Menschen. Am Ende allerdings geht die Welt der Götter und der Helden in der „Götterdämmerung“ unter. Bloß noch ein Gegenstand des Sprachspiels war der Werwolf 1908 für Christian Morgenstern, der über die Deklinationsmöglichkeiten reflektierte: „des Weswolfs“, „dem Wemwolf“, „den Wenwolf“ – aber wie lautet der Plural? „Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar, doch ‚Wer‘ gäb’s nur im Singular.“

Ausgerechnet in dieser Zeit startete der Werwolf oder Wolfsmensch, das alte Motiv aus dem Volksglauben, erst seine große Karriere. Oder vielmehr gleich zwei Karrieren nebeneinander. Von 1910 an analysierte Sigmund Freund einen gewissen Sergej Konstantinowitsch Pankejeff. Aus den Kindheitserinnerungen seines Patienten arbeitete er eine Angsthysterie und Tierphobie heraus, kreisend um das Bild eines bedrohlichen Wolfes: „Er fürchtete sich, der Wolf werde kommen und ihn auffressen“, schrieb Freud später in seiner „Geschichte einer infantilen Neurose“.

Der „Wolfsmann“ wurde zum berühmtesten Fall in der Geschichte der Psychoanalyse – aber auch zu einem der umstrittensten. 1913, noch während sich Pankejeff auf Freuds Couch der Analyse unterzog, wurde in den USA der erste Werwolf-Film produziert. An der Verwandlung von Menschen in Tiergestalten und zurück konnte die neue Technik ihre Möglichkeiten erproben, sie stellte vor Augen, was zuvor der Phantasie überlassen blieb. Heute listet Wikipedia etwa 150 Filme und Fernseh-Serien auf. Viel an Variationen ist den Filmemachern jedoch nicht eingefallen, hat Geisenhanslüke bemerkt: Am Ende steht immer die Rettung vor dem Bedrohlichen, am Ende stirbt immer der Wolf.

Übrigens: Im Film wie in der Literatur sind es in aller Regel Männer, die sich in Wölfe verwandeln. Anscheinend neigen wir dazu, das Wölfische eher mit Männlichkeit zu assoziieren. Auch der „Held“ im wohl berühmtesten aller Romane um die Frage, ob und inwieweit die Wildnis in uns selbst und in der modernen Gesellschaft eine Zukunft haben kann, ist ein Mann. „Ein Mensch, der fähig ist, Buddha zu begreifen, der eine Ahnung hat von den Himmeln und Abgründen des Menschentums, sollte nicht in einer Welt leben, in welcher common sense, Demokratie und bürgerliche Bildung herrschen. Nur aus Feigheit lebt er ihn ihr, und wenn seine Dimensionen ihn bedrängen, wenn die enge Bürgerstube ihm zu eng wird, dann schiebt er es dem ‚Wolf‘ in die Schuhe und will nicht wissen, dass der Wolf zuzeiten sein bestes Teil ist.“

Hermann Hesses Geschichte vom „Steppenwolf“, 1927. Die romantische Wendung gegen die Rationalität machte den Roman in den 1960er und 1970er Jahren zum Kultbuch: Millionen von Menschen steigerten sich in die Vorstellung hinein, dass sie „eigentlich“, auf einer tieferen Ebene und in ihrem besten Teil, eben doch Wölfe seien. Aber nur „eigentlich“: „Recht hast du, Steppenwolf, tausendmal Recht, und doch musst du untergehen.“

Eine der phantastischen Szenen gegen Schluss des Romans führt aus, dass es statt der Tötung des Wolfs oder seiner Zähmung zum Hund noch eine andere, weit unbehaglichere Möglichkeit gäbe: die Bändigung des Menschen zum Diener seines Wolfes. Der Wolf, zitiert Geisenhanslüke den französischen Philosophen Jacques Derrida, ist der Mensch, indem er sich seinem eigenen Zugriff entzieht, indem er sich aus seinem Bewusstsein verbannt hat. In seiner Autobiographie „Die gerettete Zunge“, 1977, schilderte der Schriftsteller Elias Canetti eine Szene, die komödiantisch angelegt war, vom Kind jedoch als tödliche Bedrohung erlebt wurde: „Eines Nachts weckte mich ein riesiger Wolf, der sich über mein Kinderbett neigte. Eine lange, rote Zunge hing ihm aus dem Mund und er fauchte fürchterlich. Ich schrie aus Leibeskräften: ‚Ein Wolf! Ein Wolf!‘“ „Da kam eine Hand hervor, griff an den Ohren des Wolfs und zog seinen Kopf herunter. Dahinter stand der Vater und lachte.“ 

 

Neu auf dem Büchermarkt:
Achim Geisenhanslüke: Wolfsmänner. Zur Geschichte einer schwierigen Figur, transcript Verlag, Bielefeld 2018, 118 S., ISBN 978-3-7328-4271-1, 14,99 

Mehr im Internet:
Werwolf - Wikipedia
Achim Geisenhanslüke: Wolfsmänner

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