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12.06.2018 - GESCHICHTE

Als das Christentum zu Christentuemern wurde

Der englische Historiker Mark Greengrass ueber das Zeitalter der Glaubensspaltung

von Josef Tutsch

 
 

Protestantische Spottmünze auf die ka-
tholische Kirche, Mitte des 16. Jhdts.
Bild: Wikisource

„ELIZABETH II. D. G. REG. F. D.“ ist auf den britischen Münzen rund um das Portrait der Königin zu lesen. „D. G. REG.“ bedeutet „Königin von Gottes Gnaden“, aber wofür steht „F. D.“? Die beiden Buchstaben kürzen das lateinische „Fidei Defensatrix“ ab, „Verteidi-gerin des Glaubens“. Der Titel wurde, in der männlichen Form „Defensor“, Elisabeths Vorgänger Heinrich VIII. 1521 von Papst Leo X. verliehen, für sein Buch „Verteidigung der sieben Sakra-mente“. Heinrich hatte darin die Lehre der katholischen Kirche gegen den „Unglauben“ verteidigt, gegen Martin Luthers Reformation.

Man könnte meinen, nach der Begründung der anglikanischen Staatskirche hätte sich dieser vom Papst verliehene Titel erübrigt. Doch 1544 übernahm das englische Parlament die Bezeichnung „Fidei Defensor“ für Heinrichs Sohn Edward VI., der nun als Oberhaupt dieser neuen Kirche amtierte. 1688 wurde sie im „Coronation Act“ formell für alle englischen (und später britischen) Könige und Königinnen festgeschrieben. Inzwischen war allerdings ein anderer Glaube gemeint, eben der anglikanische, der auch und vor allem gegen die katholische Kirche verteidigt werden sollte.

Der englische Historiker Mark Greengrass, Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Sheffield, hat 2014 eine mehr als 700 Seiten starke Studie zu den Folgen herausgebracht, die Martin Luthers Reformation zum Verständnis des Glaubens nach sich zog. Es konnte nur einen Glauben geben, das war die selbstverständliche Voraussetzung, auf der das christliche Mittelalter aufgebaut hatte. Davon wollte auch das konfessionelle Zeitalter eigentlich nicht abweichen. Eigentlich – die Realität war nun eine andere: Mehrere religiöse Überzeugungen bestanden nebeneinander, die alle den Anspruch erhoben, dieser „eine“ Glaube zu sein. Eine Entwicklung, die Europas Sprachen bis heute nicht nachvollzogen haben: Das Wort „Glaube“ gibt es nur im Singular.

„Das verlorene Paradies“ ist die jetzt erschienene deutsche Übersetzung betitelt. Das spiegelt die Perspektive vieler gläubiger Christen in den folgenden Jahrhunderten, denen die kirchliche Einheit des Mittelalters tatsächlich wie ein „Paradies“ erscheinen. Doch ob jeder Leser bereits beim Titel die Kosten oder Unkosten der scheinbaren Harmonie mithört? So wurden die Katharer im hohen Mittelalter, die eine konkurrierende Kirche wenigstens im Ansatz verwirklichen konnten, brutal unterdrückt – was bei Luthertum und Calvinismus dann nicht mehr möglich war.

Das englische Original des Buches setzt einen etwas anderen Akzent: „Christendom Destroyed“. Der Übersetzer Michael Haupt gibt, in der Wortwahl vielleicht ein bisschen verwirrend, „christendom“ – also die zerstörte soziale Einheit, die im Rückblick als Heimat oder Paradies erschien – im Text mit „Christentum“ wieder, den christlichen Glauben, der in diesem Zeitalter der konfessionellen Spaltung als solcher ja nicht in Frage gestellt wurde, mit „Christenheit“. „Das Christentum hatte sich aufgelöst, aber eine Christenheit, die es ernst meinte, hatte ihre Stimme gefunden“, schreibt Greengrass im Schlusssatz und verweist auf das von jeder kirchlichen Organisation unabhängige religiöse Erlebnis des französischen Philosophen Blaise Pascal.

Thomas Cockson: Die Vergnügungen des
Christentums, 1609 - Bild. Wikipedia


Der Forscher hat die Wandlungen, die Europa im 16. und 17. Jahrhundert durchmachte, nach den verschiedensten Richtungen hin abgeschritten, von den Klimaveränderungen, die seit den 1560er Jahren die Ernteerträge drastisch reduzierten, bis zu den Versuchen protestantischer wie katholischer Obrigkeiten, die grassierende Armut weniger durch Caritas als durch Repression zu bekämpfen. Und immer wieder die Glaubensspaltung. „In der Zeit des Christentums“, schreibt Greengrass (und meint: in der Zeit, als es noch nicht mehrere Kirchen, sozusagen konkurrierende „Christentümer“, gab), „war Wissen ein Vorrecht von wenigen.“ Ob den protestantischen Theologen, die seit dem frühen 16. Jahrhundert dem gemeinen Volk die Bibel in die Hand geben wollten, damit jedermann selbst das Wort Gottes lesen könne, eigentlich bewusst war, dass sie den Weg zu einer Pluralität der Meinung ebneten?

In einem Punkt waren sich die Widersacher einig: Alle anderen Religionen seien „falsch und verdammenswert“, zitiert Greengrass den englischen Jesuiten Robert Persons. Und einen holländischen Calvinisten, der meinte, „zwischen der reformierten Lehre und den römischen Phantastereien“ gebe es „so wenig Gemeinsames wie zwischen Weiß und Schwarz“. Die Frage, „ob es gerechtfertigt war, für den Erhalt der Glaubensgemeinschaft Gewalt einzusetzen“, wurde ein zentrales Problem der politischen Theorie. Das kommt uns heute beinahe unwahrscheinlich vor, obwohl die letzten Fälle, dass auch innerchristlich im Namen der Religion Kriege und Bürgerkriege geführt wurden, erst wenige Jahrzehnte zurückliegen – Nordirland und Bosnien.

Ausgerechnet jedoch in diesem vorderhand so unmodernen Kontext, berichtet Greengrass, kam auch ein sehr moderner Gedanke auf: ob das Volk ein Recht auf Widerstand oder gar Aufstand gegen seine Obrigkeit habe. Etwas leichthin neigten damals manche Theoretiker dazu, bereits in der „falschen“ Konfession eines Königs einen Verstoß gegen die ihm von Gott aufgegebenen Herrscherpflichten zu sehen – und daraus einen Mordanschlag zu rechtfertigen. Andererseits gab es auch Versuche, das Nebeneinander verschiedener Konfessionen zwar nicht freiheitlich, aber doch friedlich zu regeln. In den meisten deutschen Territorien galt nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555, dass die Untertanen dem Bekenntnis ihres Herrschers zu folgen hatten. In den Schweizer Kantonen ging es „demokratischer“ zu: Die stimmberechtigten Bürger entschieden mit Mehrheit; der Minderheit blieb, ebenso wie in den fürstlichen Ländern, die Möglichkeit, sich anzupassen oder auszuwandern.

Einen Fall, dass auch einzelnen Familien oder Individuen ein Freiheitsraum zugebilligt wurde, hat Greengrass im Thurgau gefunden, südlich vom Bodensee. Seit dem Landfrieden von 1531 wurden nicht nur Kirchen von Katholiken und Reformierten gleichermaßen genutzt, es kam auch vor, dass katholische Geistliche den Anhängern der Reformation die Sakramente spendete, umgekehrt berief der Bischof von Konstanz auch Reformierte als Pastoren. Leider gibt der Autor keine Auskunft darüber, wie dieses Toleranzmodell immerhin fast ein Jahrhundert lang funktionieren konnte. Es „entsprach den Auffassungen der Menschen darüber, was recht und billig war“. Aber warum gerade im Thurgau und sonst fast nirgends?

Das Gegenbeispiel bietet Münster, wo die radikale Wiedertäufersekte ein utopisches Gesellschaftsmodell erprobte, das in der Realität eher eine totalitäre Diktatur war. In diesem Fall fanden sich katholische und evangelische Fürsten zusammen, ihre Heere bereiteten dem Täuferreich mit ungeheurer Brutalität sein Ende. Das verlorene Paradies, das die Täufer von Münster suchten (oder auch die viel friedlicheren Puritaner der „Mayflower“, die 1620 mit der „Mayflower“ Massachusetts besiedelten), war natürlich nicht das katholische Spätmittelalter vor der Reformation, sondern ein ideal gedachtes Christentum, verwirklicht bereits in dieser Welt, als Politik „von unten“, wenn man so will.

Europa als Königin, aus Sebastian
Münsters "Cosmographia",
1570 - Bild: Wikipedia


Demgegenüber die geistlichen wie weltlichen Fürsten, deren Aufgabe doch die Verteidigung des Glaubens sein solle, drastisch an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Im Bildteil seines Buches zeigt Greengrass einen Kupferstich des englischen Graphikers Thomas Cockson, „Die Vergnügungen des Christentums“, 1609. Ganz oben an einem Spieltisch steht der Papst, ihm zur Linken sitzen die Herrscher von Frankreich, England, den Niederlanden und Dänemark, ihnen gegenüber drei katholische Mönche. Man spielt Karten und Backgammon – um die Zukunft Europas. Offenbar liegt das Schicksal des „Christentums“ weder den Vertretern der Kirche noch den vier weltlichen Potentaten – einem Katholiken, einem Anglikaner, einem Calvinisten, einem Lutheraner – wirklich am Herzen.

Dabei hütet sich Greengrass bei allem Interesse für den Punkt „Glaubensspaltung“ davor, allzu schlichte Monokausalitäten aufzustellen. Neben der Reformation waren vor allem die Entdeckungsreisen ein wichtiger Faktor. Erst die Entdeckung Amerikas, schreibt der Autor, ermöglichte den modernen Begriff von „Europa“, wie wir ihn heute so selbstverständlich verwenden, als ein „Ensemble von Werten“, eine „gemeinschaftliche Identität“, der zugleich ein ganz bestimmter geographischer Ort zugewiesen war. Und in ihrer Sicht der Außenwelt fanden die „Europäer“, protestantische wie katholische, dann doch wieder etwas Gemeinsames. Die indigenen Völker, die „Wilden“, gerieten in den Ruf, nicht nur „barbarisch“ und „heidnisch“ zu sein, sondern auch „lasterhaft, unzuverlässig, faul, ziellos und unvernünftig“ – im Gegensatz zum europäischen Selbstbild von Freiheit und Verantwortung.

Auf die Entdeckung Amerikas bezog sich auch der flämische Maler Jan van der Straet 1580 in seiner Kupferstichserie „Neue Entdeckungen“. Auf einem der Bilder verlässt in der Ecke oben rechts der Philosoph Aristoteles resignierend den Schauplatz – ein halbes Jahrhundert, bevor die römische Inquisition im Prozess gegen Galileo Galilei noch einmal versuchte, die Kontrolle über den Erkenntnisprozess in der Hand zu behalten, ahnte van der Straet bereits, dass nicht nur die religiösen, sondern ebenso die alten wissenschaftlichen Autoritäten beschädigt waren.

Was blieb vom „destroyed christendom“? „Das Christentum war ein Wunschtraum für Ireniker geworden“, schreibt Greengrass, „also für all diejenigen, welche die Aussöhnung in den religiösen Differenzen Europas anstrebten.“ Das blieb eine Chimäre, die allseitigen Machtinteressen standen dagegen. Aus der Glaubensspaltung ging ja auch nicht unmittelbar die Religionsfreiheit hervor, die alte Einheit wurde zu einem Nebeneinander mehrerer „Christentümer“, wenn dieser Plural erlaubt ist. Greengrass‘ Darstellung bricht mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ab, so muss die Frage nach dem Zusammenhang von Reformation und Aufklärung ausgeklammert bleiben: Wäre ohne den fundamentalen Zweifel, der aus der Glaubensspaltung resultierte, die Idee individueller Religionsfreiheit möglich gewesen, zu der sich Europa im Laufe des 18. Jahrhunderts nach den Kriegen um die „richtige“ Religion durchrang?


Neu auf dem Büchermarkt:

Mark Greengrass: Das verlorene Paradies. Europa 1517-1648, aus dem Englischen von Michael Haupt, Theiss Verlag, Darmstadt 2018, 782 S. mit 44 s/w. Ill., ISBN 978-3-8062-3661-3, 39,95 €


Mehr im Internet:
Glaubensspaltung - Wikipedia 
Mark Greengrass: Das verlorene Paradies 
scienzz artikel Reformation und Gegenreformation

 

 

 

 

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