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11.07.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

"In einer sprache, deren die unheilige menge sich nie bedienen wuerde"

Vor 150 Jahren wurde Stefan George geboren

von Josef Tutsch

 
 

Stefan George, Portrait von
Reinhold Lepsius
Bild: Wikipedia

Eigentlich, meinte der französische Dichter Stéphane Mallarmé 1862 in seinem Aufsatz „Ketzereien, die Kunst betreffend“, sei es doch höchst ungehörig, dass Baudelaires Gedichte „Die Blumen des Bösen“ in derselben Schrifttype gedruckt würden wie ein beliebiger Zeitungsartikel. Mallarmé bedauerte sogar, dass sich die Poesie mit dem Alltag ein und dasselbe „Material“ teilen müsse, eben die Sprache. In der autonomen und abstrakten Musik sah der Dichter das Vorbild für sein eigenes Ideal einer „poésie pure“.

Im Kaiserreich Napoleons III. hatte der gesellschaftliche Wandel Frankreich mit großer Rasanz erfasst, das brachte für die Schriftsteller eine tiefe Verunsicherung ihres Selbstverständnisses. Sie reagierten auf zwei gegensätzliche Weisen. Während sich Émile Zola in journalistische Betriebsamkeit stürzte, proklamierte Mallarmé eine radikale Autonomie der Kunst, weitab von allen gesellschaftlichen Bedingungen. Ein Vierteljahrhundert später wiederholte sich in Deutschland, das unter den Hohenzollernkaisern den industriellen Fortschritt der westeuropäischen Länder hektisch aufholte, dieser Zwiespalt. 1889 provozierte Gerhart Hauptmann mit seinem „naturalistischen“ Stück „Vor Sonnenaufgang“ einen Theaterskandal, drei Jahre später folgten seine „Weber“, bis heute die dramatische Sozialanklage par excellence.

Doch im selben Jahr 1889 besuchte der junge Stefan George Paris, wo er auch Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé kennenlernte. Der Gastwirt- und Weinhändlersohn, der am 12. Juli 1868, vor 150 Jahren, in Bingen am Rhein geboren worden war, hatte den Ehrgeiz, Gedichte zu schreiben wie die französischen „Symbolisten“, er übertrug ihren „Ästhetizismus“ nach Deutschland. „Jeden wahren künstler“, formulierte er 1892 in einer „Lobrede auf Mallarmé“ sein Credo, „hat einmal die sehnsucht befallen in einer sprache sich auszudrücken deren die unheilige menge sich nie bedienen würde oder seine worte so zu stellen dass nur der eingeweihte ihre hehre bestimmung erkenne.“

Geschrieben weitgehend ohne Großbuchstaben und ohne Satzzeichen – bereits optisch wollte sich George, ganz im Sinne Mallarmés, von der Alltagssprache abheben. Von 1897 ließ George seine Gedichtbände nur noch in einer eigenen Drucktype erscheinen, die ihm der Graphiker Melchior Lechter entwickelt hatte, in der sogenannten „St.-G.-Schrift“, gestaltet auf der Grundlage von Georges eigener Handschrift. Moderne Nachdrucke in „normaler“ Schrift hätte der Dichter als Entweihung empfunden. „Den wert der dichtung entscheidet nicht der sinn (sonst wäre sie etwa weisheit gelahrtheit) sondern die form, d. h. durchaus nichts äusserliches sondern jenes tief erregende in mass und klang wodurch zu allen zeiten die Ursprünglichen die Meister sich von den nachfahren den künstlern zweiter ordnung unterschieden haben.“

Ein Ideal „absoluter Poesie“, an dem sich seit jeher die Geister scheiden. In den Literaturgeschichten häufen sich Vokabeln wie „leer“ und „manieristisch“ und „ornamental“. Aber etwa der Philosoph Theodor W. Adorno meinte noch ein halbes Jahrhundert später, er schätze George höher als den wenige Jahre jüngeren Rainer Maria Rilke: In Georges Gedichten sei das bei Rilke oft so störende „redselig Schmückende“ von der Reflexion gebändigt. Unser Befremden steigert sich noch, wenn wir die Schilderungen der Zeitgenossen von Georges Auftreten lesen: in feierlicher Pose, gehüllt in ein quasi-priesterliches Gewand. Eine Pose, die zweifellos ihr Komisches hat. George legte sie auch nicht ab, als er sich in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts vom puren Ästhetizismus ab und dem zuwandte, was man damals „Lebensreform“ nannte.

"Das Jahr der Seele", 1897, ge-
staltet von Melchior Lechter
Bild: Wikipedia


Zu dieser Wendung trug ein persönliches Moment bei, das sich nebenbei auch als politische Differenz entpuppte. Im sogenannten „Kosmiker“-Kreis um Alfred Schuler und Ludwig Klages in München, in dem George bislang verkehrt hatte, kam mehr und mehr ein ungezügelter Irrationalismus zum Durchbruch. George teilte die Kritik an der Vorherrschaft des Intellekts in der modernen Welt, doch er strebte nach einem Gleichgewicht, „Rausch und Helle“ zugleich. Und der Irrationalismus der Kosmiker war immer stärker auch antisemitisch geprägt. Für George inakzeptabel, im Freundeskreis junger Dichter, Künstler und Wissenschaftler, den er seit den frühen 1890er Jahren um sich versammelte, spielte die Herkunft niemals eine Rolle.

Eher schon das Aussehen: Der „George-Kreis“ war unübersehbar homoerotisch geprägt. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob es auch zu sexuellen Handlungen kam. Jedenfalls trug schon dieser Verdacht dazu bei, dass Hugo von Hofmannsthal, der 1891, als 17-jähriger, mit George bekannt geworden war, sich dem Werben des wenige Jahre Älteren angstvoll entzog. Instinktiv befürchtete Hofmannsthal aber wohl auch, in der Nähe von Georges übermächtiger Persönlichkeit seine künstlerische Selbständigkeit zu gefährden.

Hofmannsthal war nicht der einzige, der Abstand hielt. 1910 begegnete Max Weber in Heidelberg dem Dichter und war fasziniert. Am Fall Georges und seines Kreises entwickelte Weber – streng soziologisch, ohne wertende Konnotationen, wie er immer betonte – seine Begriffe des „Charismas“ und der „Sekte“. Zur Verwunderung der Zeitgenossen hatte der George-Kreis nicht nur einen „Propheten“, sondern sogar einen „Gott“. 1907 waren Gedichte Georges erschienen, in denen er einen 16-jährig an Meningitis verstorbenen Münchner Schüler unter dem Namen „Maximin“ postum feierte: „Nun hebt das haupt! Denn euch ist heil geschehn“, „preist eure zeit in der ein gott gelebt!“

Verse, die dem Außenstehenden eher peinlich klingen. Aber sie weisen tatsächlich alle Züge religiöser Entrückung auf. Welche Gefahren, auch politischen Gefahren, im Georgekreis angelegt sein konnten, scheint Thomas Mann bereits 1904 vorausgeahnt zu haben. In der Erzählung „Der Prophet“ trägt ein junger Mann „Predigten, Gleichnisse, Thesen, Gesetze, Visionen, Prophezeiungen und tagesbefehlartige Aufrufe“ vor „die in einem Stilgemisch aus Psalter- und Offenbarungston mit militärisch-strategischen sowie philosophisch-kritischen Fachausdrücken in bunter und unabsehbarer Reihe einander“ folgen. Der „Prophet“ selbst tritt gar nicht auf, er ist nur durch ein Portraitfoto gegenwärtig, das auf einem „altarartigen Schrein“ thront, ein Antlitz „mit gewaltig hoher, bleich zurückspringender Stirn und einem bartlosen, knochigen, raubvogelähnlichen Gesicht von konzentrierter Geistigkeit“ – unverkennbar eine Karikatur Stefan Georges.

Doch in Thomas Manns Karikatur mengte sich auch einiges an Respekt. Befragt, welchen von den beiden Sprachmagiern der Jahrhundertwende, Rilke oder George, er für den größeren halte, sagte Mann 1941, die Wahl falle ihm schwer. Beide seien „Erz-Ästheten“, „der eine in femininer, der andere in männlich-sadistisch-diktatorischer Form“. Zur Überraschung mancher Anhänger wie Gegner war der „diktatorische“ George 1914 einer der ganz wenigen unter Deutschlands Intellektuellen, die sich der allgemeinen Begeisterung für den Weltkrieg verweigerten: „Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein · nur viele untergänge ohne würde.“

Claus von Stauffenberg in der Pose des
Bamberger Reiters, 1926
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia


1933 erwarteten die Nationalsozialisten wie selbstverständlich, George, der in seinen Gedichten doch immer wieder seinen Abstand zum wilhelminischen Kaiserreich wie zur Weimarer Republik betont hatte, würde sich nun dem neuen Staat anschließen. Auch manche in Georges eigenem Kreis glaubten, die Verwirklichung dessen stehe an, was die rätselhaft klingenden Formeln vom „neuen Reich“ und vom „geheimen Deutschland“ in den Gedichten gemeint hatten. Joseph Goebbels bat George, die Präsidentschaft der Deutschen Akademie für Dichtung zu übernehmen. Doch der entzog sich und ging in die Schweiz. Der Ästhet George fand den Aufmarsch der braunen Horden wohl ganz einfach widerlich, im Gegensatz etwa zu Gottfried Benn. Nachdem George am 4. Dezember 1933 bei Locarno verstorben war, sollte Benn in der Akademie die Trauerrede halten. Er widerstand jedoch der Versuchung, den Dichterkollegen politisch zu vereinnahmen. Auch im späten George wollte Benn nicht etwa den politischen Propheten sehen, dessen Vorhersagen sich durch das Dritte Reich bestätigen würden, sondern den „Artisten“.

Die Vieldeutigkeit von Georges Gedichten erlaubte es, dass ihre Strahlkraft in den Endjahren der Weimarer Republik über die politischen Differenzen hinweg wirkte, bei all jenen, die von der Gegenwart unbefriedigt waren und etwas Anderes, Neues erhofften. „Inmitten einer morschen und rohen Zivilisation verkündete, verkörperte er eine menschlich-künstlerische Würde, in der Zucht und Leidenschaft, Anmut und Majestät sich vereinen“, würdigte ihn Klaus Mann. Der spätere Widerstandskämpfer Heinrich Wolfgang Horn erzählte von einem Treffen sozialistischer, kommunistischer und anarchistischer Jugendbünde im Berliner Umland, Ende der 1920er Jahre: „Als das Reisig aufloderte, trat ein junger Mann im blauen Hemd der Sozialisten aus dem Kreis und sprach Georges Gedicht: ‚Wer je die flamme umschritt Bleibe der flamme trabant.“

Eine Breitenwirkung, die George selbst keineswegs beabsichtigte. Er hatte als Maxime für den Kreis ausgegeben: „Hier schliest das tor: schickt unbereite fort.“ Doch der Kreis zerfiel mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Zu den NS-Begeisterten der ersten Stunde unter Georges Jüngern gehörte Claus von Stauffenberg. Im Laufe des Weltkriegs kam er zu einer anderen Einschätzung. In den letzten Tagen vor dem 20. Juli 1944 rezitierte er mehrfach Georges Gedicht „Der Widerchrist“: Der fürst des geziefers verbreitet sein reich“, „Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein.“


Mehr im Internet:
Stefan George - Wikipedia 
scienzz artikel Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts 

 

 

 

 

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