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29.06.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

Vom Hildebrandslied bis zu "Kir Royal"

Eine "Bayerische Literaturgeschichte" - oder Literaturgeschichte in Bayern

von Josef Tutsch

 
 

Hildebrandslied 9. Jh. (Landes-
und Murhardsche Bibliothek
Kassel) - Bild: Wikipedia

Als Thomas Mann, fernab der Heimatstadt Lübeck, in München an seinen „Buddenbrooks“ schrieb und gerade bei Tony Buddenbrooks verunglückter Ehe mit dem Hopfenhändler Alois Permaneder angekommen war, fragte er eines schönen Nachmittags seinen jüngeren Bruder Viktor, wie wohl ein echter Münchner verärgert sagen würde, wenn seine Frau ihn bei einer Schäkerei mit dem drallen Dienstmädchen erwischt hätte und daraufhin abends nicht ins Schlafzimmer lassen wollte. Viktor, der in München aufgewachsen war und sich in der bayerischen Sprachwelt auskannte, antwortete spontan: „Geh zum Deifi, Sauluada, dreckats!“ Thomas ließ sich die Worte buchstabieren und übernahm sie in den Roman.

Ein bairischer Kraftausdruck, der in die Weltliteratur einging. „Bairisch“ mit „i“, wohlgemerkt, also bezogen auf das „bairische“ Sprachgebiet in Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz; Schwaben und Franken würden sich darin nicht wiedererkennen. Der eine Halbsatz macht die „Buddenbrooks“ natürlich nicht zum bayerischen Roman. Aber neben Lübeck hat eben auch München, wo Thomas Mann von 1898 bis 1933 lebte, sein Schaffen geprägt. Nach den „Buddenbrooks“ entstanden dort unter anderem „Der Tod in Venedig“ und „Der Zauberberg“ – nicht zu vergessen die Erzählung „Herr und Hund“ vom Leben der Familie Mann und ihres Hühnerhundmischlings Bauschan im Münchner Vorort Bogenhausen. Die Kulisse Münchens „bot Thomas Mann eine ebenso prächtige wie anregende Kulisse“, schreibt der Augsburger Germanist Klaus Wolf in seiner neu erschienen „Bayerischen Literaturgeschichte“.

„Bayerisch“ hier mit „y“, also nicht beschränkt auf das Gebiet der bairischen Mundart. Der Versuch, Literatur aus vermeintlichen Stammeseigenschaften abzuleiten, ist seit Josef Nadlers „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ in den 1920er Jahren ohnehin in Verruf geraten, mit gutem Grund. Wolf legt ein recht äußerliches, dafür aber auch greifbaren Kriterium zugrunde: Als „bayerisch“ soll gelten, was seit den Anfängen der deutschen Literatur im 8. Jahrhundert auf dem Territorium des Freistaats Bayern von heute produziert wurde. Also einschließlich Bayerisch-Schwaben und Franken, die erst in napoleonischer Zeit zum Königreich kamen, aber ohne die österreichischen Länder, wo zwar eine Variante des Baierischen gesprochen wird, die sich jedoch bereits im Mittelalter vom Herzogtum Baiern trennten.

Es zeigt allerdings die Schwierigkeiten des Konzepts, dass Wolf gleich zu Beginn gezwungen ist, sein Kriterium ein wenig zu dehnen: Tassilo III., der letzte bayerische Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger im späten 8. Jahrhundert, an dessen Hof sich wohl auch ein kulturelles Zentrum ausbildete, residierte in der Hauptsache in Salzburg. In der Auseinandersetzung mit den Karolingern versuchte Tassilo, so Wolf, auch die Literatur als Medium einzusetzen, vor allem, wenn es um Kirchenpolitik ging. Am Ende ohne Erfolg: 788 wurde Tassilo von Karl dem Großen abgesetzt.

Gefördert wurde lateinische, nicht etwa volkssprachliche Literatur, die es damals ja auch nur als „oral poetry“ gab. Ausgerechnet die Absetzung der Agilolfinger, also das vorläufige Ende bayerischer Selbständigkeit, vermerkt Wolf, brachte eine erste Blüte deutschsprachigen Literatur: Die Karolinger förderten die Volkssprache. Es war wohl im Zuge dieser „althochdeutschen Welle“, dass im 9. Jahrhundert auch die erste große Dichtung in deutscher Sprache, das Hildebrandslied, schriftlich festgehalten wurde. Die Sprachhistoriker unterstellen, dass es zuvor im bairischen Sprachraum überliefert worden sein muss.

Bayerische Ruhmeshalle in München,
um 1900 - Bild: Wikipedia


Wahrscheinlich war das Hildebrandslied, zunächst in mündlicher Form, so beliebt, dass auch der eine oder andere schriftkundige Mönch sich dem nicht entziehen konnte. Von „Literaturpolitik“ lässt sich dann wieder bei der sogenannten „Kaiserchronik“ sprechen, die im 12. Jahrhundert im Umkreis des Regensburger Welfenhofes entstand: Sie sollten den Herrschaftsanspruch dieses Geschlechts verkünden. Das Nibelungenlied, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Passau gedichtet wurde, nahm immerhin die Gelegenheit wahr, einen früheren Bischof von Passau namens Pilgrim gebührend zu würdigen. Der amtierende Bischof wird sich beim unbekannten Dichter erkenntlich gezeigt haben.

Usw. usf., Wolf verfolgt die sozialen Umstände, unter denen an den Höfen der Wittelsbacher, in den Klöstern und Bistümern von Tegernsee bis Bamberg oder in den Reichsstädten wie Augsburg und Nürnberg Literatur gedichtet und aufgenommen wurde, durch die Jahrhunderte. So etwas wie eine „Essenz“ des Bayerischen darf der Leser allerdings nicht erwarten. Bis in die Zeit um 1800 verband jene Regionen, die wir heute „Alt-Baiern“, „Bayerisch-Schwaben“ und „Franken“ nennen, wenig miteinander, allenfalls eine gewisse Tendenz zum sprachlichen Ausgleich: Ähnlich wie in Sachsen gab es um 1700 das Bemühen um eine „oberdeutsche“ oder „ostoberdeutsche“ Literatursprache.

Gerade das 18. Jahrhundert, vermerkt Wolf, brachte aber auch einen Durchbruch der Mundartliteratur: Die Konkurrenz mit dem Hochdeutschen förderte das Bewusstsein für das „Eigene“. Vor allem bei den „Großen“ hängt es oft aber auch an biographischen Zufälligkeiten, ob man sie einer „Bayerischen Literaturgeschichte“ zurechnen kann. Jean Paul wurde 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren, ein „Bayer“ also nach heutigen Maßstäben. Zeitweise lebte er in Sachsen und Thüringen und Brandenburg. Dass er sich 1804 nach Bayreuth zurückzog, gab König Maximilian I. die Gelegenheit, ihm 1820 die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften anzutragen. Nach dem Tod wurde Jean Paul Büste in die Bayerische Ruhmeshalle in München aufgenommen.

Die Wittelsbacher-Könige bemühten sich intensiv darum, durch Kulturpolitik ihren jungen Staat zu integrieren. Verglichen mit anderen deutschen Herrscherhäusern gaben sich die Wittelsbacher sowohl volkstümlich als auch liberal. Für das Bayern des 19. Jahrhunderts, betont Wolf, hatte auch die Mundartdichtung, in allen drei Dialekten, ihre staatstragende Funktion, vor allem in Abgrenzung zum Hohenzollernreich, in das sich Bayern 1871 eingliederte. Seit 1896 erschien in München der „Simplicissimus“, die erfolgreichste Satirezeitschrift der deutschen Geschichte. Thomas Manns Wort „München leuchtete“ aus seiner Erzählung „Gladius Dei“ von 1902 wird bis heute gern angeführt, um die Kulturblüte der bayerischen Metropole um 1900 zu beschreiben. Im Original war der Satz natürlich ironisch gemeint, aber eben auch mit einem gehörigen Schuss Ernst darin.

Aufregend war die Literaturmetropole München um die Jahrhundertwende gerade wegen ihrer inneren Gegensätze. In den literarischen Cercles wurde große Literatur produziert - aber auch manches politisch und intellektuell Unzurechnungsfähige, die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow hat das Treiben damals in Schwabing in ihrem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ trefflich karikiert. Im Ersten Weltkrieg befehdeten in der Familie Mann die Brüder Thomas und Heinrich, beide „Wahlmünchner“, einander über der Frage „Zivilisation“ oder „Kultur“. Thomas Mann wandelte sich am Ende des Weltkriegs zum „Vernunftrepublikaner“, der ehemals linksliberale Ludwig Thoma, der das halb und halb eben doch klerikale Bayern der Vorkriegszeit satirisch bekämpft hatte, zum hasserfüllten Antisemiten.

Herber Rosendorfer - Bild:
Dieter Schnöpf/Wikipedia


Zu einer „bayerischen Literaturgeschichte“ gehören eben nicht nur die seinerzeit so beliebten Heimatromane von Ludwig Ganghofer – die natürlich auch. Nach dem Kulturbruch durch den Nationalsozialismus wurde Bayern, vor allem München, wieder eine der wichtigsten Produktionsstätten von Literatur in Deutschland. Aus den letzten Jahrzehnten nennt Wolf als Beispiele Patrick Süskinds Roman-Bestseller „Das Parfum“, 1985. Oder Herbert Rosendorfer groteske Geschichtsverfremdung „Deutsche Suite“, 1972. Oder Martin Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“, 1966, einen Blick in die Abgründe der Wohlanständigkeit.

Die beiden „Altbayern“ Herbert Achternbusch mit seiner Passionsspiel-Parodie „Das Gespenst“ und Franz Xaver Kroetz mit seinen „kritischen“ Volksstücken erklärt der Autor für die 1970er und 80er Jahre zur „literarischen Avantgarde für die gesamte Bundesrepublik“. Eine besondere Stärke der bayerischen Literatur in der Gegenwart scheint auf dem Gebiet des Kabaretts zu liegen. Ganz neu ist das nicht: Die Darbietungen von Karl Valentin und Liesl Karlstadt bildeten in der Zwischenkriegszeit Höhepunkte jedes Münchenbesuchs. Vielleicht, meint Wolf, waren es ja die dauerhafte absolute Mehrheit der CSU und die „übermächtige“, auch postum noch wirkende Persönlichkeit eines Franz Josef Strauß, die das Münchner Kabarett so kreativ machten, sowohl hochsprachlich als auch mehr oder weniger dialektgefärbt.

Womit wir dann doch wieder bei einem Kriterium etwas abseits der Territorialität wären. Im deutschen Fernsehen ist das Bairische (mit „i“) der beliebteste aller deutschen Dialekte. Wolf bietet keine Analyse dieses Phänomens, stellt nur fest, dass Bairisch den Autoren gern dazu dient, den Eindruck einer „ungekünstelten“ Abbildung sozialer Milieus zu erwecken. Das gilt von den eher schlichten Serien à la „Dahoam is Dahoam“ bis zu Helmut Dietls legendären Szenen aus dem Leben des Klatschreporters Baby Schimmerlos von 1986, „Kir Royal“. Und wie im 8. Jahrhundert Herzog Tassilo sind auch die Potentaten von heute weidlich bemüht, die Medien politisch zu nutzen, nicht immer mit befriedigendem Ergebnis. 2015 durfte der damalige Finanzminister Markus Söder in einer Folge von „Dahoam is Dahoam“ auftreten und die Leistungen der Bayerischen Staatsregierung würdigen. Die Szene wurde allgemein als ein bisschen peinlich empfunden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt, Verlag C. H. Beck, München 2018, 368 S., ISBN 978-3-406-72114-4, 29,95


Mehr im Internet:
Bayern - Wikipedia 
Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte 
scienzz artikel Deutsche Literatur 
scienzz artikel Regionen Mitteleuropas 

 

 

 

 

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