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03.07.2018 - LITERATURGESCHICHTE

Faust: Ein Schwarzkuenstler, der zum Inbegriff des deutschen Charakters wurde ...

... und zum Symbol der Moderne

von Josef Tutsch

 
 

Faust vor Auerbachs Keller in
Leipzig, Standbild von Mathieu
Molitor - Bild: Zairon/Wikipedia

„Wer weiß“, stöhnte der Literaturwissenschaftler August Wilhelm von Schlegel im Wintersemester 1803/04 vor seinen Studenten, „wieviele ‚Fäuste‘ oder ‚Fäustchen‘ noch von jungen Skribenten unterwegs sind.“ Das Erscheinen von Goethes „Faust. Ein Fragment“, 1790, hatte in Deutschland eine nationale Begeisterung hervorgerufen. Schlegels Bruder Friedrich erklärte das unvollendete Drama zum „eigentümlichsten Gedicht der Deutschen“, die Figur des „Doktor Faust“ zu „unserer mythologischen Hauptperson“: Sie sei „recht aus der Mitte des deutschen Charakters und seiner Hauptphysiognomie wie geschnitten“.

Doch da Goethe eben nur ein Fragment vorgelegt hatte, wurde es Mode, berichtet der Marburger Germanist Manuel Bauer in seiner neu erschienenen Studie zur Geschichte des „Faust“-Stoffes, dass sich hoffnungsvolle junge Schriftsteller an einer Fortsetzung versuchten. Oder gleich an einem neuen, ganz anderen „Faust“. Das hörte nicht auf, nachdem Goethe 1808 den vollständigen ersten Teil seiner „Tragödie“ herausgebracht hatte, die bis heute berühmteste Fassung. 1824 kam Heinrich Heine nach Weimar und trumpfte gegenüber Goethe gleich damit auf, er arbeite ebenfalls an einem „Faust“.

Die ältere Forschung, hat den Ursprung des Stoffes gern auf eine historische Gestalt zurückgeführt: auf einen gewissen Johannes oder auch Georg Faust, genannt Sabellicus, geboren um 1480 in Knittlingen im nördlichen Schwarzwald, gestorben 1540 oder 1541 in Staufen (Breisgau), der sich als Wanderarzt und Wahrsager betätigte. Bauer vermutet jedoch, dass „Faust“ gar kein Familienname war. Das lateinische Wort „faustus“ bedeutet übersetzt „der Glückbringende“ oder „Glückverheißende“ – ein idealer nom de guerre für einen Wahrsager, schließlich sollten sich die Kunden günstige Voraussagen erhoffen.

Der früheste Kern des Faust-Mythos, meint Bauer, scheint Scharlatanerie gewesen zu sein: die Anmaßung von Wissensbeständen, die Faustus in Wirklichkeit nicht hatte und nicht haben konnte. Nach den Maßstäben spätmittelalterlicher Frömmigkeit auch nicht haben durfte. In Martin Luthers „Tischgesprächen“ findet sich die Bemerkung, Faustus habe den Teufel seinen Schwager genannt, will sagen: seinen Gehilfen bei teuflischen Künsten. 1548 berichtete der protestantische Pfarrer Johannes Gast aus Basel, der Teufel sei bei Faustus in Gestalt eines Hundes präsent gewesen und habe ihm bei Tisch aufgewartet. Gast wusste auch von Faustus‘ schrecklichem, doch wohlverdientem Ende: „Der Teufel erwürgte ihn; seine Leiche lag auf der Bahre immer auf dem Gesicht, obgleich man sie fünfmal umdrehte.“

1587 erschien die erste literarische Bearbeitung des Stoffs, die „Historia von D. Johann Fausten, dem weithin bekannten Zauberer und Schwarzkünstler“. Es war die Zeit, da die „theoretische Neugierde“, um den Ausdruck des Philosophen Hans Blumenberg zu verwenden, sich emanzipiert hatte. Der Verfasser der „Historia“ betrachtete diese Entwicklung von konservativer Warte aus. Faust, schreibt Bauer, „wird für sein Wissensstreben angeklagt, für sein Handeln gibt es keine Entschuldigung“, am Ende muss er zur Hölle fahren.

Der Teufelspakt, Illustration von Ju-
lius Nisle um 1840 - Bild: Wikipedia


Seinen Weg auf die Bühne fand Faustus anscheinend auf dem Umweg über England. Irgendwann um 1590, also bereits kurz nach der deutschen „Historia“, schrieb Christopher Marlowe seine „Tragicall History of D. Faustus“. Englische Wanderschauspieler übertrugen den Stoff zurück nach Deutschland. Offenbar mit derart großem Erfolg, dass der Name „Faust“ ähnlich wie „Hanswurst“ zum Synonym für Belustigungen des Pöbels wurde. „Eine einzige Exklamation „O Faustus! Faustus!“ könnte das ganze Parterre lachen machen“, warnte Moses Mendelssohn seinen Freund Lessing, der sich mit Plänen für ein „Faust“-Trauerspiel trug.

Wie aus den Fragmenten hervorgeht, wollte Lessing die Figur des Schwarzkünstlers gründlich umwerten: Thema, schreibt Bauer, sollte der Umschlag vom Guten ins Böse sein, in dem Lessing so etwas wie eine Dialektik des Erkenntnisstrebens sah. Eine Generation später gab Goethe dem Faust-Stoff auch inhaltlich eine Wendung, die in der Tradition in keiner Weise vorgeprägt war. Die älteren Bearbeitungen hatten den Magier erotisch mit dem Trugbild der schönen Helena verbunden. Goethe schaltete dem aus freier Phantasie die „Gretchentragödie“ vor: Faust verführt ein Bürgermädchen.

Dabei zeichnete Goethe seinen Liebhaber, was oberflächliche Leser gern übersehen, keineswegs besonders liebenswert. An einer Stelle erzählt Faust von den alchemistischen Versuchen, die er gemeinsam mit seinem Vater an der Bevölkerung anstellte: „Ich habe selbst das Gift an Tausende gegeben, sie welkten dahin …“ Im früher vielgelesenen „Faust-Führer“ von Reinhard Buchwald war hierzu tatsächlich zu lesen, es gehe es um „die ewige Berufstragik des echten Arztes, die zugleich alle faustischen Zweifel an menschlichem Wissen und Können aufleben lässt“.

„Faustisch“ … Aus Goethes Figur, indem man einzelne Textstellen willkürlich herausgriff und andere ebenso willkürlich überging, wurde eine Charaktereigenschaft destilliert und glorifiziert, die Essenz eines unermüdlichen Tatmenschen, dem man „Kollateralschäden“ nachsehen musste. Der Teufelspakt, Ausdruck der Fragwürdigkeit menschlichen Strebens, wurde zum Beleg heroischen Menschentums uminterpretiert.

Und wie Friedrich Schlegel es wenige Jahre nach Erscheinen von „Faust I“ vorgezeichnet hatte, wurde dieses „Faustische“ sehr bald auch mit dem „Deutschen“ identifiziert – man darf unterstellen: indem die politische Ohnmacht Deutschlands im frühen 19. Jahrhundert durch Identifikation mit dem vorgestellten „Tatmenschen“ Faust überkompensiert wurde. Der Gedanke fand seine Kontinuität bis hinein ins Dritte Reich.

Christian Dietrich Grabbe und Nikolaus Lenau, Paul Valéry und Thomas Mann, Hector Berlioz und Ferruccio Busoni, Friedrich Murnau und Gustaf Gründgens – sie alle schufen ihren „Faust“, nach Goethe und oft auch gegen Goethe. Und es ist nicht nur dort Faust drin, wo auch „Faust“ draufsteht, berühmtes Beispiel einer Faust-Figur unter anderem Namen: „Manfred“ von Lord Byron, 1817.

Faust und Helena, Kunsthi-
storisches Museum, Wien
Bild: bgdnoy/Wikipedia


Die Erklärung Faustens zum deutschen Charakter par excellence, von der Thomas Mann 1947 im Roman „Doktor Faustus“ den Abgesang schrieb, war nicht das einzige Beispiel politischer Instrumentalisierung. Um 1910 schrieb Anatoli W. Lunatscharski, später Volkskommissar für das Bildungswesen in der Sowjetunion, mit seinem Drama „Faust und die Stadt“ einen abgewandelten Schluss von Goethes „Faust II“. Nachdem das Projekt, neues Land zu gewinnen, gelungen ist, bekehrt sich der sterbende Faust vom aufgeklärten Despoten zur Utopie einer sozialistischen Gemeinschaft.

Tatsächlich hatte bereits Goethe in „Der Tragödie zweiter Teil“ eine Allegorie der Moderne geliefert hat, von der Erfindung des Papiergeldes bis zum Unterhaltungsbetrieb, den Faust und Mephisto am kaiserlichen Hof aufziehen, von der Erschaffung des künstlichen Menschen „Homunculus“ bis zum Projekt der Landgewinnung am „unfruchtbaren Meeresufer“. Der „Held“ des 2. Teils, resümiert Bauer, ist eine Symbolfigur menschlichen Strebens nach Herrschaft über Natur und Gesellschaft und Geschichte.

Nur die skeptischen bis pessimistischen Neben- oder Untertöne, die Goethe zum Projekt Moderne anbrachte, hat Lunatscharski wie so viele andere geflissentlich überhört. Beim „Geklirr der Spaten“ glaubt der blindgewordene Faust, seine Untertanen würden an der Landgewinnung arbeiten, und er wiegt sich in Hochgefühl: „Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.“ In Wirklichkeit sind es die Lemuren, die Faustens Grab schaufeln. Sein alter ego Mephisto, der zu diesem Zeitpunkt noch hoffen darf, die Seele des Helden in die Hölle zu führen, steht vergnügt daneben.

Faust und kein Ende … 2013 setzte der österreichische Schriftsteller Robert Menasse seinem „Faust-Spiel“ (aktualisierender Titel: „Doktor Hoechst“) eine Illustration der Stadt Nagasaki nach dem Atombombenabwurf 1945 voran: Der „faustische“ Fortschritt wurde als Fortschritt zum Ende der Menschheit hin gedeutet. 2009 erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Comic-Fassung von „Faust I“, von Flix (Felix Görmann), eine durch und durch ehrfurchtslose Adaption der Vorlage. Einsatz bei der Wette zwischen Gott und dem Teufel um Faustens Seele sind in diesem Comic zwei Flaschen Kräuterlikör … Inwieweit mit einem solchen Comic neue Leserschichten erschlossen werden, ist die Frage. In voller Tiefe, vermerkt Bauer, jedenfalls wird der Witz doch erst verständlich, wenn der Leser die Vorlage bereits kennt.

Längst nicht die erste Parodie. 1862 lieferte der Schriftsteller Friedrich Theodor Vischer unter dem Pseudonym „Deutobold Symbolizetti Allegorowitsch Mystifizinsky“ „der Tragödie dritten Teil“. Nach seinem Tod wird Faust tatsächlich in den Himmel aufgenommen, dort soll er den Schulknaben Goethes zweiten Teil erklären. Leider versteht er selbst nicht alles, er muss sich mit der Lektüre von Kommentaren plagen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Manuel Bauer: Der literarische Faust-Mythos. Grundlagen – Geschichte – Gegenwart, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2018, 404 S. mit 20 Abb., ISBN 978-3-476-02550-0, 29,95 €


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