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Wissenschaft

07.05.2021 - ALTE GESCHICHTE

Wenn der Vater des Vaterlands sich als Irrer entpuppt

Caesarenwahnsinn seit dem alten Rom

von Josef Tutsch

 
 

Caligula (Ny Carlsberg Glypto-
tek, Kopenhagen)
Bild: Louis le Grand/Wikipedia

Der Glaube an die eigene Göttlichkeit, ein Hang zu theatralischen Auftritten, Verfolgungswahn und Verschwendungssucht, die Gier nach militärischen Triumphen – der Mittelalterhistoriker Ludwig Quidde sparte nicht mit aufsehenerregenden Etiketten, als er 1894 einen Ausflug in die römische Geschichte unternahm und ein Büchlein über Kaiser Caligula (37 bis 41 n. Chr.) veröffentlichte: „Caligula. Eine Studie über römischen Caesarenwahnsinn“.

Die konservative „Kreuz-Zeitung“ sprach in einer Rezension aus, was aufmerksamen Lesern ohnehin nicht entgehen konnte: Unter der Maske einer althistorischen Studie attestierte Quidde Caligulas aktuellem Kollegen in Deutschland, Kaiser Wilhelm II., eine Art „Berufskrankheit“: Gefangen von der Schmeichelei ihrer Umgebung und von der eigenen Propaganda, unter dem „Eindruck einer scheinbar unbegrenzten“ Macht, würden manche Herrscher sich ganz ernsthaft in den Glauben an ihre Übermenschlichkeit, ohne Bindung an Recht und Gesetz, hineinsteigern.

„Caesarenwahnsinn“: Das Stichwort ist aktuell geblieben. „Die Gewaltexzesse der totalitären Staaten im Europa des 20. Jahrhunderts wurden nicht zuletzt durch die mentalen oder psychischen Abnormitäten ihres politischen Führungspersonals erklärt“, schreibt der Althistoriker Florian Sittig in seiner Studie über die römische Geschichtsschreibung zu den Kaisern der julisch-claudischen Dynastie, also aus der Familie des Augustus. In den Zeitungskommentaren und vor allem in den Leserbriefspalten wird heute der Vorwurf auch gegenüber demokratisch gewählten Politikern erhoben, im allgemeineren Sinn einer Entfremdung der politischen Elite vom „Volkswillen“. Oder noch schlichter im Sinn von Realitätsverlust.

Im kaiserzeitlichen Rom, betont Sittig, gab es keinen Begriff, der dem „Caesarenwahnsinn“ entsprochen hätte. Aber „mit schöner Regelmäßigkeit erklärten die julisch-claudischen Imperatoren ihre jeweiligen Vorgänger für verrückt. So widerfuhr es Tiberius durch Caligula, Caligula durch Claudius, Claudius durch Nero“ – und dann Nero selbst erst recht. Sittig: „Glaubt man den antiken Quellen, dann befand sich das römische Weltreich nach dem Tod des Augustus ein gutes halbes Jahrhundert lang unter der Herrschaft von vier Geisteskranken.“

Ob das wirklich zutrifft, darüber wird bis heute gestritten. Allbekannt ist bis heute die Anekdote bei Sueton, Caligula habe sein Lieblingspferd Incitatus mit dem Konsulamt und der Senatorenwürde ausstatten wollen. Berichtete Sueton da von einem historischen Vorgang oder gab er womöglich einen Witz wider, der in Rom über Caligula kursierte? Beim einfachen Volk könnte er womöglich sogar Beifall gefunden haben, wenn er die Elite derart provozierte.

Lawrence Alma Tadema: Inthronisation
des Claudius, 1867
Bild: Wikiipedia


An dieser Stelle, vermerkt Sittig, liegt das grundsätzliche Problem eines Urteils über die römischen Caesaren von Tiberius bis zu Nero: Alle Quellen sind aus der Perspektive der senatorischen Aristokratie geschrieben, mit der die Kaiser im Machtkampf lagen. Das stellt die Glaubwürdigkeit der Quellen in Frage, beweist andererseits aber natürlich nicht, dass die Kritiker mit ihrem Urteil über die Kaiser völlig falsch gelegen haben müssen.

Postum ist es nicht möglich, Caligula oder Nero auf die analytische Couch zu legen, ebenso wenig wie Hitler oder Stalin. Nicht einmal die Kriterien sind verlässlich, wie Sigmund Freud einmal pointiert feststellte: Die Grenze zwischen den „normalen“ und dem „krankhaften“ Seelenzustände sei fließend – so fließend, „dass wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages mehrmals überschreitet“. Nur dass eben nicht jeder von uns die Machtstellung eines Caesaren innehat, wir uns also weniger der Versuchung aussetzen, dass Macht korrumpiert und absolute Macht absolut korrumpiert, wie es der britische Historiker Lord Acton formulierte.

Angesichts der wenig verlässlichen Quellen, berichtet Sittig, kommen manche modernen Geschichtswissenschaftler zu dem Schluss, vor allem Caligula und Nero (sowie unter den späteren Kaisern Domitian, Commodus und Elagabal) seien tatsächlich wahnsinnig gewesen, zumindest sei ihre Regierungstätigkeit auf keine andere Weise sinnvoll zu deuten. Andere Historiker widersprechen: Diese Kaiser hätten vielleicht abwegig oder verwerflich gehandelt, aber im Sinne ihrer eigenen Zielsetzungen „politisch rational“.

Die Gefahr, die Vorwürfe gegenüber den Caesaren modern misszuverstehen, liegt allemal nahe. So wurde den Kaisern Grausamkeit vorgehalten. Grausamkeit gegen Barbaren oder Sklaven hätten ihnen die Geschichtsschreiber sicherlich nachgesehen; entscheidend war: gegenüber römischen Bürgern und zwar nicht aus Herrscherpflicht, sondern zu privatem Vergnügen. Tacitus hielt gegen die Christen unter Nero zwar „die härtesten Strafen“ für wohlverdient, verübelte dem Kaiser jedoch, die Christen seien „nicht dem öffentlichen Interesse, sondern der Grausamkeit eines einzelnen geopfert“ worden.

Oder die Verschwendung, die Entfaltung von Luxus, die von der römischen Öffentlichkeit mit dem griechischen Osten assoziiert wurde. Nicht Kaiser Claudius selbst, wohl aber seiner Verwandtschaft wurde vorgeworfen, sich auf Kosten der „res publica“ hemmungslos zu bereichern, Claudius soll das willenlos geduldet haben. Nicht wie ein Kaiser, sondern wie ein Diener habe er gehandelt, brachte Sueton seine Kritik auf den Punkt: nämlich wie ein Diener seiner Frauen und Freigelassenen, eine Marionette seiner Familie.

Da macht Sittig ein Strukturproblem des Prinzipats aus, wie Augustus es begründet hatte: Die familiären Bindungen in einer Dynastie vertrugen sich schlecht mit dem republikanischen Ideal von „Virilität“, von „männlichem“ Verhalten. Aber nach einem Jahrhundert der Bürgerkriege schien nur die „concordia“ der kaiserlichen Familie eine Hoffnung zu geben, dass die Zeit der Bürgerkriege endgültig vorbei sei. Wenn die Caesaren des 2. Jahrhunderts, die von den Geschichtsschreibern als „gute“ Herrscher beschrieben wurden, ihr Amt vier Generationen lang durch Adoption weitergaben, milderte das zweifellos die Gefahren, die eine dynastische Herrschaft mit sich brachte. Doch die Sitte der Adoption war dem Zufall geschuldet, dass diese Kaiser keine ehelichen Söhne hatten. Der Sohn des Mark Aurel, der dieses Zeitalter der Adoptivkaiser beendete, Commodus, galt bei den Geschichtsschreibern prompt wieder als ein Musterfall von Caesarenwahnsinn.

Carl von Piloty: Nero besingt den Brand           
Roms, um 1861 - Bild: Wikipedia 


Noch ein Aspekt, der von den römischen Geschichtsschrei-bern mit Lust ausgebreitet wurde: der maßlose Sexualt-rieb der julisch-claudischen Kaiser. Nicht das Sexualv-erhalten selbst war Stein des Anstoßes, betont Sittig, vielmehr die Gefahr, dass die Herrscher den Thron zur Befriedigung ihrer fleischlichen Gelüste missbrauchten. Aus der Sicht der römischen Eliten grenzte solche Unbeherrscht-heit ebenso wie die lustvolle Grausamkeit an Geisteskrankheit.

Höhepunkt der Perversion war jedoch, dass die römische Aristokratie gezwungen wurde, den künstlerischen Darbietungen Neros beizuwohnen und ihm auch noch Beifall zu zollen, weil alles andere dem Hochverrat nahegekommen wäre. Wie gut oder wie schlecht der kitharaspielende Nero immer gewesen sein mag – sein Artistentum passte nicht zu den Erwartungen, die an einen Kaiser zu stellen waren. Die römische Historiographie rächte sich sozusagen im Nachhinein, indem sie Nero für wahnsinnig erklärte.

Und ebenso erging es seinen drei Vorgängern. Das ist umso erstaunlicher, als die Konstruktion dieser Monarchie in quasi-republikanischer Form etwas ganz anderes vorgesehen hatte: Der verstorbene Herrscher sollte durch Senatsbeschluss unter die Götter aufgenommen werden, um auch seinen Nachfolger mit einer sakralen Aura zu umgeben. Doch so geschah es bis zum Ende der Dynastie nur ein einziges Mal, beim Übergang von Augustus zu Tiberius. In den anderen Fällen delegitimierten sowohl der Senat als auch die Nachfolger jeweils ihre Vorgänger durch den Verdacht des Wahnsinns. „Nur wenn die vorangegangene Regierung als chaotische Unordnung erschien“, meint Sittig, „war es möglich, den eigenen Herrschaftsantritt als eine Restauration der ‚res publica‘ darzustellen, wie sie Augustus vollzogen hatte.“

Inwieweit dieses Bild im Einzelfall vielleicht sogar zutrifft, lässt sich kaum noch klären. Für die römische Aristokratie, die sich – im Sinne der alten republikanischen Ideale betrachtet – in jeder Generation von neuem als eine „Elite kompromittierter Kollaborateure“ vorkommen musste, meint Sittig, hatte es jedenfalls einen guten Sinn, den Herrschern Wahnsinn nachzusagen: Es wurde verständlich und entschuldbar, dass man sich auf den neuen, mit großen Hoffnungen ins Amt gekommenen Herrscher zunächst einmal eingelassen hatte. Und dann, nachdem der Wahnsinn offenkundig geworden war, dass man sich von ihm abwandte und ihn, wie bei Caligula und Nero geschehen, gewaltsam beseitigte. Vielleicht spielte der Geschichtsschreiber Sueton auf dieses Rechtfertigungsmuster an, als er berichtete, der junge Tiberius habe den Ehrentitel „Vater des Vaterlandes“ dankend zurückgewiesen, mit der Begründung, die Gefahr sei groß, dass er dieser Ehre später einmal für unwürdig befunden werden könnte



Auf dem Büchermarkt:
Florian Sittig: Psychopathen in Purpur. Julisch-claudischer Caesarenwahnsinn und die Konstruktion historischer Realität, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-515-11969-6, 576 S., 84,00 €



Mehr im Internet:
Caesarenwahnsinn - Wikipedia 
Florian Sittig: Psychopathen in Purpur 
scienzz artikel Römische Geschichte

 

 

 

 

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