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13.08.2019 -COMICS

Superkraefte und sehr viel Moral - und ein grell-buntes Kostuem

Die modernen Nachfolger von Achilleus und Siegfried

von Josef Tutsch

 
 

Im Supermankostüm
Bild Greyloch/Flickr/Wikipedia

Es war im Frühjahr 1986. Während in der Sowjetunion der neue Parteigeneralsekretär Michail Gorbatschow mit den Forderungen nach „Glasnost“ und „Perestroika“ Aufsehen erregte, erfuhr das amerikanische Publikum aus einer Veröffentlichung des Verlags „DC Comics“, in Gotham City habe ein gewisser Bruce Wayne, inzwischen 55 Jahre alt, beschlossen, wieder in seiner zweiten Identität als „Batman“ aktiv zu werden. Trotz seiner nachlassenden Kräfte wolle Batman alias Wayne sich nochmals in den Kampf stürzen, um der Herrschaft der „Mutanten“-Gang über die Stadt ein Ende zu machen. Die Geschichte geht ein wenig resignativ aus: Nach allerlei Wirrnissen, für die vor allem der amtierende Staatspräsident (offenkundig eine Karikatur von Ronald Reagan) verantwortlich gemacht wird, beschließt Batman, sich endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Er will nun Nachfolger ausbilden, die in späteren Generationen gegen das Böse kämpfen sollen.

Ein alternder Superheld, mehr noch: ein Superheld, der sich nicht nur seiner körperlichen Grenzen schmerzlich bewusst geworden ist, sondern auch von Skrupeln geplagt wird, ob und inwieweit sich sein Handeln wirklich von dem der Verbrecher unterscheidet. Ein halbes Jahrhundert, nachdem der Autor Jerry Siegel und der Zeichner Joe Shuster mit Superman den ersten dieser „Superhelden“ geschaffen hatten, gingen die Auflagenzahlen der Comics drastisch zurück. Dazu trug nicht nur die übermächtige Konkurrenz der Filmindustrie bei. Für das Publikum war die Figur eines unbesiegbaren und unbeirrbaren Kämpfers für das Gute allmählich langweilig geworden. Mit dem verunsicherten Batman in „The Dark Knight Returns“ schaffte es der Comicproduzent Frank Miller, den Niedergang des Genres noch einmal umzukehren.

Was, fragen der Siegener Anglist Lukas Etter, der Berliner Germanist Thomas Nehrlich und die Zürcher Germanistin Joanna Nowotny in ihrem neu erschienenen Reader mit gut 30 Beiträgen zur Comicforschung, macht Superhelden wie Superman und Batman eigentlich aus? Was unterscheidet sie von den „traditionellen“ Helden in den großen Epen der Weltliteratur, von Gilgamesch über Achilleus in der Ilias und Simson in der Bibel bis zum Siegfried des Nibelungenlieds? Außer natürlich, dass die Comics als Kunstform erst im 19. Jahrhundert aufkamen?

Die bloßen Superkräfte allein sind es offenbar nicht, auch wenn diese modernen Helden nicht mehr bloß Drachen töten, sondern gleich mit ganzen Planeten jonglieren. Eher schon die Existenz in einer doppelten Identität: unauffällige Normalbürger, die bei Bedarf plötzlich alle Grenzen überschreiten können. In der Kunstform des Comics bietet die Kombination von Bild und Wort ein sehr schlichtes Mittel, diesen Wechsel kenntlich zu machen: das grell-bunte Kostüm. Eine Figur wie der Journalist Clark Kent, hat der italienische Philosoph Umberto Eco beobachtet, repräsentiert „hinreichend den durchschnittlichen Leser“. Wenn er sein Kostüm überstreift, wird nicht nur Kent zu Superman, sondern mit ihm in seinen Träumen auch der Leser.

Was heutige Leser an diesen Anfangsjahren so irritiert, ist jedoch die merkwürdig unproblematische Identifikation der Heldenfiguren mit ihren guten Absichten. Die Superhelden sind von vornherein mit ihrer „Mission“ identisch, vermerkt der Comicforscher Peter Coogan in seinem Beitrag, oft trieft es in den Bildergeschichten nur so von Moral. Dass in der Auffassung von einer „guten Sache“, für die es sich zu kämpfen lohnt, viel an Gruppen- oder Kulturzugehörigkeit stecken kann, an „kultureller Mythologie“, wie es in dem Artikel von Kenneth Gee heißt, ist den Comicmachern selbst und ihrem Publikum vielleicht erst mit den Jahren bewusst geworden. Als 1938 mit Superman der erste Superheld aus der Taufe gehoben wurde, repräsentierte er selbstverständlich und in aller Unschuld das „weiße“ Amerika.

Im Batmankostüm - Bild:
Roger Murmann/Wikipedia

Etter, Nehrlich und Nowotny machen in der Einleitung noch auf einen anderen Widerspruch aufmerksam. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler prägte vor einigen Jahren für unsere Gegenwart den Begriff der „postheroischen Gesellschaft“: Die traditionellen Vorstellungen von Heroismus und militärischer Ehre seien uns durch die zahllosen Kriege der Vergangenheit gründlich ausgetrieben worden. Doch zugleich entstanden in den Comics Kunstfiguren, in denen das Heldische gerade nicht abgebaut, sondern vielmehr ins Unendliche potenziert wurde. Und, wie man hinzufügen darf, zumindest in den Anfängen des Genres von der Last moralischer Reflexionen befreit wurde.

Man könnte einwenden, dass der Postheroismus sich nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in Westeuropa verbreitete, während die Superhelden-Comics in den 1930er in den USA aufkamen. Aber anscheinend war der Trend zum Postheroischen damals auch den USA nicht fremd war, jedenfalls hatte Präsident Franklin D. Roosevelt einige Mühe, sein Land zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zu bewegen. Die Herausgeber des Sammelbandes weisen darauf hin, dass es zumeist Kinder jüdischer Immigranten waren, die von 1938 an die frühen Superhelden schufen. Durch den entfesselten Antisemitismus in Europa wurden sie vielleicht mehr als manche ihrer Zeitgenossen für die Frage sensibilisiert, ob „heldische“ Qualitäten auch in postheroischer Zeit von Wert sein könnten.

Nachdem „Superman“ 1938 das Licht der Welt erblickt hatte, ging es Schlag auf Schlag. 1939 folgte „Batman“, 1941 die erste weibliche Variante, „Wonder Woman“, im selben Jahr „Captain America“. 1952 durften Superman und Batman sogar in ein und demselben Comic auftreten. Eine Idee, die beim Publikum allerdings nicht gut ankam, schreibt Dirck Linck: Comic-Fans neigen zum „Tribalismus“, „man liebt nur einen Superhelden“, „kann dessen Kollegen mitsamt deren Fans nicht ausstehen“. Obwohl die Superhelden doch alle miteinander für das „Gute“ einstehen, für den „american way of life“. Joseph Goebbels bestätigte das ausdrücklich, als er bei der „Reichstagssitzung“ 1942 sagte: „Superman ist ein Jude!“ Ähnlich verwahrte sich später Nikita Chruschtschow. Als Superman-Chefredakteur Mort Wiesinger Moskau besuchte, um dafür zu werben, dass seine Comics auch in der Sowjetunion erscheinen dürften, wies ihn der Parteigeneralsekretär ab: „Auch der Mann aus Stahl ist nicht in der Lage, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen!“

Ihre politische Funktion im Zweiten Weltkrieg und noch in den Anfangsjahren des Kalten Krieges schützte die Superhelden zunächst vor den Angriffen der Pädagogen und Kirchenvertreter, schreiben Etter, Nehrlich und Nowotny. Bereits in den frühen 1950er Jahren häufte sich allerdings die Kritik. Erstens an der Gewalt oder genauer: an der Voraussetzung, mit Gewalt würden sich alle Probleme lösen lassen. Der Zeichner Mark Millar, der Jahrzehnte lang an „Captain America“ mitarbeitete, sah in einem Interview 2010 die Notwendigkeit, eine allzu realistische Lesart abzuwehren: „Ich mag Filme, in denen die Helden einen einfachen Blick auf die Welt und das Leben haben, diese Problemlöser mit Knarre. Im echten Leben ist das übel. Aber es kann durchaus befriedigend sein, das in der Phantasie durchzuspielen.“

Zweitens an der Darstellung von Sexualität – oder vielmehr an der peinlich vermiedenen Darstellung von Sexualität. Dagmar von Doetinchem und Klaus Hartung verweisen darauf, dass die Superhelden in ihrer Männlichkeit nur durch die Muskeln unter dem Kostüm zu erkennen waren, ohne jede Andeutung eines Geschlechtsteils. Gelegentlich hieß es, Superman und seinesgleichen seien verheiratet oder hätten Freundinnen; für die Geschichten spielte das keine große Rolle. Angesichts solcher Leerstellen kam bereits in den 1950er Jahren der Verdacht auf, Batman und sein „Assistent“ Robin hätten womöglich eine homosexuelle Beziehung. Prompt wurde für das Universum von Gotham City die Figur „Batgirl“ entwickelt.

Im Superwomankostüm
Bild. Omarukai/Flickr/
Wikipedia 


Ein schlagendes Beispiel dafür, wie abhängig die Unterhaltungsindustrie von den gemutmaßten Stimmungen im Publikum ist. Superhelden-Comics sind „meist kommerzielle Produkte“, schreibt Frederik Strömberg in seinem Artikel über erste Ansätze, auch arabische und muslimische Superhelden zu entwickeln – man meint, ein leises Bedauern herauszuhören, dass der „Raum für anspruchsvolles Erzählen und nuancierte Darstellung“ beschränkt sein muss.

Aber Hand auf’s Herz: Darf man wirklich annehmen, die Dichter der alten Heldenepen, von Homer bis zum Nibelungenlied, wären von den Wünschen ihres Publikums völlig unabhängig gewesen? Lars Banhold attestiert den Comicproduzenten von heute, sie würden sich bemühen, „die gesellschaftliche Vielfalt in ihren Veröffentlichungen zu spiegeln“ – was die Hautfarbe angeht oder das Alter oder das Geschlecht usw. usf., Teile des Publikums erwarten es so. Doch, so Banhold, dabei könne leicht eine „Zwickmühle“ entstehen: Der Superhelden-Comic sei „auf eine Leserschaft angewiesen, die sich konservativen Normen verpflichtet und von sozialem Wechsel bedroht fühlt“, jedenfalls in ihrer Mehrheit.


Neu auf dem Büchermarkt:

Reader Superhelden. Theorie – Geschichte – Medien, herausgegeben von Lukas Etter, Thomas Nehrlich, Joanna Nowotny, transcript Verlag, Bielefeld 2018, 536 S., ISBN 978-3-8376-3869-1



Mehr im Internet:

Superhelden
Reader Superhelden. Theorie – Geschichte – Medien 
scienzz artikel Comicforschung 

 

 

 

 

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