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23.08.2018 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Pfannkuchen und lange, schmale Roehren

Die kartographische Darstellung von Zeit und Geschichte

von Josef Tutsch

 
 

Sebastian C. Adams: Synchronological
Chart or Map of History, 1881
Bild: Wikipedia

Im Jahr 1838 schickte die katholische Kirche den Priester François Norbert Blanchet auf eine Missionsreise nach Oregon. Um die Indianer dort im Katechismus zu unterweisen, ließ sich Blanchet ein Hilfsmittel einfallen. Auf einem langen Holzstab brachte er eine Zeitleiste an. Querstriche markierten die Jahrhunderte, Punkte die Jahre. Durch Symbole daneben wurden den Neubekehrten die Grunddaten der Heilsgeschichte eingeprägt: Sonne und Mond deuteten die Weltschöpfung an, zwei Bücher das Alte und das Neue Testament, drei Kreuze das Sterben Jesu usf.

Blanchets Stab fand viel Anklang. Unter dem Namen „Katholische Leiter“ entstanden in Nord- und in Südamerika wie auch in Europa bald gedruckte Versionen. Eine Verräumlichung von Zeit, oder genauer: ihre Projektion auf eine Dimension im Raum, die allerdings durch Symbole – oder für ein lesekundiges Publikum auch Texte – erläutert werden musste. Der Historiker Anthony Grafton von der Princeton University und der amerikanische Journalist Daniel Rosenberg haben eine umfängliche, reich bebilderte Geschichte solcher Kartographierungen von Zeit vorgelegt.

Die Zeitleiste oder der Zeitstrahl „scheint zu den Metaphern zu gehören, an denen wir einfach nicht vorbeikommen“, schreiben die Verfasser in der Einleitung. Das Bild von Zeit und Geschichte als einer völlig gleichförmigen Bewegung – und zwar nur in die eine Richtung verlaufend, also unumkehrbar – ist uns selbstverständlich geworden, ungeachtet dessen, dass wir es subjektiv manchmal doch ganz anders empfinden. Da kommt es überraschend, dass diese Darstellung von Zeit in Kartenform erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich wurde. An technischen Darstellungsproblemen allein kann es nicht liegen, meinen die Autoren. Vielleicht war früheren Generationen dieses lineare Zeitverständnis eben doch nicht so selbstverständlich.

Schon die fortlaufende Zählung der Jahre von einem bestimmten Ereignis an, wie der Geburt Jesu, war den frühen Hochkulturen unbekannt. Perser und Juden, ebenso wie zunächst auch Griechen und Römer, arbeiteten mit Tabellen von Königen und Konsuln. Anscheinend war es erst Augustus, der auf dem Forum Romanum einen Kalender einmeißeln ließ, auf dem die Amtsjahre der Konsuln mit einer Jahreszählung „ab urbe condita“, „seit Gründung der Stadt Rom“, verknüpft waren. Das diente der Traditionspflege, die eigene Zeit sollte als Krönung der römischen Geschichte erscheinen. Doch unter der Hand, vermerken Grafton und Rosenberg, änderte Augustus damit auch „die öffentliche Wahrnehmung der Zeit“.

Als im 6. Jahrhundert der christliche Kalender „seit Christi Geburt“ gebräuchlich wurde, ging es zunächst, ganz praktisch, um das Datum des Osterfestes, das für jedes Jahr korrekt berechnet werden musste. Dann aber auch um die Frage, wann der Zeitenablauf zu Ende gehen würde. Zwar hatte der auferstandene Christus seinen Jüngern das Forschen nach diesem Datum ausdrücklich verboten: „Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.“ Aber dadurch ließen sich in den folgenden zwei Jahrtausenden viele fromme Christen nicht von Spekulationen abhalten

Joseph Priestley: A new chart of history,
1765 - Bild: Wikipedia 


Und natürlich wollte nach dem Vorbild des römischen Reiches auch die christliche Kirche ihre Tradition pflegen. Im frühen 4. Jahrhundert, zur Zeit des Kaisers Konstantin, schrieb der Theologe Eusebius von Caesarea seine „Chronik“. Ziel des Werkes: Die Leser sollten erkennen, dass in der Geschichte „die Vorsehung am Werk war“. Die Weltherrschaft Roms unter den Kaisern seit Caesar und Augustus garantierte, dass die frohe Botschaft von Jesus Christus alle Völker erreichen konnte. Noch im 16. Jahrhundert, vermerken Grafton und Rosenberg, kamen Eusebius-Bearbeitungen heraus, in denen die jeweils aktuell herrschenden Dynastien des christlichen Abendlandes in das Schema eingefügt waren.

Entwicklungen, die aus Karl Löwiths klassischer Studie über „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“, 1953, vertraut sind. Löwith bezog sich allerdings nicht auf Eusebius, sondern auf den Kirchenvater Augustinus und dessen Schüler Orosius. Der Band von Grafton und Rosenberg zeigt: Es war eine allgemeine Entwicklung, dass sich im 4. und 5. Jahrhundert christliche Theologen daran machten, die biblische Geschichte einerseits, die der weltlichen Reiche andererseits, zusammenzudenken. Löwith wies bereits darauf hin, wie prägend dieses theologische Schema, mehr und mehr „säkularisiert“, im 18. Jahrhundert für die Geschichtsphilosophie der Aufklärung und später für den Hegelianismus wurde.

Und gerade im 18. Jahrhundert, demonstrieren Grafton und Rosenberg an einer Fülle von Beispielen, kam auch der Ehrgeiz auf, dieses Geschichtsbild in Kartenform niederzulegen. Den Stachel gab offenbar der Vergleich mit den immer präziseren geographischen Karten, die zugleich ein Höchstmaß an Anschaulichkeit boten. Grafton und Rosenberg zitieren eine Äußerung des französischen Arztes Jacques Barbeu-Dubourg aus dem Jahr 1753: Die Chronologie sei „ein so trockenes, so schwieriges und undankbares Feld, dass sie dem Geist kaum mehr bietet als eine Vielzahl hässlicher Daten, die die Erinnerung überfordern und frustrieren und die man daher leicht wieder vergisst“.

Im selben Jahr 1753 kam die „Chart of Universal History“ des englischen Kartographen Thomas Jefferys heraus. Die Jahrhunderte waren senkrecht angeordnet, die zweite, waagerechte Dimension diente dazu, die verschiedenen Weltregionen anzudeuten. In dieses Raum-Zeit-Schema waren die großen Reiche der Weltgeschichte eingezeichnet. Dem Umfang nach riesige, aber kurzlebige Reiche, wie das Alexanders des Großen, sahen damit wie Pfannkuchen aus, niedrig und breit, das Byzantinische Reich dagegen, das viel weniger ausgebreitet war, aber ein volles Jahrtausend Bestand hatte, wie lange, schmale Röhre.

Was schon bei Jefferys‘ ersten Lesern Kritik hervorrief: Die Zeitleiste in seiner „Karte“ war nicht einheitlich skaliert, die älteren Jahrhunderte waren viel kürzer gezeichnet, als die neueren. 1769 versuchte sich Joseph Priestley in seiner „New Chart of History“ mit einer gleichmäßigen Skalierung. Sowohl Jefferys als auch Priestley wird das Problem bewusst gewesen sein, mit dem sich die Hersteller solcher Atlanten bis heute plagen - oder heute, da wir die Geschichte des Kosmos nach Jahrmilliarden bemessen und nicht nach Jahrtausenden, noch viel mehr als früher: Wenn alle Jahrhunderte gleich viel Raum einnehmen, wird der Raum für Einträge in der neueren Zeit recht knapp.

Oder die historischen Karten müssen riesenhafte Dimensionen annehmen. Der deutsche Kupferstecher Christoph Weigel hatte bereits 1723 versucht, genau das zu vermeiden, indem er die Zeitabfolge in Kreisform darstellte – was dem Gedanken einer linear ablaufenden Geschichte im Grunde doch zuwiderlief. Ein Exemplar dieses „Discus chronologicus“ haben Grafton und Rosenberg in der Bibliothek der Princeton University gefunden. Ein früherer Besitzer wollte darin Notizen zu seinem eigenen, dem 18., Jahrhundert niederlegen. Er kam mit dem Platz nicht aus und landete im angrenzenden 1. Jahrhundert n. Chr

Joshua Himes: Chronogical Chart
of visions of Daniel and John, 1842
Bild: Wikipedia 


Ironie der Geschichte, vermerken die Autoren: Die Zeitleisten zur Darstellung der Geschichte wurden gerade in der Zeit populär, als die Romanciers – prominentes Beispiel: Laurence Sterne mit seinem Roman „Tristram Shandy“ – begannen, sich über das lineare Erzählen lustig zu machen. Bereits im späten 18. Jahrhundert, berichten die Autoren, wurde die historische Zeitleiste auch zu Gesellschaftsspielen verarbeitet: „Wer als erster am Ende des Spielfeldes angelangt war, hatte gewonnen.“ 1871 brachte der amerikanische Pfarrer Sebastian C. Adams ein mehr als fünf Meter langes Rollbild mit einem Abriss der gesamten Weltgeschichte heraus. Wer Platz hatte, konnte es sich an die Wand hängen.

Bei Adams war auch die Urgeschichte des Alten Testament aufgenommen. Ein für diese Zeit ungewöhnlich konservatives Moment; bereits im 18. Jahrhundert hatten manche Chronographen die biblischen Patriarchen weggelassen, weil man ihre Historizität bezweifelte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie durch die neu entdeckten geologischen Schichten ersetzt. Dagegen hat sich die andere Frage - die, wie es weitergehen und irgendwann vielleicht zu einem Ende kommen wird – unbeschadet in die moderne Zeit hinübergerettet. Grafton und Rosenberg haben festgestellt, dass in den 1940er Jahren, parallel zur Entwicklung der Atombombe, ein „wahrer Boom der Zeittafeln“ einsetzte, aus einer „Verbindung von technischem Fortschritt und Angst vor dem Weltuntergang“ heraus

Zeitleisten haben, gerade wegen ihrer optischen Simplizität, etwas Zwingendes. Aber bereits Pater Blanchet mit seiner „Katholischen Leiter“ musste erfahren, dass die Vieldeutigkeiten im Geschichtsablauf damit nicht ausgeräumt sind. Beim 16. Jahrhundert hatte er einen Zweig angebracht, der die Entstehung von weiteren christlichen Richtungen abseits der katholischen Kirche markieren sollte. Über diesen Zweig gab es heftige Diskussionen, protestantische Missionare empfanden ihn als Verunglimpfung. 1845 legte die Presbyterianerin Eliza Hart Spalding als Konkurrenzprodukt ihre „Protestantische Leiter“ vor. Ihre Zeitleiste sollte unmissverständlich klarstellen, dass es in Wirklichkeit die katholische Kirche gewesen sei, die vom rechten Weg des christlichen Glaubens abwichen. Den Schwierigkeiten einer Interpretation lässt sich mit aller Anschaulichkeit eben nicht ausweichen


Neu auf dem Büchermarkt:

Daniel Rosenberg, Anthony Grafton: Die Zeit in Karten. Eine Bilderreise durch die Geschichte, aus dem Englischen von Cornelius Hartz, wbg Theiss Verlag, Sonderausgabe Darmstadt 2018, 304 S. mit 40 s/w. und 268 farb. Abb., ISBN 978-3-8062-3785-6, 39,95 €


Mehr im Internet:

Daniel Rosenberg, Anthony Grafton: Die Zeit in Karten  
scienzz artikel Geschichtswissenschaft 


 

 

 

 

 

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