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18.08.2018 - ZEITGESCHICHTE

"Er dachte, ich akzeptiere es"

Vor 50 Jahren beendeten Truppen des Warschauer Pakts den "Prager Fruehling"

von Josef Tutsch

 
 

Alexander Dub?ek
Bild National Archives/Wikipedia

Dem politischen Ernst ging ein akademisches Vorspiel voran. Im Mai 1963 lud die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften zwei Dutzend inländische und ausländische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler zu einer Tagung über das Werk von Franz Kafka in das Schloss Liblice nördlich von Prag. In den sozialistischen Ländern war Kafka fast vier Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch persona non grata. 1962 war in der DDR der Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ entlassen worden, nachdem er eine Rede Sartres über Kafka abgedruckt hatte. In der Sowjetunion kursierten Kafkas Werke nur in Raubdrucken; auch in der Tschechoslowakei, Kafkas Heimatland, konnte sein Roman „Der Prozess“ nicht erscheinen.

Kafka habe den Lesern im Sozialismus nichts mehr zu sagen – diese Meinung vertraten auch die Teilnehmer aus der DDR bei der Tagung in Liblice, darunter der Literaturwissenschaftler Werner Mittenzwei und die Schriftstellerin Anna Seghers: Die „Entfremdung“ des Menschen von seiner Arbeit sei in der neuen Epoche der Menschheitsgeschichte aufgehoben, endgültig. Die tschechoslowakischen Germanisten dagegen wollten „ihren“ Klassiker verteidigen. Bei den Kollegen im Westen fanden sie  Beistand. Der österreichische Schriftsteller Ernst Fischer, Mitglied im Zentralkomitee der KPÖ, schwang sich gar zu einer Lobeshymne auf: Kafka bedeute „den Kampf gegen Dogmatismus und Bürokratismus und gleichzeitig den Kampf für soziale Demokratie, Initiative und Verantwortung“ – kein Wort, dass dieser „Kampf“ von gestern sein könnte.

In der Tschechoslowakei gab die Kafka-Konferenz den Auftakt zu dem, was fünf Jahre später als „Prager Frühling“ Weltgeschichte machte. Einen der beiden Auftakte, um genau zu sein: Den anderen gab die Wirtschaftskrise, in der sich die Tschechoslowakei seit Anfang der 1960er Jahre befand. Die kommunistische Staatsführung suchte Rat beim Ökonomischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, als dessen Leiter von 1961 an Ota Šik amtierte. Šik entwickelte ein „Neues ökonomisches Modell“. In seiner „humanen Wirtschaftsdemokratie“ sollte die staatliche Lenkung zurückgenommen werden, die Betriebe, im Besitz und in der Verfügung ihrer Arbeiter, sollten miteinander in Konkurrenz treten, ohne staatliche Preisvorgaben.

Es war nicht nur die Wirtschaftskrise, die weite Teile der Bevölkerung gegen das Regime aufbrachte. Hinzu kam die allmächtige Zensur: Im Juni 1967 wagten es die Redakteure der Literaturzeitschrift Literární noviny, die Parteiführung auf einem Schriftstellerkongress in aller Öffentlichkeit zu kritisieren. Partei- und Staatschef Antonín Novotný glaubte, das Problem aus der Welt zu schaffen, indem er eine Umbildung der Redaktion anordnete. Und das ungelöste nationale Problem der Tschechoslowakei: Das kleinere der beiden Staatsvölker, die Slowaken, begehrte gegen die Vorherrschaft der Tschechen auf. Und das unbewältigte Erbe des Stalinismus: Die Parteiführung distanzierte sich formell zwar vom Terror, machte jedoch keine Anstalten, die Opfer zu rehabilitieren. Novotný wurde dafür verantwortlich gemacht, dass sich die stalinistische Linie nach dem Tod des sowjetischen Diktators noch lange fortgesetzt hatte.

Der „Prager Frühling“ des Jahres 1968 wurde möglich, weil sich ein Teil der Kommunistischen Partei dieser Unzufriedenheit im Volke anschloss. Der Slowake Alexander Dubček, der im Januar 1968 als Nachfolger von Nowotný zum 1. Parteisekretär gewählt wurde, versuchte allerdings, die Bewegung vorsichtig zu bremsen. Er wusste sehr wohl, wie misstrauisch die Reformansätze in der Tschechoslowakei von den Parteiführungen in den „Bruderländern“ beobachtet wurden. Aber er wusste auch, wie heftig sein eigenes Volk auf Veränderungen drängte. „Wenn mir Breschnew sagte“, erinnerte sich Dubček später, „die und die Leute sind unannehmbar, so reagierte ich nicht, und er dachte, dass ich es akzeptierte. Und ich tat wieder das meinige und führte es nicht durch. Denn hätte ich es in den Ring geworfen, hätte das Volk rebelliert und wir wären in jene innere Eskalation geraten, in die sie uns hineinmanövrieren wollten und die einen Vorwand für die Intervention geliefert hätte.“

Bürger Prags vor einem sowjetischen
Panzer, August 1968
Bild: Central Intelligence Ageny/Wikipedia 


Stein des Anstoßes waren zunächst die Wirtschaftsreformen, die Šik nun in Angriff nehmen konnte. Wenn das richtig sein sollte, was Šik im Rückblick behauptete, dann lag die Regierung in Moskau mit ihren Befürchtungen nicht einmal falsch, dann leitete Šik mit diesen Maßnahmen tatsächlich die Abkehr vom „Sozialismus“ ein. „Sehen Sie, wir konnten damals nicht alle unsere Ziele voll präsentieren“, sagte er 1990 in einem Interview. „Also war auch der dritte Weg ein verschleierndes Manöver. Schon damals war ich davon überzeugt, dass die einzige Lösung für uns ein vollblütiger Markt kapitalistischer Art ist.“

Der andere Stein des Anstoßes war die Abschaffung der Pressezensur. In dieser Übergangssituation – weder durch staatliche Aufsicht noch durch private Financiers irgendwie beeinflusst – habe die Tschechoslowakei damals „die freieste Presse und die freiesten Medien der Welt“ gehabt, schwärmte später der Redakteur Antonín Liehm. „Die Journalisten waren so frei, wie sie wollten. Sie konnten alles schreiben und alles ging sofort auf die Seiten und sofort in den Rundfunk und sofort auf den Bildschirm.“

Der dritte „Stein“ wären freie Wahlen gewesen. Niemand kann sagen, ob Dubček diesen Schritt gewagt und ob er dafür eine Mehrheit seiner Partei hinter sich gebracht hätte. Im Juni 1968 brachte der Schriftsteller Ludvík Vaculík sein „Manifest der 2000 Worte“ heraus, in dem die Parteiführung wegen ihres vorsichtigen Lavierens harsch kritisiert wurde. Ministerpräsident Oldřich Černík warnte: Durch solche Erklärungen könnte der „konstruktive Aufschwung des sozialistischen Erneuerungsprozesses ernstlich gestört“ werden.

Die sowjetische Prawda wertete das Manifest als „Beweis für das Aktivwerden der rechten und ausgesprochen konterrevolutionären Kräfte in der Tschechoslowakei“. Wie genau es dazu kam, dass am 21. August Truppen der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei einmarschierte, ist eine umstrittene Frage der zeithistorischen Forschung. Zu den Antreibern gehörte wohl Walter Ulbricht, ebenso wie das sowjetische Militär, das allen Beteuerungen Dubčeks entgegen ein Ausscheren der ČSSR aus dem Warschauer Pakt befürchtete. Leonid Breschnew soll lange daran geglaubt haben, er könne Dubček zum Einlenken überreden.

Zur Rechtfertigung des Einmarsches wurde behauptet, die Kommunistische Partei der ČSSR habe um diese Hilfe gebeten. Eine Legende, die sich bereits wenige Tage später auflöste, als es der Partei gelang, einen außerordentlichen Kongress einzuberufen, auf dem die Aktion ausdrücklich verurteilt wurde. Aber einen „Hilferuf“ einzelner Funktionäre gab es in der Tat. Anfang August, haben die Zeithistoriker herausgefunden, wurde er am Rande einer Konferenz in Bratislava an den Chef der ukrainischen KP übergeben, in aller Heimlichkeit, auf einer Herrentoilette.

Eine weitere halb komische, halb makabre Farce entspann sich um die Beteiligung der DDR an der Invasion. In den Medien der Warschauer-Pakt-Staaten hieß es allgemein, DDR-Truppen wären dabei gewesen. In der Realität wurde darauf jedoch verzichtet, wahrscheinlich wollte man Erinnerungen an die Besetzung Tschechiens durch die deutsche Wehrmacht 1939 vermeiden. Jedenfalls war die DDR-Führung mit dieser Zurücksetzung nicht einverstanden, in ihren Massenmedien verbreitete sie Reportagen vom glorreichen Einsatz der Nationalen Volksarmee in der Tschechoslowakei.

Jan-Palach-Denkmal in Prag
Bild: Aldo Ardetti/Wikipedia


98 Tschechen und Slowaken sollen bei dem Einmarsch ums Leben gekommen sein sowie etwa 50 Angehörige der Invasionstruppen. Dubček und einige seiner Mitarbeiter wurden als Gefangene nach Moskau abgeführt und mussten sich – die Gefahr, dass es in der Tschechoslowakei zu einem Blutbad kommen würde, war immer gegenwärtig – dazu verpflichten, alle Reformen zurückzunehmen. Im folgenden Januar wollte der Student Jan Palach noch einmal ein Fanal für den „Frühling“ setzen, indem er sich auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte.

Was blieb vom „Prager Frühling“? Teile der 68er Bewegung im Westen wollten darin eine Parallele zu ihrem eigenen Anrennen gegen die kapitalistischen „Verhältnisse“ sehen, Konservative dagegen werteten das Scheitern als Beleg dafür, dass das Sowjetsystem nun einmal nicht reformierbar sei. Andererseits gab die Invasion den kommunistischen Parteien in Italien und in Frankreich den entscheidenden Anstoß, sich vom Vorbild Sowjetunion abzuwenden, Stichwort „Eurokommunismus“. Die westlichen Regierungen, in der Einsicht, dass die Sowjetunion ihren „Block“ keinesfalls aufgeben würde, setzten im folgenden Jahrzehnt auf „Entspannungspolitik“.

Und Ota Šiks Wirtschaftsreformen, ganz gleich wie ihr Urheber sie wirklich gemeint hatte, gaben den Träumen im Westen von einem „Dritten Weg“, von einer Harmonie zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft, Auftrieb. „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hatte Dubček sein Programm benannt. Ob er sich wohl bewusst machte, wie pleonastisch, wie unsinnig „doppelt-gemoppelt“ diese Formel für seine Kollegen in Moskau oder Ost-Berlin klingen musste? Der „Sozialismus“ selbst war doch als die erste wahrhaft menschliche Epoche der Geschichte gedacht, die seit der sowjetischen „Oktoberrevolution“ nun endlich, wenngleich noch nicht für die gesamte Menschheit, erreicht wäre.

Dieser Fortschritt sollte unumkehrbar sein. Im November 1968 verkündete Leonid Breschnew als Lehre aus dem „Prager Frühling“ die „Breschnew-Doktrin“: Wenn in einem der sozialistischen Staaten der Sozialismus bedroht sei, habe die Sowjetunion das Recht einzugreifen.


Mehr im Internet:

Prager Frühling - Wikipedia 
scienzz artikel Zeitgeschichte 

 

 

 

 

 

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