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28.08.2018 - POLITIK

Vom "Nickneger" zum politisch korrekten "Suedseekoenig"

Rassismus in der Alltagskommunikation

von Josef Tutsch

 
 

Carl Offterdinger: Robinson
Crusoe und Freitag, um
1880 - Bild: Wikipedia

Wissen Sie noch, was ein „Nickneger“ war? Bis in die 1980er Jahre wurde für kirchliche oder karitative Zwecke in der Dritten Welt oft mit einer schwarz angemalten Menschenfigur geworben. In der Hand hielt sie eine Spendenbüchse. Wurde eine Münze eingeworfen, bewegte sich der Kopf zu einem dankenden Nicken. Daneben war ein besinnlicher Spruch angebracht, etwa „Willst du den Heiden Hilfe schicken, so lass mich Armen freundlich nicken.“

„Alltagsrassismus“ nennt man das heute, ebenso wie jenen Abzählreim von den „zehn kleinen Negerlein“, der in Deutschland in den 1880er Jahren populär wurde, als das Bismarckreich sich anschickte, Kolonien zu erwerben. In den frühen 1950er Jahren, lange nach dem Verlust der Kolonien, trug die Sängerin Leila Negra eine besonders humorige Fassung vor: „Zehn kleine Negerlein, die kauften weiße Seife ein.“ Das Liedchen variierte das Motiv der „Mohrenwäsche“. Carl Joseph Begas‘ Gemälde von 1841, worauf ein kleines blondes Mädchen mit einem Schwamm die braune Hautfarbe ihrer Dienerin tilgen will, war ein beliebter Schmuck in deutschen Wohnzimmern.

Inzwischen hat sich unsere Sensibilität für alles, was in der Kommunikation als „rassistisch“ aufgefasst werden könnte, um einiges erhöht. Ob sich vor drei Jahrhunderten wohl Robinson Crusoe und sein Urheber, Daniel Defoe, als „Rassisten“ bekannt hätten? Defoe engagierte sich finanziell in Überseegeschäften, die auch Sklavenhandel einschlossen; schwer zu sagen, ob er sich daraus ein Gewissen machte. Im Roman wird erzählt, wie Crusoe in Marokko in die Sklaverei gerät. Zusammen mit zwei schwarzen Mitgefangenen gelingt ihm die Flucht. Den einen wirft er gleich nach dem Ablegen vom Hafen über Bord, weil er für die weitere Flucht eine Belastung gewesen wäre, und ruft ihm zu, er möge doch in die Sklaverei zurückschwimmen. Den anderen verkauft er an den portugiesischen Kapitän, der die beiden auf hoher See aufliest.

Allerdings nicht ohne sich zusichern zu lassen, nach zehn Jahren würde sein „Kamerad“, zum Christenmenschen bekehrt, freigelassen. Der Gedanke, „people of colour“ wären irgendwie unselbständig, mithin in einer dienenden Rolle am besten aufgehoben, gehörte zur Argumentationsstrategie, mit der Europa die Versklavung von Nicht-Europäern vor seinen eigenen moralischen Maßstäben von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen rechtfertigte.

Selbstverständlich will Crusoe auch für seinen Gefährten, den er vor den Kannibalen gerettet hat, nur das Beste. Bereits der Name, nach dem Zufall des Wochentags, deutet es aber an: In Crusoes Perspektive hat Freitag keine eigene Persönlichkeit, keine eigene Geschichte, er ist bloß ein, allerdings halbwegs vernunftbegabtes, Haustier. In der Barockzeit ließen sich adlige Dame gern zusammen mit ihrem „Kammermohren“ portraitieren: Im Kontrast stach die vornehme „Weißheit“ der Dame umso stärker hervor. Hatte sie „Robinson Crusoe“ gelesen, durfte sich wie Defoes Romanheld vorkommen, mit einem „Freitag“ an ihrer Seite.

Völkerschau 1928 in Stuttgart
Bild: Wikipedia 


Aufkommen konnte diese Haltung erst, nachdem die Europäer in größerem Umfang mit den Bevölkerungen anderer Erdteile bekannt geworden waren. Die Sklaverei, die dort weithin üblich, in Europa dagegen im Lauf der Jahrhunderte ausgestorben war, wurde rasch übernommen. Der Hamburger Soziologe Wolf D. Hund hat in seiner Studie zur Entwicklung des europäischen „Weißheitsstolzes“ darauf hingewiesen, dass im hohen Mittelalter helle und dunkle Hautfarbe weniger mit „Rassen“ als mit religiöser und moralischer Symbolik assoziiert wurde. Eine Miniatur im englischen Chichester-Psalter, Mitte des 13. Jahrhunderts, zeigt Judas, den Verräter Jesu, mit dunkler Haut und roten Haaren.

Der Künstler meinte nicht im Ernst, jene unter den Juden, die Christi Frohe Botschaft nicht annehmen wollten, wären schwarz gewesen und hätten rote Haare gehabt. Die Farben sollten Judas‘ Bösartigkeit und sein Verrätertum anzeigen. Die europäischen Entdeckungsreisenden seit dem späten Mittelalter nahmen die dunkle Hautfarbe der „Entdeckten“ nicht gerade als Beleg für deren prinzipielle Bösartigkeit, aber doch für mindere Intellektualität und für einen Mangel an moralischer Disziplin.

Bei Schriftstellern des 19. Jahrhunderts hat Hund mehrfach die Floskel „weiße Neger“ gefunden. So forderte der Historiker August Friedrich Gfrörer, der sich für die Emanzipation der Juden einsetzte: „Hören wir auf, die Juden als weiße Neger zu behandeln.“ Gfrörer wandte sich gegen eine Diskriminierung der Juden, weil er sie zu den „Weißen“ zählte – und setzte offenbar als selbstverständlich voraus, bei „wirklichen“, also schwarzen „Negern“ sei es legitim, anders zu verfahren.

„Rassistisches Denken und Handeln fällt den Beteiligten nicht auf“, erläutert die online-Enzyklopädie „Wikipedia“. „Sie glauben oft fest daran, tatsächlich nicht rassistisch zu sein.“ Heute sind die Schlagworte „Rassismus“ oder „Alltagsrassismus“ hier in Mitteleuropa vor allem dann rasch zur Hand, wenn es um – wirkliche oder bloß vermutete – Diskriminierung von Muslimen durch die Mehrheitsgesellschaft geht. Eine sehr merkwürdige Verwendung des Begriffs: Dass der Islam eine „Rasse“ wäre, wie immer man diesen Begriff definieren will, wird ja nun wirklich niemand behaupten wollen. Aber es fehlt ein Wort, mit dem sich „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, die nicht auf biologischen Kriterien beruht, allgemein bezeichnen ließe.

Eine soziale Gruppe, der gegenüber Vorurteile bestehen, sind die Muslime zweifellos. Oder, um es mit dem Bemühen um Präzision, aber auch etwas umständlich zu sagen: eine Gruppe, auf deren Angehörige sich Urteile und Vorurteile, die zur Religion „Islam“ geprägt wurden, leicht übertragen lassen. Wie würden Sie reagieren, wenn ihre Tochter einen Türken (wahlweise: einen Schwarzen, einen Sinti/Roma usw. usf.) zum Freund hätte? Auch ein beliebter Punkt in Umfragen zur Rassismusforschung. In der „ZEIT“ wurde vor einigen Wochen heftig darüber gestritten, ob es eigentlich rassistisch wäre, wenn jemand in seinem Datingportal Menschen mit bestimmten äußerlichen Charakteristiken wie zum Beispiel Haut- oder Haarfarbe systematisch übergeht.

Tatsächlich kam in den Leserbriefen viel an Rassismus zum Vorschein. Andererseits: Ist die Frage, so formuliert, nicht von vornherein geeignet, den gesamten Rassismusdiskurs ad absurdum zu führen? Unter dieser Maßgabe wäre es doch unmöglich, sich nicht-rassistisch zu verhalten. Und dann kann Rassismus kein Vorwurf mehr sein. Aber richtig ist zweifellos: Solche Vorbehalte bringen „Parallelgesellschaften“ hervor. So war der europäische Adel Jahrhunderte lang bemüht, sich sozial abzuschließen, indem ein „Konnubium“, eine „Mischehe“ mit dem gemeinen Volk, vermieden wurde.

Plakat zur Gouveneurswahl in Pennsylvania,
1866 - Bild: Wikipedia 


Ähnliche Schranken gab es zwischen Christen und Juden, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Bourgeoisie und Proletariat – und allerorten zwischen Einheimischen und Zugezogenen. Der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre hat sich 1933 die Frage gestellt, wie die heutige Gesellschaft seines Heimatlandes zustande kam. Seine Antwort: durch den Mangel an „weißen Frauen“ in den ersten Generationen nach der Eroberung durch die Portugiesen; das führte zu Verbindungen mit Indianerinnen und Afrikanerinnen. Und später hielten sich viele der weißen Grundbesitzer neben ihrer „eigentlichen“, legitimen Familie im „Herrenhaus“ noch eine zweite oder dritte in den „Hütten“ mit ihren schwarzen Sklavinnen. Die Nachkommen machen heute einen großen Teil der brasilianischen Bevölkerung aus.

Der Vergleich mit Südafrika liegt nahe. Dort entstand ebenfalls eine ebenfalls eine Bevölkerungsgruppe, die sowohl Europäer als auch Afrikaner oder Asiaten zu Vorfahren hatte; aber sie verhinderte nicht, dass bis 1990 eines der brutalsten Apartheidregime der Weltgeschichte Bestand hatte. Ein Extremfall von „explizitem“ Rassismus. Der in Brasilien, wo bis heute Weiße der Haut als Zeichen besonderer Vornehmheit gilt, ist demgegenüber eher „implizit“. Verblüffend, mit welcher Hartnäckigkeit hierzulande und heutzutage vor allem die symbolischen, sprachlichen Phänomene von Rassismus angegangen werden. Steht dahinter womöglich die „idealistische“ Voraussetzung: Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken, wer das Denken beherrscht, der beherrscht am Ende auch die Wirklichkeit?

Da scheint sich tatsächlich, wenn schon keine Spaltung der Gesellschaft, dann doch eine unserer Alltagskommunikation anzubahnen. Die einen bekämpfen erbittert jede Verwendung des „N-Worts“ (für „Neger“) und des „Z-Worts“ (für „Zigeuner“), die andern fühlen sich an Monty Pythons „Leben des Brian“ erinnert: „Er hat ‚Jehova‘ gesagt, steinigt ihn!“. Wehe dem Gastwirt, der es wagt, statt eines „Paprikaschnitzels“ in hergebrachter Sprechweise ein „Zigeunerschnitzel“ anzubieten. In Astrid Lindgrens Taka-Tuka-Land herrscht statt eines „Negerkönigs“ heute ein „Südseekönig“ – nun ja.

Ganze Kulturkämpfe löst die Frage aus, ob in Mark-Twain-Übersetzungen weiterhin „Nigger“ gesagt werden darf. Eigentlich ist der Ausdruck in diesem Rahmen ja durchaus realistisch: Eine rassistisch geprägte Welt hat ihn geprägt, um Personen damit zu benennen, die eine Generation vor Mark Twain noch Sklaven gewesen wären. Die Figuren in den Romanen haben ihn übernommen, ohne sich viel Böses dabei zu denken. Tom Swayer und Huckleberry Finn wären sehr verblüfft gewesen, wenn sie ihren Freund Jim plötzlich nicht mehr „Nigger“ hätten nennen dürfen. Wie heißt es noch bei „Wikipedia“: Die Beteiligten „glauben oft fest daran, tatsächlich nicht rassistisch zu sein“. Und wer wollte es leugnen, dieser feste Glaube ist ebensowohl eine Realität wie das, was die Analyse in tieferen Bewusstseinsschichten zu finden meint.


Mehr im Internet:

Rassismus - Wikipedia 
scienzz artikel Politische Mechanismen

 

 

 

 

 

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