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02.09.2018 - REISEN

"Wir fressen unsere eigene Insel auf"

Capri - von Kaiser Tiberius zum modernen Massentourismus

von Josef Tutsch

 
 

Blaue Grotte
Bild: Arnaud Gaillard/Wikipedia

Fast acht Wochen hielt sich Goethe auf seiner Italienreise im Frühjahr 1787 in Neapel auf. Auch die Umgebung der Stadt nahm er fleißig in Augenschein, vor allem natürlich den Vesuv und die Ausgrabungen in Pompeji. Nur auf die Idee, nach Capri hinauszufahren, scheint der Dichter gar nicht erst gekommen zu sein. Dort lockten keine antiken Ruinen, auch sonst reizte ihn nichts an der öden Felseninsel.

Mehr als anderthalb Jahrhunderte später. Im März 1956 fragte das Institut für Demoskopie in Allensbach die Bürger der jungen Bundesrepublik Deutschland, wohin sie gern fahren würden. „Das am häufigsten genannte Sehnsuchts-Reiseziel der Westdeutschen“, berichtet der Kulturhistoriker Dieter Richter, war Capri.

Als dritten Teil seiner Kampanien-Trilogie hat Richter jetzt ein Portrait dieser Insel vorgelegt, nach Bändchen zur Stadt Neapel und zum Vesuv. Zur Zeit von Goethes Italienreise gab es den Mythos „Capri“ noch nicht. Unter den historisch Interessierten war immerhin bekannt, dass sich der alternde Kaiser Tiberius dorthin zurückgezogen hatte, angeblich, um fernab der Hauptstadt Rom seinen sexuellen Neigungen zu frönen.

Der Mythos wurde geboren, als im August 1827 der Breslauer Schriftsteller August Kopisch (bis heute bekannt durch sein Gedicht über die Kölner Heinzelmännchen) und der Heidelberger Maler Ernst Fries auf Capri Quartier nahmen. Beim Abendtisch erzählte ihnen ihr Gastgeber, der Notar Giuseppe Pagano, von einer geheimnisvollen Unterwasserhöhle, in welcher dem Volksglauben zufolge der Teufel sein Unwesen trieb.

Kopisch und Fries wurden neugierig. Am 17. August drangen sie gemeinsam mit Pagano und dessen Sohn schwimmend in die Höhle ein; der Fischer Angelo Ferraro, der ein Fass mit Pechfeuer vor sich herschob, leuchtete ihnen. Und sie entdeckten ein Weltwunder. „Wir benannten diese Grotte ‚die blaue‘“, schrieb Kopisch später, „weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau beleuchtet“, „jede Welle scheint eine Flamme.“

Bäuerin in Anacapri, Fotografie von 
Giorgio Sommer, 1875 - Bild: Wikipedia


Kopischs Schilderungen begründeten eine der erfolgreichsten touristischen Attraktionen, die es jemals gegeben hat. Bereits 1827 kam August von Platen, 1829 der Maler Carl Blechen, 1834 Hans Christian Andersen usw. usf. – ein Who is who des europäischen Bildungsbürgertums. Für eilige Besucher wurde 1865 eine Dampfschifflinie in Betrieb genommen, die morgens von Neapel und Sorrent aus zur Insel und abends zurück führte. Nach einem Besuch der Blauen Grotte blieben für Spaziergänge damit gerade mal vier Stunden. Theodor und Emilie Fontane verpassten bei ihrem Besuch die Rückfahrt, sie mussten sich mit einem Ruderboot nach Sorrent übersetzen lassen.

Kein Wunder, die gerade mal zehneinhalb Quadratkilometer große Insel hält ja auch ein anstrengendes Besichtigungsprogramm bereit. Vom Hauptort Capri führt eine lange Treppe rund 500 Stufen und fast 300 Meter hoch zum Ort Anacapri. Alternativ zur Treppe steht seit 1874 eine Straße zur Verfügung. Bequemer ist sie zweifellos, aber: „Traditionsbewusste einheimische Fahrgäste bekreuzigen sich, bevor der Bus in den obersten Kehren der Straße nur knapp den Felsabsturz streift, der hier fast 300 Meter senkrecht in die Tiefe fällt.“

Viele wollten sich nicht mit einer Stippvisite begnügen, sondern selbst zu „Capresen“ werden. Es kamen die „Alternativen“ und Zivilisationsflüchtigen der Jahrhundertwende, wie zum Beispiel der Künstler-Prophet Karl Wilhelm Diefenbach („Kohlrabi-Apostel“ genannt), der sich zuvor mit einer vegetarischen und nudistischen Kommune am Stadtrand von Wien erprobt hatte. Und es kamen all jene, die sich mit ihren erotischen Wünschen und Bedürfnissen im Norden Europas eingeengt fühlten, vor allem die Homosexuellen. 1897 war Capri eines der ersten Ziele von Oscar Wilde, der gerade aus dem Zuchthaus von Reading entlassen worden war.

Aufgrund des Wohlstandsgefälles zwischen der örtlichen Bevölkerung und den Besuchern handelte sich Capri bald den Ruf eines Zentrums der Prostitution ein. Die Bevölkerung, vermerkt Richter, hatte dazu ein ambivalentes Verhältnis: Einerseits brachten die Fremden Geld auf die Insel, andererseits musste man den eigenen Kindern aber doch sagen, dass sie die Umgebung bestimmter Häuser besser meiden sollten. Bei manchen Details, die Richter in seinem Buch wiedergibt, weiß der Leser nicht recht, ob sie nicht doch bloß Klatsch und Tratsch sind. Ob es wohl zutrifft, dass der englische Lord Alfred Douglas – sein Vater hatte 1895 den „Sodomie“-Prozess gegen Wilde ins Rollen gebracht – sich auf Capri einen Siebenjährigen ins Haus holte, mit Einverständnis der Eltern?

Dass der Großindustrielle Friedrich Albert Krupp in seiner Villa wilde Orgien veranstaltete, scheint immerhin mehr zu sein als ein Gerücht. Belegt ist, dass das freizügige Leben von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, dem großen Förderer des Jugendstils in Darmstadt, auf der Insel, 1901 zu einer diplomatischen Demarche zwischen Rom und Berlin führte. Auch der französische Baron Jacques d’Adelswaerd de Longwy, der sich „Graf Fersen“ nannte, provozierte einen Skandal. 1904 verfiel er auf die makabre Idee, ein Knabenopfer spielerisch nachzustellen, das die antike chronique scandaleuse Kaiser Tiberius nachgesagt hatte.

Tiberius und immer wieder Tiberius … Der Kaiser ist bis heute der Dämon der Insel. Bereits Kopisch rätselte darüber, wohin wohl der schmale Gang führte, der von der Blauen Grotte ausging. Tatsächlich zu einer der kaiserlichen Villen? „Ja, ich glaube wohl, dass Tiberius hier badete und unter den schönen Mädchen seines Harems herumschwamm“, spekulierte der Historiker Ferdinand Gregorovius in seinen „Wanderjahren in Italien“ – auch ernsthafte Wissenschaftler lassen sich schon mal gern von ihren erotischen Phantasien mitreißen.

Nachdem Unterwasserarchäologen vom Grund der Grotte Marmorstatuen von Meeresgöttern ans Licht geholt haben, darf man unterstellen, dass der vermeintliche „Teufelstempel“ zur Zeit des Tiberius ein Heiligtum war. Aber wer weiß, vielleicht motivierte ja bloß die gesunde Luft, die der Insel bereits in der Antike nachgesagt wurde, den Kaiser zum Umzug nach Capri. 1888 folgte ihm der schwedische Arzt Axel Munthe, um seine eigene Lungentuberkulose auszuheilen. In seiner „Villa San Michele“ behandelte er Jahrzehnte lang die Angehörigen der europäischen Hautevolée. Munthes „Buch von San Michele“, halb Autobiographie, halb phantasievoller Roman, wurde zum Bestseller.

Blick von der Villa San Michele 
Bild: Berthold Werner/Wikipedia


Neben den vielen Fremden, die ihre Begeisterung für die Insel der Welt mitteilten und weitere Fremde nachzogen, gab es auch „echte“ Capresen, die für ihre Insel Werbung machten. Am berühmtesten wurde der Fischer Francesco Spadaro, der sich mit roter Mütze, Rauschebart und Tonpfeife auf zahllosen Gemälden und Zeichnungen und Photographien portraitieren ließ, eine Art Ikone der Tourismusbranche im frühen 20. Jahrhundert. Der junge Theodor W. Adorno, der sich nach Kräften bemühte, dem Zauber der Insel nicht zu verfallen, würdigte ihn 1925 mit einem kleinen Aufsatz zum Verblendungszusammenhang in der Massenkultur des bürgerlichen Zeitalters.

Mussolini unternahm gelegentlich Anläufe, um die Insel von den „Schamlosigkeiten“ aller Art zu „reinigen“. Konsequent durchgeführt, so Richter, wurde das nicht. Während die Stadt Neapel, in Sicht- und Hörweite von Capri gelegen, im Zweiten Weltkrieg zunächst von alliierten, später von deutschen Bomben verwüstet wurde, blieb die Insel verschont. 1943 geriet wenigstens der Name „Capri“ aber doch noch in die Kriegswirren. Der Schlagertexter Ralph Maria Siegel hatte seine „Capri-Fischer“ („Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ...“) gerade veröffentlicht, da kam der Wechsel Italiens auf die Seite der Alliierten. Der Schlager wurde verboten. 1949 brachte ihn der Sänger Rudi Schuricke erneut heraus. Er wurde prompt zur Chiffre der deutschen Sehnsucht nach dem Süden.

Die Kulturindustrie der frühen Nachkriegszeit, resümiert Richter, verhalf dem Mythos „Capri“, wie die Künstler und Schriftsteller ihn seit Kopisch ausgebildet hatten, zur Massenwirksamkeit. In den folgenden Jahren ermöglichte es das Wirtschaftswunder breiten Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung, wirklich nach Italien zu reisen. Dabei ist es Capri freilich nicht besser ergangen als vielen anderen schönen Orten auf der Welt: Durch seine bloßen Quantitäten zerstört der internationale Massentourismus das, was die Touristen vorzufinden hoffen. 2016 registrierte das Hafenamt von Marina Grande 2.331.969 Besucher. Die Insel zählt gerademal 14.000 Einwohner.

Das bringt Geld in die Kassen. Kein Wunder, dass die Verwaltung allzu gern bereit ist, die Insel nach touristischen Bedürfnissen umzugestalten. So werden bereits seit den Zeiten des Faschismus immer wieder mal die scharfen Klippen an der einen oder anderen Stelle der Felsenküste mit Beton planiert. „Noi mangiamo l’isola“, „wir fressen unsere eigene Insel auf“, zitiert Richter einen Kritiker des Booms. Ganz neu ist diese Klage nicht. „Das, was ich hier suchte, ist fort“, klagte 1939 der deutsche Schriftsteller Werner Helwig. „Mitteleuropäische Kleinstadtzivilisation mit ihrer ganzen dämonischen Langweiligkeit wird mit Gier aufgesogen.“

 


Neu auf dem Büchermarkt:
Dieter Richter: Die Insel Capri. Ein Portrait, Verlag Klaus Wagenbach 2018, 221 S, ISBN 978-3-8031-2795-2, 14,90 €

Die früheren Bände von Dieter Richters Trilogie über den Golf von Neapel:
Der Vesuv. Geschichte eines Berges, Verlag Klaus Wagenbach 2007/2018, 240 Seiten, ISBN 978-3-8031-2807-2, 15,90 €

Neapel. Biographie einer Stadt, Verlag Klaus Wagenbach 2005, 304 S., ISBN 978-3-8031-2509-5,

alle drei Bände mit vielen Abb.


Mehr im Internet:
Capri - Wikipedia 
Dieter Richter: Die Insel Capri 
scienzz artikel Südeuropa 


 

 

 

 

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