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07.09.2018 - LITERATURGESCHICHTE

Sehnsuchtsorte in Schnee und Eis

Die Entdeckung der Alpen in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Ludwig Richter: Illustration zu Adal-
bert Stifters "Bunden Steinen", 1853
Bild: Wikipedia

„Hier blüht nimmer der Lenz, hier schmückt kein Sommer die Landschaft. Einsam wohnt auf den grausen Höh’n und hütet den steten Sitz der grässliche Winter; von allen Seiten versammelt hier er schwarzes Gewölk und hagelschauernden Regen.“

Der unerfreuliche Ort, den der römische Dichter Silius Italicus im 1. Jahrhundert n. Chr. in seinem Epos vom Zweiten Punischen Krieg beschrieb, waren die Alpen. Einige Generationen zuvor hatte der Geschichtsschreiber Livius die Schrecken, die Hannibal und seine Soldaten auf dem Weg nach Italien überwinden mussten, noch drastischer ausgemalt: „Die fast mit dem Himmel zusammenhängenden Schneemassen“, die ganze lebende und leblose Natur starrend von Frost.“

Aber ob nun Schneemassen oder Dauerregen – in der Antike „waren die Alpen ein Gegenstand des Schreckens“, ein „locus horribilis“, schreibt die Bamberger Germanistin Kathrin Geist. Andere mediterrane Bergregionen dagegen wurden von den antiken Dichtern liebevoll besungen. Sie galten als idyllische Orte eines Lebens vor aller Zivilisation – bescheiden, aber glücklich.

Geist hat das Bild des Alpenraums in der deutschsprachigen Literatur seit der Aufklärung untersucht. Denn die Faszination, die verschneite Alpenberge ausüben, ist kaum drei Jahrhunderte alt. Ein frühes Zeugnis bietet das Gedicht „Die Alpen“, von dem Berner Arzt und Botaniker Albrecht von Haller, 1729. Hallers Intention war zunächst einmal naturwissenschaftlich, damit im Sinne seiner Zeit aber auch theologisch. Er wollte das Hochgebirge als nützliche Landschaft im Rahmen der göttlichen Schöpfung würdigen: „Der Berge wachsend Eis, der Felsen steile Wände sind selbst zum Nutzen da und tränken das Gelände.“

Natürlich hatte der universal gebildete Haller die Schilderung des römischen Geschichtsschreibers Tacitus vom Leben der alten Germanen gelesen, und in den Bewohnern des Berner Hochlands glaubte er, die „Germanen“ seiner Zeit gefunden zu haben, von den „Segnungen“ der Kultur unberührt und unverdorben. Haller stellte sogar eines der beliebtesten Motive der antiken Idyllendichtung auf den Kopf. Dass es in den Alpen keinen Weinbau geben konnte, sprach nicht gegen, sondern gerade für seine Schweizer Heimat: „Der Mensch allein trinkt Wein und wird dadurch ein Tier.“

Dabei blieben die Berghöhen in ewigem Schnee für Haller zunächst bloße Kulisse. Doch als Goethe sich 1775 und dann wieder 1779 zum Sankt Gotthard aufmachte, war das Wandern durch „ungeheure einförmige, schneebedeckte Gebirgswüsten“ unter Europas Intellektuellen bereits zur Mode geworden. Geist weist darauf hin, wie sehr der junge Goethe überwältigt gewesen sein muss. Allerdings überkam ihn dieses Gefühl keineswegs naiv: Die „Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen“ von dem englischen Philosophen Edmund Burke, 1757, war ebenso wie Hallers Gedicht ein Bestseller der Zeit. Die Alpenlandschaft, die in ihrer ästhetischen Qualität damals entdeckt wurde, galt als eine Schule des Erhabenen.

J. W. Goethe: Via Mala in Grau-
bünden - Bild: Wikipedia 

Und noch ein dritter Schriftsteller prägte damals die Wahrnehmung der Alpen. „Ich las auch so viele Beschreibungen dieser Gegenstände, bevor ich sie sah“, schrieb Goethe, und er meinte damit nicht bloß landeskundliche und naturwissenschaftliche Schriften: „Wir fuhren nach Vevey, ich konnte mich der Tränen nicht enthalten, wenn ich […] die ganzen Plätze vor mir hatte, die der ewig einsame Rousseau mit empfindenden Wesen bevölkerte.“ Mit Jean-Jacques Rousseaus Roman „Julie oder Die neue Heloise“, 1761, sah der junge Goethe die Alpen als eine Musterlandschaft, die dazu verhelfen konnte, sich in eine Gesellschaft ohne „unnatürliche“ Schranken und Zwänge hineinzuträumen.

Geist hat jedoch beobachtet, dass sich Goethes Blick auf die Alpen im Laufe der folgenden Jahrzehnte veränderte. In der Ersten Abteilung seiner „Briefe aus der Schweiz“, die er 1796 veröffentliche, bestimmten noch heftige Aufwühlungen der Seele den Ton; in der Zweiten Abteilung 1808 wurde alles „gedämpfter“, die Aufwühlungen wichen einer „schönen Ruhe“. Die Forscherin bringt diesen Wandel mit Goethes naturwissenschaftlichen Studien in Zusammenhang: Er wollte seine Naturerfahrung objektivieren. Zum Naturwissenschaftler im modernen Sinn wurde er damit allerdings nicht: Neben den Deskriptionen des alpinen Raums beinhaltete Goethes „Naturwissenschaft“ zugleich den Versuch, die göttliche Schöpfung in ihrer Ganzheit nachzuvollziehen. „Man fühlt tief“, heißt es in den „Briefen aus der Schweiz“, „hier ist nichts Willkürliches, hier wirkt ein alles langsam bewegendes, ewiges Gesetz.“

Goethe trug sich mit dem Gedanken, seine Eindrücke in einem epischen Gedicht über Wilhelm Tell zu verarbeiten, überließ den Stoff dann jedoch seinem Freund Friedrich Schiller, der selbst niemals in der Schweiz war. Dessen Schauspiel begründete, dass sich bis heute für Millionen Leser zwei Faszinationen miteinander verbinden: die Erhabenheit der Hochgebirgslandschaft und die politische Selbstbestimmung eines kleinen Volkes.

Diesen Aspekt des Themas „Alpen in der Literatur“ hat Geist in ihrer Studie ausgeklammert. Wie sich auch sonst über die Auswahl der Texte streiten lässt. Etwa Thomas Manns „Zauberberg“ kommt nicht vor, die große Selbstreflexion der Moderne am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die der Romancier nicht ohne Grund in der beinahe klösterlichen Abgeschiedenheit eines Sanatoriums hoch oben in den Schweizer Alpen angesiedelt hat. Auch nicht die „Heimatromane“ eines Ludwig Ganghofer, die um 1900 Millionen norddeutsche Leser für die bayerischen Alpen begeisterten. Aber ein Exkurs ist dem „Alpenraum in der nationalsozialistischen Propaganda“ gewidmet. Die NS-Ideologen, schreibt Geist, sahen im „alpinen Raum“ die idealen Bedingungen für „Blut und Boden“: Die Härte des Lebens würde in besonderem Maß die „Stärke der Bewohner“, der isolierte Raum die Reinheit der Rasse fördern.

Es hätte nahe gelegen, als Gegenpol Hermann Brochs Roman „Die Verzauberung“ zu besprechen, in dem der Verfasser zwischen 1935 und 1951 dreimal den – jeweils unvollendeten – Versuch unternahm, dem Nationalsozialismus eine kritische Haltung entgegenzusetzen. Stattdessen hat die Forscherin „Flucht nach oben“ ausgewählt, eine Erzählung von Annemarie Schwarzenbach, die mit Erika und Klaus Mann befreundet war. „Oben“ meint, zunächst ganz im Sinne von Haller, einen Raum, der von den bedrohlichen Entwicklungen im Flachland noch verschont wäre. Aber Schwarzenbach lässt den Fluchtversuch scheitern, der vermeintliche Rückzugsort wird von den Entwicklungen „unten“ eingeholt.

Ein Dementi zu Hallers Alpenidylle also. Auch sonst wirkt ja vieles an der Literatur des 20. Jahrhunderts – und zwar nicht nur zum Thema „Alpenraum“ – wie eine Zurücknahme des Aufklärungsoptimismus. 1929 schrieb Ödön von Horváth ein „Volksstück“ mit dem Titel „Die Bergbahn“. Die Zugspitze soll von der Tiroler Seite aus verkehrstechnisch erschlossen werden: Die Erhabenheit des Hochgebirges ist zur technischen Herausforderung geworden, die bewältigt werden muss, primär im Interesse der Kapitalvermehrung.

Rudolf Münger: Illustration zu "Heidi", 1952
Bild: Wikipedia

1979 bezog sich Max Frisch in seiner Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ auf Goethes Schweizer Reisen. Doch während Goethes Protagonist von einem Bergsattel aus den Blick nach Italien gewinnt, ins Land der Sehnsucht, sieht Frischs „Held“ so gut wie gar nichts, er bleibt im Nebel gefangen. Auch im Nebel seines fortschreitenden Gedächtnisverlustes. Wenn man so will, meint Geist, hat Frisch hier eine radikale Gegenposition zu Francesco Petrarcas berühmtem Brief vom 26. April 1336 formuliert, dem ersten „alpinistischen“ Text der Literaturgeschichte. Darin schilderte Petrarca, wie er, auf dem Gipfel des Mont Ventoux in der Provence angelangt, in der Meditation über die göttliche Schöpfung sich seiner selbst versichern konnte. Frischs Erzählung demonstriert die Auflösung der modernen Subjektivität.

„Warum steigt ihr auf Berge?“ zitiert Geist eine Frage aus Ludwig Hohls „Die Bergfahrt“, 1975. „Um dem Gefängnis zu entrinnen“, lautet die Antwort im Roman. Das Hochgebirge als Gegenbild zum „Gefängnis“ der Zivilisation … „Auf den Bergen ist Freiheit“, heißt es in Schillers „Braut von Messina“. 1880 publizierte Johanna Spyri mit ihrem „Heidi“-Roman die bis heute vielleicht populärste Fassung dieser Sicht auf die Alpen: Das städtische Bürgertum sucht Erholung in einem „Gegenraum“, an einem Sehnsuchtsort, wo ein sündlos-natürliches Leben in einer freundlichen Natur möglich wäre.

Bedroht wird diese Idylle durch das Vordringen der städtischen Zivilisation. Dagegen sind die Mühen und Gefahren, die eine raue Natur mit sich bringt, weitgehend ausgeblendet. Da bot Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“, 1845 – zwei Kinder werden an Heiligabend durch heftigen Schneefall von ihrem Heimweg abgeschnitten – einen realistischeren Blick auf das Hochgebirge. Auch auf das Leben der Hochgebirgler: Dass es einer überstandenen Todesgefahr bedarf, damit die Familie in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wird, lässt etwas von der Strenge ihrer sonst praktizierten Ausschlussregeln ahnen.

Am nüchternsten destruierte vielleicht Marlen Haushofer in ihrem Erfolgsroman „Die Wand“, 1963, die Alpenbegeisterung. Unfreiwillig findet sich die Protagonistin in der Natur ausgesetzt, ohne die Möglichkeit, in ihre gewohnte Lebenswelt zurückzukehren. Urplötzlich ist das Gebirge für sie, die Städterin, nicht mehr ein Anlass zu Wochenendvergnügungen, sondern ganz schlicht und praktisch der Raum, in dem sie sich Nahrung beschaffen muss. Und unter Umständen auch mit tödlichen Waffen gegen Gefährten ihres Schicksals zur Wehr setzen muss, sobald die als Bedrohung empfunden werden


Neu auf dem Büchermarkt:
Kathrin Geist: Berg-Sehn-Sucht. Der Alpenraum in der deutschsprachigen Literatur, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018, 323 Seiten, ISBN 978-3-7705-6358—6, 69,00 € 84.20 CHF


Mehr im Internet:
Alpen - Wikipedia 
Kathrin Geist: Berg-Sehn-Sucht 
scienzz artikel Literatur und Geographie 


 

 

 

 

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