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12.09.2018 - LITERATURGESCHICHTE

Schwanz einziehen, wenn das Alpha-Maennchen erscheint

Die Affen und wir seit dem 18. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Aubrey Beardsley: Illustra-
tion zu E. A. Poes "Doppel-
mord in der Rue Morgue",
1894 - Bild: Wikipedia

1926 reiste der russische Biologe Ilja Iwanow, der sich durch die Kreuzung von Pferden mit Zebras einen Namen gemacht hatte, nach Guinea. Im Auftrag der sowjetischen Regierung sollte er Schimpansinnen menschliches Sperma einsetzen und auf diese Weise hybride Wesen aus Affe und Mensch hervorbringen. Als der Erfolg ausblieb, wollte Iwanow es auf dem umgekehrten Weg versuchen: Afrikanische Frauen sollten ohne ihr Wissen mit dem Sperma eines Affen befruchtet werden. Das Hospital in Guinea, dem er seinen Plan vortrug, lehnte allerdings ab.

Was Iwanow in die Tat umsetzen wollte, das hatte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, berichtet die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Alexandra Tischel, bereits 1755 als Gedankenexperiment formuliert. Damals war es unter den Naturwissenschaftlern hoch umstritten, ob die neuentdeckten Orang-Utans in Südostasien Menschen oder doch vielleicht Tiere seien. Könnte man Orang-Utans mit Menschen kreuzen, meinte Rousseau, wäre doch die Zugehörigkeit beider Gruppen zur selben Art erwiesen.

Die Menschenaffen – unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Wie nah oder wie fern sind sie uns? Tischel hat unter die Lupe genommen, was die schöne Literatur seit der Aufklärung zu diesem Thema zu sagen hat. Dabei ist von vornherein klar, dass weder Wissenschaftler noch Literaten imstande sind, die menschliche – und bloß menschliche – Perspektive zu überspringen: Wir können niemals wissen, was es heißt, ein Affe zu sein. Dieses prinzipielle Dilemma stellte Franz Kafka 1917 in seinem „Bericht für eine Akademie“ dar. Der „gewesene Affe“ Rotpeter wird aufgefordert, über sein „äffisches Vorleben“ zu berichten. Das Ansinnen erweist sich als unmöglich: „Um ein Wesen zu werden, das die Akademie befragen kann“, schreibt Tischel, „musste Rotpeter auf sein ‚Affentum‘ komplett verzichten und alle Erinnerung daran fahrenlassen.“ Von seiner vormaligen Existenz als Affe ist ihm nur der „wohlgepflegte Pelz“ geblieben – und die Narbe von dem Schuss bei der Gefangennahme, die sein Leben als Affe beendete und sein Leben als Mensch begründete.

Einen hochambitionierten Versuch der „Empathie“ legte der südafrikanische Nobelpreisträger J. M. Coetzee 2003 in seinem Roman „Elizabeth Costello“ vor. Die Protagonistin, eine fiktive australische Schriftstellerin, versucht sich in den Schimpansen „Sultan“ hineinzuversetzen, mit dem der Psychologe Wolfgang Köhler in den Jahren 1913 bis 1917 in der Primatenstation auf Teneriffa arbeitete. Es gelingt Sultan, die Versuchsanordnungen nachzuvollziehen, mit denen Köhler ihn traktiert. „Sultan weiß: Jetzt erwartet man von ihm, dass er denkt […] Der richtige Gedanke, den man denken soll, ist: Wie benutzt man die Kisten, um an die Bananen zu kommen?“

In überraschend hohem Maße geht es in der schönen Literatur, sobald sie sich mit Affen befasst, um Sexualität und womöglich Fortpflanzung auf der Grenze zwischen den Arten – vielleicht gerade deshalb, weil sexuelle Kontakte zwischen Menschen und Tieren in den meisten Kulturen und Religionen streng tabuisiert sind. In Johann Gottfried Schnabels Roman „die Insel Felsenburg“ aus den 1730er Jahren nehmen sich drei Männer auf einer einsamen Insel Affenweibchen zu Geliebten. „Sie verlieren dadurch jegliches Anrecht auf menschliche Behandlung“, schreibt Tischel, „weswegen ihnen nach ihrem Tod nicht einmal ein Begräbnis zusteht.“

Illustration zu voltaires "Candide", 1803
Bild: Wikipedia 


In Voltaires „Candide“, 1759, beobachtet der Titelheld auf seiner Reise durch Südamerika, wie zwei Mädchen von wilden Affen verfolgt und in den Po gebissen werden. Candide will helfen und erschießt die Affen. Zu seinem Erstaunen brechen die Mädchen in Tränen aus: Die Affen waren ihre Liebhaber! Vollends verwischte der dänische Schriftsteller Peter Høeg in seinem Roman „Die Frau und der Affe“, 1996, die Grenze zwischen Mensch und Tier. Unmittelbar vor dem Geschlechtsakt hält der Affe plötzlich inne: Anders als wir es von „triebhaften“ Tieren erwarten, interpretiert Tischel, „erweist sich der Affe als beherrscht, es kann seine Triebe kontrollieren“.

In Høegs Roman wird die Frau sogar schwanger; der Autor deutet in blasphemischer Anspielung auf die christliche Heilsgeschichte an, dass ein neuer Heiland kommen könnte, der die Menschheit vielleicht in ein zukünftiges Paradies führt. Da war der junge Gustave Flaubert um einiges zynischer. In einer Erzählung von 1837 schilderte er, wie ein ehrgeiziger Forscher eine schwarze Sklavin und einen Orang-Utan zusammen einsperrt. Nachdem sie ein Kind geboren hat, erhält der Wissenschaftler für seinen Züchtungserfolg das Kreuz der Ehrenlegion. Flaubert hielt es für angebracht, seine Erzählung unveröffentlicht zu lassen.

Bei einer bloßen Andeutung beließen es – Texte, auf die Tischel nicht eingeht – Wilhelm Hauff mit seinem Märchen „Der Affe als Mensch“, 1827, und ihm folgend Ingeborg Bachmann mit ihrem Libretto für Hans Werner Henzes komische Oper „Der junge Lord“, 1965. Der Affe, der in der guten Gesellschaft eines deutschen Städtchens Furore macht, wird enttarnt, bevor es zu einer Heirat kommt. „Der Affe sehr possierlich ist, zumal, wenn er vom Apfel frisst“, lesen die getäuschten Bürger auf einem Pergament, das in seinem Halstuch steckt. Warum „vom Apfel“? Alter Tradition zufolge war die Paradiesesfrucht, von der Adam und Eva nicht kosten durften, ein Apfel. Mit seinem Versuch, Mensch zu werden, scheitert Hauffs Affe ebenso wie unsere Ureltern mit dem Unternehmen, „zu sein wie Gott“.

Aber es gelingt Hauffs Affen, sich weitgehend so zu verhalten wie ein Mensch. Vor einigen Jahren, erzählt Tischel, ging die amerikanische Psychologin Sue Savage-Rumbaugh mit dem Bonobo Kanzi zu einem Picknick. Kanzi zeigte auf seiner Symboltafel auf die Zeichen für „Marshmallow“ und für „Feuer“. „Wie gewünscht, erhielt er die Süßigkeiten und dazu Streichhölzer. Daraufhin sammelte er ein paar Zweige, entzündete ein Feuer und röstete die Marshmallows an einem Stock.“

Nahrung mit Feuer zuzubereiten, gilt in der philosophischen Tradition als eines der Kriterien, mit denen sich Menschen gegenüber Tieren abgrenzen lassen. Man wird nicht sagen können, dass Kanzi diese menschliche Erfindung „nachgeäfft“ hätte. Er verstand ihren Sinn und wusste sie sinnvoll zu nutzen. Anders in der Erzählung „Die Morde in der Rue Morgue“, mit der Edgar Allan Poe 1841 die Detektivgeschichte begründete. Ein Orang-Utan hat seinen Herrn beobachtet, wie er das Barbiermesser handhabt. Da er den Sinn des Vorgangs nicht versteht, will er ihn bei zwei Frauen nachahmen – mit tödlichem Ausgang.

Wie die Affen die Menschen nachahmen, so imitieren die Künstler die Natur, hieß es schon in der Antike. Aber womöglich ist selbst die Kunst kein Vorrecht des Menschen, bei dem die Tiere nicht mithalten könnten. 1957 machte der Zoologe Desmond Morris mit seinem malenden Schimpansen „Congo“ Furore; seine Bilder könnte man sich gut in einer Galerie des abstrakten Expressionismus vorstellen. Oder wie steht es mit der Sprache, wenn man damit mehr meint als eine Zuordnung zwischen Gegenständen und Symbolen? In dem Roman „Eine schöne Wahrheit“ von dem kanadischen Autor Colin McAdam, 2013, lernt der Schimpanse Looee, sich zu entschuldigen und zu lügen. Doch am Ende scheitert die Kommunikation, weil Mensch und Affe nicht verstehen können, was im jeweils anderen vor sich geht.

Abstrakter Expressionismus, gemalt vom
Schimpansen Congo, um 1957
Bild: Wikipedia


Was wäre, wenn wir alle Schimpansen wären, fragte der englische Schriftsteller Will Self 1997. Sein Roman „Die schöne Welt der Affen“ ist nach dem Modell der „verkehrten Welt“ aufgebaut: Alles läuft ähnlich wie bei uns, aber an einigen entscheidenden Stellen gerade umgekehrt. Und wie man sich denken kann, mit viel Lust an Verletzungen der Schamgrenze. Gleich zum Frühstück wird heftig kopuliert, im Beisein der Kinderhorde. Seine Grenze findet der Sex an der Rangordnung: Wenn das Alpha-Männchen erscheint, ziehen Beta- bis Zeta-Männchen, Originalton Tischel, „den Schwanz ein“.

Und in Umkehrung all dessen, was uns Religion und Philosophie seit Jahrtausenden lehren, spielt der Roman auch mit dem Gedanken, wie überlegen, wie nahe dem Göttlichen, die Schimpansen im Vergleich mit ihren Verwandten wie Bonobos und Menschen doch wären … Tischel ist aufgefallen, dass die Thematik der Hierarchie in der Affenhorde bei Self detailverliebt durchgespielt wird, das Streben nach Egalität, das beim Menschen dagegen steht, dagegen überhaupt nicht vorkommt. Ähnlich beim Thema „Aggression“ in „Brazzaville Beach“ von dem schottischen Schriftsteller William Boyd, 1990. Die Romanhandlung strotzt nur so von Mord und Kannibalismus, Krieg und Folter. Hemmungen kennt Boyds Affenwelt nicht. Auch die Kinder anderer Schimpansengruppen sind ganz einfach Beute.

Damit, berichtet Tischel, bezog sich der Autor auf das vielleicht umstrittenste Problem der modernen Primatenforschung: Gibt es im Tierreich, wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz behauptete, eine „angeborene Tötungshemmung“? Bei Schimpansen jedenfalls nicht, antwortete die britische Primatologin Jane Goodall. Selbst die Frage, ob Menschenaffen überhaupt eine Vorstellung davon haben, was „Sterben“ und „Tod“ bedeuten, ist vorläufig offen. Forscher, so Tischel, haben gelegentlich beobachtet, dass die sonst so lärmenden Schimpansen angesichts von toten Artgenossen in Schweigen und Stille verfallen. Aber ein Wissen um die eigene Sterblichkeit ist daraus nicht abzuleiten.

Merkwürdig, dass anscheinend kein Schriftsteller sich dieses Themas annehmen wollte. Die Stuttgarter Literaturhistorikerin nennt nur einen einzigen Roman, der das Thema wenigstens anspricht, Schnabels „Insel Felsenburg“. Von den Tieren, die in der menschlichen Siedlung als „Bediente“ gehalten werden, findet ein Affenweibchen im Kampf mit fremden Affen den Tod. Die anderen Affen trauern sogar, indem sie zwei Tage lang auf Nahrung verzichten. Aber ein Begräbnis führen sie nicht durch, sie „werfen die Verstorbene in den Fluss, der sie hinwegträgt.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Alexandra Tischel: Affen wie wir. Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt, J. B. Metzler Verlag, ISBN 978-3-476-04598-0, 218 S. mit 12 Abb., 19,99 €


Mehr im Internet:

Affen - Wikipedia 
Alexandra Tischel: Affen wie wir  
scienzz artikel Anthropologie 

 

 

 

 

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