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15.09.2018 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Vom "eufrasischen" Zeitalter zur Globalisierung

Fragen der historischen Chronologie - und der politischen Implikationen darin

von Josef Tutsch

 
 

Ein islamischer "Aufkärer" im
12. Jhdt: Ibn Rushd alias
Averroes, Statue in Cordoba
Bild: Saleemzohaib/Wikipedia

Wissen Sie, was die Wörter „Eufrasien“ und „eufrasisch“ bedeutet? Es handelt sich um eine Kombination aus „Europa“, „Afrika“ und „Asien“. Der Historiker Michael Borgolte, Emeritus der Berliner Humboldt-Universität, schlug jetzt in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor, jener Epoche, die wir traditionell „Mittelalter“ nennen, besser den Namen „eufrasische Epoche“ zu geben. 

In der Tat, „Mittelalter“ passt allenfalls auf Europa, und selbst dort nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Der Ausdruck kam im 14. Jahrhundert auf, als die italienischen Humanisten ihre eigene Zeit als eine Wiedergeburt der Antike gegen das angeblich „dunkle Zeitalter“ der Zwischenepoche absetzen wollten. Diese Sprachregelung – oder vielmehr: das ihr zugrundeliegende Geschichtsverständnis – hält sich bis heute, obwohl doch längst klar ist, dass vielleicht die ersten Jahrhunderte nach dem Untergang des Weströmischen Reiches tatsächlich „dunkel“ waren, der Wiederaufstieg des westlichen Europa jedoch bereits im hohen Mittelalter seinen Anfang nahm.

Und ebenso klar sind die Schwierigkeiten, die außereuropäische Geschichte in diesem Schema unterzubringen. Dabei wird in der populären Geschichtsdeutung heute durchaus gern von einem islamischen Mittelalter gesprochen: Der Islam sei bis heute „im Mittelalter steckengeblieben“, habe „Renaissance, Reformation und Aufklärung verpasst“. Mit ebenso viel Vehemenz wird dieses Bild von einem nach wie vor „mittelalterlichen“, reformbedürftigen, womöglich aber gar nicht reformfähigen Islam als böswillige, „islamophobe“ Erfindung abgetan.

Der Münsteraner Arabist Thomas Bauer setzte unlängst einen anderen Akzent: Es gab gar kein islamisches Mittelalter, weil nämlich dem Nahen Osten jener Kulturbruch, von dem das westliche Europa durch die Völkerwanderung heimgesucht wurde, erspart blieb. Von Nordafrika bis zum Hindukusch konnte sich die Antike weitgehend bruchlos fortsetzen, mit einer städtischen Kultur, mit blühender Kunst und Wissenschaft. Nur eben, dass die christliche Kirche in Ägypten und Syrien einerseits, der Zoroastrismus in Persien andererseits nach und nach durch den Islam abgelöst wurden. Einen relativ toleranten Islam, verglichen mit der Gegenwart.

Kurzum: Der Ausdruck „Mittelalter“ ist unbefriedigend, er hat nur regionalhistorisch einen Sinn, nicht „welt“- oder „globalhistorisch“. Der Ausdruck „Globalgeschichte“ kam vor einigen Jahren auf, um die ältere „Universalgeschichte“ abzulösen, die allzu sehr mit weltanschaulichen, eben geschichtsphilosophischen oder geschichtstheologischen Voraussetzungen belastet schien. In der Universalgeschichte ging es in der Hauptsache um ein „universales“ Ziel der Geschichte: die Wiederkunft Christi, die Utopie der klassenlosen Gesellschaft, die universale Geltung von Menschenrechten und Demokratie, wie auch immer. Globalgeschichte dagegen meint, dass die Menschheit heute in der Realität ein großes soziales System bildet – nicht durchweg friedlich, aber mit weltweiter Kommunikation.

Eurozentrismus? Europa im Treppen-
haus der Würzburger Residenz, von
G. B. Tiepolo - Bild: Wikipedia 


Dieses weltumspannende soziale System hat sich erst in den letzten Jahrhunderten ganz allmählich herausgebildet, nämlich durch die europäischen Entdeckungsreisen seit dem späten Mittelalter. Und da setzt Borgolte mit seinem „eufrasischen Zeitalter“ an: In den Jahrhunderten zuvor gab es, so Borgolte, auf dem Globus „mehrere Welten, die in sich geschlossen waren und mit den jeweils anderen nicht kommunizierten“.  Den größten zusammenhängenden Komplex bildeten Europa, Nordafrika und Teile Asiens. „Ich plädiere dafür, statt vom mittelalterlichen Jahrtausend vom eufrasischen Jahrtausend zu sprechen.“  Völlig davon abgeschlossen waren, jedenfalls nach dem heutigen Stand der Forschung, Amerika und Australien. Für andere Weltregionen gilt solche Abgeschlossenheit sehr viel weniger. So war Afrika südlich der Sahara durch den arabischen Sklavenhandel sehr wohl mit Nordafrika und den Ländern am Indischen Ozean verbunden.

Vergleicht man die Kommunikationsmöglichkeiten in diesem „Mittelalter“ mit jenen in der „Neuzeit“, also in der Epoche, die durch die Entdeckungsreisen eingeleitet wurde, ist Borgoltes Vorschlag durchaus plausibel. Er blendet allerdings aus, dass der Komplex Europa-Nordafrika-Asien nicht erst zu Beginn des sogenannten Mittelalters entstand. Indirekt gab es Handelsbeziehungen zwischen China und der Mittelmeerwelt bereits in vorchristlicher Zeit: Die Römer importierten chinesische Seide, über wieviel Zwischenstationen auch immer. Ein „eufrasisches“ Zeitalter müsste man spätestens mit den Eroberungszügen Alexanders des Großen beginnen lassen. Sie waren ein Stück „Globalisierung“, wie später die Entdeckungsreisen eines Columbus und Vasco da Gama oder im 19. Jahrhundert der Telegraph. Oder in unserer Gegenwart das Internet.

Natürlich steht hinter Borgoltes Vorstoß auch ein wissenschaftsstrategisches Anliegen: „Die Mediävistik wird sich im Ganzen zu einer eufrasischen Teildisziplin wandeln, oder sie wird verschwinden.“ Nicht ganz so provozierend gesagt: Die Mittelalterforschung würde zu einer bloßen Regionalwissenschaft. Dabei liegen die praktischen Schwierigkeiten des Konzepts „Globalgeschichte“ freilich auf der Hand: Um das Gesamtgebiet allein der „eufrasischen“ Geschichte zu überblicken, müsste ein Historiker nicht nur Lateinisch und Griechisch beherrschen, sondern auch ein halbes Dutzend asiatischer Sprachen, vom Arabischen bis zum Chinesischen.

Und ohne dass Borgolte es in seinem Beitrag für die FAZ ausgeführt hätte, hat das geschichtswissenschaftliche Thema auch seine eminent politische Dimension. 2006 legte der Berliner Historiker ein viel beachtetes Buch zur „Spezialdiziplin“ Mediävistik vor, eine Geschichte des europäischen Mittelalters unter dem Gesichtspunkt des Nebeneinanders, Miteinanders und Gegeneinanders der drei monotheistischen Religion Judentum, Christentum und Islam. Borgolte sprach von einem „Herauswachsen Europas aus der antiken Mittelmeerwelt“.

Dieser Vorgang hatte unter anderem damit zu tun, dass dem Christentum im Süden und Osten des Mittelmeers eine weitere missionierende monotheistische Religion als Konkurrenz entgegentrat. In den 1920er Jahren brachte der belgische Historiker Henri Pirenne die These auf, durch die islamische Expansion sei das westliche Europa weitgehend vom Orienthandel abgeschnitten worden. Ein Stück vorsichtiger wäre zu sagen: Islamische Herrscher und Händler nahmen nun im „eufrasischen“ Raum die entscheidende Mittlerposition zwischen dem „Westen“ und dem „Fernen Osten“ ein. Die europäischen Entdeckungsreisen im 15. Jahrhundert wurden ganz wesentlich von dem Wunsch angetrieben, diese Vermittlung zu umgehen.

Dabei ist das Gegeneinander von Christentum und Islam jedoch allenfalls die Hälfte der historischen Wahrheit über das Mittelalter. „Der Islam gehört zu den Fundamenten der europäischen Kultur“, hat Borgolte in den letzten Jahren immer wieder betont. Es war die islamische „Konkurrenz“, die dem westlichen Christentum von der antiken Kultur wieder zugänglich machte, was im Westen selbst verschüttet worden war. Ohne das islamische „Mittelalter“, wie immer man es nennen will, hätte es das europäische Mittelalter nicht gegeben. Etwa die Philosophie des Aristoteles wurde zunächst nicht im griechischen Original, sondern auf dem Umweg über arabische Übersetzungen in Europa bekannt.

Islamisches "Mittelalter: Alham-
bra in Cordoba  
Bild: Berthold Werner/Wikipedia 


Borgolte hat gelegentlich aber auch die Kehrseite ausgesprochen: Die „lateinischen Christen“ haben zwar „auf fremden Fundamenten gebaut“, aus diesen geistigen Gütern jedoch „mehr“ und oft auch anderes „gemacht als Muslime und auch griechische Christen“. Am Beispiel Aristoteles: Dessen Schrift zur Politik, darauf hat der Heidelberger Historiker Jürgen Miethke aufmerksam gemacht, fand im islamischen Mittelalter allenfalls sporadisch Interesse. Ihre Rezeption in der Scholastik schuf à la longue durée eine Grundlage für die Aufklärung und für die Theorie der modernen Demokratie.

Ist die Aufklärung ein europäischer „Sonderweg“? Oder kann sie universalhistorische Bedeutung beanspruchen? Bauers Aussage, dass der Islam kein „Mittelalter“ hat, lässt sich in die Frage wenden, ob der Islam eine „Neuzeit“ kennt – nämlich dann, wenn in diesem Begriff die Aufklärung mitgedacht ist. Die Frage nach der historischen Chronologie führt mitten hinein in die politischen Kontroversen unserer Gegenwart.

Wenn das Mittelalter in Zukunft „eufrasisches Zeitalter“ heißen soll, wäre es jedenfalls konsequent, die Neuzeit als das „globale Zeitalter“ zu bezeichnen oder als das Zeitalter einer allmählichen Globalisierung. Welche Traditionen sich in diesem Prozess durchsetzen, darüber geht der Streit. In einem Interview mit der „taz“ meinte Borgolte 2008, man solle lieber nicht darauf setzen, dass der Islam eine „Modernisierung“, „als eine Art nachgeholter Aufklärung“, erleben würde. „Die prinzipiellen Gegensätze zwischen christlich und muslimisch geprägten politischen Systemen muss man zur Kenntnis nehmen. Die mittelalterliche Geschichte zeigt aber, dass ein Modus vivendi möglich ist.“

Mag sein. Im Mittelalter war das Christentum sicherlich die am wenigsten toleranzbereite unter den drei monotheistischen Religionen, der Islam eher gewillt, Juden und Christen zu dulden – vorausgesetzt, die islamische Herrschaft wurde nicht in Frage gestellt. Und beide Seiten sahen aus ökonomischem oder politischem Kalkül auch schon mal vom Buchstaben der Dogmatik ab. Aber ob das Modell „Mittelalter“ wirklich auf die Gegenwart übertragbar ist? In einem Punkt gilt sogar Kontinuität: Wie die christlichen und islamischen Theologen des Mittelalters beanspruchen heute auch die Vertreter der Menschenrechte einerseits, die der Scharia andererseits jeweils für ihre Position universale Geltung. Doch die Globalisierung hat die Welt sozusagen kleiner gemacht – und die Wahrscheinlichkeit von Konflikten größer. 


Mehr im Internet:
"Eurasien" - Wikipedia 
scienzz artikel Weltgeschichte

 

 

 

 

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