Berlin, den 18.12.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

25.09.2018 - ETHIK

"Dass ich noch zwei Tage leben werde"

Alte und moderne Auffassungen vom "bitteren" und vom "guten Tod"

von Josef Tutsch

 
 

Grabmal für Prinzessin Elisabeth von
Hessen, von Ludwig Habich, 1903
(Darmstadt) - Bild. Daderot/Wikipedia

„Sie war ständig von Todesängsten gepeinigt“, lesen wir in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon über Madame de Montespan, eine ehemalige Maitresse Ludwigs XIV., „so dass sie mehrere Frauen anstellte, die nichts zu tun hatten, als des Nachts bei ihr zu wachen. Sie schlief bei aufgezogenen Bettvorhängen, zahlreiche Kerzen brannten im Zimmer, und ihre Wärterinnen saßen rings um sie herum, denn immer, wenn sie aufwachte, wollte sie jemanden sehen, mit dem sie plaudern, spielen oder essen konnte, um ihren Beklemmungszuständen zu entgehen.“

Angst vor dem Sterben und dem Tod. Doch wenn man genauer hinsieht, vermerkte vor nunmehr vier Jahrzehnten der französische Historiker Philippe Ariès in seiner „Geschichte des Todes“, richteten sich die Ängste der Marquise de Montespan im Grunde auf etwas anderes: Erstens befürchtete sie, nicht rechtzeitig von dem Unvermeidlichen Kenntnis zu erhalten, also ihre Gedanken nicht mehr sammeln, ihr Leben nicht mehr bereuen zu können. Und zweitens wollte sie auf keinen Fall allein sein, wenn es ans Sterben ging. Ein Tod ohne Gesellschaft war kein „guter Tod“.

Heute ergeben Umfragen immer wieder, dass ein schneller und plötzlicher Tod gewünscht wird, am liebsten sogar im Schlaf, ohne selbst etwas zu bemerken. Und nach Möglichkeit auch, ohne die Angehörigen damit zu belasten. Die Realität ist eine andere: Die meisten von uns sterben nach langer Krankheit, oft unter großem medizinischem Aufwand, der das Leben verlängern soll. Früher kam der Tod, wenn er kommen sollte, er musste nun einmal hingenommen werden. Heute wird er, wie Ariès es formulierte, gern als „Fehlschlag“ aufgefasst, als ein Versagen der ärztlichen Kunst, die eben doch nicht allmächtig ist.

Gerade, während Ariès an seinem Buch schrieb, ging gerade der Fall der Amerikanerin Karen Ann Quinlan durch die Weltpresse. Das 21-jährige Mädchen war nach einem Kreislaufstillstand in ein Koma gefallen. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere, irreversible Gehirnschädigung und sahen keine Hoffnung, dass Karen Ann jemals wieder zu Bewusstsein kommen könnte; sie wurde nur durch ein künstliches Atemgerät am Leben gehalten. Da das Elektroenzephalogramm weiterhin ausschlug, sperrten sich die Ärzte monatelang gegen das Verlangen der Eltern, diese „außergewöhnliche Maßnahme der Lebensverlängerung“ einzustellen.

Nach langem Rechtsstreit gab der Supreme Court von New Jersey den Eltern Recht: In einem solchen Fall habe das „Right of Privacy“ der Patientin Vorrang vor der ärztlichen Entscheidung, die Therapie fortsetzen zu wollen. Tatsächlich konnten die Eltern glaubhaft machen, dass ihre Tochter selbst es so gewollt hatte. Sie fanden Unterstützung auch bei der katholischen Kirche. Der Bischof von New Jersey berief sich auf eine Entscheidung von Papst Pius XII., der bereits 1957 erklärt hatte, es könne eine moralisch korrekte Entscheidung sein, dergleichen Maßnahmen einzustellen.

Der Supreme Court regte an, zur Klärung solcher Fragen Ethikkommissionen einzurichten – ein Eingeständnis, dass die Fortschritte der modernen Wissenschaft das ethische Urteilsvermögen des Individuums überfordern können. Doch das lange Sterben der Karen Ann Quinlin war noch nicht zu Ende, als das Gericht den Weg zum Abschalten des Atemgeräts freimachte: Inzwischen hatte sich ihre natürliche Atmung stabilisiert. Das Bewusstsein erlangte sie nicht wieder und wurde noch neun weitere Jahre künstlich ernährt.

Der Tod und das Mädchen,
von Hans Baldung Grien,
ca. 1520 (Kunstmuseum 
Basel) - Bild: Wikipedia 


Wer wünscht sich ein solches Ende? Andererseits: Wer möchte als Arzt oder Angehöriger entscheiden, dass der Stecker gezogen wird, selbst dann, wenn der Patient zuvor bei klarem Bewusstsein und mit freiem Willen eine Entscheidung getroffen hat? Kann man sich darauf verlassen, dass diese Entscheidung Bestand hat? Berühmt wurde der Fall Walter Jens. Der Tübinger Literaturwissenschaftler hatte in der Öffentlichkeit immer wieder über das Recht auf einen „selbstbestimmten Tod“ reflektiert, „statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert“. In einer Patientenverfügung hatte er Bestimmungen zu einer möglichen Sterbehilfe getroffen. Doch 2011 berichtete seine Ehefrau Inge in der Presse, der Demenzkranke habe sie angefleht: „Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.“ „Ich bin mir nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbenshilfe, sondern um Lebenshilfe bittet.“

Fragen, die sich früheren Generationen in dieser Schärfe noch nicht stellen konnten. Der Romancier Jean Paul schrieb einmal, die Erinnerung sei „das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Von Demenzerkrankungen ahnte er noch nichts. Die Verlängerung des Lebens, die uns die Fortschritte der Medizin in den letzten Jahrzehnten beschert haben, bewirkt eben auch, dass ein langes Siechtum mit schwerer Krankheit immer häufiger geworden ist. Dabei sei für die Krankenhausroutine, bemerkte Ariès mit leichtem Zynismus, der angenehmste Sterbende doch eigentlich jener, der bis zuletzt so tut, als müsse er gar nicht sterben – und der dann eines schönen Morgens einfach „weg“ ist.

Am besten konnte diese allseitige Camouflage natürlich laufen, wenn der Todkranke selbst über seinen Zustand im Unklaren gehalten wurde. Als 1965 die schweizerische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross Interviews mit Sterbenden durchführen wollte, wurde sie von vielen Kliniken abgewiesen. Die Stationschefs, an die sie sich wandte, reagierten verständnislos: Sterbende gab es bei ihnen nicht, nur Schwerkranke. Und manchmal, aber eben nur vorübergehend bis zu ihrem schnellen Abtransport, auch Tote.

Ein Vorgang, der sich heute so wohl nicht wiederholen würde. Die Wahrheitspflicht gegenüber den Patienten ist als Teil des ärztlichen Ethos anerkannt, zumindest im Prinzip. Ob der einzelne Sterbende die Wahrheit überhaupt will, wie er mit ihr zurechtkommen wird, ist eine andere Frage. Im Mittelalter, hat Ariès analysiert, wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Todgeweihten selbst eine genaue Vorahnung hatten, während Gefährten und Ärzte und Priester noch von nichts wussten. „Lieber, guter Herr“, wird der Ritter Gauvain in einem Artusroman voller Verwunderung gefragt, „gedenkt Ihr denn so bald zu sterben?“ „Ja“, antwortet Gauvain, „so erfahrt denn, dass ich noch zwei Tage leben werde.“

Die Angst der Madame de Montespan war es, ein unerwarteter Tod könnte ihr eine solche Frist nehmen. Immer wieder erzählt die Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit, wie die Todgeweihten diese Frist nutzten: durch genaue Verfügungen, wie das kommende Begräbnis ablaufen soll, durch wohltätige Stiftungen, mit denen die Sünden ihres Lebens vor Gott – vielleicht – abzugelten waren, durch den Empfang der Sakramente. Wie der Jakobusbrief im Neuen Testament bezeugt, kam bereits im Urchristentum der Brauch auf, die Kranken unter Gebeten „im Namen des Herrn mit Öl zu salben.“ Damit verband sich einerseits die Hoffnung, der Kranke werde wiederaufgerichtet, andererseits und vor allem der Gedanke der Sündenvergebung. In der mittelalterlichen Kirche wurde die Krankensalbung zu einem eigenen Sakrament, ergänzend und manchmal auch anstelle der Beichte: Nicht jeder Schwerkranke war noch imstande, seine Sünden zu bekennen.

Als Ideal galt jedoch ein Sterben bei vollem Bewusstsein. Von einem 96-jährigen französischen Bauern noch im späten 19. Jahrhundert berichtete sein Neffe: „Eines Vormittags sagte er: ‚Ich weiß nicht, was mir fehlt, ich fühle mich hinfällig wie nie zuvor, holt mir doch den Pfarrer.‘ Der Pfarrer kam und versorgte ihn mit den Sterbesakramenten. Eine Stunde später war er tot.“ Damals war eine solche Haltung längst nicht mehr selbstverständlich. Seit der Aufklärung hatten Religionskritiker – prominentes Beispiel: Heinrich Heine – längst das Glück auf Erden gegen die ungewiss gewordenen Jenseitshoffnungen in Stellung gebracht: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“

Grabmal für Erzherzogin Maria Christina,
von Antonio Canova, 1805 (Augustiner-
kirche, Wien) - Bild: Diana Ringo/Wikipedia


Aber damit verdrängte das diesseitige Leiden auch die Furcht vor den drohenden Höllenstrafen. Die ideale Vorstellung von einem „guten Tod“ verkehrte sich in ihr Gegenteil, der plötzliche, beinahe unbemerkte Tod wurde zu einem Segen. Wenn es in einem Gebet aus dem frühen Mittelalter heißt „Überlass uns nicht dem bitteren Tod“, dann war damit nicht etwa ein besonders schmerzlicher Tod gemeint, sondern ein Tod in Sünde und womöglich ohne geistlichen Beistand. Sofern der Zustand des Sterbenden eine Beichte unmöglich machte, sollte doch zumindest die Krankensalbung nicht ausbleiben. Wie wichtig das genommen wurde, zeigt ein Detail: Ariès hat beobachtet, dass die Angehörigen – und zwar bis ins 20. Jahrhundert hinein – den Priester oft auch riefen, wenn der Tod bereits eingetreten war. Gegen den Widerspruch der Theologen sollte das Sakrament der Krankensalbung auch den Toten noch helfen können.

Der Bauernkutscher in Lew N. Tolstois „Drei Tode“ stirbt so bewusst wie gelassen, allerdings ohne nach den Tröstungen der Kirche zu fragen, deren Heilsversprechen der Schriftsteller mit viel Distanz ansah. Er fragt erst recht nicht nach dem Beistand eines Arztes. Der Medizin misstraute Tolstoi womöglich noch mehr als der Kirche. In seinen Augen war es der modernen Medizin und der modernen Zivilisation insgesamt anzulasten, wenn er den Helden seiner späteren Erzählung vom „Tod des Iwan Iljitsch“ in abgrundtiefe Verzweiflung fallen lassen musste. Und dann in ein „drei Tage lang ohne Unterbrechung währendes Schreien, das so furchtbar war, dass man es hinter zwei Türen nicht ohne Entsetzen hören konnte“.

Die Karikatur einer bürokratisierten, im Ergebnis mitleidlosen „Heilkunst“. Das qualvolle Sterben bildet ein Leitmotiv in Tolstois Romanen und Erzählungen. Umgekehrt wurde die frühe Erzählung vom gelassenen Sterben des Bauern in den „Drei Toden“ zu einem Kultbüchlein unserer modernen Zeit. Dabei kann man, wenn man sich nicht gerade von Tolstois Erzählkunst blenden lässt, durchaus fragen, ob wirklich so viele von uns zu dem zurückwollen, was der große Schriftsteller zivilisationskritisch zum Ideal erklärte. Der berühmte Schluss der Erzählung rückt das „natürliche“ Sterben des Bauern nah an das eines Baumes, der gefällt wird, um auf dem Grab des Toten ein Kreuz aufstellen zu könne. „Die Axt tönte unten dumpfer und dumpfer […] Der Baum erzitterte am ganzen Körper […] In seinem Stamm krachte es und er stürzte.“ Sterben wie ein Baum – ist es das, was wir wollen?


Zur Zeit vergriffen:
Philippe Ariès: Geschichte des Todes, in deutscher Übersetzung erschienen bei dtv


Mehr im Internet:
Tod - Wikiipedia 
scienzz artikel Sterben 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet