Berlin, den 18.12.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

20.09.2018 - GESCHICHTSKULTUR

Die Suche nach dem Echten

Irrungen und Wirrungen des modernen Geschichtstourismus

von Josef Tutsch

 
 

Wasserspeier auf Notre-Dame in
Paris - Bild: C. Winters/Wikipedia

Als er vor nunmehr vier Jahrzehnten, erzählte einmal der holländische Historiker Peter Raedts, sein Promotionsstudium in Angriff nehmen wollte, entschied er sich für die Universität Oxford. Grund, so Raedts, war weniger das aktuelle wissenschaftliche Renommee der Universität, als ihre „jahrhundertealte Tradition“, zu deren Teil er selbst werden wollte. Das so mittelalterlich anmutende Gemäuer der Universitätsbauten erschien ihm als sinnliche Bekräftigung dieser Tradition.

Eines schönen Tages schlenderte er wieder einmal mit einem Freund durch den Kreuzgang des 1458 gestifteten Magdalen College. Beiläufig erwähnte der Freund, kein einziger Stein ringsum stamme aus dem Mittelalter, alles sei frühestens im 19. Jahrhundert entstanden. Raedts war wie vor den Kopf geschlagen, fand jedoch bald bestätigt, dass das richtig war: „Was ich für mittelalterlich gehalten hatte, war nicht mehr als ein Versuch des 19. Jahrhunderts, den Faden der mittelalterlichen Kultur aufzugreifen.“ „Das Mittelalter Oxfords war lediglich eine Attrappe.“

Oder, wie es jetzt der Luzerner Historiker Valentin Groebner in seiner neuen Studie zum Thema „Geschichtstourismus“ formuliert, eine Reise ins „Retroland“. Die „Authentizität“, die der junge Student Raedts auf seinem Weg ins Berufsleben vorzufinden hoffte – für viele von uns ist sie wenigstens ein Urlaubstraum, zu verwirklichen vielleicht zwei oder drei Wochen im Jahr. „Wir Ferienverbesserer kennen noch Paradiese“, hat Groebner als Slogan auf dem Werbeplakat einer Tourismusagentur gefunden. Dazu war ein Erdball abgebildet, der sich in einen grünen Apfel verwandelt hatte.

Ob die „Ferienverbesserer“ wohl bedacht haben, dass es in der Geschichte von Adam und Eva gerade der Biss in den verbotenen Apfel war, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte? Neben dem Meer und den Bergen ist vor allem die Vergangenheit das große Sehnsuchtsziel von Urlaubsreisenden. „Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein“, versprechen uns die Kataloge und schwärmen von traditioneller Alltagskultur, die selbstverständlich nichts von „performance“ für die Touristen an sich hat, und von unberührt erhalten gebliebenen Altstädten.

Unberührt? Es gibt heute kaum noch ein Fleckchen Erde, wo wir nicht statt des „Authentischen“ vielmehr das finden werden, was uns Tourismusbranche und Populärkultur als „Geschichte“ aufbereitet haben. Auf der Galerie des Nordturms von Notre-Dame in Paris steht ein gehörnter Dämon. Das Gesicht in die Hände gestützt, die Ellenbogen auf der Balustrade, schaut er hinunter auf die Stadt. Ein Fabelwesen aus dem Mittelalter, möchte man meinen. Vielleicht war es ja diese Figur, die Victor Hugo die Inspiration zu seinem Roman vom Glöckner von Notre-Dame eingab?

Kapellbrücke in Luzern
Bild: sputnikkilt/Wikipedia 

Leider verhält es sich gerade umgekehrt, erläutert Groebner. Nach seinem Erscheinen 1831 entfachte Hugos Roman eine große Begeisterung für die mittelalterlichen Monumente, von denen viele in der Französischen Revolution teilweise zerstört worden waren. „Jetzt sollten sie als nationale Monumente in ihrer ursprünglichen Schönheit wiederhergestellt werden.“ 1843 entwarf der Bildhauer Victor Pyanet, von Hugo inspiriert, das Ungeheuer, das heute wie eine Ikone für die Kathedrale steht. Und für unsere Vorstellung vom Mittelalter.

Nun war Pyanets Innovation keineswegs willkürlich. Tatsächlich standen und stehen auf mittelalterlichen Kirchen sehr oft solche Phantasiefiguren; vermutlich sollten sie bösen Zauber abwehren. In Paris waren sie im Laufe des 18. Jahrhunderts durch die Witterung schadhaft geworden und teilweise auf das Straßenpflaster herabgefallen. Der Künstler des 19. Jahrhunderts konnte sich durchaus an Vorlagen orientieren, als er für die restaurierte Fassade seinen Dämon schuf. Aber ohne ein gehöriges Maß an schöpferischer Phantasie ging es eben doch nicht.

In einem Text des 15. Jahrhunderts hat Groebner für diesen Umgang mit der Geschichte das lateinische Wort „instaurare“ gefunden. Der päpstliche Kanzleisekretär Flavio Biondo verwandte es, als er 1446 die vielleicht erste Beschreibung des antiken Rom – oder vielmehr dessen, was davon noch zu sehen war – für Reisende verfasste. „Instaurare“, erläutern die Wörterbücher, heißt soviel wie „instandsetzen“ oder „wiederherstellen“. Mit dem Mut zum Anachronismus übersetzt Groebner: „performen“. Die Zeugnisse der Antike sollten sozusagen inszeniert werden, auf einem schmalen Grat zwischen Treue zur Überlieferung und Aktualisierung.

Das Vorbild für diese humanistische Geschichtskultur gab der Reliquienkult der christlichen Kirche. Das späte Mittelalter muss geradezu süchtig gewesen sein nach „echten“ materiellen Zeugnissen der Heilsgeschichte. Zum Heiligen Jahr 1450 behauptete ein Pilgerführer, eine marmorne Treppe im Lateranspalast sei aus eben jenen Steinen erbaut, aus denen das Haus des Pilatus in Jerusalem bestanden hatte. Bereits im späten 12. Jahrhundert, schreibt Groebner, hatte der Erzbischof von Pisa „ganze Schiffsladungen von Erde“ aus Palästina in die Toskana bringen lassen. Wer seine Bestattung im „Campo Santo“ in Pisa vorsah, konnte sich also mit etwas gutem Willen der Illusion hingeben, es sei derselbe Boden, auf dem – vielleicht – auch Jesus gestanden hatte.

Und wenn „originale“ Materie nun einmal nicht vorweisbar war – ersatzweise tat es auch eine möglichst große Ähnlichkeit in der „Aufführung“. Groebner verweist auf die „Monti sacri“, die seit dem 15. Jahrhundert vor allem im Piemont und in der Lombardei, aber auch an manchen anderen Orten Europas entstanden: Das Heilsgeschehen sollte sichtbar und beinahe greifbar gemacht werden, „quasi lebendig“. Erlebnisparks, wenn man so will. Zum Beispiel in Kalwaria Zebrzydowska bei Krakau wird noch Jahr für Jahr in der Karwoche die Passion Christi nachgespielt, mit viel künstlichem Blut. Den Rest des Jahres muss es eben die eigene Phantasie tun.

Übrigens, bemerkt Groebner, kannte das Mittelalter durchaus den Begriff des „Authentischen“: „Authentica“ waren die Zettelchen, die den Reliquien der Heiligen beigefügt wurden, um deren Echtheit zu beglaubigen. In der Praxis wird wichtiger gewesen sein, dass die Reliquien an Kranken ihre Heilkraft bewiesen. Heute darf man unterstellen, sind an diese Stelle zwei andere Anforderungen getreten: Erstens dürfen die Sehenswürdigkeiten auf gar keinen Fall langweilig sein. Und zweitens sollten sie so etwas wie Identität stiften.

Vorausgesetzt, dass dieser Begriff noch erlaubt ist, nachdem rechtsextremistische Ideologen ihn sich zu eigen gemacht haben. Identität bildet die Wünsche desjenigen ab, der das Wort benutzt“, versucht sich Groebner in einer Begriffsbestimmung: die Wünsche der Individuen, was der „Superkleber“ sein sollte, der einer Gruppe ihre Zusammengehörigkeit verleiht.

Türme in San Gimigniano 
Bild: LligaDue/Wikipedia 

Womit wir wieder beim „Mittelalter“ von Oxford wären. Oder bei der Warschauer Altstadt, die nach ihrer völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg von den polnischen Restauratoren so bewundernswert wiederaufgebaut wurde – ein Symbol der wieder erstandenen polnischen Nation. Auf materielle Identität mit dem Original kommt es nicht unbedingt an. 1968, berichtet Groebner, wurde die weltberühmte Kapellbrücke in Luzern wieder einmal renoviert, etwa drei Viertel der alten Balken mussten durch neue ausgetauscht werden. Immerhin – ein einzelnes Holzstück lässt sich tatsächlich auf das Jahr 1365 datieren.

Manchmal allerdings kommt die angeblich originalgetreue Erneuerung einer Manipulation bedenklich nahe. Im 20. Jahrhundert, schreibt Groebner, wurden im toskanischen Städtchen San Gimignano einige Türme im Stil des Mittelalters neu errichtet und einige vorhandene um ein Drittel erhöht: Die Stadt sollte noch „mittelalterlicher“ aussehen. Ganz und gar „neo-mittelalterlich“ ist der „Borgo medievale“ bei Turin. In diesem Fall besteht allerdings nicht die Gefahr, dass jemand getäuscht werden könnte: Jeder Reiseführer informiert darüber, dass der Ort in den 1880er Jahren von dem Restaurator Alfredo d’Andrade aus lauter Kopien mittelalterlicher Häuser montiert wurde. Ein wenig Flair vermittelt sich dem Besucher aber wohl doch – ohne den Kot, versteht sich, der in den Straßen mittelalterlicher Städte allgegenwärtig war.

Wie lange mag es wohl dauern, bis das Berliner Hohenzollernschloss, das zur Zeit wiederaufgebaut wird, von manchen Touristen für „echt“-barock gehalten wird? In diesem Fall musste ein Teil der Geschichte, die Hinterlassenschaft der DDR, zerstört werden, um einen anderen Teil wiederherzustellen. Ähnlich beim Parthenon auf der Akropolis von Athen. Heute bietet sich dem Betrachter ganz selbstverständlich die Ruine eines antiken Tempels. Doch bis zum griechischen Unabhängigkeitskrieg war er eine Moschee, noch früher eine christliche Kirche. Diese Umbauten wurden erst in den 1830er und 1840er Jahren beseitigt. Vielleicht hätte es den Griechen selbst damals nach ihrem Sieg über die Türken sogar näher gelegen, die byzantinische Marienkirche wiederherzustellen. Aber für die „Philhellenen“ aus dem Westen kam natürlich nur der „heidnische“ Tempel aus der Zeit des Perikles in Betracht.

„Geschichte“ ist nicht dasselbe wie Vergangenheit, schreibt Groebner: Sie „muss erzählt und präsentiert werden“, sie „spielt sich immer in der Gegenwart ihrer Erzähler und ihres Publikums ab“. „Erzähler“ im Plural, da kann es Diskussionen und Kontroversen geben, welche Geschichte als die „richtige“ gelten soll. Und auch das Publikum ist keine Einheit. Aus der Zeit der deutschen Klassik werden zwei Reiseberichte bis heute gelesen, Goethes „Italienische Reise“ und Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“. Sie zeigen völlig verschiedene Haltungen zur Geschichte. Während der Dichterfürst, der den Kontakt mit der klassischen Antike suchte, das Italien seiner Gegenwart souverän beiseiteschob, kokettierte der ehemalige Offizier aus dem sächsischen Grimma gern mit der Selbstbeobachtung, dass er dort, wo andere den Geist der Antike zu verspüren meinten, eigentlich gar nichts fand, bloß „überwucherte, zerfallene Trümmer“ – so am Stadttor von Capua. Oder am angeblichen Grab des Vergil bei Neapel: „nichts als einige wildverschlungene Kräuter“.


Neu auf dem Büchermarkt:
Valentin Groebner: Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, 224 S., ISBN 978-3-10-397366-2, 20,00 € [D], 20,60 € [A]


Mehr im Internet:

Geschichtstourismus - Wikipedia 
Valentin Groebner: Retroland 
scienzz artikel Geschichtskultur 

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet