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01.10.2019 - MALEREI

Als die Kunst an der Macht war

Die "Malerfuersten" des spaeten 19. Jahrhunderts halten in der Bonner Bundeskunsthalle Hof

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich August von Kaul-
bach als Karl V., von Franz
Hanfstaengl, 1876
(Münchner Stadtmuseum)
Bild: Wikipedia

„Platz für den großen Raffael!“, soll August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, ausgerufen haben, als die „Sixtinische Madonna“ am 1. März 1754, nach zweijährigen Verhandlungen mit den Benediktinermönchen von Piacenza, endlich in Dresden ankam. Und eigenhändig räumte der Herrscher seinen Thronsessel beiseite.

Vielleicht ja bloß eine Anekdote, ähnlich wie auch jene Geschichte von Tizian und Kaiser Karl V. bloß eine Anekdote sein mag: Bei der Sitzung für ein Portrait, es soll am Rande des Augsburger Reichstags 1547 gewesen sein, entfiel dem Maler der Pinsel; der Kaiser bückte sich, um ihn aufzuheben. Richtig ist jedenfalls, dass die soziale Stellung großer Künstler sich im Laufe der frühen Neuzeit radikal veränderte. „Er lebte in der Tat nicht als Maler, sondern als Fürst“, lesen wir in einer Raffael-Biographie der 1540er Jahre. Anfang des 17. Jahrhunderts pflegte Peter Paul Rubens eine goldene Kette am Hals zu tragen und zu Pferd durch Antwerpen zu reiten, „wie die anderen Ritter“.

„Malerfürsten“ par excellence nennen wir heute ein halbes Dutzend von Künstlern im späten 19. Jahrhundert, also zu einer Zeit, da es mit der Fürstenherrschaft allmählich schon zu Ende ging. Mit den Deutschen Franz von Lenbach, Friedrich August von Kaulbach und Franz von Stuck, dem Österreicher Hans Makart, dem Ungarn Mihály von Munkácsy, dem Polen Jan Matejko sowie dem hierzulande noch recht unbekannten Engländer Frederick Lord Leighton befasst sich jetzt eine große Ausstellung der Bundeskunsthalle in Bonn, die in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Nationalmuseum in Krakau erstellt wurde.

Vor ihren Zeitgenossen wie den französischen Impressionisten hoben sie sich durch ihren quasi-fürstlichen Lebensstil hervor – und eine Üppigkeit in den Bildern, für die uns heute leicht der Ausdruck „Plüsch“ in den Sinn kommt. Die adligen Namenszusätze sind kein Zufall: Bereits seit dem 13. Jahrhundert, berichtet die Bonner Kunsthistorikerin Doris H. Lehmann, wurden hochgeschätzte Künstler von den „wirklichen“ Fürsten immer wieder „nobilitiert“. Erfolgsgeschichten, die zeigen, welche Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs die europäische Gesellschaft seit dem späten Mittelalter einzelnen großen Künstlern eröffnete – aus dem Handwerkerstand bis in den Adel.

Offenbar boten München und Wien dafür im 19. Jahrhundert das beste Milieu, nicht das politisch aufstrebende Berlin. 1922 schrieb der Kunsthistoriker Richard Muther im Rückblick: „Es gab Momente, wo nicht der Prinzregent Luitpold, sondern Lenbach der Herrscher von München war.“ Man kann sich kaum noch vorstellen, welche Verehrung des Publikums damals die historischen Monumentalgemälde eines Hans Makart hervorriefen. „Der Andrang war so groß, dass Sicherheitswachen aufgestellt werden mussten“, berichtete die Wiener Presse im März 1878 über die Enthüllung des Bildes „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“, „die Leute standen in Sturm und Schnee.“

Von diesem Bild ist allerdings nicht die 50 Quadratmeter große Fassung, die heute in der Hamburger Kunsthalle hängt, nach Bonn gekommen, sondern „nur“ eine kleinere Version. Die ganz großen Formate sind in der Ausstellung zum Beispiel durch Makarts „Frühling“ vertreten: 24 Quadratmeter, gemalt in ungemeiner Farbenpracht. Das Bild entstand Anfang der 1880er Jahre, zur selben Zeit malte Édouard Manet seine „Bar in den Folies-Bergères“. Wenn man sich diese Gleichzeitigkeit vergegenwärtigt, muss man die „Fürstenmalerei“ stilistisch zweifellos rückwärtsgewandt nennen, im Vergleich mit der Entdeckung des Alltagslebens in der französischen Kunst wirkt vieles kostümiert.

Hans Makart: Der Frühling, 1884 
(Salzburg Museum) - Bild: Wikipedia 


Aber was für eine Meisterschaft der Komposition und des Kolorits und des Pinselstrichs! Da kommen dem Besucher Zweifel, ob eine pauschale Abwertung dieser „unmodernen“ Malerei, die im Anfang der Moderne entstand, nicht doch etwas übereilt wäre. Anders als wir es von heutigen Malern gewöhnt sind, fügten sich Makart und die anderen Malerfürsten auch problemlos den Repräsentationsaufgaben, die ihnen von den „wirklichen“ Fürsten gestellt wurden. Die Ausstellung zeigt Entwürfe für das Schlafzimmer der Kaiserin Elisabeth in der Villa Hermes bei Wien und für einen Festumzug in Wien zur Silberhochzeit des Kaiserpaares 1879.

Ein Großteil der Ausstellung besteht aus Portraits prominenter Zeitgenossen, darunter Franz von Lenbachs berühmtes Bild von Reichskanzler Otto von Bismarck. Da vermischte sich die Inszenierung des Dargestellten untrennbar mit der Selbstinszenierung des Künstlers; für Lenbach erwies sich die Fürstenmalerei als der geeignete Weg zum eigenen Malerfürstentum. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, Munkácsys Portrait des Komponisten Franz Liszt. À propos Liszt: Ähnlich wie eine Generation später sein Schwiegersohn Richard Wagner bildete er ein Parallelphänomen zu den „Malerfürsten“: „Musikerfürsten“, sozusagen. Ausstellung und Katalog gehen darauf nicht ein, ebenso wenig wie auf den „Dichterfürsten“, als den sich ein Stefan George um die Jahrhundertwende gerierte.

In der Spätzeit europäischer Adelsherrschaft, vor dem Ersten Weltkrieg, war die Zeit reif geworden, dass die herausragenden „Fürsten“ der Kunst sich mit mehr oder weniger Erfolg neben jene der Politik stellten. In den Generationen zuvor war es noch eine ganz große Ausnahme gewesen, dass Künstler – Beispiel: der „Dichterfürst“ Goethe – eine solche Stellung beanspruchen konnten, und zwar bereits zu Lebzeiten, nicht erst im Gedächtnis der Nachwelt. Während allerdings die Stellung der dynastischen Fürsten durch Geburt vorgegeben war, mussten ihre malenden „Kollegen“ viel Aufwand betreiben, um sich selbst als Herrscher im Reich der Kunst zu inszenieren.

Insofern waren diese Malerfürsten des 19. Jahrhunderts, bei aller altmeisterlichen Maltechnik, zugleich die Vorgänger heutiger Popstars. Makart, Matejko und Munkácsy waren Virtuosen der Ausstellungsorganisation, stellt die Kunsthistorikerin Katharina Chrubasik fest, mit ihren großen Erfolgsbildern tourten sie um die Welt. Eine eigene Kunstform waren die „Künstlerfeste“. Sie dienten nicht bloß dem Vergnügen im Freundeskreis, schreibt die Kunsthistorikerin Doris H. Lehmann im Katalog, vor allem brachten die Bilder von diesen Festen einer breiten Öffentlichkeit zu Bewusstsein, dass dort jemand, nämlich der Künstler, festlich Hof hielt.

Kaulbach und Lenbach ließen sich bei solchen Gelegenheiten als Kaiser Karl V. ablichten, Makart und Munkácsy als neuerstandener Rubens. Munkácsy setzte noch eins drauf: Eine Fotografie zeigt ihn als Christus am Kreuz. In solchen Provokationsstrategien am Rande der Blasphemie übte sich vor allem Franz von Stuck, der jüngste der sieben Malerfürsten in dieser Ausstellung. In seinem Münchner Atelier baute er einen „Sünde-Altar“ auf. Darauf stand anstelle eines Heiligenbildes sein weltberühmtes Gemälde „Die Sünde“, das in der Ausstellung leider nur durch eine Fotografie dieses „Altars“ präsent ist.

Wie ein Abgesang auf die Epoche der Malerfürsten wirkt ein anderes Foto von Stuck: Nackt wie ein antiker Satyr sitzt er in einem Lehnstuhl und kann sich vor Lachen kaum halten. Lacht er etwa über das Publikum, dem einige Jahrzehnte lang der Eindruck vermittelt werden konnte, die Kunst sei, um es mit einer Erzählung von Thomas Mann aus diesen Jahren zu sagen, „an der Herrschaft“? Heute trennen uns von dieser Epoche gleich zwei Revolutionen. Erstens eine ästhetische, in Frankreich war sie im Grunde bereits vollzogen, als die Malerfürsten unter den Zeptern der Habsburger und der Wittelsbacher ihre große Zeit hatten. Ja, die Kunst der Malerfürsten war, wenn man so will, eher „akademisch“ als avantgardistisch. Gerade der „konservative“ Stil verhalf ihnen jedoch dazu, ein Maß an ökonomischer Unabhängigkeit zu gewinnen, wie es auf dem „freien“ Kunstmarkt selten ist.

Franz von Lenbach mit Familie, 1903
Bild: Lenbachhaus, München
Bild: Wikipedia 


Und zweitens die politische: Seit dem Ersten Weltkrieg ist es mit der Adelsherrschaft vorbei. „Danach gab es keinen Bedarf mehr für dieses gesellschaftliche Konzept“ der Malerfürsten, vermerkt Lehmann lapidar. Ob das so pauschal richtig ist, könnte man allerdings bezweifeln. Sicherlich, der „Makartstil“ mit seiner brokatenen Üppigkeit und Schwülstigkeit ist Vergangenheit. Aber Lehmanns Kollege Andreas Tacke verweist darauf, dass sich in Figuren wie Joseph Beuys und Andy Warhol die Tradition der Malerfürsten mit ihrer herrscherlichen Attitüde vielleicht doch fortgesetzt hat.

Oder, um das Feld der Malerei nochmals zu überschreiten, in einer Figur wie dem Komponisten Hans Werner Henze, der in einem italienischen Schloss residierte und von dort aus die Welt mit seinen Werken beschenkte. Gegenüber dem späten 19. Jahrhundert ist das Urbild der „echten“ Fürsten heute arg verblasst. Doch die Kunst der Selbstinszenierung, derer sich die Malerfürsten des 19. Jahrhunderts bedienten, um in dieser Konkurrenz bestehen zu können, scheint in unserer Zeit der Medienstars und -superstars vielleicht noch mehr gefragt als damals. Und da ist das Modell, dass der Künstler sozusagen wie ein Fürst Hof hält, eines der möglichen Rollenbilder.

Eine derart offenkundige Symbolik, wie sie 1878 dem polnischen Maler Jan Matejko zuteil wurde, kann man sich in der heutigen Welt allerdings kaum noch vorstellen. Im Namen des polnischen Volkes überreichte der Bürgermeister von Krakau Matejko ein Zepter, das Zeichen monarchischer Würde. Krakau gehörte damals zu Österreich; aus den von Preußen und von Russland annektierten Teilen Polens waren Delegationen angereist, um an der Feier teilzunehmen. Kurz zuvor hatte der Maler sein Monumentalbild von der „Schlacht bei Grunwald“ fertiggestellt, also von jenem Ereignis, mit dem Polen 1410 in die Reihe der europäischen Großmächte aufgestiegen war. Auf einer kulturellen Ebene, ohne direkten politischen Anspruch, proklamierte die Zeremonie den Maler zum König eines nicht existierenden polnischen Nationalstaates.


Neue Ausstellung:
Malerfürsten, bis 27. Januar 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn


Neu auf dem Büchermarkt:
Malerfürsten. Katalog zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle, Bonn, Hirmer Verlag, 304 Seiten mit 372 Abb., ISBN 978-3-7774-3138-3, 45,00 € [D] 46,30 € [A], 54,90 CHF 



Mehr im Internet:
 
Malerfürsten, Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn 
Malerfürsten. Katalog zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn 
scienzz artikel Kunsst im 19. Jahrhundert 

 

 

 

 

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