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13.10.2018 - ARCHAEOLOGIE

Spukorte, betruegerische Orakel und Gemeinschaftslatrinen

"Seltsame" Orte in der antiken Welt

von Josef Tutsch

 
 

Ort der "Gemonischen Trep-
pe": San Giuseppe die Faleg-
nami in Rom - Bild: José Luiz
Bernardes Ribeiro/Wikipedia

Der Satyr Marsyas, erzählt ein antiker Mythos, war auf seine Kunst, die Flöte zu spielen, derart stolz, dass er den Gott Apollon zum Wettkampf herausforderte. Zur Strafe für seine Hybris ließ ihm der Gott bei lebendigem Leib die Haut abziehen.

Wenn jemand diese Geschichte nicht glauben wollte: Die Haut des Marsyas wurde im Städtchen Kelainai in Kleinasien aufbewahrt und gezeigt. Was dort zu sehen war, lässt sich heute nicht mehr sagen; jedenfalls garantierte die „Reliquie“ dem Ort seinen Anteil am Tourismus in der Welt der Griechen und Römer. Der Münchner Historiker Martin Zimmermann hat jetzt eine kleine Rundreise durch „seltsame Orte“ der Antike zusammengestellt – von den Britischen Inseln bis nach Ägypten, von der Iberischen Halbinsel bis an den Euphrat und den Tigris.

Orte mit kuriosen und mit makabren Geschichten, mit rätselhaften und mit phantastischen. Was Touristen wirklich zu sehen bekommen, macht ja nicht die ganze Attraktion von „Sehenswürdigkeiten“ aus; wichtiger sind oft die Assoziationen, die sich daran knüpfen, die Geschichten, die darüber erzählt werden. In manchen Fällen deckt sich unsere Empfindung, dass manches daran doch recht „seltsam“ ist, mit jener der Alten, in anderen klafft beides auseinander. Zweifellos hätte Griechen und Römer unsere Verwunderung über die großen Gemeinschaftslatrinen, die damals üblich waren, sehr „seltsam“ gefunden. Besonders gut erhalten, schreibt Zimmermann, ist eine in Salamis auf Zypern: 44 Toilettensitze nebeneinander, offenbar ohne Kabinenwände. Während der Verrichtung der Notdurft wurde der neueste Klatsch ausgetauscht.

Vielerorts gab es mehrere solcher Anlagen, ihre Benutzung erfolgte streng nach sozialem Rang getrennt. Für hohe Herren hätte es nämlich nichts Beleidigenderes gegeben, als nicht neben seinesgleichen, sondern neben Sklaven zu sitzen. Die Archäologen, berichtet Zimmermann, haben sich einigermaßen schwer getan mit der Deutung, nachdem die große Latrine in Salamis Anfang des 20. Jahrhunderts ausgegraben worden war. Eine beliebte Theorie damals: Die Löcher im Boden seien Amphorenhalterungen, die prachtvolle Anlage hätte als Lagerhalle gedient.

Vielleicht schade, dass Zimmermann sein Buch nicht durch einen gelehrten Anhang mit Originalzitatenaus den antiken Schriftstellern bereichert hat. In der Antike gab es eine umfangreiche Literatur über wunderbare und seltsame Tatsachen. Oft waren sie mit Orten irgendwo fern am Rande der Welt verknüpft, oft aber auch mit Orten in der vertrauten Welt. „In der Stadt Kelainai hängt die Haut des Satyrn Marsyas“, berichtete zum Beispiel der griechische Geschichtsschreiber Herodot. „Diese hat nach der Sage Apollon dem Marsyas abgezogen und hier aufgehängt.“

„Nach der Sage“ - mag sein, dass da etwas Skepsis durchscheint. Aber was wäre zum Beispiel der Ruinenhügel von Hisarlık im Nordwesten Kleinasiens, wenn die Überlieferung ihn nicht mit Homers „Ilias“ in Verbindung bringen würde? Nicht erst Heinrich Schliemann in den 1870er Jahren wurde von dem Wunsch angetrieben, die Stätte, an der Achilleus und Hektor gekämpft hatten, mit eigenen Augen zu sehen. Bereits die alten Griechen hatten das unstillbare Bedürfnis, die poetische Phantasie zu solidem Stein werden zu lassen. Einem Ort an der heute türkischen Ägäisküste wurde der Name „Ilion“ oder „Troia“ gegeben.

Das homerische Troja? Archäologischer
Plan des Hügels von Hisarlik
Bild: Bibi Saint-Pol/Wikipedia

Ob es damit seine Richtigkeit hat, ist unter Historikern und Archäologen bis heute umstritten. Zimmermann zeigt sich skeptisch: Ob wir auch auf die Idee kämen, am Rhein jene Stelle identifizieren zu wollen, an der Hagen dem Nibelungenlied zufolge den berühmten Schatz versenkte? Nun ja, erst vor wenigen Jahren ging wieder einmal die Meldung durch die Presse, der Nibelungenschatz sei gefunden, jedenfalls „vielleicht“. Ganz ähnlich zeigte man den antiken Reisenden vor Troia das steinerne Brett, an dem sich die griechischen Krieger in den Kampfpausen mit Spiel erholt hatten. Oder den Felsenspalt, in dem die Schlangen der Göttin Athene verschwanden, nachdem sie den trojanischen Priester Laokoon und seine Söhne getötet hatten; Laokoon hatte die List mit dem hölzernen Pferd durchschaut.

Für Homers Helden wurden sogar ganz neu Grabhügel aufgeschüttet. Ob die Einheimischen der Versuchung widerstehen konnten, sie vor den Touristen als „echt“ auszugeben? Offenbar, schreibt Zimmermann, „ist es Menschen wichtig, ihre Helden – welcher Art auch immer ihr Heldentum war – an einem Grab verehren zu können“. Es gab allerdings auch Skeptiker. So unterstellte der Geograph Strabon, der um Christi Geburt lebte, den Bewohnern von Ilion „Ruhmsucht“, wenn sie ihre Stadt mit Troja identifizierten. Eine andere Erklärung wäre, dass die neuen Trojaner der Fremdenverkehrswirtschaft aufhelfen. Im Grunde nicht viel anders als heute auch, nur dass die Menge der Erzählungen sich in der Zeit von Buchdruck und Internet vervielfältigt hat. Das mindert die Glaubwürdigkeit jeder einzelnen Erzählung.

Einer der geheimnisvollsten Orte der Alten Welt war das Orakel von Delphi. In einem verborgenen Raum saß eine Priesterin, die unverständliche Lallworte von sich gab; vermutlich war sie durch Gase in Trance versetzt. Ihre Priesterkollegen im Vorraum übertrugen die Orakelworte in ganze Sätze – natürlich in dem Sinn, den sie praktisch und politisch für angebracht hielten. Im 2. Jahrhundert n. Chr. versuchte ein gewisser Alexander, seine Heimatstadt Abonuteichos im nördlichen Kleinasien zu einem zweiten Delphi zu machen. Mit einer heiligen Schlange zog er ein Orakel auf. Für einige Jahrzehnte florierte das Geschäft, Alexander – oder der Gott Glyphon, für den er sich ausgab – sagte die Zukunft voraus, verriet die Orte, an denen Schätze vergraben seien, heilte Kranke usw. usf. Irgendwann kam, neugierig geworden, auch der Spötter Lukian. Ob das Pamphlet, das er dann verfasste, eher geeignet war, den Scharlatan zu entlarven oder das Orakel vielmehr noch bekannter zu machen, sei dahingestellt. Alexanders Kundschaft reichte bis in die höchsten Kreise des Römischen Reiches.

Damals wie heute gab es auch Orte, von denen man besser Abstand hielt. Oder auch nicht, je nach eigener Lust an der Gefahr. Irgendwann im 1. Jahrhundert v. Chr., ist in einem Brief von Plinius dem Jüngeren zu lesen, war der Philosoph Athenodoros in Athen auf Wohnungssuche. Bei einer Anzeige fiel ihm der ungewöhnlich niedrige Preis auf. Als er nachfragte, erfuhr er, dort treibe ein Gespenst sein Unwesen. Athenodoros, von Beruf wegen sozusagen Skeptiker, zog dennoch ein. Als am Abend das Kettenrasseln einsetzte, versuchte er das zunächst zu ignorieren. Doch dann erschien das Gespenst auch vor seinen Augen und forderte ihn auf zu folgen. Im Hof des Hauses verschwand es plötzlich. Die Knochen mit Ketten, die man am nächsten Tag dort ausgrub, wurden feierlich beigesetzt. Fortan blieb der Spuk aus.

Ein ganz realer, zeitweise wohl sehr beliebter Ort des Grauens war die „Gemonische Treppe“ auf dem Forum Romanum, etwa dort, wo sich heute die Kirche San Giuseppe dei Falegnami findet. In der Antike war an dieser Stelle der Kerker, in dem die berühmten Feinde Roms wie Jugurtha, Catilina und Vercingetorix hingerichtet wurden. An das Gebäude ließ Kaiser Augustus eine Treppe anbauen, auf der die Hingerichteten ausgestellt wurden. Die Volksmenge war ausdrücklich aufgefordert, die Leichname zu schänden. Immer wieder ließen dort die Kaiser die Leichen wirklicher oder vermeintlicher Verschwörer dem Volkszorn vorwerfen.

Ersparen wir uns die Frage, wie unsere Zeitgenossen reagieren würden, würde ihnen die Gelegenheit zu solchen Spektakeln geboten. An sich war Leichenschändung auch im alten Rom verpönt. Doch offenbar hielten die Kaiser es für sinnvoll, gelegentlich solche Veranstaltungen abzuhalten. Man hat auch vermutet, berichtet Zimmermann, dass diese Exzesse die Bürger für ihren Verlust an realer Macht entschädigen sollten: Gerichtsverfahren gegen „Staatsfeinde“ lagen nicht mehr beim Volk, sondern beim Kaiser.

Gymnasion und Thermen in Salamis auf
Zypern - Bild: Gerhard Haubold/Wikipedia

Was hatte es wohl mit dem sogenannten „Schwesternbalken“ auf sich, unweit der römischen Metrostation „Colosseo“? Die sagenhafte Frühgeschichte Roms gab eindeutige Auskunft: Unter diesem Bogen hatte Publius Horatius durchgehen müssen, zur Sühnung für den Mord an seiner Schwester. Horatius hatte im Kampf deren Verlobten erschlagen, der ein Feind Roms war. Als sie es wagte, um ihn zu trauern, musste auch sie sterben. So werde es künftig jedem ergehen, der um einen Feind trauere, sagte Horatius. Ursprünglich, meint Zimmermann, war das Durchgehen unter dem Bogen vermutlich ein Pubertätsritus, Zeichen für die Aufnahme des Heranwachsenden in die Bürgerschaft. Die patriotische Phantasie machte ihn zum Urbild römischer Tugendstrenge, die um des Vaterlandes willen selbst die eigene Familie hintanstellte. Wahrscheinlich gaben sich die Römer bei Spaziergängen dort gern Gedanken an die gute alte Zeit hin.

Ein anderer Ort in Rom, um patriotische Empfindungen aufleben zu lassen, war die „Porta triumphalis“, jenes Tor in der Stadtmauer, durch das die siegreichen Feldherren einzogen. Als Pompeius 79 v. Chr. von einem Sieg in Nordafrika zurückkam, ließ er sich einen Propagandacoup einfallen, von dem sicherlich noch Jahre lang geredet wurde: Statt wie üblich von Pferden wurde der Wagen des Feldherrn von Elefanten gezogen. Natürlich war Pompeius bewusst, dass sie nicht durch das Tor passen würden und der Triumphzug deshalb stocken müsste, bis die Elefanten durch Pferde ausgewechselt waren. Aber er wollte demonstrieren, dass seine eigene Größe alle bekannten Maßstäbe sprengte. Caesar wollte seinen Rivalen begreiflicherweise übertreffen, er vervielfachte die Zahl der Elefanten.

Und natürlich hatten die Alten auch ihre privaten, unpolitischen Erinnerungsorte. In Sestos auf der europäischen Seite des Hellesponts lebte die Aphrodite-Priesterin Hero, in Abydos auf der asiatischen Seite ihr Liebhaber Leander. Da der Priesterin die Liebe verboten war, schwamm Leander Nacht für Nacht, geleitet durch einen Fackelschein, heimlich durch die Meerenge, um seine Geliebte zu besuchen. Eines Nachts erlosch die Fackel durch einen Sturm, Leander fand den Weg nicht und ertrank in den Fluten. Da stellt man sich dann gern vor, wie antike Touristen am Meeresufer von Sestos standen und über die bittersüße Liebesgeschichte schluchzten – ähnlich wie heutige Touristen vor dem Balkon der Julia in Verona.


Neu auf dem Büchermarkt:

Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Gespensterhäuser, Hängende Gärten und die Enden der Welt,
Verlag C. H. Beck, München 2018, 336 S. mit 10 Illustrationen von Lukas Wossagk, 22,00 €



Mehr im Internet:

Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Antike Welt 


 

 

 

 

 

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