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19.10.2018 - LINGUISTIK

Zwischen Unhoeflichkeit und Aggression, Hassrede und Satire

Die sprachlichen Mechanismen der Herabwuerdigung

von Josef Tutsch

 
 

Soldat ohne Hoheitsabzeichen
in Simferopol während der
Annexion der Krim, 2014
Bild: Elizabeth Arrot/VoA/
Wikipedia

1970, als die „RAF“ gerade ihre ersten Terrorakte verübte, kam es in der deutschen Öffentlichkeit zu einem heftigen Streit um das „richtige“ Wort. Sollte man die RAF als „Baader-Meinhof-Gruppe“ bezeichnen? Oder vielmehr als „Baader-Meinhof-Bande“? Der damalige ZDF-Korrespondent Peter Doebel erinnerte sich später: „Wenn ich ‚Baader-Meinhof-Bande‘ sagte, war ein Teil der Zuschauer, auch der Kollegen, bereit, mich als jemanden hinzustellen, der vorverurteilt; wenn ich sagte ‚Gruppe‘, dann kamen sofort die anderen und sagten ‚Aha - ein Entschuldiger, ein Beschöniger, der nicht sehen will, dass das hier ganz gewöhnliche Mörder sind."

Ein Streit um des Kaisers Bart, könnte man meinen: „Gruppe“ ist ein wertneutraler Oberbegriff, „Bande“ ein Unterbegriff, in den ein moralisches oder rechtliches Werturteil eingegangen ist, in diesem Fall ein abwertendes Urteil, eine „Pejorisierung“ oder „Pejoration“, wie die Linguisten sagen. Das eine Wort war, auf die RAF angewandt, nicht richtiger oder falscher als das andere.  Aber in dem einen wie in dem anderen Wort schwangen eben Töne mit, die vom Zuhörer leicht im Sinne einer politischen Vorentscheidung verstanden werden konnten. „Wir signalisieren unseren Kommunikationspartnern, wie wir unsere Äußerungen verstanden wissen möchten und welche Wissenskontexte interpretationsrelevant sind“, konstatiert der Germanist Joachim Scharloth von der Waseda Universität in Tokyo. Ob die Signale bei unseren Partnern richtig ankommen, ist dann wieder eine andere Frage.

Gemeinsam mit seinen Kollegen Fabian Klinker von der TU Dresden und Joanna Szczęk von der Universität Wrocław hat Scharloth einen Sammelband zu „Formen und Effekten von Pejorisierung“ herausgebracht. Gemeint sind alle möglichen Formen von „Herabwürdigung“, von der bloßen Unhöflichkeit bis zur Hassrede – und bis zur spielerischen Infragestellung und Verächtlichmachung von gesellschaftlich eingefahrenen Denkmustern. Scharloth bringt ein etwas makabres Beispiel. Im Mai 1967 ging in Brüssel das Kaufhaus „À l’Innovation“ in Flammen auf, fast 400 Menschen kamen ums Leben. Der Umstand, dass im Kaufhaus gerade eine Ausstellung amerikanischer Waren stattfand, brachte das Gerücht auf, Gegner des amerikanischen Kriegs in Vietnam könnten den Brand gelegt haben. Die Berliner Kommune um Rainer Langhans und Fritz Teufel veröffentlichte ein Flugblatt: „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“

Zur Empörung weiter Teile der Öffentlichkeit konnten Langhans und Teufel vor Gericht glaubhaft machen, es handle sich um Satire. Die Grenze zwischen Satire und Aufforderung zu Straftaten, zwischen Satire und Hassrede kann durchaus umstritten sein. Gemeinsam ist all diesen Formen von Herabwürdigung, dass „sprachliche Gewalt“ ausgeübt wird, wie die Forschergruppe aus Dresden und Wrocław  den Band überschrieben hat. Die Linguisten gehen mit ihrem Begriff von „sprachlicher Gewalt“ aber noch einen Schritt weiter: Selbst positiv gemeinte Zuschreibungen können als „gewaltsam“ empfunden werden, wenn der Angesprochene sie gar nicht will. „Jede Zuschreibung ist ein Akt der Gewalt“, stellen Scharloth und Szczęk fest.

„Diese Gewalt ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit stets vorethisch.“ Also für eine Diskussion über ethische Fragen eigentlich ungeeignet. Konkret geht es dann natürlich aber doch weitgehend um die Frage, was man sagen darf und was nicht. Oder nicht mehr sagen darf, da Sprache sich historisch ja wandelt. Vor wenigen Jahrzehnten konnte etwa das Wort „Neger“ im Deutschen noch weitgehend wertneutral verwendet werden, als Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen. Heute gilt es als beleidigend, als ein Akt „sprachlicher Gewalt“.

Plakat zum Umgang mit dem Terrorismus
der RAF - Bild. ACDP/Wikipedia 


Im Alltag, schreibt der Breslauer Germanist Przemysław Staniewski, werden Schimpfwörter, die dem Bereich des Riechens entnommen sind, als ganz besonders beleidigend empfunden. „Das liegt in der Einzigartigkeit des Geruchssinns, die in der Unüberwindlichkeit der physischen Abneigung besteht.“ Staniewski hat im Deutschen wie im Polnischen reichlich Beispiele gefunden, dass Wörter wie „Stinker“ von der sinnlichen Wahrnehmung gelöst und ganz allgemein für Menschen verwendet werden, die man aus irgendwelchen Gründen nicht mag, zum Beispiel in der Zusammensetzung „reiche Stinker“. Die Anspielung auf einen im Ernst gar nicht unterstellten üblen Geruch dient der Herabwürdigung oder Verunglimpfung.

Aktuell wird zum Beispiel heftig diskutiert, ob man jene Migranten, die vor einem Krieg geflohen sind, als „Flüchtlinge“ bezeichnen darf. „Ein Überblick über personale Benennungen auf ‚-ling‘ lässt den Schluss zu“, stellt die Breslauer Germanistin Marcelina Kalasznik, „dass ein Großteil entweder negativ konnotiert ist, z.B. ‚Eindringling‘, oder eine passive Komponente voraussetzt, z.B. ‚Lehrling‘.“ Ist das Wort „Flüchtling“ also abwertend, muss man es politisch korrekt durch Synonyme wie „Geflüchtete“ oder „Flüchtende“ ersetzen? Und kann man es überhaupt dadurch ersetzen? Synonyme sind miteinander ja niemals völlig deckungsgleich. Werden wir demnächst von „Steuergeflüchteten“ oder „Steuerflüchtenden“ sprechen?

Kalasznik ist aufgefallen, dass ein großer Teil der Wortzusammensetzungen mit „Flüchtling“ entweder mit Wassermetaphern arbeitet – Beispiel: „Flüchtlingsstrom“ – oder mit Metaphern aus dem Militärwesen – Beispiel: „Flüchtlingsansturm“. Ihre Folgerung: Mit Wassermetaphern werden Flüchtlinge ihrer Individualität beraubt, die Militärmetaphern setzen das Ankommen von Flüchtlingen mit einem Angriff oder einer Attacke gleich. „In beiden Fällen lassen sich die Metaphern mit negativen Assoziationen und Emotionen wie Angst, Unzufriedenheit, Unsicherheit verbinden.“

Abkürzungen eignen sich offenbar besonders gut für pejorative Zuschreibungen, z.B. „Nafri“, im Polizeijargon eigentlich gedacht für „mutmaßlicher Straftäter aus einem nordafrikanischen Staat, der schon mit mindestens drei bis fünf Delikten aufgefallen ist“. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es in der Praxis sein wird, nicht gleich alle nordafrikanisch aussehenden Passanten auf der Straße mit diesem Kürzel zu klassifizieren. Die Aggression, vermerkt der Dresdner Slawist Holger Kuße, muss nicht immer so offenkundig sein wie auf einem Werbeplakat zum Referendum auf der Krim 2014: links die Halbinsel blutig rot eingefärbt, mit einem Stacheldraht überzogen und von einem Hakenkreuz überdeckt, rechts in den leuchtenden Farben der russischen Flaggen. Die Aufschrift erläuterte: „Am 16. März wählen wir“ – entweder das eine oder das andere.

Aggression im Namen höchster Werte, gegen das schlechthin Böse. Da werden dann klare Bekenntnisse gefordert, die Pejorisierung der jeweils anderen Seite wird scheinbar zur moralischen Pflicht. Der Germanist Fabian Klinker hat in den Reden des AfD-Politikers Björn Höcke große Ähnlichkeiten mit Hitler-Reden gefunden. Die konkreten Feindbilder haben gewechselt: Was bei Hitler damals das Judentum, Marxismus und Kapitalismus und die bürgerlichen „Systemparteien“ waren, das sind bei Höcke heute „Amerikanisierung, Neoliberalismus, Multikulturalität, fremde Völkerschaften und radikaler Islam“. Der Abgrenzungsmechanismus selbst, analysiert Klinker, ist weitgehend gleich: Das eigene nationale Kollektiv wird in existentieller Bedrohung durch die „anderen“ gesehen, mit der Folgerung, dass radikale Maßnahmen zur Abwehr gerechtfertigt wären.

Mit einer ganz anderen Gefährdung befasst sich der Beitrag von Michaela Schnick. Vor allem vom Bundeskriminalamt, so Schnick, würden „sowohl der Islam als auch Muslime“ unter Terrorismusverdacht gestellt. Aus dem Umstand, dass die beiden Faktoren „Islam“ und „Terroranschläge“ oft gemeinsam auftreten, lasse sich jedoch nicht schließen, „dass Islam, verstanden als Ideologie, zwangsläufig zu Terroranschlägen führt“. Ein Gedanke, der zweifellos richtig ist. Schnick bleibt jedoch den Beleg schuldig, dass das BKA eine solche Kausalität tatsächlich behauptet hat. Die Aussage wäre auch unsinnig. Noch so „radikale“ Anschauungen führen nicht „zwangsläufig“ zu gewalttätigen Handlungen.

PEGIDA-Demonstration 2015 in Dresden
Bild. Kalispera Dell/Wikipedia 


Und damit liefert der Beitrag ungewollt einen Beleg für die These, die Szczęk, beifällig zitierend, in einem Text der polnischen Linguistin Maria Peisert gefunden hat: Pejorisierung liegt dann vor, wenn zumindest ein Teilnehmer der Kommunikation es so verstanden hat. Oder missverstanden, wie auch immer, die Deutungshoheit liegt, ist das Wort erst einmal ausgesprochen, beim Empfänger. À propos Missverstehen: Nachdem Langhans und Teufel freigesprochen worden waren, kaum aus dem Umkreis der Kommune der Vorschlag, mit den Kaufhausbränden doch einmal Ernst zu machen. Kurz darauf steckte die RAF in Frankfurt am Main tatsächlich zwei Kaufhäuser in Brand.

In welcher Phase der Kommunikation genau lag damals das Missverstehen, die Missdeutung dessen, was zunächst wohl in der Tat als Satire gedacht war? Vor diesem Hintergrund wird es fraglich, ob die These, die Scharloth in der Einleitung formuliert, wirklich sinnvoll sein kann: „Sprache ist kein Werkzeug zur Beschreibung der Welt, sie ist ein Medium der Wirklichkeitskonstruktion.“ Warum eigentlich diese platte Entgegensetzung? Wenn wir „Wirklichkeit“ zu „konstruieren“ versuchen, dann doch mit dem Anspruch, dass unsere Konstruktion die Wirklichkeit besser trifft, als es andere Konstruktionen zu tun vermögen. Ohne diese Voraussetzung lässt sich zwischen Verstehen und Missverstehen gar nicht sinnvoll unterscheiden, Fakten und „Fakes“ werden gleichwertig und „gleich gültig“. Tucholskys berühmtes Wort, der Satire sei alles erlaubt, setzt voraus, dass sie sich klar von sozialem und politischem Handeln unterscheidet, in dem gerade nicht alles erlaubt sein kann und darf.

Konkurrierende „Wirklichkeitskonstruktionen“ nennen wir gern „ideologisch“. Ideologie sei „im Sprachgebrauch der politischen Rednertribüne“ eine geradezu „magische Formel zur Entwertung gegnerischer Behauptungen“, vermerkte 1953 der Soziologe Theodor Geiger. Im politischen Kampf geht es primär, wie sich versteht, nicht um Wirklichkeitsbeschreibung und Wirklichkeitsbearbeitung, sondern, wie es der Dresdner Linguist Mihael Švitek formuliert, um „diskursive Deutungshoheit“. Angesichts der aktuellen politischen Lage in Deutschland haben viele Beobachter eine Tendenz zum „Tribalismus“ festgestellt, zur Umwandlung der Gesellschaft in ein Gegeneinander von feindlichen „Stämmen“, die jeweils auf Hegemonie in der öffentlichen Meinung Anspruch erheben. „Wir sind auf verschiedenen Seiten der Barrikade“, zitiert Schnick die „Radikalökologin“ Jutta Ditfurth. Barrikaden zeichnen sich dadurch aus, dass über sie hinweg keine Argumente getauscht werden, sondern im mildesten Fall Beschimpfungen. Oder bloß Sprachlosigkeit. 2017 kam es bei einer Fernsehdiskussion zwischen Ditfurth und Wolfgang Bosbach von der CDU zum Eklat. Bosbach hatte keine Lust zu der Keilerei und verließ die Talkshow.


Neu auf dem Büchermarkt:

Sprachliche Gewalt. Formen und Effekte von Pejorisierung, verbaler Aggression und Hassrede, herausgegeben von Fabian Klinker, Joachim Scharloth, Johanna Szczęk, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-476-04542-3, 69,99 €


Mehr im Internet:
Pejoration - Wikipedia 
Sprachliche Gewalt. herausgegeben von Fabian Klinker, Joachim Scharloth, Johanna Szczęk, J. B. Metzler Verlag 
scienzz artikel Linguistik 

 

 

 

 

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