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25.10.2018 - IDEENGESCHICHTE

Durch das Nadeloehr von Reflexion und Einbildungskraft

Jena um 1800 - der andere Teil der Weimarer Klassik

von Josef Tutsch

 
 

Johann Gottlieb Fichte
Bild: Wikipedia

Als Ende 1918, Anfang 1919 eine verfassunggebende Nationalversammlung des Deutschen Reiches vorbereitet wurde, war vor allem der Tagungsort zu klären. Die Reichshauptstadt Berlin kam nicht in Frage. Dort wurden Unruhen befürchtet, und außerdem: Die neue Republik sollte nicht von vornherein mit dem Schatten des untergegangenen Hohenzollernreiches belastet werden. Als Alternative wurde Nürnberg erörtert, die steingewordene Verkörperung des deutschen Mittelalters. Und Bayreuth: In der Stadt mit dem Erbe Richard Wagners konnten sich auch jene wiederfinden, die der Republik zunächst ablehnend gegenüberstanden.

Auch Jena wurde diskutiert, die Universitätsstadt, in der um 1800 zeitweise Schiller und die Brüder Schlegel und Novalis, Fichte und Schelling und Hegel gelebt hatten. Am Ende fiel die Entscheidung für Weimar: Die Stadt der „Dichterfürsten“ Goethe und Schiller überstrahlte alles, auch das nahe gelegene Jena mit seiner Universität. Im Gedächtnis der Deutschen hundert Jahre danach waren der „Wallenstein“ und der „Fausts“ eben lebendiger als die Theorien der Brüder Schlegel zur „Universalpoesie“ und Schellings Naturphilosophie und Hegels „Phänomenologie des Geistes“.

Der Jenaer Philosoph Peter Neumann hat jetzt eine Sammlung von Lebensbildern aus der Stadt Jena in jenen Jahren um 1800 erstellt. Oder vielmehr aus dem Städtchen Jena: Damals zählte der Ort weniger als 5.000 Einwohner, selbst im Vergleich mit der Residenzstadt Weimar war er provinziell. Aber einige wenige Jahre lang hatte er in seinen Mauern so viele Geistesgrößen wie sonst allenfalls London und Paris. Neben der Stadt von Goethe, Schiller, Herder und Wieland bildete es den anderen, bis heute oft übersehenen Bestandteil der „Weimarer Klassik“.

Attraktionspunkt war die Universität mit ihren fast 1.000 Studenten. Herzog Carl August „liebte die Wissenschaften“, schreibt Neumann. Sein Minister Goethe, vor allem an Naturwissenschaften und Naturphilosophie interessiert, war an den Berufungsentscheidungen immer wieder beteiligt. Aber es war eine recht prekäre „Liebe“. In Frankreich erklärte Napoleon Bonaparte 1799 die Revolution für „beendet“. Doch das konnte die Landesherren in Deutschland in keiner Weise beruhigen. Ob Herzog Carl August von Weimar an „seiner“ Universität strengere Zügel anlegte, als es seine Kollegen in anderen deutschen Territorien taten, ist zweifelhaft, aber „schon der leiseste Versuch, sich mit der Revolution gemein zu machen, wurde geahndet.“

1799 musste der Philosoph Johann Gottlieb Fichte die Universität verlassen. Fünf Jahre zuvor war es unter riesigem Aufsehen berufen worden. Anonym hatte er zuvor eine Abhandlung „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ erscheinen lassen. In der Öffentlichkeit galt sie bald als eine Schrift des alten Immanuel Kant. Als Fichte den Irrtum aufklärte, war er mit einem Schlag weltberühmt. Carl August und Goethe entschlossen sich, ihn nach Jena zu holen, nicht ganz ohne Zögern: Fichte hatte sich durch eine Schrift „Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten“ gerade erst als „Revolutionssympathisant“ verdächtig gemacht.

In Jena erregte Fichte allerdings weniger durch revolutionäre Parolen Ärger denn durch die Ausarbeitung seiner Religionsphilosophie. Das böse Wort „Atheismus“ kam auf. Neumann spricht von einem „bloßen Vorwand“. Aber da ist zu berücksichtigen, dass für die Zeitgenossen religiöses Für-wahr-halten und politische Zuverlässigkeit enger miteinander verknüpft waren, als wir uns das heute vorstellen.

Caroline Schelling und die Brüder Schlegel
vor dem Romantikerhaus in Jena
Bild: Tomukas/Wikipedia 


Und gerade der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis stand im Zentrum der philosophischen Reflexion dieser Jahre. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, hatte Kant als Parole ausgegeben. Er selbst als treuer Untertan des preußischen Staates wollte von möglichen politischen Folgerungen nicht sprechen. Doch aus der philosophischen Vernunftkritik entwickelte sich unter den „Kantianern“ eine politische Kaskade. Neumann: „Während in Paris die Revolution für beendet erklärt wurde, sollte sie in Jena erst beginnen.“

Dass diese Kaskade, die Philosophiehistoriker später unter den Begriff „Deutscher Idealismus“ fassten, im Bereich des Gedankens blieb und nicht „praktisch“ wurde, hat spätere Kritiker, am prominentesten Heinrich Heine, zu viel Spott veranlasst. „Der Weg zur lang ersehnten politischen Freiheit“, schreibt Neumann, für Deutschland „führte er durch das Nadelöhr der philosophischen Reflexion und der poetischen Einbildungskraft“. Dazu trug ganz wesentlich der Eindruck des „Terrors“ in den Pariser Revolutionsjahren bei, er wirkte auf die allermeisten Zeitgenossen abschreckend.

„Die Republik der freien Geister“ hat Neumann sein Buch im Untertitel benannt.  „Republik“ war eines der Zauberwörter der Epoche, nach heutigem Sprachgebrauch ist es, angewandt auf Jena um 1800, freilich einigermaßen schief. Das Miteinander der Intellektuellen damals war keine politische Gemeinschaft. Wenn es innere Spannungen gab, dann griff man natürlich nicht zu Zwangsmaßnahmen, sondern lud einander nicht mehr zum Essen ein. Oder man verweigerte die Mitarbeit an den literarischen Zeitschriften, die der andere herausgab, und lästerte stattdessen nach Herzenslust. „Mit Goethe spricht man, über Schiller amüsiert man sich“, vermerkt Neumann über den Kreis der frühromantischen Dichter um die Brüder Schlegel. Berühmt wurde August Wilhelm Schlegels Parodie auf Schillers Gedicht „Würde der Frauen“: „Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe, wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe, flicken zerrissene Pantalons aus.“

Dabei hatte doch alles mit Schiller angefangen. 1789, im Jahr der Revolution, wurde er auf Goethes Betreiben zum Professor in Jena berufen. Seine Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ wurde zum öffentlichen Ereignis. Ende 1799 verließ Schiller mit seiner Familie Jena wieder und zog nach Weimar. Der Umzug über gerademal 20 Kilometer brachte die ersehnte größere Nähe zu Goethe – und eine nicht unwillkommene Entfernung von den Frühromantikern um die Brüder Schlegel, die in Jena den Ton angaben.

„Stricken“ und „flicken“ – über die Schiller-Parodie hinaus wird August Wilhelm durchaus reflektiert haben, welch sozialer Konfliktstoff da lauerte. Sein Bruder Friedrich lebte mit Dorothea, der geschiedenen Frau des Bankiers Simon Veit, zusammen. Dorothea hatte offenbar die größten Schwierigkeiten mit der Erwartung, den Haushalt führen zu sollen, während sie viel lieber selbst gedichtet oder Dichtungen aus anderen Sprachen übersetzt hätte. 1799 brachte Friedrich sein Buch „Lucinde“ heraus, einen Roman ohne Handlung. Die beiden Helden, in denen die Zeitgenossen ohne weiteres Friedrich und Dorothea wiederkennen konnten, entdecken gemeinsam die Liebe als eine Lebensform, die alle althergebrachten Verhaltensmuster unterläuft – was im Alltag des Verfassers und seiner Lebensgefährtin eben doch nicht möglich war.

Neumann legt in seiner Darstellung viel Gewicht auf die persönlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten, Beziehungen, aus denen die Werke ja erwachsen sind. August Wilhelm war seit 1796 mit der verwitweten Caroline Böhmer verheiratet. Caroline war das, was man damals eine „verrufene Frau“ nannte – erstens wegen ihres lockeren Lebenswandels, zweitens wegen der Nähe, die sie zu den revolutionären Demokraten der Mainzer Republik gepflegt hatte. Heute würde man diese Ehe eine „offene Partnerschaft“ nennen. Als 1798 der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling nach Jena kam, duldete August Wilhelm bereitwillig, dass sich zwischen ihm und Caroline eine Liaison entwickelte. 1803 ließen August Wilhelm und Caroline sich scheiden, Schelling konnte Caroline endlich heiraten.

Gedenktafel zu Schillers
Trauung in der Schiller-
kirche in Jena
Bild: Jola102/Wikipedia


„Alle so durcheinander“, fasst Neumann das Beziehungsgeflecht der Schriftsteller und Philosophen in Jena zusammen. Es klingt ein bisschen altväterlich und sauertöpfisch, der Erzähler Ludwig Tieck, der sich als Freund der Schlegels 1799/1800 in Jena aufhielt, sah es tatsächlich so. Schelling war wie so viele andere auf Anregung von Goethe persönlich berufen worden. Der Dichterfürst war fasziniert vom Ruf des „Naturphilosophen“, der Schelling vorauseilte, insofern hatte ihn Fichte wohl etwas enttäuscht. An Bonaparte wusste Goethe die Gewaltsamkeit, mit der dieser daranging, die alten Verhältnisse umzustülpen, durchaus zu schätzen. In der Philosophie befremdete ihn solche Gewaltsamkeit bloß.

1801 kam endlich auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel – wenige Monate, bevor Friedrich Schlegel die Stadt verließ. Hegel, berichtet Neumann, kam gerade noch rechtzeitig, um Schlegels Vorlesung über die „Rückkehr der Philosophie in sich selbst“ zu hören – er wird seine eigenen philosophischen Ambitionen freudig wiedererkannt haben. Mit seinem Studienfreund Schelling war er nun sozusagen wiedervereinigt. Ein Jahrzehnt zuvor im Tübinger Stift hatten sich die beiden gemeinsam mit Friedrich Hölderlin, wie Neumann es ausdrückt, geschworen, „die von Kant ausgerufene Revolution der Denkart durch eine zweite, der Welt und dem Leben zugewandte Revolution zu vollenden“.

Neumann hat in seiner Sammlung von Lebensbildern aus dem Jena dieser Jahre um 1800 auf die Frage verzichtet, inwieweit den Intellektuellen damals wenigstens in Gedanken das gelang, was den französischen Revolutionären in den Jahren zuvor in der Realität nicht gelungen war: einen „tragfähigen Grund“ zu finden, auf dem „Freiheit“ dauerhaft errichten werden konnte. Die reale Geschichte setzte unter diese ruhmreichen Jahre, mit denen sich Jena in die Welt-Ideengeschichte einschrieb, einen Schlussstrich. Im Oktober 1806 wurde die Stadt von französischen Truppen eingenommen und geplündert. Wer einigermaßen Französisch sprach, hatte noch Glück, er konnte sich mit den Soldaten verständigen. Hegel konnte aus seiner Wohnung gerade noch die letzten Bögen eines Manuskripts retten, das er soeben fertiggestellt hatte.

Es war die „Phänomenologie des Geistes“. Auf der Flucht zum befreundeten Verleger Frommann, der sein Haus geschützt hatte, indem er es für Einquartierungen öffnete, begegnete Hegel einem kleinen uniformierten Mann zu Pferde. Später sah er darin seine ganz persönliche Begegnung mit dem Weltgeist. Ansprechen konnte er Napoleon nicht, schon deshalb nicht, weil er selbst in Pantoffeln dastand. Die Stiefel hatten die Soldaten ihm abgezogen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter Neumann: Jena 1800. Die Republik der freien Geister, Siedler Verlag, München 2018, 256 S., ISBN 978-3-8275-0105-9, 22,00 € [D], 22,70 € [A], 30,90 CHF


Mehr im Internet:
Jena - Wikiipedia 
Peter Neumann: Jena 1800, Siedler Verlag 
scienzz artikel Philosophie des Idealismus  

 

 

 

 

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