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kultur

31.10.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

Ueberaus lustig und maenniglich nuetzlich zu lesen

1668 erschien der "Abenteuerliche Simplicissimus"

von Josef Tutsch

 
 

Hans Jakob Christoffel von Grim-
melshausen (Authentizität unge-
klärt) - Bild: Wikipedia

„German Schleifheim von Sulsfort“? Von einem Schriftsteller dieses Namens haben Sie vermutlich noch niemals etwas gehört. Aber gelesen haben Sie von ihm vielleicht doch etwas, wenn schon nicht im Original, dann gekürzt, vielleicht sogar als Jugendbuch bearbeitet: seine „Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten, genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim“. Der Roman erschien Ende 1668, vor 350 Jahren, und wurde gleich zur Sensation auf dem Büchermarkt. Der Verfasser, mit Klarnamen Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, ist der erste Schriftsteller der neueren deutschen Literatur, dessen Erfolg beim Publikum sich bis heute gehalten hat.

„Der abenteuerliche Simplicissimus, teutsch, das ist: die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten“ – usw. usw., wie damals üblich, gaben Autor und Verleger dem Buch einen voluminösen Titel. Der Beiname „Simplicissimus“ sollte dem Leser gleich zu Beginn andeuten, dass er es mit einem „simplen“ Helden zu tun bekommen würde, einem zunächst unwissenden und unschuldigen Jungen, der ganz allmählich in seine Welt hineinwächst. In die Welt des Dreißigjährigen Krieges: Als Grimmelshausen seinen Roman veröffentlichte, lag es gerade zwei Jahrzehnte zurück, dass die allgemeine Erschöpfung zum Friedensschluss geführt hatte.

Und in der letzten Titelzeile machten Autor und Verleger dann noch ein wenig Werbung für ihr Buch: „überaus lustig und männiglich nützlich zu lesen“. Bei „German Schleifheim von Sulsfort“ handelte es sich übrigens um eines von Grimmelshausens Pseudonymen. Wenn er sich im Titel seiner Bücher nennen sollte, griff Grimmelshausen gern zu „Anagrammen“: Er würfelte die Buchstaben seines Namens in frei phantasierter Anordnung neu zusammen. Auch der eigentliche Name des Helden, jener „Melchior Sternfels von Fuchshaim“, ist ein solches Anagramm des Verfassernamens.

Das gehörte zum Spiel von Romanautoren mit ihren Lesern. Auch die Angabe von Verlag, Ort und Jahr auf dem Titelblatt des „Simplicissimus“ war ein Spiel: „Mömpelgard, gedruckt bei Johann Fillion, im Jahr MDCLXIX“ – in Wirklichkeit kam das Buch bereits 1668 heraus, bei Wolff Eberhard Felßecker in Nürnberg. Solche Mystifikationen konnten sehr praktisch sein, wenn es galt, die Zensur zu täuschen. Aber man setzte sie eben auch gern fort, wenn da gar nichts zu befürchten war.

Grimmelshausen zählte etwa 46 Jahre, als er seinen großen Erfolg landete. Um 1622 war er in Gelnhausen als Spross einer verarmten Adelsfamilie geboren worden. Immerhin erlaubten es die Familienverhältnisse, dass der Junge zunächst die Lateinschule besuchte. Doch schon als Kind geriet er in die kriegerischen Auseinandersetzungen, und zwar – trotz seiner Zugehörigkeit zur lutherischen Kirche – auf kaiserlicher Seite. Angeblich nahm er als Trossjunge, noch keine zehn Jahre alt, 1631 an der Belagerung Magdeburgs teil.

Erstausgabe von 1669
Bild: Wikipedia 

Sicher ist, dass er 1639 als Soldat aktiv war. In den folgenden Jahren stieg er zum Kanzleisekretär in einem kaiserlichen Regiment auf. 1649 quittierte er den Kriegsdienst und trat etwa gleichzeitig zum Katholizismus über, wahrscheinlich im Zusammenhang mit seiner Heirat. Der biographische Hintergrund legte es nahe, dass Millionen Leser die Kriegsschilderungen im Roman im Sinn eines detailgetreuen Realismus aufgefasst haben. Da ist allerdings Vorsicht geboten. Dass er in seiner Soldatenlaufbahn Szenen von Plünderung und Folter, Mord und Vergewaltigung miterlebt hat, wie er sie dann wiedergab, darf man zwar als sicher annehmen. Eine Autobiographie oder gar so etwas wie ein dokumentarischer Roman ist der „Simplicissimus“ jedoch keineswegs.

Die Brutalität der Akteure und das Leid der Opfer wird umso eindringlicher, da die Kriegsgreuel aus der Sicht des intellektuell „simplen“, zunächst noch kindlichen Simplicissimus dargestellt sind. Der Literaturwissenschaftler Volker Meid sprach in seiner Studie über den „Dreißigjährigen Krieg in der deutschen Barockliteratur“ unlängst von einem „Antikriegsbuch“. Doch es ist die Frage, ob wir den großen Schriftstellern der Vergangenheit unsere eigenen moralischen Maßstäbe unterschieben dürfen. Zur Verwirrung des Lesers wechseln im Roman die Schreckensszenen mit breit ausgeführten Passagen, in denen die Freuden des Soldatenlebens besungen werden. Grimmelshausen kannte das eine wie das andere aus eigener Erfahrung. Versagen wir uns lieber die neugierige Frage, wie er selbst sich wohl verhalten hat, wenn seine Armee ein Dorf plünderte.

Sie „lernt nichts“, „sie glaubt an den Krieg bis zuletzt“, hat Bertolt Brecht über eine seiner „Heldinnen“, die Mutter Courage, gesagt. 1938 verarbeitete er einen anderen Roman Grimmelshausens, die „Ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstürzerin [= Landstreicherin] Courasche“, zu einem Drama. Brecht interpretierte die nötige Lektion im Sinn von Karl Marx‘ Theorien über den kapitalistischen Wirtschaftsprozess – wovon allerdings weder Grimmelshausen noch seine Figuren etwas wissen konnten. Brecht: Der Courage „geht nicht einmal auf, dass man eine große Schere haben muss, um am Krieg seinen Schnitt zu machen.“

„Glaubte“ Grimmelshausen an den Krieg? Oder bewertete er es kritisch, wenn seine Helden Simplicissimus und Courasche versuchten, ihren großen oder kleinen „Schnitt zu machen“, will sagen: zu überleben? Die Bücher sind in der Tradition der spanischen Schelmenromane geschrieben. Die Übersetzung und Bearbeitung des „Guzmán de Alfarache“ von Mateo Alemán, im Original 1599 erschienen, war einer der großen Bucherfolge im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges.

Das Handlungsschema dieses Romantyps sah zwei große Desillusionierungen vor. Eine gleich zu Beginn, wenn der „Held“ sich in eine Welt einfügen muss, in der es wenig moralisch zugeht. In der Regel bleibt ihm nur die Möglichkeit, sich als Landstreicher durchzuschlagen; allerlei Schelmereien sichern ihm das Überleben, womöglich aber auch hart am Rande des Galgens. Nach allerlei Abenteuern folgt die zweite Desillusionierung: die Bekehrung des Schelms, der trotz seines Erfolgs im Überlebenskampf von diesem ganzen Treiben angewidert ist. Entweder findet er dann, wie es ja auch Grimmelshausen vermochte, mit Glück zu einem geregelten Leben. Als der „Simplicissimus“ erschien, amtierte Grimmelshausen im Dienst des Fürstbischofs von Straßburg als Schultheiß des Städtchens Renchen in der Ortenau.

Oder er zieht sich wie Simplicissimus in die Einsamkeit zurück. Grimmelshausen hat diesen Ausgang bereits im Titel angedeutet: „wo und welcher Gestalt er [der Vagant] in diese Welt kommen, was er darin gesehen, gelernt, erfahren und ausgestanden, auch warum er solche wieder freiwillig quittiert“. Wenn man so will, als der erste „Robinson“ der deutschen Literatur. Seine verbleibende Zeit widmet Simplicissimus der Selbstbesinnung, indem er „mit herzlicher Reue“ auf seinen Lebenslauf und seine „Bubenstücke“ zurückblickt.

"Guznmán de Alfarache", Ant-
werpen 1681 - Bild: Wikipedia

Und sie in seinen Erinnerungen noch einmal Revue passieren lässt, zur Belehrung von Lesern, denen sie später vielleicht einmal in die Hände fallen. Ob diese Belehrung und Simplicissimus‘ Reue allerdings so ganz ernst nehmen zu nehmen sind – wie schon bei den spanischen Vorbildern beschleicht den Leser der Verdacht, die Moral am Schluss könnte womöglich dazu gut sein, das lustvolle Erzählen von der Schlechtigkeit und Dummheit der Welt in den Episoden zuvor zu rechtfertigen.

„Überaus lustig und männiglich nützlich zu lesen“, sagt der Titel des „Simplicissimus“. „Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen“, beteuert der Verfasser German Schleifheim von Sulsfort. Aber was ist die „Wahrheit“, was Grimmelshausens Meinung über die Welt, wie sie zwar nicht war, in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erst recht nicht, aber sein sollte? Im 3. Buch des Romans findet sich die berühmte Vision von dem „teutschen Helden“, der den Frieden bringen, die Leibeigenschaft aufheben, die konfessionelle Zwietracht beseitigen wird.

Leider hat Grimmelshausen seine Vision einem verrückten Dichter in den Mund gelegt. Dass dieser Dichter unter dem Namen des antiken Göttervaters Jupiter auftritt, darf man wohl so verstehen: Der Traum ist viel zu schön, um wahr zu sein. Simplicissimus hält „realistisch“ dagegen: „So muss ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo man Soldaten braucht, da ist Krieg, und wo Krieg ist, da muss der Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.“

Nicht die einzige Passage des Romans, in der die Friedenssehnsucht thematisiert wird. Anlässlich der Verhandlungen in Münster werden die Vorzüge des Friedens gegenüber dem Krieg erörtert. Beinahe zynisch wird klargestellt, dass es sich um eine Frage der Perspektive handelt: „Gleichwie die Maurer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere, die sich im Frieden mit ihrer Handarbeit nicht zu ernähren getrauen, die Kontinuation des Krieges, in selbigem zu stehlen.“ Wenn man den „Simplicissimus“ ein „Antikriegsbuch“ nennen will, dann ist er eines der illusionslosesten, die jemals geschrieben wurden.


Mehr im Internet:

Der abenteuerliche Simplicissimus - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Literatur der frühen Neuzeit 

 

 

 

 

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