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18.11.2018 - RELIGIONSPHILOSOPHIE

"Das Unabgegoltene in den religioesen Menschheitsueberlieferungen"

Zweieinhalb Jahrtausende Religionsphilosophie und -kritik

von Josef Tutsch

 
 

Averroes, Statue in Córdoba
Bild: Wikipedia

Für Deutschland sei „die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt“, schrieb Karl Marx 1843 in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“. Ludwig Feuerbach habe in seinem Buch über das „Wesen des Christentums“ zwei Jahre zuvor gezeigt, dass der Mensch die Religion „macht“, nicht die Religion den Menschen. Die Aufgabe einer zukünftigen Philosophie sah Marx nun nicht in einer Fortsetzung der Religionsphilosophie und Religionskritik, sondern in einer Analyse des „wirklichen Elends“ – und dann in der Ausarbeitung einer Theorie gesellschaftlicher Emanzipation.

In dem umfangreichen Handbuch mit Interpretationen zu 80 „klassischen“ Texten der „Religionsphilosophie und Religionskritik“, das der Philosoph Michael Kühnlein von der Universität Frankfurt am Main jetzt herausgegeben hat, belegen Feuerbach und Marx in der chronologischen Anordnung gerademal die Plätze 27 und 29. Offenbar war das Thema für die Philosophen der folgenden Generationen keineswegs „beendet“.

Heute vermutlich noch weniger als vor einigen Jahrzehnten. Dazu hat erstens die „Renaissance des Religiösen“ im Abendland beigetragen, die in den letzten Jahrzehnten vielfach konstatiert wurde. So erklärte Jürgen Habermas es für eine Aufgabe der Philosophie, „das Bewusstsein der postsäkularen Gesellschaft für das Unabgegoltene in den religiösen Menschheitsüberlieferungen zu schärfen“. Und zweitens hat die Migration vor allem von Muslimen nach Europa in den letzten Jahren bei vielen Menschen auch außerhalb der wissenschaftlichen community die Frage aufgeworfen, ob der Durchgang des Christentums durch die Aufklärung  womöglich bloß ein abendländischer „Sonderweg“ gewesen ist.

80 Kurzinterpretationen zu Klassikern der Religionsphilosophie und Religionskritik, von Platon und Thomas von Aquin über Leibniz und Kant, Kierkegaard und Nietzsche, Ernst Bloch und Karl Jaspers bis etwa zu Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“, 2006. Das Leitthema, betont der Münchner Philosoph Friedo Ricken, gab bereits Platon vor: Es geht nicht eigentlich um die Religion selbst, sondern um „das Verhältnis von Religion und Gesetz“, von Religion und Vernunft. In der Religionsphilosophie wird die Religion nach den Maßstäben einer menschlichen Vernunft interpretiert und kritisiert, die sich selbst nicht als religiös begreift.

Die sich andererseits aber auch nicht der Erkenntnis verschließen kann, dass sie selbst im Kontext der Religionsgeschichte überhaupt erst entstanden ist. An den Schluss des „Handbuchs“ hat Kühnlein einen Artikel über den kanadischen Philosophen Charles Taylor gesetzt. Taylor entzauberte sozusagen die „Entzauberungstheorien“, indem er aufzeigte, dass deren scheinbar rein weltlicher Blick auf die Welt ebenso von historisch kontingenten Bedingungen abhängig ist wie die religiösen Deutungen, die sie destruiert wollen. Auch der „Szientismus“ der Neuzeit, also das Vertrauen in die scheinbar neutrale Wissenschaft, argumentierte Taylor, entstehe erst durch einen „Sprung“ – ganz ähnlich jenem, den Søren Kierkegaard als Grund des Gottesglaubens ansetzte.

Taylors Destruktion der Säkularisierungstheorie, macht Kühnlein deutlich, ging am Ende jedoch auf ein praktisches, ethisches Unbehagen zurück: die Einsicht, dass der moderne Humanismus nicht in der Lage sei, aus sich selbst heraus dem Streben des Menschen nach dem „Guten“ eine Grundlage zu geben. Ähnlich wie Habermas hielt Taylor es für schwer möglich, die Krisen der Moderne ohne Rückgriff auf die „Ressourcen der Religion“ zu überwinden.

Immanuel Kant - Bild: Wikipedia 


Ein Gedanke, der unverkennbar an Immanuel Kants Vernunftkritik anknüpfte. Kant, schreibt der Wiener Theologe Christian Danz in seinem Beitrag, sprach der menschlichen Vernunft die Fähigkeit zur Gotteserkenntnis ab. Die Religion sollte dennoch weiterhin ihren Platz haben, „als Selbstdeutung des sittlichen Bewusstseins“. In den zwei Jahrhunderten zwischen Kant einerseits, Habermas und Taylor andererseits hat sich eins jedoch gründlich geändert. Für Kant kam religionsphilosophisch ernsthaft nur das protestantische Christentum in Frage. Heute müssen wir unweigerlich die Gesamtheit der Religionsgeschichten in den Blick nehmen.

Und zwar einschließlich dessen, was wir gern verdrängen. Zum gesamten Phänomen der Religion gehören nicht nur Inquisition und Religionskriege, sondern zum Beispiel auch Menschenopfer. Die Schwierigkeiten zeigt der belgische Theologe Jean-Pierre Wils am Beispiel von Rudolf Ottos Buch „Das Heilige“, 1917: Als Historiker war Otto vor allem von den „irrationalen“, erschreckenden Aspekten der Religionsgeschichte fasziniert. Als humanistisch denkender Theologe dagegen war er bemüht, dieses Irrationale abzuschwächen und zurückzudrängen. Das aufgeklärte Christentum wurde für ihn zum „Summum der Religionsgeschichte“.

Ist das christliche, europäische, „eurozentrische“ Überheblichkeit? Von den 80 Autoren, die in diesem Band behandelt werden, schrieben nahezu 70 im historischen Kontext des abendländischen Christentums, es führt sozusagen eine große Linie von Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert bis zu Charles Taylor. Einige weitere Autoren standen in der Tradition des Judentums – des Judentums in der abendländischen Kultur.

Der Ferne Osten kommt gar nicht vor, immerhin vertreten zwei Denker das islamische Mittelalter, einer, nämlich Moses Maimonides, das Judentum in der islamischen Kultur. Im 12. Jahrhundert, erläutert Mario C. Wintersteiger von der Universität Salzburg, vertrat der Muslim Averroes ein philosophisches Selbstbewusstsein gegenüber der religiösen Orthodoxie, wie es im christlichen Abendland damals noch ganz unüblich war. Im Zweifelsfall „verzichtete er einfach darauf, die Offenbarung ‚wörtlich‘ zu nehmen“. Stimmt man dieser Interpretation zu, wird die Frage, was aus Averroes‘ Ansätzen in den folgenden Jahrhunderten geworden ist, um so dringlicher.  Wintersteiger belässt es bei einer Andeutung: „Arabische ‚Liberale‘ berufen sich auf einen ‚religiösen‘ Averroes, da er ihnen die Möglichkeit gibt, die Aufklärung als ‚islamkompatibel‘ darzustellen.“

Bekanntlich hat es auch im Christentum reichlich Stimmen gegeben, die in der Säkularisierung einen „Irrweg“ sehen wollten – eine Auffassung, welcher der Philosoph Hans Blumenberg sein Wort von der „Legitimität der Neuzeit“ entgegensetzte. Blickt man auf den zeithistorischen Hintergrund, vor dem Kühnleins Sammelband erscheint, wird erstaunlich, dass die vielberedete „Renaissance des Religiösen“ doch eher am Rande vorkommt. Am ehesten geht das Buch des amerikanischen Religionsphilosophen Alvin Plantinga, „Warranted Christian Belief“, in diese Richtung; zu übersetzen wäre das etwa mit „Das Recht des christlichen Glaubens“. Plantinga, erläutert Oliver J. Wiertz, Frankfurt am Main, maßte sich nicht etwa an, die Wahrheit des Christentums zu erweisen. Aber: „Nichts, was wir wissen, verpflichtet uns, es für falsch zu halten.“

Die entgegengesetzte Argumentation vertrat der Biologe Richard Dawkins in seinem Buch „Der Gotteswahn“: Alles, was für die Religion vorgebracht wird, referiert der Frankfurter Philosoph Klaus-Jürgen Grün, würde allenfalls zeigen, dass ein Glaube in bestimmten Situationen dem Menschen nützlich sein kann. Dawkins griff zu einem drastischen Vergleich: Betrunkene Menschen sind für den Augenblick vielleicht glücklicher als nüchterne. Aber was beweist das?

1651 sprach der englische Philosoph Thomas Hobbes dem Staat das Recht zu, alle seine Untertanen zu einem Minimalbekenntnis „Jesus ist he Christ“ zu verpflichten, damit sei der innerstaatliche Frieden am ehesten zu gewährleisten. Ob dieser Gedanke ebenso zynisch gemeint war wie Dawkins‘ Alkoholismusvergleich, ist bis heute umstritten. Im Ergebnis stand Hobbes am Anfang der modernen Trennung von Politik und Religion. Über die öffentliche „Konfession“, interpretiert Kühnlein, mochte der Staat zwar verfügen; der „Glaube“ des einzelnen, sein Seelenheil, blieb davon unberührt.

Charles Taylor
Bild: Padraic Ryan/Wikipedia 


Über die Frage, wie dieser private Glaube zu schützen sei, reflektierten jedoch erst Hobbes‘ Nachfolger. Heute liegt in dieser Intention eine raison d’être der politischen Kultur des Westens. Das hat etwas Paradoxes, wenn man bedenkt, dass das Christentum als der historische Boden, auf dem die Religionsfreiheit seit der Aufklärung gewachsen ist, Jahrhunderte lang die intoleranteste unter den drei monotheistischen Weltreligionen war.

Vor einigen Jahren rief der Ägyptologe Jan Assmann, der unlängst den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, viel Diskussion mit der Frage hervor, ob der biblische Monotheismus mit seiner Unterscheidung zwischen „wahrer“ und „falscher“ Religion nicht auch eine „neuartige Feindseligkeit“ in die Welt gebracht habe. Assmann lenkte den Blick darauf, dass die unterschiedlichen Formen von Religion vielleicht auch ihre verschiedene Ethik hervorbringen, damit sozusagen auch jeweils ihren „Preis“ haben. Und damit geriet Assmanns „Religionskritik“, wenn man seine nachdenklichen Fragen an die biblische Tradition so nennen will, sogar in den Verdacht des Antisemitismus.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, schrieb Immanuel Kant 1784. Als Karl Marx 1844 die Religion „das Opium des Volkes“ nannte, wird ihm Kants Satz präsent gewesen sein; er wollte, wie es Kühnlein in seinem Text zum Philosophen Hermann Lübbe ausdrückt, „Religion gesellschaftlich-politisch überflüssig machen“. Die Schrecken des 20. Jahrhunderts haben allerdings gezeigt, dass dann leicht „politische Religionen“, also „säkulare Ideologien mit heilsgeschichtlichem Erlösungspathos“, an diese Stelle treten. Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug zitiert in seinem Beitrag über die Rezeption von Karl Marx den sozialistischen Theoretiker Karl Korsch, 1922: „Die Irreligiosität, die Bekämpfung der Religion überhaupt, hat für den materialistischen Revolutionär dieselbe Bedeutung, die für den gläubigen Menschen seine Religion hat.“

Hat Religion, fragte Lübbe, in der modernen Gesellschaft weiterhin eine unverzichtbare Funktion? Für religiöse Menschen sei es eine Zumutung, hat Lübbes Kollege Robert Spaemann kritisiert, wenn nicht-religiöse Menschen nach einem „Zweck“ von Religion fragen, also ob sie „zu irgendetwas gut sei“. Solche Spannungen werden wir aushalten müssen, solange Gläubige und Ungläubige und Andersgläubige in Frieden miteinander leben wollen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Religionsphilosophie und Religionskritik. Ein Handbuch, herausgegeben von Michael Kühnlein, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2140, Berlin 2018, 946 S., 36,00 € [D], 37,10 € [A]


Mehr im Internet:

Religionskritik - Wikipedia 
Religionsphilosophie und Religionskritik, herausgegeben von Michael Kühnlein, Suhrkamp Verlag 
scienzz artikel Religion und Philosophie 


 

 

 

 

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