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25.11.2018 - THEOLOGIE

Der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts

Vor 250 Jahren wurde der Theologe Friedrich Schleiermacher geboren

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich Schleiermacher
Bild: Wikipedia

Es gibt Menschen, die durch ihren Namen fürs Leben gestraft sind. Und wenn sie dann noch einen Beruf ergreifen, der sich – einige Böswilligkeit vorausgesetzt – mit diesem Namen in Verbindung bringen lässt … Bereits zu Lebzeiten des Pfarrers Friedrich Schleiermacher wurde sein Nachname bei den Spöttern zum Synonym für den Theologenstand insgesamt. „Der nackten Wahrheit Schleier machen, ist kluger Theologen Amt“, reimte der Schriftsteller August Wilhelm Schlegel, „und Schleiermacher sind bei so bewandten Sachen die Meister der Dogmatik insgesamt.“

Hinter dem Scherz verbarg sich ein ernsthaftes Problem. Die Frage, inwieweit Menschen imstande sind, die Wahrheit sozusagen „nackt“ zu erfassen, stand im Mittelpunkt der philosophischen Diskussionen um 1800. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ eine Unterscheidung von „Ding an sich“ und „Erscheinung“ eingeführt. Erscheinung war im Sinne Kants nicht etwa Schein, sondern die durchaus reale Art und Weise, wie die Dinge unseren Sinnen „erscheinen“.

Eine Erkenntnisschranke, die Kant für unübersteigbar erklärte. Die ganze folgende Generation von „Kantianern“ setzte ihren Ehrgeiz jedoch darein, die Schranke zu überwinden. 1793 behandelte Friedrich Schiller das Thema in seiner Ballade „Vom Erhabenen“. „Kein Sterblicher rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe“, legte Schiller darin der „verschleierten“ Göttin Isis in den Mund.

Das war die Situation, in der 1799 Schleiermachers „Reden über die Religion“ erschienen. Das Buch machte seinen Verfasser, der am 21. November 1768, vor 250 Jahren, in Breslau geboren worden war, mit einem Schlag berühmt. Intention des Autors war es, den „Schleier“, der nach Meinung des Verfassers die Wahrheit über die Religion bislang verhüllt hatte, abzuziehen.

Oder vielmehr waren es gleich zwei Schleier. Erstens jede Art von „Metaphysik“. Dabei dachte Schleiermacher nicht nur an die Dogmen der traditionellen Kirchenlehre, die Wahrheiten von Gott und von der Unsterblichkeit der Seele, sondern auch an die Spekulationen der Kant-Schüler. Zweitens aber auch das, was Schleiermacher „Moral“ nannte. Das ging gegen Kants Lehre, die Dogmen vom Schöpfergott und von der unsterblichen Seele seien zwar theoretisch nicht beweisbar, müssten als Grundlagen der Moral jedoch praktisch postuliert werden.

1783, als 15-jähriger, war Schleiermacher in das Pädagogium der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky eingetreten. Deren Festhalten an den traditionellen Dogmen befriedigte ihn zwar nicht. Aber nach eigenen Worten blieb er zeitlebens ein „Herrnhuter höherer Ordnung“. Nach dem Vorbild seiner Lehrer suchte er, wie einer seiner schärfsten Kritiker, Karl Barth, es später ausdrückte, nach einem „Christentum jenseits der historischen Differenzierungen des Christentums“.

Schleiermachers Grab auf dem
Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin-
Kreuzberg
Bild: Jörg Zägel/Wikipedia


Im Grunde sogar nach einer Religion jenseits der historischen Differenzierung der Religionen. Doch die „natürliche“, bloß auf Vernunftgründe gestützte Theologie der Aufklärungsphilosophen, die er von 1787 an der Universität Halle kennenlernte, war auch nicht in seinem Sinn. Ebenso wenig Kants Philosophie, in der die Religion zu einem Anhängsel der Moral umgedeutet wurde.

Einige Jahre wirkte er dann als Hauslehrer bei der Grafenfamilie Dohna in Schlobitten und als reformierter Pfarrer an der Berliner Charité. Gemeinsam mit Friedrich Schlegel, dem Bruder jenes August Wilhelm, der sich später den Namensscherz erlaubt, las er Fichtes „Wissenschaftslehre“ und Platon. Und Spinoza: Es wird das Werk des holländischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert gewesen sein, das Schleiermacher den Anstoß zu seiner neuartigen Begriffsbestimmung der „Religion“ aus dem „Gefühl“ gab. „Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist! Das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige ewige Liebe“, „voller Religion war er und voll heiligen Geistes“.

Allein das war für Leser von strengem Kirchenglauben schon eine Provokation. Spinoza war Jude, nicht Christ, gewesen, auch wenn die Synagoge ihn aus ihren Reihen verstoßen hatte. Das Wesen der Religion, lautete die zentrale These von Schleiermachers „Reden“, sei „weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl“. „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

Heutige Leser neigen leicht dazu, diese Begriffe wie „Anschauung und Gefühl“, „Sinn und Geschmack“ subjektivistisch misszuverstehen, im Sinn von Fähigkeiten, die man haben oder auch nicht haben kann. Von dem Soziologen Max Weber ist das leicht zynische Wort überliefert, er sei nun einmal „religiös unmusikalisch“. Genau das hätte Schleiermacher für von vornherein unmöglich erklärt. Seiner Meinung nach war jeder Mensch „mit der religiösen Anlage geboren“, sie konnte zwar „gewaltsam unterdrückt“, jedoch niemals ausgelöscht werden.

Die „Reden“ setzten es sich zum Ziel, diese These über die Religion auch den „Gebildeten unter ihren Verächtern“ plausibel zu machen. Den Beifall eines konservativen Publikums brachten sie Schleiermacher dennoch nicht ein. Zum Beispiel der reformierte Theologe Friedrich Sack konnte nur den Kopf schütteln: Ein Prediger, „dem Religion nichts weiter ist als Anschauung des Universums“, „der zwischen Religion und Moral durchaus keine Verknüpfung erkennt“, „der von keiner Dankbarkeit gegen einen unsichtbaren, ewig lebenden Wohltäter etwas wissen will – was ist ein solcher Prediger für ein bedauernswürdiger Mensch!“

Tatsächlich wurde Schleiermachers Religionsbegriff, anders als es noch für Kant selbstverständlich gewesen war, nicht mehr durch den Glauben an Gott konstituiert. Auch nicht durch die Unsterblichkeitshoffnung, von der nur noch die merkwürdig verklausulierte Formel „mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick“ übrig blieb. Anscheinend verspürte Schleiermacher in den folgenden Jahren das Bedürfnis, seinen Kritikern zu zeigen, dass er keineswegs religiös „unmusikalisch“ war, sondern ein christlicher und protestantischer Theologe. 1820/21 veröffentlichte er eine großangelegte „Glaubenslehre“.

Im Zentrum stand als Fortentwicklung des „Sinns für das Unendliche“ das „Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit“ – nicht unbedingt von einem persönlichen Gott, aber doch vom Zusammenhang der göttlichen Schöpfung. „Alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion“, hieß es bereits in den „Reden“. Dass viele Schleiermacher-Leser in einem solchen Religionsbegriff ihr Christentum nicht wiedererkennen konnten, scheint dennoch begreiflich. Vielleicht am schärfsten hat im 20. Jahrhundert der Schweizer Theologe Karl Barth seinen Vorgänger kritisiert: „Christlichkeit ist das Motiv in der Theologie Schleiermachers, für dessen Vorhandensein es wohl Indizien gibt, das wir aber nicht konstatieren und dessen Vorhandensein wir also ihm wie allen anderen Theologen letztlich nur glauben können und glauben müssen.“

Schleiermacher-Kritiker
Karl Barth - Bild: Hans
Lachmann/Wikipedia 


Für Barth war Schleiermacher tatsächlich ein „Schleier-Macher“, seine Religionsphilosophie verstellte die Offenbarung. Unumwunden machte Barth klar, was es in seinen Augen mit Schleiermachers Christlichkeit in Wahrheit auf sich hatte: „Das Reich Gottes ist nach Schleiermacher mit dem Fortschritt der Kultur schlechterdings und eindeutig identisch.“ Als Historiker zollte er dem so harsch gescholtenen Kollegen dennoch höchsten Respekt: „An die Spitze einer Theologie der neuesten Zeit gehört und wird für alle Zeiten gehören der Name Schleiermacher und keiner neben ihm.“

So etwas wie ein „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ also. Kritiker haben allerdings immer wieder gefragt, wie Schleiermacher, der ja Theologe sein wollte und nicht etwa Religionshistoriker, seine Lehre mit dem Bibelwort vereinbaren konnte. Eine Frage, die auch Schleiermacher selbst zu schaffen machte. In der Reflexion dieses Problems wurde er, beinahe im Nebenbei, zum „Klassiker“ der philosophischen Hermeneutik, also des Verdolmetschens vorbildlicher Texte für die Gegenwart.

Wir müssten versuchen, lehrte Schleiermacher, den Lebenszusammenhang nachvollziehen, aus dem heraus die Texte entstanden sind. Und zwar aus unserer eigenen Perspektive heraus, aus der Perspektive unserer moralischen Persönlichkeit. Eine Seite an Schleiermachers Denken, die heute unmittelbar politische Relevanz hat: Allzu leidvoll ist uns bewusst, wohin es führen kann, wenn die Bibel oder der Koran oder welche für „heilig“ erklärte Schrift auch immer „wörtlich“ verstanden und „buchstäblich“ in Praxis umgesetzt werden sollen.

Das Christentum werde „noch eine lange Geschichte haben“, schrieb Schleiermacher am Schluss seiner „Reden“, „trotz allem, was man sagt von seinem baldigen […] Untergang“. Ein Optimismus, der damals, in den Jahren nach der Französischen Revolution, gar nicht so selbstverständlich war. Doch zugleich nahm Schleiermacher – vielleicht als erster Theologe in der Geschichte des Christentums überhaupt – Abschied von der Vorstellung, irgendwann in der Zukunft werde der Missionsauftrag „Lehret alle Völker“ den Erfolg haben, dass das Christentum „als die einzige Gestalt der Religion in der Menschheit allein herrschend“ sei. Das Christentum, schrieb er am Schluss seiner „Reden“, „verschmäht diesen Despotismus“, nichts sei „unchristlicher, als Einförmigkeit zu suchen in der Religion“.


Mehr im Internet:

Friedrich Schleiermacher - Wikipedia 
scienzz artikel Christentum in der Moderne 

 

 

 

 

 

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