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03.12.2018 - SOZIALGESCHICHTE

"Ein Beruf ist das Rueckgrat des Lebens"

Begriffsgeschichte des Wortes seit dem spaeten Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Bauer, aus dem "Book of Hours",
um 1450 (Bodleian Library,
Oxford) - Bild: Wikipedia

Ein Bauernbursche will auf „Höheres“ hinaus. Die Mahnungen des Vaters missachtend, verlässt er seine Eltern und zieht hinaus in die Welt. Doch statt, wie erhofft, an einem vornehmen Hof Karriere zu machen, landet er bei einem Raubritter, dessen Beutezügen er sich anschließt. Am Ende fassen ihn die Bauern, die er geschädigt hat, und knüpfen ihn an den Galgen.

„Wernher der Gartenaere“, wie der Dichter sich nannte, wollte warnen: Niemand versuche, sich über seinen Stand zu erheben, ein solcher Weg führt ins Verderben! Eine Frage, die zu dieser Zeit, also um 1260 oder 1270, sehr aktuell gewesen sein wird. Der ritterliche Adel stellte beunruhigt fest, dass immer mehr Bauern sich mit ihrer Rolle nicht mehr zufriedengeben wollten. Die „Konservativen“ damals konnten sich auf die Bibel berufen. „Ein jeglicher bleibe in dem Ruf, darinnen er berufen ist“, übersetzte anderthalb Jahrhunderte nach dieser Erzählung vom „Meier Helmbrecht“ Martin Luther Kapitel 7, Vers 20 des 1. Korintherbriefs.

Das Wort „Ruf“, das an „Beruf“ und „Berufung“ anklingt, meinte ganz konkret den sozialen Stand. Aber mit klar normativem Beiklang. „Beruf“, dieser zentrale Terminus der neueren Ökonomie und Soziologie, konstatiert der Pädagoge Gerald Sailmann, Professor an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim, stammt aus der Theologie. Und wie so oft in der deutschen Sprache, stand am Anfang Luthers Bibelübersetzung: Mit „Ruf“ gab Luther das griechische Wort „klesis“ wieder, das im neutestamentlichen Sprachgebrauch die Berufung des Christen zum Heil meinte. Die Ableitung „ekklesia“ bezeichnete die Gemeinschaft der Auserwählten, die Kirche.

Sailmann hat eine Begriffsgeschichte des Berufs vorgelegt, vom Sprachgebrauch in der Bibel bis zu den Anforderungen der „digitalen Gesellschaft“ heute. „Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat“, heißt die oben zitierte Paulusstelle in der modernen „Einheitsübersetzung“. Der Name Gottes steht im griechischen Original nicht, die Übersetzer haben ihn, sachlich zutreffend, aus den vorangehenden und folgenden Sätzen erschlossen. Und die zweite Änderung gegenüber Luther: Das Wortspiel mit „Ruf“ und „berufen“ wurde geopfert, um klarzustellen, dass es nicht um „Beruf“ im Sinne eines speziellen Tätigkeitsfeldes ging, sondern um einen Stand, um den Ort des Menschen im Sozial- und Rechtsgefüge.

Aus der Stelle bei Paulus, erläutert Sailmann, wird jedoch klar, dass der Apostel den sozialen Ort für unwichtig und gleichgültig erklären wollte – gleichgültig gegenüber dem göttlichen Ruf. „Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken [....] Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn.“ Mit der Etablierung der christlichen Kirche in der spätantiken Welt hatten sich jedoch zwei Verschiebungen ergeben. Erstens konnte diese Abwertung des sozialen Systems nun rechtfertigend und stabilisierend gelesen werden.

Und zweitens bildete sich mit der Zeit eine Art von religiöser Arbeitsteilung heraus. Die Geistlichen, vor allem die Mönche, waren in ganz besonderer Weise zum Dienst am Evangelium „berufen“, die übrigen entweder zum Kriegsdienst oder zur körperlichen Arbeit, die das Auskommen sicherte. Sailmann hat Belege gefunden, dass das Wort „vocatio“, das in der lateinischen Bibel an die Stelle von griechisch „klesis“ getreten war, spätestens vom 12. Jahrhundert an gleichbedeutend mit „Stand“ verwendet wurde. Und genau im selben Sinn verfuhr Luther mit der deutschen Entsprechung „Ruf“.

Schmied, aus dem "Ständebuch"
von Jost Ammann, 1568
Bild: Wikipedia 


Im Rückblick erscheint das gesamte späte Mittelalter als ein langanhaltender Abwehrkampf gegen die „Gefahr“, dass diese Ständeordnung aufgebrochen werden könnte. Mitte des 14. Jahrhunderts griff der Mystiker Johann Tauler die antike Fabel von den in ihrer Funktion verschiedenen, aber miteinander harmonierenden Körpergliedern wieder auf: „Jeder Teil der Glieder hat ein besonderes Amt und Werk“, „keines maßt sich an, das andere zu sein, oder etwas anderes, als Gott ihm bestimmt hat.“ Die andere, sozusagen individualistisch-emanzipatorische Linie vertrat im späten 15. Jahrhundert der italienische Philosoph Pico della Mirandola: Die Würde des Menschen bestehe darin, „als sein eigener, vollkommen frei schaltender Bildhauer und Dichter sich selbst die Form zu stimmen, in der er zu leben wünscht“.

Picos Emphase hatte ihre Entsprechung in der Realität: In den Städten war ein Bürgertum herangewachsen, das sich der alten Ständeordnung, in der es keine „soziale Durchlässigkeit“ gab, nicht mehr einfügen wollte. Ausgerechnet bei jenem Tauler, der so vehement den Gehorsam gegenüber der bestehenden Ordnung predigte, hat Sailmann ein theologisches Argument gefunden, das diese Ordnung mit der Zeit ebenfalls untergrub: Gott hatte nicht nur die Mönche und Geistlichen „gerufen“; auch die gewöhnliche, sogar die körperliche Erwerbsarbeit konnte „Andacht“ sein.

Dieser Aufwertung des Alltags ließ Martin Luther eine Abwertung der mönchischen Lebensform folgen: Asketische Leistungen waren nicht das geeignete Mittel, vor Gott Gnade zu finden. Auf der begriffsgeschichtlichen, wenn man so will: ideologischen Ebene, vermerkt Sailmann, war also die Kritik am geistlichen „Stand“ die Stelle, an der die Auflösung der mittelalterlichen Ständeordnung ihren Anfang nahm. Gegenüber der weltlichen Obrigkeit forderte der Reformator dagegen „Standestreue“: „Der Beruf bedeutete bei Luther die gehorsame Erfüllung einer nicht selbstgewählten, sondern von Gott gestellten Aufgabe; er ist zugleich der soziale Ort, an den man durch Gottes Fügung hingestellt wird und an dem man sich bewähren muss.“

Die Entwicklung in anderen Sprachen hat Sailmann ausgeklammert, die Frage, inwieweit auch dort in der Entwicklung der modernen Arbeitswelt theologische Konzepte ihre Rolle spielten, bleibt also offen. „In dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat“, hatte Luther übersetzt. Halb und halb unbewusst wurde das „in dem“ auch im Sinne von „zu dem“ gelesen. Noch im 18. Jahrhundert finden sich Belege für die Vorstellung, der Beruf werde sozusagen von den Eltern auf die Kinder vererbt, und das müsse auch so sein. Aus dem „Wirtschaftlichen Lehrbuch für die Landjugend“, 1779: „Da ihr nun solche Eltern habt, welche die Wirtschaft und den Ackerbau zu treiben berufen sind, so seid auch ihr zu gleicher Beschäftigung und Lebensart berufen.“

Heute ist es uns selbstverständlich, dass der Beruf in der Realität nur im Plural vorkommt, als eine Vielzahl von Berufen, und dass jeder das Recht hat, aus dieser Vielfalt zu wählen, jedenfalls im Prinzip. Der früheste Beleg für den Plural „Berufe“ findet sich jedoch erst im Wörterbuch des Sozialreformers Johann Heinrich Campe, 1807. In der Sache hatte bereits „Zedlers Universallexikon“ in den 1730er Jahren eine individuelle Wahlfreiheit postuliert: „Heutigen Tages möchte sich bei dem Beruf die unmittelbare Hand Gottes nicht mehr äußern“, „der innerliche Beruf ist nichts anderes als diejenige Fähigkeit, welche von der Natur in uns geleget worden ist.“ Aber mit einem unüberhörbaren moralischen Appell: Ein jeder sei verpflichtet, zum gesellschaftlichen Nutzen beizutragen, indem das „ergriffen wird, wozu wir die besten Geschicklichkeiten in uns finden“.

„Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens“, schrieb Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches“. Weniger aphoristisch ausgedrückt: In den letzten beiden Jahrhunderten wurde der – im Ideal selbstgewählte – Beruf in der Sozialphilosophie weitgehend als die maßgebliche Vermittlungsstelle zwischen Einzelinteressen und gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen anerkannt.Eine Entwicklung, gegen die es allerdings auch die verschiedensten Widerstände gab. Nicht nur von Konservativen, die in der modernen Welt Elemente einer ständischen Ordnung aufrechterhalten wollten. Für Marx und Engels, referiert Sailmann, hatte die Spezialisierung der Arbeit in Berufe wenig Interesse gegenüber der allgemeinen Bestimmung als „Lohnarbeit“, im Sinne eines Gebrauchswertes für das Kapital.

Prediger, von Lucas Cranach d. Ä.,
1527 - Bild: Wikipedia 


Und Kulturkritiker wie zum Beispiel Egon Friedell befürchteten „den Ersatz von Kreativität und Emotion durch Technizismus und Ratio“. Friedell: „In dem Augenblick, wo eine Sache anfängt, ein Beruf zu werden, und somit aufhört, etwas allgemein Menschliches zu sein, verliert sie zumeist ihre beste Kraft und ihren geheimnisvollen Reiz.“ Bereits bei Max Weber taucht der Gedanke auf, ob nicht gerade der freigewählte Beruf ein höchst wirksames Mittel der Disziplinierung und Selbstdisziplinierung des Individuums in der modernen Gesellschaft sein könnte.  Dieser Aspekt scheint um so problematischer, als sich die Arbeitswelt seit der Industrialisierung in zwei Bereiche gespalten hat: einerseits geistig anspruchsvolle, andererseits bloß mechanische Tätigkeiten, deren Sinn für das Individuum oft auch gar nicht mehr zu sehen ist.

Das Unbehagen an diesem Aspekt der Moderne trug auch zu den Protestbewegungen rund um „1968“ bei. Das Schlagwort von der „Erosion des Berufskonzepts“, das seit einigen Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften die Runde macht, meint allerdings etwas völlig anderes. „Flexibilität“ lautet die aktuelle Parole am Arbeitsmarkt – während andererseits der wissenschaftliche und technische Fortschritt doch zugleich ein immer stärkeres Maß an Spezialisierung erfordert.

Angesichts des immer rasanteren Wandels der Arbeitswelt droht der Berufsbegriff auch in Deutschland seine „normgebende Funktion“ für die Ausbildung zu verlieren. 2004 übernahm die deutsche Verwaltungssprache offiziell den angelsächsischen Begriff des „Jobs“, der im Gegensatz zu „profession“ oder „occupation“ eine eher vorübergehende Tätigkeit meint, ohne jeden Anklang an „Berufung“, eben ohne besondere Qualifikation und bloß zum Erwerbszweck. Ob das Konzept „Beruf“ zukünftigen Generationen noch „als lebenslanger Orientierungsrahmen für Erwerbschancen und Sozialintegration“ dienen kann, muss vorläufig offenbleiben.


Neu auf dem Büchermarkt:

Gerald Sailmann: Der Beruf. Eine Begriffsgeschichte, transcript Verlag, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8394-4549-5, 260 S., 39,99 €


Mehr im Internet:

Beruf - Wikipedia 
Gerald Sailmann: Der Beruf, transcript Verlag 
scienzz artikel Sozialgeschichte 


 

 

 

 

 

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