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08.12.2018 - ARCHITEKTUR

Begehbare Elefanten und wandernde Staedte

Wenn Architekten an Grenzen gehen - und darueber hinaus

von Josef Tutsch

 
 

Modell für Frank Lloyd Wrights
"The Illinois", 1957
Bild: Milkomède/Wikipedia


Wäre es nach dem französischen Architekten Charles Ribart gegangen, stünde heute in Paris am oberen Ende der Champs-Élysées statt des Arc de Triomphe ein Elefant aus Stein, fünf Stockwerke hoch. Auf seinem Rücken würde, siegreich von einem Feldzug heimkehrend, König Ludwig XV. in die Hauptstadt einreiten. Im Inneren des Elefanten plante Ribart zwei große Speise- und Festsäle, samt Küche und Orchesterpodium. Aus dem Rüssel sollte eine Fontäne aufsteigen und die Allee bewässern.

Das Projekt, das Ribart 1758 vortrug, blieb unverwirklicht. Einige Jahre später, nach dem für Frankreich wenig glorreichen Ausgang des Siebenjährigen Krieges, hätte das Triumphdenkmal ohnehin die Spötter auf den Plan gerufen. Eines der „nie gebauten Bauwerke“, die der englische Autor Philip Wilkinson in seinem neuen Buch vorstellt. Unsere Welt sähe ganz anders aus, wenn Geldknappheit und technische Probleme, politische  und kulturelle Veränderungen oder ganz einfach Differenzen im Kunstgeschmack der architektonischen Phantasie nicht immer wieder Grenzen gesetzt hätten.

Das sicherlich monströseste Projekt  der Architekturgeschichte hat der englische Autor in seine Anthologie von 50 nie gebauten Bauwerken gar nicht erst aufgenommen: Die Pläne von Adolf Hitler und Albert Speer für eine neue Reichshauptstadt Berlin. In diesem Fall wäre eine Realisierung daran gescheitert, dass der märkische Sand solche Steinmassen nicht hätte tragen können.

Aber der Ehrgeiz, das Unmögliche zu verwirklichen, durchzieht die Menschheitsgeschichte – seit dem Turmbau zu Babel. Im 13. Jahrhundert, schreibt Wilkinson, entspann sich zwischen den nordfranzösischen Bischöfen ein Wettstreit im Kathedralenbau. Milon de Nanteuil, Bischof von Beauvais, verlangte 1225 von seinen Baumeistern eine Kirche, deren Gewölbe in der noch niemals erreichten Höhe von fast 48 Metern schweben sollte. Natürlich durften die Fenster deshalb nicht etwa schmäler werden: Der Bischof wollte zugleich den hellsten Kirchenraum seiner Zeit haben.

Ergebnis war, dass ein Teil des Chores bereits 1284 wieder einstürzte. Statt an der Kirche weiterzubauen, mussten zusätzliche Rippen und Pfeiler eingezogen werden. Erst im 16. Jahrhundert ging man daran, ein Querschiff anzufügen, das dann auch noch einen 153 Meter hohen Vierungsturm zu tragen hatte. Auch der stürzte am Himmelfahrtstag des Jahres 1573 ein, gerade nachdem die Prozession die Kirche verlassen hatte. Inzwischen hatte der Stilwandel die Gotik längst überholt; die Kathedrale wurde niemals vollendet. Heute können die Touristen in Beauvais bestaunen, wieweit ein Bauen mit Naturstein gerade noch möglich war.

In London wundern sich die Besucher gelegentlich, dass die Könige niemals einen Stadtpalast gebaut haben, der die Machtstellung Englands gebührend hätte repräsentieren können. Im 16. Jahrhundert war so etwas geplant, dort wo sich heute die Straße „Whitehall“ erstreckt. Im Auftrag von König Jakob I. sollte der Baumeister Inigo Jones die „klassische“ Villenarchitektur eines Andrea Palladio ins Gigantische übertragen. Gebaut wurde lediglich das sogenannte „Banqueting House“, für Weiteres reichte das Geld nicht. Vielleicht zum Glück für den Fortbestand der Monarchie, überlegt Wilkinson: 1649 bewiesen die Engländer, dass sie durchaus bereit waren, einen König aufs Schafott zu bringen, wenn der sich allzu sehr überhob.

Charles Ribart, Plan für einen "Triumphelefanten"
auf den Champs-Élysées, 1758
Bild: Wikipedia 

Daneben wirkt das Schicksal der katholischen Kathedrale von Liverpool nahezu banal. 1924 hatte die anglikanische Kirche in der Stadt ihre Kathedrale im neogotischen Stil einweihen können; sie war damals noch gar nicht fertig, mit 189 Metern jedoch als die längste Kirche der ganzen Christenheit angelegt. Dahinter wollte der katholische Erzbischof Richard Downey nicht zurückstehen. Er beauftragte den Architekten Edwin Luytens mit einer Kathedrale im byzantinischen Stil, die Kuppel sollte einschließlich Laterne 158 Meter hoch sein, viel höher als die der Peterskirche in Rom. Fertiggestellt wurde nur die Krypta, dann versiegten die Spenden. Downeys Nachfolger auf dem erzbischöflichen Thron konnte mit dem byzantinischem Stil wohl auch nichts anfangen. Über der Krypta wurde eine moderne Kirche errichtet, die wegen ihrer Zeltform unter den Liverpoolern als „Wigwam“ bekannt ist.

Niemals in Angriff genommen wurde dagegen das Schloss, das Karl Friedrich Schinkel 1834 für das junge Königreich Griechenland entwarf. Als Bauplatz war die Athener Akropolis vorgesehen. Zwar versuchte Schinkel, seinen Entwurf bescheiden zu halten, die Palastfassade ordnete sich der Parthenon-Ruine deutlich unter. Dennoch handelte er sich den Ruf ein, die vielleicht groteskeste Anmaßung begangen zu haben, die sich jemals ein großer Architekt gegenüber seinen Vorgängern zuschulden kommen ließ.

Aber natürlich kann man fragen, ob nicht im frühen 16. Jahrhundert dasselbe gesagt wurde, als Donato Bramante im Auftrag von Papst Julius II. daran ging, die alte Peterskirche niederzureißen, um eine neue zu bauen. Bei vielen der nie gebauten Bauwerke in Wilkinsons Buch scheint ein Selbstbewusstsein der Planer durch, das einerseits genial ist, andererseits aber auch etwas Rücksichtsloses hat. Rücksichtslos nicht nur gegenüber den beschränkten Mitteln der Bauherren, sondern auch gegenüber der Tradition – das fördert nicht gerade die Bereitschaft der Umwelt, die genialen Ideen umzusetzen.

Und manchmal auch rücksichtslos gegenüber den technischen Möglichkeiten. 1784 wollte Étienne-Louis Boullée ein Denkmal für Isaac Newton errichten: eine Kugel von 150 Meter Durchmesser, höher als das damals höchste Gebäude der Welt, das Straßburger Münster. Mit den Baumaterialien der Zeit war ein solcher Bau von vornherein nicht realisierbar, stellt Wilkinson fest.

Architektur als Traum von dem, was gar nicht möglich ist … Oder in Zukunft vielleicht doch? 1959 entwarf Frank Lloyd Wright für Chicago einen 1.600 Meter hohen Wolkenkratzer, „The Illinois“. Etwa 100.000 Menschen sollten in dem Koloss wohnen oder arbeiten; erreicht hätten sie die oberen Stockwerke nach Wrights Vorstellungen entweder mit atombetriebenen Aufzügen oder gleich mit Hubschraubern. Kleiner Nachteil: Weite Teile der Innenstadt von Chicago hätten abgerissen werden müssen, um für den neuen „Turm zu Babel“ Platz zu schaffen.

Heute liegt der Höhenrekord mit dem „Burj Khalifa“ in Dubai bei 828 Metern. „The Illinois“, schreibt Wilkinson, wirkte auf seine Nachfolger sogar stilprägend: Um den Winddruck zu verringern, haben auch die neuesten Super-Wolkenkratzer ein dreikantiges Profil, das sich von Stockwerk zu Stockwerk verändert. Das vielleicht unmöglichste Projekt der Architekturgeschichte, wenn dieser Superlativ erlaubt ist, stammt jedoch von Ron Herron: die „Walking City“, ein Ensemble eiförmiger, vielstöckiger Bauten, die mit spinnenartigen Beinen ausgestattet waren. Es war die Zeit der großen Ängste vor einem atomaren Krieg: Die „wandernde Stadt“ sollte so beweglich sein, dass sie von Raketen nur schwer getroffen werden konnte.

Um 1490 projektierte Leonardo da Vinci eine Stadt auf zwei Ebenen, die uns heute gar nicht mehr so unrealistisch vorkommt. Die untere Ebene war für Verkehrs- und Transportwege vorgesehen – allerdings auch für jene dienenden Unterschichten, die denen oben ein angenehmes Leben ermöglichen sollten. Unter der gigantischen Kuppel, mit der Richard Buckminster Fuller 1968 Manhattan überspannen wollte, war eine soziale Trennung dagegen nicht vorgesehen. Alle sollten gleichermaßen wie in einem riesigen Gewächshaus vor den „unerwünschten Wirkungen des Klimas“ wie Hitze und Schnee geschützt werden. Sonne und Mond, versprach Fuller, würden weiterhin scheinen. Angeblich würden sich die Kosten für die Kuppel bereits in zehn Jahren amortisieren, nämlich durch das Entfallen der Schneeräumung.

Étienne-Louis Boullée: Entwurf eines Kenotaphs
für Isaac Newton, 1784
Bild: Wikipedia 

„Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis solche Riesenkuppeln tatsächlich gebaut werden“, meint Wilkinson. Auf eine Reflexion über die Sinnhaftigkeit solcher Utopien hat der Autor verzichtet. Ist es völllig abwegig, wenn den Leser bei dem einen oder anderen dieser Riesenprojekte der Verdacht beschleicht, da sei mit dem Architekten der Wille zur Macht durchgegangen? „Ich habe mir selbst eine Stadt erbaut, in der ich die Herrschaft ausübe“, schrieb der protestantische Theologe Johann Valentin Andreae in der Vorrede zu seiner utopischen Schrift „Christianopolis“, 1619.

Andreaes Idealstadt war in gewisser Weise sehr fortschrittlich. Alle Bürger sollten gleich sein, es gab Schulen für alle und eine wohlorganisierte Wasserversorgung. Der nach allen Seiten symmetrische Grundriss und die Ansicht der Stadt aus der Vogelperspektive, die der Autor seinem „Reisebericht“ voranstellte, lassen aber auch erkennen: Bereits die einheitliche und völlig schmucklose Architektur sollte diese totale Gleichheit erzwingen, von der allein die weisen und gottesfürchtigen Regenten an der Staatsspitze ausgenommen waren.

Ob wir in einem solchen „Ideal“ wohnen und leben wollen? Die „Ville Radieuse“, die Le Corbusier um 1930 entwarf, zeigt unbehagliche Ähnlichkeiten mit dieser Christianopolis: eine Stadt ohne Zufälle, ohne das ärgerlich Ungeplante an den Städten der Vergangenheit, aber damit auch ohne Leben und Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Architekt manches davon in Marseille sogar in die Tat umsetzen. Ganz so fernab jeder Realisierung sind manche Projekte dieser „Phantom Architecture“, wie der Titel im englischen Original lautet, gar nicht. 2013 schlug der belgische Architekten Vincent Callebaut vor, in der chinesischen Millionenstadt Shenzhen ein Ensemble von Wolkenkratzern zu errichten, aus denen riesige gläserne Blasen für Wohnungen und Büros, Freizeiteinrichtungen und Gemüsegärten herauswachsen sollten.

„Die moderne Stadt will den Menschen und die natürlichen Ökosysteme versöhnen“, verkündete Callebaut emphatisch; seine Häuser seien mit allen Schikanen der Solar- und Windenergie sowie des Abfallrecyclings ausgerüstet. Verwirklicht wurde das Projekt mit den grünen Gärten hoch oben in den Wolken bislang nicht. Aber wer weiß, vielleicht muss Wilkinson, wenn in ein paar Jahren eine Neuauflage des Bandes anstehen sollte, seine Formulierung mit den „nie gebauten Bauwerken“ revidieren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Philip Wilkinson: Atlas der nie gebauten Bauwerke. Eine Geschichte großer Visionen, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff, dtv, München 2018, ISBN 978-3-423-28976-4, 256 S. mit zahlreichen Abb., 30,00 € [D], 30,90 € [A], 39,90 CHF



Mehr im Internet:

Architektur - Wikipedia
Philip Wilkinson: Atlas der nie gebauten Bauwerke, dtv
scienzz artikel Architektur 

 

 

 

 

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