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18.12.2018 - MITTELALTER

Lordkanzler und Erzbischof, Verraeter und Heiliger

Vor 900 Jahren wurde Thomas Becket geboren

von Josef Tutsch

 
 

Thomas Becket, Fenster in der
Kathedrale von Canterbury, von
Samuel Caldwell Jr, 1919
Bild: Wikipedia

„Schafft mir denn niemand diese Pest von einem Priester vom Leibe?“, soll König Heinrich II. von England ausgerufen haben, als ihn die Nachricht erreichte, Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, habe drei seiner Bischöfe exkommuniziert. Da der Erzbischof sich weigerte, Heinrichs Sohn als Nachfolger zu krönen, hatte der König kurzerhand die Bischöfe angewiesen, die Zeremonie an seiner Stelle durchzuführen. Und die folgten dem König, nicht ihrem Vorgesetzten.

Der Chronist Edward Grim, ein Mönch aus Cambridge, überlieferte später eine etwas andere Fassung dieses Satzes: „Was für elende Drohnen und Verräter habe ich in meinem Haushalt durchgefüttert, die ihren Herren von einem dahergelaufenen Priester mit solch beschämender Verachtung behandeln lassen?“ Was auch immer der König wirklich gesagt hat – vier seiner Barone verstanden es als Aufforderung, die Sache mit Gewalt zu regeln. Am 29. Dezember 1170 ritten sie nach Canterbury und drangen mit gezückten Schwertern in die Kathedrale ein: „Wo ist Thomas Becket, Verräter des Königs und des Königreiches?“

Wie Grim berichtet, der zufällig gerade vor Ort war, wollten die Ritter zunächst den Erzbischof zwingen, dem Willen des Königs Folge zu leisten und die Exkommunikation der Bischöfe zurückzunehmen. Während des folgenden Wortwechsels wurde Becket erschlagen, direkt vor dem Altar. Grim, der sich dazwischen werfen wollte, entging nur knapp der Gefahr, dass ihm der Arm vom Schwert eines der Ritter abgehackt wurde.

Ein Mord, der offenbar mit bestem Gewissen verübt wurde. Die Täter gaben sich keinerlei Mühe, Öffentlichkeit zu vermeiden. Dass die Schwertstreiche vor allem den Schädel trafen, mit der Tonsur als dem Zeichen des geistlichen Standes, war kein Zufall, vermuten die Historiker: Die Tat richtete sich nicht nur gegen diesen einen Priester, sondern generell gegen den Klerus, dessen wachsende Privilegien für die Ritterschaft eine ärgerliche Konkurrenz bedeuteten.

Und wenn man bedenkt, dass die Kunst des Lesens und des Schreibens damals weitgehend nur den Geistlichen eigen war, richtete sich die Tat noch allgemeiner gegen die „Gefahr“, dass neben der physischen Gewalt auch die Kraft des Wortes und der Argumente in der Öffentlichkeit etwas zählen könnte. Dass die Ritter ihre Tat im Namen des Königs verübten, hat durchaus etwas Paradoxes. Heinrich II. hatte Beckets Dienste jahrelang gern in Anspruch genommen, gerade in seinem Machtkampf mit den auf ihre Unabhängigkeit pochenden Baronen. Die Schriftlichkeit war das große Modernisierungsinstrument des Mittelalters, so wie heute die Digitalisierung.

1155 war der 37-jährige Becket zum Lordkanzler aufgestiegen. In seine Kompetenz fiel alles, was der König nicht unbedingt selbst entscheiden wollte, und offenbar herrschte zwischen beiden bestes Einvernehmen. So hielt Heinrich es wohl für einen genialen Schachzug, dass er dem Freund 1162 auch die Stellung als Erzbischof von Canterbury und Primas der englischen Kirche verschaffte. Becket hatte ihn allerdings gewarnt: Mit dem Rollenwechsel könnte er gezwungen sein, sich den königlichen Wünschen zu widersetzen.

Miniatur mit Beckets Ermordung.
13. Jahrhundert (British Library,
London) - Bild: Wikipedia 


Nachdem Becket im August 1162 das päpstliche Einverständnis zu seiner neuen Würde erhalten hatte, legte er zum Befremden des Königs auch gleich sein anderes Amt, das des Lordkanzlers, nieder. Der Konflikt entspann sich dann an der Frage, welche Gerichte bei kriminellen Vergehen von Geistlichen zuständig sein sollten. Heute würden wir dem König in dieser Hinsicht Recht geben: Delikte nach weltlichem Recht gehören vor weltliche Gerichte. Aber es wäre sehr unhistorisch, diese klare Scheidung ins hohe Mittelalter hinein zu tragen. Der Dualismus von zwei konkurrierenden Autoritäten bildete sich damals erst ganz allmählich heraus, und zunächst schien es naheliegend, die Zuständigkeiten nicht nach Art der Delikte zu scheiden, sondern je nach „Stand“, also Kleriker oder Laie. Gab es da Zweifel, wurde oft ganz schlicht eine „Leseprobe“ durchgeführt: Wer lesen konnte, galt als Kleriker. Weltliche Gerichte, die gern harte Körperstrafen verhängten, hatten dann viel schwerer Zugriff.

Thomas Beckett selbst scheint in der Frage, welche Regelungen da sinnvoll sein könnten, geschwankt zu haben. Erst nach Intervention des Papstes entschied er sich endgültig gegen die „Constitutions of Clarendon“, mit denen Heinrich 1164 seine Befugnisse gegenüber der Kirche ausdehnen wollte. Entscheidend wird ein Artikel gewesen sein, der den König zum obersten Schiedsrichter auch in Fragen des Kirchenrechts in England erklärte.

Im Januar 1164 wurde Becket von einem Hofgericht wegen Verrats verurteilt. Er ging nach Frankreich ins Exil. 1170 glaubte er, zurückkehren zu können, obwohl die Verhandlungen bislang keinerlei Ergebnisse gezeitigt hatten und obwohl Heinrich ihn im Juni mit der Krönungszeremonie in Westminster Abbey, bei der statt des Erzbischofs von Canterbury jener von York dem Sohn die Krone aufsetzte, so offenkundig brüskierte. Damit hatte der Konflikt den entscheidenden Punkt erreicht: Eine Weisungsbefugnis des Königs gegenüber den Bischöfen konnte der Erzbischof keinesfalls akzeptieren.

Beckets Verhalten hat bei Historikern wie bei Schriftstellern eine Fülle von Spekulationen hervorgerufen. War er  ganz einfach starrsinnig? Oder wollte er nicht sehen, dass auch der öffentliche Friede ein hohes Gut war und er sich selbst in Lebensgefahr brachte? Gierte er womöglich sogar nach dem Märtyrertod? Oder gab es in der alten Freundschaft mit dem König dunkle Punkte, die am Ende zum tödlichen Konflikt führten? 1879 verfasste Conrad Ferdinand Meyer seine Novelle „Der Heilige“. Darin ergänzte er die historischen Gegebenheiten durch die Erfindung, der König hätte Beckets Tochter verführt und in der Auseinandersetzung mit der eifersüchtigen Königin den Tod des Mädchens mitverschuldet.

1935 brachte der englische Dramatiker T. S. Eliot sein Stück „Mord im Dom“ auf die Bühne. Am Schluss treten die vier Mörder vor das Publikum und versuchen, ihre Tat zu rechtfertigen. Einer der vier erklärt, der Mord sei in Wirklichkeit ein verschleierter Selbstmord gewesen, „infolge Geisteskrankheit“. In einem großen Monolog fragt sich der Märtyrer selbst unmittelbar vor seinem Tod, ob er nicht aus Hochmut und Ruhmsucht gehandelt habe.

1959 griff Jean Anouilh in „Becket oder die Ehre Gottes“ dieses Motiv wieder auf. Während jedoch Eliot die Frage  bloß gestellt hatte, um sie zu verneinen, und einen „echten“ Märtyrer verherrlichen wollte, entfaltete Anouilh um seinen „Helden“ ein wahres Feuerwerk der Verdächtigungen und Selbstverdächtigungen. „Alles, was bei dir nach Moral aussieht, ist im Grunde nichts anderes als Ästhetik“, sagt Heinrich zu Anfang des Stücks zu dem Freund. Und als der Vorhang fällt, ist für das Publikum ungeklärt, ob wenigstens die „Ehre Gottes“, bis zur Forderung des Martyriums, für Becket war als Gegenstand einer Spielerei.

„Wir erwarten, dass unser Freund künftig in diesem Königreich verehrt und angefleht wird wie ein Heiliger“, sagt Anouilhs König nach dem Mord, „mit ziemlich heuchlerischer Großartigkeit auf seinem Spitzbubengesicht“, heißt es in der Regieanweisung. Wie der historische Heinrich das gesehen hat, muss ebenso offenbleiben wie die Frage nach seiner Beteiligung an der Bluttat. Jedenfalls vermied es Heinrich, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Hier überließ er die Gerichtsbarkeit gern dem Papst, der die vier im März 1171 exkommunizierte. Als Buße wurde ihnen auferlegt, im Heiligen Land zu kämpfen. Dort verliert sich ihre Spur.

Reliquienschrein des Heiligen, Limoges,
12. Jahrhundert (Museée Cluny, Paris)
Bild: Marie-Lan Nguyen/Wikipedia 


Bereits im Februar 1173 wurde Thomas von Papst Alexander III. heiliggesprochen. Heinrichs eigene Tochter Mathilde, die Gattin Heinrichs des Löwen, hatte sich für die Heiligsprechung eingesetzt. Der König hatte wohl auch längst begriffen, dass er vor seinen Untertanen in einem weiteren Kampf gegen den Toten unmöglich bestehen konnte. Er beschloss, sich durch eine große Geste vom Vorwurf des Mordes reinzuwaschen. Am 12. Juni 1274 unterzog er sich in der Kathedrale von Canterbury einer Geißelung. Eine volle Nacht verbrachte er betend am Grab des Ermordeten.

Ob das eine pure Komödie war, wie Anouilh es in der Schlussszene seines Dramas darstellte – die Historiker wissen es nicht. Nahmen die Zeitgenossen dem König ernsthaft ab, dass er den Ermordeten nun als seinen ganz persönlichen Schutzpatron betrachtete? Jedenfalls wurde Canterbury zum berühmtesten Wallfahrtsort der Insel. Zwei Jahrhunderte nach Beckets Tod schrieb Geoffrey Chaucer seine „Canterbury Tales“: Pilger auf ihrer frommen Reise zum Grab des Heiligen erzählen einander fromme und weniger fromme Geschichten – ein Gesamtbild der englischen Nation im späten Mittelalter.

Was die sachlichen Gründe seines Zerwürfnisses mit dem Freund angeht, wollte Heinrich aber auch nach dessen Tod keineswegs nachgeben. 1172 versicherte er zwar gegenüber einem päpstlichen Legaten, die „anstößigen“ Punkt in den Bestimmungen von Clarendon zurückzunehmen. Doch er vermied es, diese Punkte zu benennen. Eine Entscheidung im Machtkampf zwischen staatlicher und kirchlicher Autorität hatte Beckets Tod nicht gebracht.

Als König Heinrich VIII. 1531 die Church of England begründete, galt sein Kampf nicht zuletzt diesem populärsten Heiligen der Insel. Heinrich II. mit den Constitutions of Clarendon war in seinen Augen ein Vorläufer des eigenen Machtstrebens, Thomas Becket schlicht ein Majestätsverbrecher. 1538 wurde Beckets Schrein in der Kathedrale von Canterbury zerstört, symbolisch wurde der Mord von 1170 wiederholt. Durchsetzen konnte sich die Verfemung aber nicht. Wie populär der Heilige in England bis heute ist, zeigt Ken Folletts Erfolgsroman „Die Säulen der Erde“, 1989, mit der Schlussszene, in der König Heinrich seine Schuld an Beckets Tod demütig büßen muss.


Mehr im Internet:

Thomas Becket - Wikipedia 
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