Berlin, den 24.05.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

23.12.2018 - MUSIK

Von "Stille Nacht, heilige Nacht" bis "Last Christmas"

Aus der Kulturgeschichte der Weihnachtslieder

von Josef Tutsch

 
 

"Holder Knabe im lockigen Haar"
Hochaltar in Mariapfarr bei Salz-
burg, um 1500
Bild: schmeissnero/Wikipedia

„Haurtxo maite“, heißt es auf Baskisch, „Clara notg“ auf Rätoromanisch, „Sioul an noz“ auf Bretonisch, „Tyla naktis“ auf Litauisch. Es gibt das Lied auch in indonesischer und grönländischer, armenischer und hawaiianischer Fassung und natürlich in Esperanto. Max Bruch, Arthur Honegger und Krzysztof Penderecki verwerteten die Melodie in ihren Oratorien und Kantaten und Sinfonien, Simon & Garfunkel setzten 1966 in einer Popcollage den Liedgesang als Kontrapunkt gegen beunruhigende Radionachrichten.

„Stille Nacht, heilige Nacht“ ist weltweit heute das beliebteste Weihnachtslied überhaupt. Den Text dichtete 1816 der Vikar Joseph Mohr in Mariapfarr im Salzburgischen, der Organist Conrad Franz Xaver Gruber komponierte dazu die Melodie. Zu Weihnachten 1818, vor 200 Jahren, wurde das Lied in der St.-Nikolaus-Kirche in Oberndorf bei Salzburg erstmals aufgeführt.

Die Kirchenorgel war gerade defekt, die Gemeinde musste zur Gitarre singen. Gerade dieser Umstand begründete jedoch die Verbreitung des Liedes. Der Orgelbaumeister Karl Mauracher hörte es, weil er zur Reparatur nach Oberndorf gekommen war, und brachte es in seine Heimatstadt Fügen im Zillertal. Sänger des Fügener Kirchenchors trugen es 1822 vor, als Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. in Schloss Fügen konferierten. Einige Jahre später traten die „Geschwister Strasser“, eine Gesangsgruppe aus dem Zillertal, auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt auf. Sie sangen „echte Tiroler Lieder“, die damals groß in Mode waren, und zu ihrem Repertoire gehörte auch „Stille Nacht, heilige Nacht“. 

Von Mohr und Gruber wusste bereits niemand mehr etwas, „Stille Nacht, heilige Nacht“ galt als Volkslied – oder auch als Komposition von Michael Haydn, dem Bruder Joseph Haydns. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der sich in die Melodie verliebt hatte, wandte sich über seine Hofkapelle an das Stift St. Peter in Salzburg mit der Bitte, ob er nicht eine Kopie der Handschrift erhalten könne. Bei den Nachforschungen stieß man auf Gruber, der damals in Hallein lebte und bestätigen konnte: Er und Mohr hatten das Lied geschaffen. Heute ist die Messe zu Heiligabend in der „Stille-Nacht-Kapelle“, die anstelle der abgerissenen Nikolauskirche in Oberndorf errichtet wurde, jedes Jahr ein Anziehungspunkt für Besucher von nah und fern.

Ja, was wäre Weihnachten ohne die Weihnachtslieder, die wir selbst heute vielleicht nicht mehr so selbstverständlich singen, wie das noch unsere Eltern oder Großeltern taten, die aber doch, selbst wenn wir christlichem Brauchtum halb und halb entwöhnt sind, die ganz besondere Weihnachtsstimmung erzeugen? Die Internetenzyklopädie Wikipedia listet einige hundert deutschsprachige Weihnachtslieder auf sowie viele Dutzend weitere in anderen Sprachen. Schon der lateinische Hymnus des Bischofs Ambrosius von Mailand aus dem 4. Jahrhundert, „Veni redemptor gentium“, „Komm, Erlöser der Völker“, war ein Weihnachtslied, genauer: ein Adventslied, ein Gebet in der Vorbereitung des Weihnachtsfestes.

Als das Christentum sich in Gegenden verbreitete, wo das Lateinische eine Fremdsprache war, wird der gemeinsame Liedgesang die früheste Form gewesen sein, in der sich die Masse der Gläubigen am Gottesdienst beteiligen konnte. Das älteste überlieferte Weihnachtslied in deutscher Sprache, manche Historiker vermuten, dass es bis ins 11. Jahrhundert zurückgeht, ist ebenfalls eine Anrufung des erwarteten Heilands: „Sei uns willkommen, Herre Christ“.

Martin Luhter: Vom Himmel
hoch, Druck von 1567
Bild: Wikipedia 


Neben der Weihnachtsgeschichte im Matthäus- und im Lukasevangelium reichlich Anregungen gaben jene Stellen im Alten Testament, die als Weissagung auf die Geburt des Erlösers verstanden wurden, die Anregung für die Texte. Und natürlich die zahllosen „apokryphen“ Evangelien und sonstigen volkstümlichen Erzählungen, die sich im Laufe der Zeit darum gerankt hatten. In einem mittelalterlichen Lied klagt Maria, dass sie für ihr Kind keine Windeln habe. "Wie bald, dass Joseph die Rede vernahm, seine Hosen von seinen Beinen nahm. Er warf sie Maria in ihren Schoß, darin schlug sie Gott den Herren groß."

Vor allem in den Frauenklöstern war es im Mittelalter Brauch, eine Wiege mit einer kleinen Jesusfigur aus Holz, Ton oder Wachs zu „wiegen“. Dazu wurden „Wiegenlieder“ gesungen, zum Beispiel „Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein“. Die Weihnachtsgeschichte sollte emotional, beinahe körperlich miterlebt werden – auch von den vielen Laien, die dem lateinischen Text der Messe gar nicht oder allenfalls mit Mühe folgen konnten.

Ein Mittel, die soziale Spaltung zwischen den lateinkundigen Geistlichen einerseits, den oft nicht lesekundigen Laien andererseits zu überbrücken, bot der Wechselgesang, wie er uns heute noch aus dem Lied „In dulci iubilo, nun singet und seid froh“ geläufig ist. „Unsres Herzens Wonne liegt in praesepio, und leuchtet als die Sonne matris in gremio, Alpha es et O“ - lateinische und volkssprachliche Verse sind miteinander gereimt.

„Ich komm aus fremden Landen her und bring euch viel der neuen Mär“, war im späten Mittelalter eines der beliebtesten deutschen Volkslieder. Was das mit Weihnachten zu tun hat? Als Martin Luther 1535 sein Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ dichtete, angeblich für eine Weihnachtsfeier im eigenen Familienkreis, da unterlegte er ihm zunächst die Melodie dieses „Schlagers“. Erst später komponierte er seine eigene Choralmelodie, die bis heute gesungen wird. 

Mehr als 30 Kirchenlieder schuf Luther, er wollte eine Alternative zum Messgesang der katholischen Kirche bieten. Im Protestantismus wurde das Kirchenlied – und gerade das Kirchenlied zu Weihnachten – eine zentrale Aufgabe von Dichtern und Komponisten. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, dichtete Philipp Nicolai 1599. In der Melodie lehnte er sich an eine „Weise“ des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs an. Natürlich wurden auch katholische Lieder übernommen, bei Bedarf allerdings umgearbeitet. „Aus Gottes ewigem Rat hat sie ein Kindlein g‘boren“, heißt es ursprünglich im Lied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“, „und blieb ein‘ reine Magd“. Gegen die katholische Lehre, Maria sei auch nach Jesu Geburt ihr Leben lang Jungfrau geblieben, erhoben die protestantischen Theologen Einspruch, schließlich ist in den Evangelien von Jesu Brüdern und Schwestern die Rede. Der Schlussvers wurde geändert: „… wohl zu der halben Nacht“.

Seine ganz große Blütezeit erlebte das Weihnachtslied jedoch erst im späten 18. und dann im 19. Jahrhundert. Das Weihnachtsfest wurde nun weniger in der Kirche als im Familienkreis begangen. Dabei trat der Bezug auf die Menschwerdung des Gottessohnes jedoch mehr und mehr zurück, ein Großteil der neuen Lieder drehte sich um zwei Themen. Erstens um die Bescherung der Kinder. „Morgen, Kinder, wird‘s was geben, morgen werden wir uns freun“ - kein Wort von der biblischen Geschichte. Oder „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben“, von Hoffmann von Fallersleben, dem Dichter des Deutschlandliedes. Und zweitens: das romantische Erleben der Natur, aufgefasst als Anlass zu seelischer Erbauung. „Leise rieselt der Schnee“, in diesem Zusammenhang konnte auch die biblische Geschichte ihren Platz finden: „Sorge des Lebens verhallt, freue dich, Christkind kommt bald.“

Postkarte zum Jubiläum von
"Stille Nacht, heilige Nacht"
1918 - Bild: Wikipedia 


Zahllos die Lieder, die den Weihnachtsbaum feiern, mit einem allenfalls indirekten Bezug zur Geburt Jesu: Der grüne Baum zur Winterzeit und die Lichter darauf können als Symbole der Erlösungssehnsucht gelesen werden. Im Dritten Reich wie in der DDR dagegen wurde die Entkirchlichung des Weihnachtsfestes politisch-systematisch vorangetrieben. 1939 entfernte der Musiklehrer Paul Hermann aus dem Lied „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ alles Religiöse, das Weihnachtslied wurde zum winterlichen Wanderlied. In seinem naturmystischen „Weihnachtslied“ „Hohe Nacht der klaren Sterne“, von 1936, ließ Hans Baumann von „Weihnachten“ gerade noch das Stichwort „Nacht“ bestehen. Da er andererseits jedoch klare Verweise auf die nationalsozialistische Ideologie vermied, wird sein Lied auch heute noch gern gesungen. Ähnlich in der DDR. „Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent“ dichtete 1970 die Kinderbuchautorin Erika Engel-Wojahn. Das populäre Brauchtum zu Advent und Weihnachten musste die Parteiführung akzeptieren, doch wenigstens sollte der religiöse Hintergrund mit keinem Wort erwähnt werden, statt dessen „Tannengrün zum Kranz gewunden, rote Bänder dreingebunden ...“

Eines der beliebtesten „Weihnachtslieder“ unserer Tage ist der Popsong „Let it Snow! Let it Snow! Let it Snow!“, ein anderes „Jingle Bells“, darin geht es um eine Fahrt mit dem Pferdeschlitten durch den Schnee. Wenn das Weihnachtsfest irgendwann im 3. Jahrhundert nicht auf den 25. Dezember terminiert worden wäre, hätten solche Lieder mit Weihnachten nicht das Geringste zu tun. 1947 sang Bing Crosby mit „White Christmas“ die vielleicht meistverkaufte Single aller Zeiten. Es schmälert weder Irving Berlins Kompositions- noch Crosbys Interpretationskunst, wenn man feststellt, dass bereits das Stichwort „Christmas“ dem Erfolg förderlich war: Wie kaum ein anderes ist es geeignet, beim Hörer Assoziationen und Emotionen zu wecken. Ein Effekt, der sich 1984 mit dem Popsong „Last Christmas“ von der Gruppe „Wham!“ wiederholte. Angeblich hätte der Song ursprünglich „Last Easter“ heißen sollen. Vom Text her ist es auch völlig egal, ob Weihnachten oder Ostern, es geht um irgendeinen Termin „letztes Jahr“. George Michael wird realistisch gesehen haben, dass sein Lied von einer verflossenen Liebe zu Weihnachten doch den höchsten Gefühlswert ausstrahlte.

Ein Gefühlswert, der natürlich nicht daran hindert, dass sich in unsere Gesangskultur zu Weihnachten immer wieder auch Komisches und Parodistisches mischt. „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt […] und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt.“ Oder „O Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Lehrer hat mich blau gehaun, dafür schiff‘ ich ihm an den Zaun.“ Oder „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä“. À propos „Täterätätä“: So manche Textzeile aus dem Weihnachtsliedergut wollenen wir zu Weihnachten, dem Fest der Liebe und des Friedens, vielleicht  doch nicht singen. So bestehen die Gaben, die der Weihnachtsmann laut Hoffmann von Fallersleben morgen vielleicht bringen wird, aus „Trommel, Pfeife und Gewehr, Fahn‘ und Säbel und noch mehr“, „Ja, ein ganzes Kriegesheer möcht‘ ich gerne haben.“


Mehr im Internet:

Weihnachtslieder - Wikipedia
scienzz artikel Rund um das Weihnachtsfest

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet