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27.12.2018 - AMERIKANISCHE LITERATUR

"Ich weiss schon, dass das verrueckt ist"

Vor 100 Jahren wurde J. D. Salinger geboren, der Verfasser des Romans "Der Faenger im Roggen"

von Josef Tutsch

 
 

J. D. Salinger, Illustration
"Time". 1961, von Robert
Vickrey - Bild: Wikipedia

Als am Abend des 8. Dezember 1980 der 25-jährige Mark David Chapman den Ex-Beatle-Sänger John Lennon erschoss, trug er ein Büchlein bei sich, eine Ausgabe des Romans „Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger. Im Prozess sagte Chapman später, er habe in diesem Buch die „Aufforderung“ gesehen, eine berühmte Persönlichkeit zu töten, um selbst berühmt zu werden. Als sein Schlusswort verlas er eine Passage aus dem Roman: „Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollten – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre. Ich weiß natürlich, dass das verrückt ist.“

Das Unterfangen, Chapmans Leseerfahrung rational rekonstruieren zu wollen, dürfte aussichtslos sein; vielleicht hatten die Ärzte ja Recht, die ihm eine paranoide Psychose bescheinigten. Wie unter solchen Bedingungen Literatur rezipiert, der Intention nach wohl auch in Praxis umgesetzt wird, lässt sich kaum erahnen. Und wenn es dann noch eine Literatur ist, die auch von den „Normalen“ der Generation als das Kultbuch schlechthin verehrt wird … Für große Teile der um 1940 oder 1950 Geborenen in den USA, wenige Jahre später auch in Europa, schien Salingers Erfolgsroman ihr Lebensgefühl perfekt auszudrücken. Die Zeitschrift „Time“ bezeichnete den „Fänger im Roggen“ als die „Hymne“ der Jugend, als ihr „Manifest gegen die Welt“. In der amerikanischen Literaturgeschichtsschreibung wurden die 1950er und frühen 1960er Jahre als die „Ära Salinger“ bekannt.

Salinger, der am 1. Januar 1919, vor 100 Jahren, in New York als Spross einer jüdischen Familie litauischer Abstammung geboren wurde, war 32 Jahre alt, als er 1951 seinen Welterfolg herausbrachte. Kann man sich vorstellen, dass „Der Fänger im Roggen“ nach seinem Erscheinen in manchen Ländern wegen der schnoddrigen Jugendsprache zunächst verboten wurde, dass besorgte Eltern gegen die Verwendung des Buches als Schullektüre protestierten? 44 mal findet sich das Wort „fuck“, 255 mal „goddam“. Solche Slangausdrücke waren natürlich nur die Oberfläche. Die rebellische Haltung des „Helden“, des jungen Holden Caulfield, insgesamt wurde als Skandal empfunden. 

Zwei Tage im Leben eines 16-jährigen, der wegen seiner katastrophal schlechten Noten gerade von der Schule verwiesen wurde und nun auf der Suche nach menschlicher Nähe durch New York irrt, mit dem Traum im Herzen, vielleicht in den „Westen“ auszuwandern. Wo bleiben eigentlich die Enten im Central Park, wenn die Teiche im Winter zufrieren? Eine Frage, die den jungen Mann intensiv beschäftigt, sie steht wie ein Leitmotiv über seinen eigenen unsteten Ansätzen, sein Leben zu planen. Holden schwankt zwischen dem Ekel vor einer Gesellschaft, die ihm als „phony“ und „corny“ vorkommt, scheinheilig und verlogen, und der Sehnsucht, von dieser Gesellschaft anerkannt zu werden.

Am Ende  scheint sich der „Rebell“ sogar in diese Gesellschaft und ihre Normen einzufügen. Für einen Augenblick fühlt er sich „verflucht glücklich“, ausgerechnet nachdem ihm die jüngere Schwester seine Jagdmütze aufgesetzt hat – nicht mit dem Schirm nach hinten, wie er es gewohnt ist, sondern „richtig“. Später, beteuert Holden, will er wieder in die Schule gehen. Ein hohes Lied der Konformität, nach all den Ausbrüchen des Protests? Der Leser weiß nicht so recht: Holden schreibt seinen Bericht über dieses Wochenende in der Heilanstalt, in die er nach seinen Nervenzusammenbruch eingeliefert wurde.

„Wie soll man denn wissen, was man tun wird, bevor man es wirklich tut?“, fragt Holden in einem der letzten Sätze. Für deutsche Leser liegt die Versuchung nahe, Salingers Erzählung als Entwicklungs- und Bildungsroman zu lesen, so wie ihn Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit hintergründiger Ironie auf den Punkt gebracht hat: „Mag einer auch noch so viel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch.“ Hegel lieferte auch gleich eine geschichtsphilosophische Begründung, warum dieser Gang der Dinge „meistens“ zu erwarten sei: „Die moderne bürgerliche Epopöe setzt eine bereits zur Prosa geordnete Wirklichkeit voraus“, „die Zufälligkeit des äußerlichen Daseins hat sich verwandelt in eine feste, sichere Ordnung.“

"The Catcher in the Rye",
1951 - Bild: Wikipedia 


Das Wort „Prosa“ mit seinem abschätzigen Unterton würde Holden sicherlich gefallen, von einer „festen, sicheren Ordnung“ dagegen kann in seiner Welt keine Rede sein. Von einer irgendwie zielgerichteten Entwicklung des jugendlichen „Helden“ erst recht. Je nachdem, welche Passagen hervorgehoben wurden, hat Holden Caulfield die gegensätzlichsten Deutungen hervorgerufen, vom humanitären Rebellen, ein bisschen nach Art Huckleberry Finns, bis zur Einfügung in die Konformität des „american way of life“, von der Gequältheit des Individuums in der modernen Massengesellschaft bis zum reinen Kind, in dem sich ein Gottsucher à la Dostojewski anzudeuten scheint.

Salinger selbst hat sich über das Bedürfnis seiner Interpreten nach Eindeutigkeit gern lustig gemacht. In einer späteren Erzählung schilderte er genüsslich, wie einer Figur beim vielstimmigen Geschwätz der Literaturkritiker speiübel wird. Es wird gerade diese Offenheit des Textes gewesen sein, die ihm seinen Erfolg beim Publikum sicherte. William Faulkner wusste die Art des jüngeren Kollegen zu schätzen. „Dieser Roman drückt so vollkommen aus, was ich zu sagen versuchte“, äußerte er beinahe neidvoll. Und in Europa spürte der alte Hermann Hesse in Salinger einen Geistesverwandten: „Ob man diesen Roman als Individualgeschichte eines halberwachsenen schwierigen Knaben, ob man ihn als Sinnbild für ein ganzes Land und Volk liest, man wird durch den Dichte den schönen Weg von der Befremdung zum Verstehen, vom Ekel zur Liebe geführt.“

Die Ähnlichkeit von Holden Caulfield mit dem melancholischen Außenseiter Harry Haller, Hesses „Steppenwolf“, der unter dem Zwiespalt seiner animalischen und seiner geistigen Antriebe leidet, ist in der Tat verblüffend. In den frühen 1960er Jahren kam es zu einem Austausch der beiden „Kultbücher“ über den Atlantik hinweg. Während in den USA Hesses „Steppenwolf“ von 1927 populär wurde, begeisterte sich die Jugend Europas am „Fänger im Roggen“. 1963 fand Holden Caulfield einen Nachfolger in Heinrich Bölls „Clown“. Freilich – dessen Ekel an der Gesellschaft ist längst erwachsen geworden, zur bleibenden Attitüde gereift und gefestigt. Bölls „Ansichten eines Clowns“ boten dem Leser mehr Satire als Anlass zur Identifikation. 1973 übertrug Ulrich Plenzdorf in seinen „Neuen Leiden des jungen W.“ das Thema von jugendlicher Unangepasstheit in die Gesellschaft der DDR – mit der Leitfrage, ob die große Veränderung hin zum „Sozialismus“, was den Weg der Jugendlichen in die Erwachsenenwelt betraf, tatsächlich so viel Veränderung bedeutete, wie die Parteiführung behauptete. 

Der Anklang an Goethes Jugendroman trifft schon etwas Richtiges: Der Werther gab den großen Modellfall für alle jugendlichen Helden ab, die mit ihrem Weg in die Gesellschaft Schwierigkeiten haben, manchmal mit tödlichem Ausgang. Aber warum eigentlich „Der Fänger im Roggen“? Holden fühlt sich in ein Gedicht des schottischen Lyrikers Robert Burns aus dem späten 18. Jahrhundert hinein. Oder genauer: Er versucht es, missdeutet in seiner kindlichen Unschuld jedoch den Hintersinn des Textes. Bei Burns geht es um eine erotische Begegnung „im Roggen“. Holden verändert das Wort „meet“ im Text zu „catch“, er stellt sich jemanden vor, der im Roggenfeld spielende Kinder davor bewahrt, über eine Klippe in den Abgrund zu stürzen.

In den Abgrund, der den Verlust jugendlicher Unschuld bedeutet, die Erwachsenenwelt in ihrer Verlogenheit. Bei seiner schonungslosen Analyse dieser Erwachsenenwelt hat Salinger gelegentlich in Kauf genommen, dass der Leser einem 16-jährigen eine derart hellsichtige Psychologie des Verdachts vielleicht doch nicht abnehmen wird. So wird Holden an einer Stelle gefragt, ob er nicht Rechtsanwalt werden möchte. Seine Antwort: "Rechtsanwälte sind schon recht, vermutlich – aber mich lockt das nicht ... Und außerdem – auch wenn man irgendwelchen Leuten das Leben retten würde, woher könnte man sicher wissen, ob man das getan hat, weil man ihnen wirklich das Leben retten wollte, oder ob man es tut, weil man nur ein fabelhafter Anwalt sein wollte, dem alle auf die Schulter klopfen und im Gerichtssaal gratulieren, wenn die verdammte Verhandlung vorbei ist -- die Reporter und alle, so wie es in den elenden Filmen ist? Woher würde man wissen, dass man nicht nur ein Heuchler ist?"

Salingers Signatur - Bild: Wikipedia 


Kann man von sich selbst wissen, dass man kein Heuchler ist? Eine der großen Fragen der neuzeitlichen Anthropologie, von Montaigne über La Rochefoucauld und Schopenhauer bis zu Nietzsche und Freud. Die Leichtigkeit, mit der Salinger solche Fragen aufwarf, erinnert an Mark Twain, allein sie schon macht eine Lektüre auch heute lohnend. Die Beantwortung bleibt dem Leser überlassen. Manches in den Schlusspassagen deutet darauf hin, dass sich Holden mit der Unmöglichkeit abzufinden versucht, auf solche Fragen jemals eine Antwort zu finden.

Und ganz vorsichtig stellt er sogar seine ihm so liebgewordene Phantasie von der Rolle des „Fängers“, der vor den Gefahren des Erwachsenwerdens bewahren will, in Frage. Seine kleine Schwester fährt mit anderen Kindern im Karussell, halsbrecherisch versuchen die Kinder, einen goldenen Ring zu erwischen, der über ihnen hängt. „Ich hatte manchmal Angst, dass sie von dem blöden Pferd fallen würde, aber ich sagte nichts und unternahm nichts. Wenn die Kinder den goldenen Ring erwischen wollen, muss man es sie versuchen lassen und nichts sagen. Wenn sie herunterfallen, dann fallen sie eben in Gottes Namen“ - am Ende in das abgründige Gelände, das in Holdens eigenwilliger Gedichtinterpretation die Erwachsenenwelt ist, mit all ihrer Verlogenheit und Scheinheiligkeit. „Aber man darf nichts zu ihnen sagen.“


Mehr im Internet:

J. D. Salinger - Wikipedia 
scienzz artikel Amerikanische Literatur 

 

 

 

 

 

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