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kultur

31.12.2018 - BRAUCHTUM

"Dass die Tracht der langen Baerte dieses Jahr nicht Mode werde"

Aus der Kulturgeschichte der Neujahrswuensche

von Josef Tutsch

 
 

Prosit Neujahr! - Bild: Horst
Sturm/Bundesarchiv/Wikipedia

„Und allen edlen Menschen Friede und Freud auf ihrer Bahn! Ich segne sie in meinem Liede, soviel ich segnen kann.“ Einen besonders ungewöhnlichen Wunsch hat sich Matthias Claudius da zu Neujahr 1777 nicht einfallen lassen. Die Verse variieren bloß aus Martin Luthers Bibelübersetzung den Weihnachtsgesang der Engel an die Hirten. In der folgenden Strophe gibt der Sprecher, der „alte lahme Invalide Görgel“, seinem Neujahrswunsch jedoch eine recht makabre Note: „Und fühl in diesem Augenblicke den lahmen Schenkel nicht und steh und schwinge meine Krücke und glühe im Gesicht.“ Und einige Strophen zuvor nimmt Claudius‘ Neujahrsgedicht einen beinahe aggressiven Ton an: „Ein fröhlich, fröhlich Jahr den Fürsten, die nach Gerechtigkeit, nach Menschlichkeit und Wohltun dürsten!“

„Man fängt das Neue Jahr mit Wunsch und Gaben an“, dichtete 1637 Andreas Gryphius. Eine Federzeichnung von Johann Michael Voltz zeigt, wie der Neujahrsmorgen in besseren Kreisen um 1800 ablief. Um einen gesetzten, würdigen Herren, der offenbar gerade bei der Rasur ist, versammeln sich die Gratulanten, vom Prediger bis zu den Musikanten der Stadtgarde, und selbstverständlich muss ihnen ein Trinkgeld aus der bereitgehaltenen Börse gegeben werden. Im Hintergrund sieht man, wie sich weitere Gratulanten durch die geöffnete Tür drängen wollen.

In manchen Regionen war es früher Brauch, dass an den Tagen um Neujahr die Kinder durch die Dörfer zogen, gekleidet als Heilige Drei Könige, und ihre Wünsche für das kommende Jahr ausriefen, etwa „Wir wünschen dem Herren einen golden Hut, er trinkt keinen Wein, denn er sei gut“ oder „Wir wünschen der Magd einen Besen in die Hand, damit soll sie kehren die Spinnen von der Wand“ oder „Wir wünschen dem Knecht eine Peitsch‘ in die Hand, damit soll er fahren durch‘s ganze Land“. Usw. usf., jedem das Seine. Unnötig zu sagen, dass für die guten Wünsche dann gern Süßigkeiten oder dergleichen entgegengenommen wurden.

„Da sind die Neujahrsgratulanten, die Türmer und Stadtmusikanten, zum neuen Jahr sie wünschen Glück und fordern ihr Sechsbatzenstück“, heißt es in Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“, 1834. Spätestens vom 17. Jahrhundert an machten sich die Drucker diesen Brauch zu Nutze, indem sie „Heischezettel“ auf den Markt brachten, auf denen die besten Wünsche zum Neuen Jahr entboten wurden, natürlich ebenfalls mit der Bitte um eine milde Gabe. Abgebildet waren in der Regel religiöse Motive: Gott wurde gebeten, die guten Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen.

Das Postwesen machte es möglich, dass solche Neujahrswünsche auch über weite Entfernungen hinweg zum Massenbrauch wurden. Auf einem Kupferstich des Berliner Grafikers Daniel Chodowiecki aus dem späten 18. Jahrhundert ist eine Neujahrskartenverkäuferin zu sehen. Kunden aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten drängen sich um den Stand. Inzwischen waren die religiösen Motive auf den Karten mehr und mehr durch Glückssymbole der verschiedensten Art ersetzt worden, von Blumen und Schweinchen über Schornsteinfeger oder auch Schornsteinfegerinnen bis zu Säcken, aus denen Gold hervorquillt.

Es sei doch wahrhaft „ein gutes Werk, unsere vorzügliche Reichspost möglichst viel verdienen zu lassen“, spottete Anfang des 20. Jahrhunderts der Schriftsteller Eustachius Graf Pilati von Thassul zu Daxberg. Natürlich gehörte es zum guten Ton, die Karten mit einem möglichst individuellen Gruß zu beschriften. Wenn einem da allerdings gar nichts einfiel – Anthologien mit vorformulierten Neujahrswünschen wurden eine beliebte Literaturgattung. Heute finden wir solche Anthologien massenhaft im Internet. Wenn wir statt der Post kostensparend die Email nehmen, brauchen wir die Wünsche nicht einmal mühsam abzuschreiben, copy and paste tut es auch.

Neujahrsdekoration
Bild: Geolina/Wikipedia 


Zum Beispiel „Neues Jahr, neues Jahr, mach‘ uns unsre Hoffnung wahr!“ August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, „Deutsche Lieder aus der Schweiz“, 1843. Das passt doch jedes Jahr von neuem. Die folgenden Zeilen machen allerdings klar, dass Hoffmann von Fallersleben eine konkrete politische Situation im Sinn hatte. Ambitionen der französischen Regierung, die Rheingrenze zurückzugewinnen, hatten gerade zu diplomatischen Verstimmungen mit dem Deutschen Bund geführt, beiderseits des Rheins war der Nationalismus wieder hochgekommen. „Siegen lass die gute Sache“, wünschte sich der Dichter, „dass der Schlechte, Feig‘ und Schwache niemals mehr das Haupt erhebe!“

Dann vielleicht doch lieber das: „So wünsch‘ ich, dass ein neues Leben der alten Erde Mark durchdringt […] Dass bei des Jahres Brot und Weine frei unter off‘nem Himmelssaal die Völker feiern im Vereine das große Bundesabendmahl.“ Friedrich Rückert, 1839. Es liege „in der Natur des Menschen, jedem neuen Zeitabschnitte eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen“, vermerkte 1836 das „Damen-Conversations-Lexikon“. Und mit einem für Lexika doch recht ungewohntem rhetorischen Aufwand: „Von Osten her schreitet das Neujahr durch die goldene Pforte der Morgenröte, frische, kühlende Lüfte legen sich auf die Brandwunden des Herzens, der lichte junge Tag zertrümmert die Nachtdecke und an seiner Hand führt er unsern treuesten, nie alternden Freund, die Hoffnung!“

Wenn sich unsere Hoffnungen und Träume nur nicht so oft in Nichts auflösen würden … „Die Leiden und Freuden des verflossenen Jahres sind überstanden“, rief der Mainzer Republikaner Georg Forster zum Neujahrstag 1793 seinen Kampfgenossen zu, „ein dunkles Gefühlt von Erwartungen und Hoffnungen füllt unsere Brust mit neuer Spannkraft […] Wir eilen der wärmeren Sonne, den längeren Tagen, dem blühenden Frühling, der grünen Saat entgegen.“ Im Oktober des Jahres zuvor hatten französische Truppen dem alten Kurfürstentum Mainz die Revolution gebracht. Bereits im Juli 1793 bereiteten preußische Truppen diesem ersten demokratischen Experiment auf deutschem Boden ein Ende. „Prost Neujahr!“, schrieb Franz Marc zu Neujahr 1915 von der lothringischen Front in die Heimat. „Es ist ein fabelhaft schöner Tag […] Um unsere Zukunft ist mir nicht bang.“ Weniger als anderthalb Jahre später war Marc gefallen.

Bemerkenswert, wie breiten Raum in den Neujahrswünschen großer Schriftsteller die Mahnung einnimmt, auf die Erfüllung solche Wünsche doch keinesfalls zu vertrauen. „Sonnen wallen auf und nieder, Wolken gehen und kommen wieder, und kein Wunsch wird‘s wenden“, von Johann Peter Hebel. Oder das: „Ich lob’ es nicht, das alte Jahr, ich schimpf’ es nicht […] Das neue tänzelt nun herein, mit falschem Lächeln im Gesicht, die Augen leuchtend, und verspricht dem einen dies, dem andern das.“ Ludwig Thoma.

Dumm vor allem, dass die Wünsche des einen denen des anderen so oft in die Quere kommen. „Ärzte, Apotheker, Bader, Quacksalber und Totengräber“, spottete im späten 18. Jahrhundert Christian Friedrich Daniel Schubart, „wünschen epidemische Seuchen“. Weniger drastisch drückte es Georg Christoph Lichtenberg aus: „Allerteuerster Barbier, recht von Herzen wünsch ich dir, dass die Tracht der langen Bärte dieses Jahr nicht Mode werde.“

Und selbst, wenn die verschiedenen Wünsche nicht so hart aufeinander treffen: Zum Nennwert sollte man wohl nicht alles nehmen, was einem zum Neuen Jahr dargebracht wird. „Ist man regelmäßiger Besucher eines Kurortes“, argwöhnte der Satiriker Julius Stettenheim um 1900, „und erhält von dem Wirt des Hotels oder des Hauses, in welchem man dort zu wohnen pflegt, einen Glückwunsch, so will dieser sagen: Gott erhalte Ihnen in seiner unendlichen Güte das Leiden, das sie alljährlich zu mir führt, auf dass ich wieder für mindestens vier Wochen einen Mieter habe. Amen!“

Da war es konsequent, dass Schubart sich zu Neujahr vor allem eins wünschte: dass Gott die Wünsche „nur in dem höchstseltenen Fall erfüllen möchte, wenn der Wünscher vernünftig ist“.  Für sich selbst war Schubart recht genügsam: „Gott erhalte mir nur meinen Witz, mein Mädchen, meine Weinflasche und meinen Rock!“ Aber vielleicht war auch das ja schon viel verlangt, seinem Bruder wünschte der junge Schubart einmal, in einem heftigen Anfall von Zynismus, „dass du an keinem Stricke dies Jahr am Galgen prangst“.

Bleigießen mit Werner Lierck, 1957
Bild: Hans-Günter Quaschinsky/
Bundesarchiv/Wikipedia 


Wie der Bruder diesen Wunsch wohl aufgenommen hat? Völlig aus der Luft gegriffen war der Gedanke nicht einmal, Schubart selbst wurde später zehn Jahre lang eingekerkert, weil er das absolutistische Gebaren des Herzogs von Württemberg angeprangert hatte. Eduard Mörike, der einige Jahrzehnte später auf politische Betätigung wohlweislich verzichtete, predigte Skepsis: „An tausend Wünsche, federleicht, wird sich kein Gott noch Engel kehren.“ Für das private Leben fand er aber eine positive Wendung: „Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu‘ dem andern den Kalender segnet, so steht ein guter Geist dabei.“

Gut möglich, dass der Schriftsteller Erich Mühsam, als er zum Jahreswechsel 1916/17 eine Ode schrieb, dieses kleine private Glück mit heimlichem Neid betrachtete, mitten im Ersten Weltkrieg war ihm dergleichen nicht möglich. „Es birst ein Jahr und fährt in die Ewigkeit. Ein Jahr des Todes und dunkler Geschicke voll.“ „Es betet inbrünstig, wer noch an Götter glaubt, sie möchten enden den schrecklichen Völkermord.“

Wenigstens für unser eigenes kleines Leben versuchen wir alle Jahre wieder, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, „gleich dem Wanderer“, lesen wir in jenem „Damen-Conversations-Lexikon“, „der auf der Höhe des Berges angelangt, einen Augenblick rastet, um einen Blick rückwärts nach dem zurückgelegten Pfade zu werfen und mit einem anderen das noch vor ihm liegende Ziel zu messen.“ Es gibt nichts Gutes, außer man tut es … Bekanntlich halten die guten Vorsätze, vom Sporttreiben bis zum Fremdsprachenlernen, in der Regel nicht sehr lange. Aber der Glaube, mit dem Jahreswechsel müsse alles besser werden, ist wohl tief in uns verankert. Vom Frühling ist zwar noch lange nichts zu sehen, aber wir dürfen bereits an ihn denken. „Nun, armes Herz, vergiss der Qual!“, heißt es in einem Frühlingsgedicht von Ludwig Uhland, „nun muss sich alles, alles wenden.“

So ist die Neujahrsnacht denn auch die große Zeit der Versuche, in die Zukunft zu blicken. Da bringt der Jahreswechsel von 2018 auf 2019 allerdings einen Einschnitt. Es ist das erste Silvesterfest, bei dem wir auf das Bleigießen verzichten müssen. Die Europäische Union hat das flüssige Schwermetall vom Markt genommen, weil es giftig ist. Aber silbern eingefärbtes Wachs tut‘s ja auch – hoffentlich mit besseren Aussichten, als sie 1920 Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky erfuhr: „Bleigießen? Ist‘s ein Fladen klein, dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein.“


Mehr im Internet:

Neujahrswünsche - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um das Neue Jahr

 

 

 

 

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