Berlin, den 24.01.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

13.12.2018 - GESCHICHTE

Krieg und Gewalt, die grossen Gleichmacher

Thesen zu einer Weltgeschichte der materiellen Ungleichheit

von Josef Tutsch

 
 

"Der beste Staat: der weder allzu
Reiche noch allzu Arme hat“
(Thales in der Schedelschen Welt-
chronik, 1493) - Bild: Wikipedia

„Eine Geschichte der Ungleichheit“ verspricht das neue Buch des österreichischen Altertumswissenschaftlers Walter Scheidel im Untertitel. Das Wort „Ungleichheit“ könnte in die Irre führen. Es geht in Scheidels umfangreicher Studie nicht um rechtliche Ungleichheit. Es geht auch nicht um die ungleiche Verteilung von politischer Macht. Es geht primär auch nicht um die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel. Gegenstand der Studie ist die Ungleichheit in Einkommen und Vermögen, wie gleich die ersten Sätze klarstellen: „Im Jahr 2015 besaßen die reichsten 62 Personen auf unserem Planeten so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit, das heißt, sie besaßen so viel wie 3,5 Milliarden Menschen.“

Werden die Reichen immer reicher? Scheidel, der an der Stanford University lehrt, hat eine ungeheure Menge an historischen Quellen statistisch ausgewertet, von Akten zur Vermögenssteuer in den italienischen Städten der Renaissance bis zu Werkzeugfunden in anatolischen Siedlungen der Steinzeit. „Die archäologische Forschung“, meint der Altertumswissenschaftler zuversichtlich, „hat uns in die Lage versetzt, die Grenzen des Studiums der materiellen Ungleichheit bis in die letzte Eiszeit hinauszuschieben.“

Und mit der Primatenforschung reichten unsere Erkenntnismöglichkeiten noch um einiges weiter zurück. Bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Gorillas, Schimpansen und Bonobos, bilanziert Scheidel, bringt die strikt hierarchische Sozialordnung einen „ungleichen Zugang zu Nahrung“ und „ungleiche Möglichkeiten der Fortpflanzung“ mit sich: „Die größten, stärksten und aggressivsten Männchen können am meisten konsumieren und sich mit mehr Weibchen paaren.“ Bei den Vorfahren des Menschen, vor etwa 2 Millionen Jahren, muss jedoch eine Entwicklung eingesetzt haben, die zunächst die Ungleichheit zwischen den Individuen verringerte. Anatomische Veränderungen im Schulterbereich ermöglichten es den Urmenschen nunmehr, in der Auseinandersetzung miteinander gezielt Steine zu werfen. Die Wurfwaffen „sorgten für ein ausgewogeneres Kräfteverhältnis, sobald sie über eine größere Entfernung hinweg eingesetzt werden konnten“.

Die „große Entegalisierung“ in der Menschheitsgeschichte brachte dagegen vor etwa 12.000 oder 10.000 Jahren der Übergang zu Agrarkultur und Viehhaltung und Sesshaftigkeit. Es entstanden „Produktionsmittel, die gegen Übergriffe verteidigt werden konnten und mit denen ihre Eigentümer vorhersehbare Überschüsse erzielen konnten“, sie schufen die Grundlage für eine zusehends ungleiche Verteilung der materiellen Ressourcen, bis zu den „Superreichen“ unserer Gegenwart. Für Europa hat Scheidel aufgrund des Zahlenmaterials sogar ein Diagramm zur Entwicklung der Ungleichheit erstellt. Höhepunkte waren demzufolge zum Beispiel die römische Kaiserzeit, das hohe Mittelalter und das Zeitalter von Kolonialismus und Imperialismus, also vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Eine „relativ geringe Ungleichheit“ in Einkommen und Vermögen hat der Autor dagegen in den griechischen Stadtstaaten der „klassischen“ Periode gefunden. Der wichtigste Grund, meint Scheidel, wird gewesen sein, dass die militärische Massenmobilisierung der vielen Stadtstaaten gegeneinander eine halbwegs gleichmäßige Verteilung der Ressourcen innerhalb der Städte begünstigte.

Anders im Römischen Reich: Der innere Frieden einerseits, die imperialistische Politik mit der Ausbeutung der Provinzen andererseits ließen das Vermögen der römischen Aristokratie zeitweise geradezu explosionsartig anwachsen. Die übrigen Schichten oder Klassen werden an diesem Wohlstand durchaus ihren Anteil gehabt haben, aber längst nicht im selben Maße. Umgekehrt führte der allgemeine wirtschaftliche Niedergang im frühen Mittelalter zu einer relativ geringen Ungleichheit zwischen den Schichten. Ein besonders überraschendes Phänomen hat Scheidel im späten Mittelalter ausgemacht: Nachdem die „Schwarze Pest“ die Bevölkerung dezimiert hatte, konnten qualifizierte Handwerker unter den Überlebenden hohe Löhne verlangen. Der etablierte Adel hatte dagegen die größte Mühe, aus seiner Grundherrschaft den gewohnten Lebensstil aufrechtzuerhalten.

Allegorie der Égalité, von Jean-
Guillaume Moitte, 1793
(DHM, Berlin)
Bild: anagoria/Wikipedia 

Ein Punkt, bei dem der Leser aber auch ins Nachdenken gerät. Ist nicht zu unterstellen, dass sich gleichzeitig in den Städten die Unterschiede zwischen gut verdienenden Handwerkern und anderen Teilen der arbeitenden Bevölkerung eher vergrößert haben? Dass die Ungleichheit, wie es im späten Mittelalter nach der großen Pest offenbar geschah, durch Verbesserungen bei den weniger Besitzenden zurückgeht, scheint jedenfalls eine große Ausnahme zu sein. In der Regel wird eher „abgeschnitten“, was über den Durchschnitt hinausgeht. Die drastischsten Beispiele hierfür hat Scheidel im 20. Jahrhundert ausgemacht. In der frühen Sowjetunion wurde durch die Kollektivierung der Landwirtschaft tatsächlich ein hohes Maß an Einkommensgleichheit erzielt, allerdings um den Preis, dass die Produktion und der Lebensstandard für alle dramatisch zurückgingen. „Die Bauernschaft war nun ärmer, aber es war gelungen, die Armut gleichmäßiger zu verteilen." Eine Methode der Egalisierung, die später im maoistischen China und dann im Kambodscha der Roten Khmer noch drastischer wiederholt wurde. Nicht derart strategisch geplant wie die sozialistischen Revolutionen war das zweite große Nivellierungsphänomen des 20. Jahrhunderts. In den meisten europäischen Ländern, schreibt Scheidel, hatten die beiden Weltkriege eine „Einkommenskompression“ zur Folge. Vor allem wirkten die Inflationen, die durch die enormen Ausgaben für das Militär verursacht waren, in diese Richtung: Große Teile des Geldvermögens wurden vernichtet.

„Nach dem Krieg sind alle gleich“, hat Scheidel dieses Phänomen im deutschen Obertitel seines Buches auf eine griffige Formel gebracht. Vielleicht allzu griffig, wenn man diesen Satz mit der statistischen Analyse auf den fast 600 Seiten der Abhandlung vergleicht. Die englische Fassung setzt einen etwas anderen Akzent: „The Great Leveler“ - damit ist laut Untertitel nicht nur der Krieg gemeint, sondern allgemeiner „violence“. Und aus dem Text erfährt der Leser, dass auch Seuchen und Hungersnöte, die nicht unbedingt durch Menschen verursacht sind, in diese Richtung wirken können. Mit einem biblischen Bild spricht Scheidel von den „apokalyptischen Reitern der Nivellierung“. „Wenn sich der Sturm legte, hatte sich die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen manchmal dramatisch verringert.“

Manchmal … „Damit ein Krieg die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen verringern kann, muss er die gesamte Gesellschaft erfassen“, erläutert Scheidel. Eine derartige Mobilisierung von Menschen und Ressourcen war in der Regel erst den modernen Nationalstaaten möglich, „das erklärt, warum die zwei Weltkriege zu den größten Gleichmachern der Geschichte zählen.“ Auch die nicht unbedingt, wäre zu differenzieren: Für jene, die ihr Kapital in Form von Landbesitz oder Produktionsmitteln über den Krieg hinwegretten konnten, galt die Formel „Nach dem Krieg sind alle gleich“ gerade nicht. Verschiedene Formen von Besitz sind gegenüber Krieg und Gewalt eben in sehr unterschiedlichem Maße anfällig – Unterschiede, die im statistischen Material und in den Entwicklungskurven, die sich daraus ableiten, leicht untergehen.  

In der früheren Geschichte, meint Scheidel, entstand der Nivellierungseffekt am verlässlichsten dann, wenn es im Rahmen der gewaltsamen Auseinandersetzungen zu einem Kollaps des gesamten politischen Systems kam. Ein solcher Vorgang wäre etwa im Untergang des Weströmischen Reiches in der Völkerwanderung zu unterstellen. Der Schutz, den der Staat für „wirtschaftliche Aktivitäten oberhalb des Subsistenzniveaus“ gewährte, entfiel. Danach traten allerdings rasch neue Eliten an die Stelle der alten. Doch vorübergehend, so Scheidel, verringerte der Zusammenbruch des Staates tatsächlich die Ungleichheit, „indem er alle ärmer macht –  wobei die Verluste der Reichen höher ausfallen“. Eine Stelle, an der sich aber auch zeigt, dass die statistische Betrachtung der Weltgeschichte ihre leicht zynischen Implikationen hat. Erfasst werden Zahlen zu den Besitz- und Einkommensverhältnissen. Dass in solchen Umbrüchen viele ihr Leben verloren (und die Besitzlosen vielleicht eher als die Besitzenden), bleibt unberücksichtigt. Ebenso die Frage, ob nicht mancher Besitzende den Wegfall staatlichen Strukturen durch eine Privatarmee ausgleichen konnte.

Natürlich will sich Scheidel nicht mit der Feststellung von Korrelationen zwischen gewaltsamen Erschütterungen in der Weltgeschichte einerseits, der Entwicklung von sozialer Gleichheit und Ungleichheit andererseits begnügen. Auch bei der Ungleichheit in Einkommen und Besitz, ähnlich wie bei der Flut von Untersuchungen, die es seit einigen Jahren zum Thema „Klimawandel“ gibt, hat das Erkenntnisinteresse eine sehr praktische, politische Seite. Erstens hängt die Gleichheitsvorstellung mit dem Ideal von Gerechtigkeit zusammen. Und zweitens ist die Frage, von welchem Grad an Ungleichheit den sozialen Frieden gefährdet, seit der Antike ein zentrales Thema der politischen Theorie. Der Urvater der abendländischen Philosophie, Thales, soll auf die Frage nach dem besten Staat geantwortet haben: „der weder allzu Reiche noch allzu Arme hat“.

Allegorie der Égalité, von Léo-
pold Maurice, 1893 (Place de la
République, Paris)
Bild: Coyau/Wikipedia 

Scheidel gesteht am Ende unumwunden ein, er habe mit seinem Buch wohl eine „deprimierende Lektüre“ geliefert: „Eine Verringerung der Kluft zwischen Reich und Arm wurde stets mit ungeheurem menschlichem Leid erkauft.“ Das Wort „stets“ in diesem Satz ist aber vielleicht doch eine Verkürzung, ebenso wie das Wort „alle“ im deutschen Titel des Buches. Scheidel nennt durchaus Beispiele, dass friedliche Reformen der Ungleichheit entgegenwirken konnten. So wurde in den frühen 1950er Jahren in Südkorea eine umfassende Bodenreform durchgeführt – nicht ganz freiwillig, eher aus Furcht, das nordkoreanische Konkurrenzmodell könnte sich als attraktiv erweisen. Auch die relativ starke Stellung der Gewerkschaften im Europa der ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg habe „egalisierend“ gewirkt. Und natürlich das allgemeine Wahlrecht sowie, je nach politischer Konstellation, die Steuerpolitik.

Auf die volkswirtschaftlichen und philosophischen Fragen, die sich da aufdrängen, geht Scheidel als Historiker nicht näher ein. Ist Ungleichheit womöglich ein Motor, der die Wirtschaft antreibt, so dass ein hohes Einkommen „oben“ indirekt auch die Einkommen „unten“ anhebt? Inwieweit kann es deshalb sinnvoll sein, die Einkommen durch Steuern zu nivellieren? Und wie ist Gleichheit mit dem anderen Ideal der Staatsphilosophie, der Freiheit, dialektisch auszugleichen? Nach allen Erfahrungen in der Weltgeschichte, resümiert Scheidel seine historischen Analysen, gingen gründlichere Änderungen „normalerweise mit Gewaltanwendung einher“. Friedliche Reformmaßnahmen könnten „gelegentlich funktionieren“, seien jedoch „nicht geeignet, die Ungleichheit systematisch zu verringern“. „Selbst in den fortschrittlichsten Volkswirtschaften genügen Umverteilung und Bildung bereits heute nicht mehr, um der wachsenden Ungleichverteilung entgegenzuwirken.“ „Normalerweise mit Gewaltanwendung“ – die Analyse, wie es bislang in der Geschichte gelaufen ist, hat allerdings noch niemals die Hoffnung behindert, dass es auch einmal anders gelingen könnte.


Neu auf dem Büchermarkt:

Walter Scheidel: Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit, aus dem Englischen von Stephan Gebauer-Lippert, Theiss Verlag (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), ISBN 978-3-8062-3819-8, 687 S. mit 45 s/w. Abb., 38,00 €


Mehr im Internet:

Ungleichheit - Wikipedia
Walter Scheidel: Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit, Theiss Verlag
scienzz artikel Politische Mechanismen

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet