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09.01.2019 - OEKONOMIE

Wirtschaft und Ethik - das eine oder das andere

Schwierigkeiten einer Oekonomie mit menschlichem Antlitz

von Josef Tutsch

 
 

Kinderarbeit in Kambodscha
Bild: flickr/Wikipedia

„Sie wollen Wirtschaftsethik studieren?“, lautet ein Satz, der dem österreichischen Satiriker Karl Kraus zugeschrieben wird: „Entscheiden sie sich für das eine oder das andere!“ Die Ökonomie, wollte Kraus sagen, steht ein für allemal unter der Maxime der Gewinnmaximierung, des Egoismus. Wer versucht, sich in seinem wirtschaftlichen Verhalten nach ethischen, potentiell also auch altruistischen, Normen zu richten, muss untergehen.

Natürlich ist die Frage mit einem derart saloppen Spruch nicht beantwortet. Dass Menschen durch die Spannung zwischen Sein und Sollen, zwischen ihrem faktischen Verhalten einerseits, ihren Ansprüchen an sich selbst andererseits, in ein unglückliches Bewusstsein versetzt werden, lässt sich wohl niemals auflösen. Anscheinend erleben wirtschaftsethische Fragestellung gerade in den letzten Jahrzehnten, zeitlich parallel zum sogenannten „Neoliberalismus“, sogar einen regelrechten Boom. Heute können Studenten das Fach „Wirtschaftsethik“ im deutschen Sprachraum an mehr als einem Dutzend Hochschulen belegen. Der Basler Philosoph Andreas Brenner zitiert in seinem neu erschienenen „Lehr- und Lesebuch“ zur Wirtschaftsethik seinen amerikanischen Kollegen Richard Edward Freeman, der Kraus‘ zynisches Bonmot umkehrte: „Es macht keinen Sinn, über Business zu reden, ohne über Ethik zu reden.“

Der umfangreiche Band zeigt aber auch: Dieses „Reden“ ist oft mehr ein Fragen als ein Antworten. Zum Beispiel in Bangla Desh werden T-Shirts zu Arbeitsbedingungen und gegen Löhne produziert, die ohne Zweifel menschenunwürdig sind. Da fällt es leicht, den Unternehmen unethisches Verhalten nachzusagen – aber auch den Konsumenten, wenn sie die so produzierten Waren zum Spottpreis abnehmen. „Wie viele Sklaven halten Sie?“, fragte die Nürnberger Betriebswirtschaftlerin Evi Hartmann den Käufer im Westen. Schätzungen besagen, dass für den Durchschnittskonsumenten in den reichen Ländern etwa 60 „Sklaven“ arbeiten müssen.

„Die meisten Konsumenten und Produzenten“, schreibt Brenner, „verhalten sich ökonomisch völlig konträr zu ihren ethischen Überzeugungen.“ Im Alltag würde man von Heuchelei sprechen. „Aufklärung und Übungen in Empathie könnten diese Lücke schließen und zu einem ethischen Verhalten helfen.“ Aber was tun? Keine T-Shirts mehr kaufen, die in Bangla Desh produziert wurden? Damit allein würden die Probleme dort auch nicht gelöst. Oder versuchen, auf Unternehmen auszuweichen, die – vielleicht – in Bangla Desh ethische Standards einhalten, also zu „fairen“ Bedingungen produzieren? Immer vorausgesetzt, dass wir uns auf das Urteil von „neutralen“ Beobachtern, die solche Bedingungen überwachen, wirklich verlassen können.

Offenbar sind wir, da wir unmöglich alle Faktoren selbst überblicken können, darauf angewiesen, anderen zu vertrauen. Doch selbst unter viel einfacheren Bedingungen ist Vertrauen eine Grundressource des ökonomischen „Spiels“. Der ehrliche Kaufmann verzichtet auf einen Gewinn, wenn der durch einen Betrug erkauft werden müsste. Der Käufer honoriert diese Ehrlichkeit, indem er seinem Geschäftspartner erhalten bleibt. Der kurzfristige Gewinnverzicht erweist sich längerfristig als lohnende Investition. Lässt der Verkäufer es jedoch an solcher Ehrlichkeit fehlen, kann der Käufer dieses Fehlverhalten sanktionieren, indem er zur Konkurrenz geht – vorausgesetzt, dass es eine Mehrzahl von Anbietern gibt, die sich nicht zu einem Kartell zusammengeschlossen haben.

Frankfurter Wertpapierbörse
Bild: Desert Eagle/Wikipedia 
 
Natürlich wissen wir, dass eine solche Konkurrenz, wie sie etwa der Leipziger Spieltheoretiker Andreas Suchanek rekonstruiert hat, nicht unbedingt realistisch ist. Brenner weist darauf hin, dass es in der Wirtschaftsgeschichte auch ganz andere Modelle gegeben hat und gibt, um Wirtschaft und Ethik zusammenzubringen.  So heißt es in der „Universellen Islamischen Deklaration“ von 1980: „Das islamische ökonomische System ruht auf sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit, Maßhalten und ausgewogenen Beziehungen“, „es verbietet jede Form von Ausbeutung.“ „Die islamische Wirtschaftsethik begegnet den die Gesellschaft gefährdenden Auswüchsen eines ungebremsten Individualismus mit einem weiten Verständnis von Gerechtigkeit“, kommentiert der Forscher. Da wüsste der Leser aber doch gern mehr. Wie viel von diesen hehren Worten mag wohl in die ökonomische Wirklichkeit islamischer Gesellschaften einfließen?

Noch ein Beispiel, etwa zweieinhalb Jahrtausende alt. Dem Text des Alten Testaments zufolge versuchten die alten Israeliten, ihre Wirtschaft durch das sogenannte „Sabbatjahr“ mit einem regelmäßigen Schuldenerlass ethisch zu regulieren. Damit wurde, schreibt Brenner, nicht nur für die Schuldner „eine andernfalls aussichtslose Situation beendet“, sondern auch „die Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Gesellschaft gewährt“. Leider stellt der Autor nicht die Frage, ob das wirklich so praktiziert wurde. Vorstellen kann man sich das eigentlich nicht: Sofern ein solcher Erlass vorauszusehen war, hätte diese Einrichtung bereits Jahre zuvor jede wirtschaftliche Entwicklung lahmlegen müssen, niemand hätte mehr Kredit gewährt.

Oder das Zinsverbot, das Jahrhunderte lang in allen drei monotheistischen Religionen gepredigt wurde und im Islam bis heute hochgehalten wird – allein die Techniken der Umgehung dieses Verbots würden ein Buch für sich füllen. Was Brenner völlig ausgeklammert hat: In christlichen Ländern wurde unter der Devise „Wirtschaftsethik“ Jahrhunderte lang Propaganda gegen die jüdische Minderheit betrieben. Shakespeares Wucherer Shylock im „Kaufmann von Venedig“ bietet bis heute den klassischen Fall einer Reflexion zum Thema.

Dagegen werden in Brenners Buch manche Fragen, die sich im real existierenden Kapitalismus von heute stellen, recht eingehend problematisiert. Zum Beispiel: „Wann ist ein Lohn gerecht?“ Ist es vertretbar, wenn Manager ein Vielfaches dessen verdienen, was etwa der Pförtner verdient, ohne dessen Arbeit das Unternehmen ja ebenfalls nicht auskäme? Brenner erinnert an eine Volksinitiative in der Schweiz, die in die Bundesverfassung hineinschreiben wollte, in einem Unternehmen dürfe das Verhältnis zwischen den niedrigsten und den höchsten Löhnen maximal 1:12 betragen. Die Initiative scheiterte bei einer Abstimmung im November 2013. Die Gegner hatten argumentiert, von einer solchen Regelung seien Wettbewerbsnachteile zu befürchten, im Ergebnis könnte vielleicht die Ungleichheit abgebaut werden, aber um den Preis, dass auch die Bezieher niedriger Einkommen am Ende womöglich weniger verdienen würden.

Lohndifferenzen, bilanziert Brenner, seien gerechtfertigt, „wenn die Spitzenlöhne sich positiv auf die Niedriglöhne auswirken“  - und im umgekehrten Fall nicht. Damit ist jedoch die Frage, ob und inwieweit ein politisches System die Individuen und Unternehmen, die in diesem System wirtschaften, zu ethischem Verhalten verpflichten sollte, noch nicht beantwortet. Die politische Philosophie seit der Aufklärung hat die Gefährdung des Individuums durch die Staatsmacht in den Mittelpunkt ihrer Reflexionen gestellt. Und zweifellos hat Brenner Recht, wenn er dazu mahnt, daneben eine andere Gefahr zu thematisieren: die Unterwerfung der Gesellschaft unter eine „totale Marktökonomie“.

Quentin Massys: Der Geldwechlser und
seine Frau, 1514 (Louvre, Paris)
Bild: Wikipedia
Mit großen Teilen der Volkswirtschaftslehre seit dem späten 19. Jahrhundert geht Brenner denn auch hart ins Gericht: Die sogenannte „Neoklassik“ habe zwar die „klassische“ Idee des aufgeklärten Selbst übernommen, es jedoch zum bloßen „Homo oeconomicus“ deformiert. Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften“, kritisiert Brenner, „versteht unter dem Menschen einen Homo oeconomicus, der immer und permanent an der Maximierung seines eigenen Vorteils interessiert ist und sein Leben allein unter dieser Perspektive entwirft.“ Aber schon rein empirisch betrachtet, meint Brenner, sind Menschen doch gar „nicht so“, jedenfalls nicht immer, schon gar nicht im sozialen „Nahbereich“ wie in der eigenen Familie. Und aus ethischer Sicht sei der Homo oeconomicus nun einmal „keine glückliche Option, um sein Leben zu verwirklichen“, er laufe auf eine „Verrohung“ unserer Sicht des Menschen hinaus.

Eine Attacke auf die „herrschende“ Volkswirtschaftslehre, die allerdings nur unter einer Bedingung trifft: wenn und insoweit beansprucht wird, mit diesem „Modell“ die ganze Wirklichkeit des Menschen zu beschreiben. Also wenn vergessen wird, dass Modelle ganz bestimmte Aspekte scharf zu fassen vermögen und andere gerade nicht. Nun ist klar, dass die Volkswirtschaftslehre wie andere Disziplinen auch unter der Versuchung steht, sich an die Stelle des universalen Zugriffs zu setzen, was man früher „Philosophie“ nannte, einschließlich der praktischen Philosophie, der Ethik. Zwingend ist eine solche Verwechslung jedoch keineswegs.  

„Der Mensch muss wieder zum Ziel des Handels und Wandels werden“, fordert Brenner programmatisch. „Eine Ökonomie mit menschlichem Antlitz, das wäre doch noch die Erfolgsstory, die den Menschen schon so lange versprochen wurde.“ Wer würde da widersprechen wollen … Aber wie könnte ein solches Wirtschaftssystem aussehen, wie wäre es politisch zu realisieren? Brenner weist darauf hin, dass die Frage, inwieweit der Staat die „Unsichtbare Hand“ des Marktes ergänzen und korrigieren solle, auch in der Geschichte des ökonomischen Liberalismus immer wieder umstritten war.

Für das Individuum, das in einem gegebenen System zu wirtschaften hat, stellt sich die Frage ohnehin anders als für den Politiker oder politischen Theoretiker, wenn er über Systemalternativen nachdenkt. Einer der Quellentexte, die Brenner seinen Studenten und Lesern zum Studium empfiehlt, befasst sich mit einem jungen Mann, der den Fortschritt zu einer ethisch gerechten Wirtschaft und Gesellschaft vorwegnehmen will, auch unter Opfern, die ihm vertretbar erscheinen: „Ein Leben als Preis für Tausende von Leben, die vor dem Verfall und vor der Fäulnis gerettet werden – ein Tod gegen hundert Leben – das ist doch Arithmetik! Und was bedeutete überhaupt auf der allgemeinen Waage das Leben dieser schwindsüchtigen, beschränkten und bösen alten Frau? Kaum mehr als das Leben einer Laus, einer Küchenschabe, ja, nicht einmal so viel, weil diese alte Frau Schaden anrichtet. Sie zehrt anderen am Leben.“ Fjodor Dostojewski, Verbrechen und Strafe.
 

Neu auf dem Büchermarkt:
Andreas Brenner: WirtschaftsEthik. Das Lehr- und Lesebuch, Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 426 S., ISBN 978-3-8260-6508-8, 29,80 €


Mehr im Internet:
Wirtschaftsethik - Wikipedia 
Andreas Brenner: WirtschaftsEthik, Königshausen & Neumann 
scienzz artikel Ethik 


 

 

 

 

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