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16.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Das alte Rom aus dem neuen herausklauben"

Herrliche Vergangenheit, klaegliche Gegenwart - das deutsche Bild von Italien und den Italienern

von Josef Tutsch

 
 

J. H. W. Tischbein: Goethe in der
Campagna (Ausschnitt), 1787
(Städelsches Kunstinstitut, Frank-
furt a. M.) - Bild: Wikipedia

„Noch stäuben die Wege, noch ist der Fremde geprellt, stell‘ er sich auch, wie er will. Deutsche Rechtlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens.“ Es waren recht unfreundliche Worte, die Goethe bei seiner zweiten Italienreise 1790 über Land und Leute fand. Wenige Jahre zuvor, bei seiner ersten Reise, war er noch begeistert gewesen. Kunst und Geschichte faszinierten ihn, auch der italienischen Lebensart konnte er manches abgewinnen. Doch beim Versuch einer Wiederholung gelang es ihm nicht mehr, die unerwünschten Seiten der Alltagsrealität auszublenden. „Übrigens muss ich im Vertrauen gestehen, dass meiner Liebe zu Italien durch diese Reise ein tödlicher Stoß versetzt wird“, schrieb er nach Weimar.

Nun, ganz so „tödlich“ vielleicht doch nicht. Im Rückblick gestand Goethe später einmal, nach seinem Abschied von Rom 1788 habe er in seinem Leben keinen einzigen glücklichen Tag mehr gehabt. Aber mancherlei schmähende Ausfälle gegen Italien und die Italiener finden sich eben auch bei jenen, die ansonsten als Lobredner des Landes, „wo die Zitronen blühn“, in die Kulturgeschichte eingegangen sind. „Kriminell, korrupt, katholisch“, hat der Medizin- und Kunsthistoriker Klaus Bergdolt sein neues Buch betitelt, mit einem Fragezeichen dahinter: Es geht um die „Italiener im deutschen Vorurteil“.

Dass dieses Thema nicht bloß von akademischem Interesse ist, haben die Diskussionen über die Eurokrise in den letzten Jahren gezeigt. Hinter den unterschiedlichen Rezepten zur Wirtschaftspolitik, die zwischen Rom und Berlin aufeinander prallen, stehen auch unterschiedliche Auffassungen von dem, was ein Leben lebenswert macht – unterschiedliche Kulturen, wenn man so will. 2016 forderte der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi, dem „Europa der Regeln“ ein „Europa der Ideale, des Sozialen und der Schönheit“ entgegenzusetzen. Umgekehrt wird in Leitartikeln und sozialen Medien nördlich der Alpen dann gern die deutsche „Arbeitsmoral“ hochgehalten.

Differenzen, die sich im Laufe einer Jahrhunderte langen Geschichte herausgebildet haben. Erste Anfänge des deutschen „Antiitalianismus“ hat Bergdolt bereits in den Kreuzzügen des hohen Mittelalters ausgemacht. Die Ritter aus den Ländern nördlich der Alpen, die in Italien Überfahrt ins Heilige Land begehrten, mussten feststellen, dass die Bewohner der Seestädte dort an den Kreuzzügen nicht nur ein religiöses, sondern auch ein kommerzielles Interesse hatten. Als im späten Mittelalter immer mehr Pilger aus Deutschland nach Rom zogen, häuften sich natürlich auch die Erlebnisse mit nicht ganz seriösen Herbergen und Fremdenführern. Alltagserfahrungen vermischten sich mit religiösen Reflexionen: Bereits lange vor Martin Luthers Thesenanschlag war man in Deutschland überzeugt, die päpstliche Kurie presse mit ihren Ablässen das Geld aus Deutschland heraus, nicht nur aus den deutschen Pilgern.

Bei den Gebildeten wurde diese Haltung durch die Lektüre von Tacitus‘ „Germania“ bestärkt. Wenn schon der römische Geschichtsschreiber den alten Germanen im Vergleich mit seinen eigenen Landsleuten eine hohe Sittlichkeit bescheinigt hatte – galt diese Aussage nicht erst recht im Verhältnis von Italienern und Deutschen der Gegenwart? Die Unterscheidung zwischen dem verehrten Rom der Antike und dem eher abschätzig betrachteten Italien der Gegenwart, die so viele deutsche Schriftsteller später in der Nachfolge Goethes praktizierten, sie findet sich bereits Jahrhunderte zuvor. 1585 ließ der schwäbische Dichter Nicodemus Frischlin in seinem Drama „Iulius redivivus“ Caesar und Cicero auftreten. Als Repräsentanten des klassischen Altertums durften sie die kulturelle Blüte Deutschlands im Zeitalter der Reformation bestaunen, Italien dagegen wurde der Lächerlichkeit preisgegeben.

Für viele Deutsche war die Frontstellung gegen das katholische Italien ein ganz selbstverständlicher Ausfluss ihres eigenen protestantischen Glaubens. Eine Haltung, die sich mit der Aufklärung keineswegs milderte, sondern eher noch verstärkte. „Hinter eh‘rnem Wahn verschanzt, herrscht hier allein der Pfaff‘“, reimte 1835 der Dichter August von Platen in Palermo, „das Seil, worauf so frech er tanzt, er hält‘s beständig straff.“ „Ist so etwas im Europa des 19. Jahrhunderts immer noch möglich?“, fragte 1859 der Biologe Ernst Haeckel, als er einer religiösen Zeremonie in Neapel beiwohnte. „Es galt als moralische Verpflichtung, Aberglauben und Klerikalismus auch im südeuropäischen Ausland auszurotten“, resümiert Bergdolt.

Canaletto: Canal Grande mit Fondaco dei
Tedeschi (links), um 1750 (Rijks-Museum,
Amsterdam) - Bild: Wikipedia 


Anwürfe, die wir in ihrer Schärfe heute nur noch schwer nachvollziehen können; das Interesse für religiöse Differenzen ist in der modernen Welt sehr zurückgegangen. Aber vielleicht ist es ja nicht ganz abwegig, wenn wir die Schwierigkeiten heute zwischen westlicher Aufklärung einerseits, islamischen Traditionen andererseits daneben stellen. Islamkritiker heute können sich manchmal auf kritische Ansätze im Islam selbst berufen. Ähnlich stützte sich in der Vergangenheit, berichtet Bergdolt, die Italien- und Katholizismuskritik aus dem protestantischen Deutschland  oft auf italienische und katholische Selbstkritik. Zum Beispiel auf die polemische Schrift des Florentiner Historikers Francesco Guicciardini über „Ehrgeiz, Habsucht und Ausschweifung der Priester“, 1529.

So auch in weltlichen Belangen. 1881 ergab eine Volkszählung, dass mehr als zwei Drittel der Italiener Analphabeten waren 1861 berichtete Giuseppe Massari, der eine Untersuchungskommission zur sozialen Lage im ehemaligen Königreich beider Sizilien leitete, in Süditalien werde der Diebstahl unter den Ärmeren nicht etwa verachtet, sondern als „einfaches und legitimes Mittel des Auskommens und Verdienstes“ angesehen. 1884 notierte die italienische Schriftstellerin Matilda Serao, Neapel sei „so dreckig, dass es schon ekelhaft ist, ohne dass je ein Straßenfeger dort Ordnung schafft“.

Solche Aussagen, betont Bergdolt, waren also keineswegs eine deutsche „Erfindung“, „doch wurden sie in Nordeuropa begeistert ausgeschmückt“. Und zwar nicht nur in Deutschland: Im 18. Jahrhundert entstand in England die Gattung des Schauerromans, die katholischen Länder Italien und Spanien waren seine bevorzugten Schauplätze. Gerade in Deutschland jedoch wurden solche Feststellungen gern zu einem ideologischen Klischee verfestigt, zur Negativfolie eigener Aufgeklärtheit. In seiner Novelle „Tonio Kröger“, 1903, griff Thomas Mann das Klischee ironisch auf. Ich mag, sagt der Held der Erzählung, den schon sein Name als Mischgeschöpf aus nördlichen und südlichen Elementen kennzeichnet, „diese fürchterlich lebhaften Menschen dort unten mit dem schwarzen Tierblick nicht leiden. Die Romanen haben kein Gewissen in den Augen.“ 

Kaum ein Reisebericht des 19. Jahrhunderts kam ohne die Bemerkung aus, „dort unten“ trage fast jeder ein Messer mit sich, die Kriminalität sei allgegenwärtig. Als Gustav Seume 1802 von seinem „Spaziergang nach Syrakus“ zurückkehrte, führte er den glücklichen Umstand, dass er überhaupt noch lebte, vor allem auf die ärmliche Erscheinung zurück, die er sich zugelegt hatte.  Noch mehr als über die Kriminalität erregten sich manche Reisenden aus dem Norden jedoch über die angebliche sexuelle Libertinage in Italien, die dann auch gleich als Prostitution verbucht wurde. Manche, wie zum Beispiel Goethe, ließen sich von der „leichteren“ Lebensart aber nur allzu gern verführen. Zwar fragte der Theologe Wilhelm Waiblinger in den 1820er Jahren polemisch, was der Unterschied sei zwischen einem Römer und einem Deutschen. Seine Antwort: „Jener schafft nicht und lebt“, „dieser lebt nicht und schafft.“ Die Wertschätzung des „Schaffens“ hinderte ihn jedoch nicht daran, doch lieber in Italien zu leben als im Norden. „Der warme Himmel bringt die Nacktheit wieder zu Ehren, und die herrlichsten Studien der Nacktheit lassen sich hier auf der Straße machen“, begeisterte sich der Historiker Ferdinand Gregorovius.

In der Regel galt jedoch der Grundsatz, dass die Faszination durch Italien sich bloß auf eine herrliche Vergangenheit bezog. „Es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben“, bekannte schon Goethe 1788, „aber man muss es denn doch tun und zuletzt auf eine unschätzbare Befriedigung hoffen.“ Das neue Italien galt als kläglich und minderwertig – im Vergleich nicht nur mit dem antiken Rom, sondern auch mit dem modernen Mittel- und Nordeuropa.  Oder hat man vielmehr zu unterstellen, dass die Intellektuellen aus dem Norden Europas sich ihre geheime Liebe zur italienischen Lebensart, fernab der vielbeschworenen „protestantischen Arbeitsethik“, bloß nicht eingestehen wollten? Für die Haltung vieler, sehr vieler deutscher Italienreisenden im 19. Jahrhundert wird wohl der Philosoph Friedrich Theodor Vischer repräsentativ sein, der immer wieder mal über den „Pöbel“ dort schimpfte, zugleich jedoch sehnsüchtig wünschte, seine Freude an Italien möge mit seinem „nordischen und skeptischen“ Wesen Frieden schließen.

Angesichts der (wirklichen oder bloß wahrgenommenen) Zurückgebliebenheit Italiens nahmen viele der Schriftsteller, berichtet Bergdolt, um Erklärung bemüht, zu einer Klimatheorie ihre Zuflucht. Immer und immer wieder wurde der Norden mit Arbeitseifer und Erfindungskraft, der Süden mit Genussfreude assoziiert. Oder, bei diesem Thema ist wertenden Kategorien schwer auszuweichen, der Süden mit Wolllust und lockerer Moral, der Norden mit Gewissen und Verantwortung. Bei dem Kulturhistoriker Victor Hehn, der 1884 ein alles in allem sehr einfühlsames Buch über die Italiener schrieb, hat Bergdolt irritierende Sätze gefunden: „Die tiefen Bande, in denen der Neger liegt, strebt die Natur auch dem süditalienischen Menschen überzuwerfen.“ „Der Neger ist ein Kind, ein ganz sinnliches Wesen. In Neapel wohnt ein Menschenschlag, der gleichfalls mit der höchsten Macht sinnlichen Daseins begabt ist.“

Fernsehserie "Rinaldo Rinaldini", 1968, 
nach dem Roman von C. A. Vulpius
Bild: Wikipedia 


Seit Historiker sich angewöhnt haben, strenger zwischen Biologie und Kultur zu unterscheiden, ist ein anderes Erklärungsmuster populär geworden: Das der Statistik zufolge höhere Arbeitspensum in den Ländern nördlich der Alpen könnte mit der Wertschätzung von Arbeit und Beruf in der Theologie der Reformatoren zusammenhängen. Der Italiener „sucht das Gegenwärtige zu genießen und ist um die Zukunft unbesorgt“, meinte schon der Goethe-Zeitgenosse Johann Jakob Volkmann, der beobachtet hatte, Italiener würden „für ihre Kinder und sich selbst“ selten sparen. Hehn wies darauf hin, neben einer „unfreiwilligen Arbeitslosigkeit“ begünstige auch die Religion den „Müßiggang“, die Orientierung auf den „Himmel“ lasse irdischen Wohlstand gering achten. Das spiegelbildliche Urteil über „die Deutschen“ formulierte bereits im 15. Jahrhundert Enea Silvio Piccolimi, der spätere Papst Pius II.: „Soviel ich beurteilen kann, sind die Deutschen glänzende Mathematiker.“ Glänzende Ingenieure, hieß es einige Jahrhunderte später. Bergdolt über die wirtschaftspolitische Debatte von heute: „Vielen Italienern gilt die ‚ungebremste Rationalität‘ mancher Berliner Politiker als Beweis ihrer Unfähigkeit zur Empathie.“

Umgekehrt natürlich vielen Deutschen die Neigung italienischer Politiker, bei den Staatsausgaben ein bisschen leger zu verfahren, als Beleg mangelnder politischer Ernsthaftigkeit. Ob es sinnvoll sein kann, die „Werte“ und die „Regeln“, um Renzi zu zitieren, derart gegeneinander in Stellung zu bringen, ist aber doch sehr die Frage. Bei aller Verärgerung über physischen oder moralischen „Schmutz“ - das beherrschende Motiv im deutschen Italienbild seit dem Mittelalter war am Ende doch die Sehnsucht und nicht das Vorurteil. Als in den 1950er Jahren Teile der deutschen Bevölkerung wieder zu Wohlstand kamen, gehörte eine Reise nach Italien mit zu dem, was man sich als erstes „leistete“. Schwer zu sagen, inwieweit das Miteinander und Gegeneinander von Italienbegeisterung und Italienschelte, das Bergdolt bei den deutschen Intellektuellen der letzten Jahrhunderte analysiert, im Massentourismus fortgewirkt hat. Bergdolt verweist noch auf einen anderen Punkt, der bis heute zwischen beiden Völkern steht. Bei manchen Deutschen ist Italiens Seitenwechsel im Zweiten Weltkrieg nach wie vor Gegenstand bösartiger Witze. Vielen Italienern gilt die „resistenza“ dagegen als „Höhepunkt ihrer jüngeren Vergangenheit“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Klaus Bergdolt: Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2018, 243 S., ISBN 978-3-515-12123-1, 32,00 €


Mehr im Internet:
Italien - Wikipedia 
Klaus Bergdolt: Kriminell, korrupt, katholisch?,
Franz Steiner Verlag
scienzz artikel Südeuropa

 

 

 

 

 

 

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