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28.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

Ewiger Winter in dicksten Pelzen - und der liberale Traum

Europas Antworten auf die "Kleine Eiszeit"

von Josef Tutsch

 
 

Hendrick Avercamp: Eisvergnü-
gen, um 1620/30 (Ausschnitt)
Bild: Wikipedia

Große Kulturen, schrieb Mitte des vorigen Jahrhunderts der britische Historiker Arnold Toynbee in seiner monumentalen Studie über den „Gang der Weltgeschichte“, entstehen, indem Gesellschaften durch ihre Umwelt vor große Herausforderungen gestellt werden und schöpferische Lösungen entwickeln. Zum Beispiel das alte Ägypten: Die alljährlich wiederkehrende Nilschwemme wurde in einer ungeheuren technischen und organisatorischen Kraftanstrengung beherrschbar gemacht und mit Erfolg für die Fruchtbarmachung des Landes genutzt. In anderen Fällen, meinte Toynbee, sei die Herausforderung so übermächtig gewesen, dass die antwortende Kultur in ihrer Entwicklung  sozusagen steckenblieb und nicht zu voller Blüte gelangte, so etwa bei den Grönländern in den Eiswüsten der Arktis oder den Polynesiern in den Weiten des Pazifiks.

Die Weltgeschichte als ein Spiel von „challenges“ und „responses“, manchmal erfolgreich, oft auch weniger erfolgreich. Es war das letzte Mal, dass ein Historiker es wagte, die Mannigfaltigkeit des historischen Geschehens auf einen Begriff bringen zu wollen. In den folgenden Jahrzehnten wurde es um Toynbees geschichtsphilosophischen Entwurf ein wenig still – vielleicht erstaunlich, wo die Ökologie doch gerade in diesen Jahrzehnten zum beherrschenden Thema der politischen Debatte aufstieg. In dem Buch des österreichischen Historikers Philipp Blom über die Entstehung unserer modernen Welt kommt der Name Toynbee nicht vor. Aber unverkennbar greift Blom auf das Denkschema von challenge und response zurück: War der Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert, der die gesamte Welt so nachhaltig verwandelt hat, vielleicht eine Antwort auf jene Herausforderung, die Klimahistoriker heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnen?

„Gott zeigt uns seinen Zorn, indem er uns ewigen Winter schickt“, klagte im Mai 1590 ein Graf Martinengo in Brescia: Er müsse zu Hause „in dicksten Pelzen“ sitzen. Es gab Winter, in denen die Lagune von Venedig und der Bodensee zugefroren waren. Dass König Heinrich IV. von Frankreich eines Morgens mit einem vereisten Bart aufwachte, mag Anekdote sein, ebenso die Behauptung der Liselotte von der Pfalz ein Jahrhundert später, am Hofe zu Versailles sei der Wein in den Gläsern gefroren. Aber dass die Winter kälter wurden, lässt sich statistisch nachweisen. Zwischen 1400 und 1550, berichtet Blom, war die Themse in fünf Jahren zugefroren, im gleich langen Zeitraum von 1550 bis 1700 in zwölf.

Für die Sommerhalbjahre fällt das Bild komplexer aus. Neben kühlen und regenreichen Sommern finden sich andere, in denen es extrem heiß war, zum Beispiel 1666. Im September dieses Jahres kam es zum „Großen Brand von London“. War die Katastrophe eine Folge der „Kleinen Eiszeit“ oder –  vielmehr eines  scheinbar gegenläufigen Aspektes hiervon, nämlich dass das Wetter im Sommer sehr heiß werden konnte? Solche eindimensionalen Kausalitäten wären wohl zu schlicht, aber sicherlich hat die Hitze in diesem Sommer den Brand begünstigt.

Noch ein Beispiel für ein Ereignis, das in dieses Gesamtbild passt. Im August 1588 kam es in der Nordsee besonders früh im Herbst zu besonders heftigen arktischen Stürmen. Die Flotte, die König Philipp II. von Spanien zu einer Invasion in England ausgesandt hatte, wurde schwer getroffen. „Flavit Deus et dissipati sunt“, ließ Königin Elisabeth auf Münzen prägen, „Gott blies, und sie wurden zerstreut“. In der Rückschau liegt es zweifellos nahe, das Scheitern der Armada, das den Aufstieg Englands zur Weltmacht einleitete, als Anzeichen der beginnenden Kleinen Eiszeit zu sehen. Allerdings – extreme Wetterlagen hat es auch sonst immer wieder gegeben, erst ihre Häufung erlaubt es, von ganzen „Eiszeiten“ zu sprechen.

Und da finden sich tatsächlich Entwicklungen, bei denen der Zusammenhang zwischen Klima und Geschichte eindeutig scheint. 1612 klagte der Dichter John Webster, in Südengland seien die Weinbauern in größte Schwierigkeiten geraten, bald kam der gesamte Weinanbau jenseits des Kanals zum Erliegen. In anderen Fällen muss ein Zusammenhang spekulativ bleiben. In Cremona wurden im 17. und frühen 18. Jahrhundert Streichinstrumente gebaut, deren Klang bis heute unerreicht geblieben ist. Blom führt Forschungen an, die darauf hindeuten, das Geheimnis könnte in den besonderen Wachstumsbedingungen der Fichten im Alpenraum damals liegen: Das kühle Klima hätte ein besonders engporiges Holz hervorgebracht.

Rasphuis in Amsterdam, aus: Melchior
Fokkens, Beschrijvinge der wijdt-
vermaarde Koop-stadt Amstelredam,
1622 - Bild: Wikipedia 


Unnötig zu sagen, dass Violinen für das Wohlergehen der Bevölkerung weniger wichtig waren als Getreide. Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts verteuerten immer wieder schlechte Ernten das Brot, es folgten Hungersnöte, manchmal auch soziale Unruhen und Aufstände. Die Klimaveränderung brachte es mit sich, dass vor allem Italien seine Bevölkerung nicht mehr von sich aus ernähren konnte, aus den Ländern nördlich der Alpen musste importiert werden. Diese Umschichtung wird mit dazu beigetragen haben, dass Italien, wie Blom es ein bisschen salopp ausdrückt, im 17. Jahrhundert „in einen historischen Winterschlaf“ versank.

Die naturwissenschaftliche Frage, wie es überhaupt zu Warm- und Kaltzeiten auf der Erde kommt, muss der Historiker beiseite lassen, verweist nur auf die bis heute anhaltende Diskussion über einen Zusammenhang mit der Häufigkeit von Sonnenflecken. Und auf die Spekulationen, die seit der Antike über einen Einfluss des Klimas auf Kultur und Geschichte angestellt wurden. Hegel argumentierte in seiner Geschichtsphilosophie, nur die gemäßigten Zonen könnten einen Schauplatz für die Weltgeschichte bieten, ein Übermaß an Kälte wie an Hitze würde dem Geist nicht erlauben, „für sich eine Welt zu erbauen“.

„Was verändert sich in einer Gesellschaft, wenn sich ihr Klima ändert?“, fragt Blom. Oder, weniger grundsätzlich gefragt und auf die frühe Neuzeit bezogen: Was hat sich mit der „Kleinen Eiszeit“ damals verändert? War die Umstülpung der europäischen Gesellschaft, die im späten 18. Jahrhundert in die industrielle Revolution in England und die politische in Frankreich mündete, womöglich eine späte Wirkung dieses Klimawandels? Die Veränderungen wurden zunächst weniger in der Realgeschichte als  Philosophie und Wissenschaften deutlich. Im späten 16., frühen 17. Jahrhundert war sich die europäische Geisteswelt noch weitgehend einig: Die harten Winter seien als Ausfluss göttlichen Zorns zu deuten. So etwa der Königsberger Dichter Simon Dach: „Gerechter Gott, wo will es hin mit diesen kalten Zeiten? Was Strafe hast Du doch im Sinn mit uns verkehrten Leuten?“

„Wenn in meinem Dorf die Weinstöcke erfrieren, sieht mein Pfaffe darin einen Beweis für den Zorn Gottes auf die Menschheit insgesamt“, bemerkte im späten 16. Jahrhundert der Schriftsteller Michel de Montaigne, der selbst skeptisch war, „und er folgert, dass die Kannibalen jenseits des Ozeans bestimmt schon den Pips in der Kehle haben.“ Wer sich nicht mit einer derart pauschalen Aussage begnügen wollte, griff zur Astrologie. Oder zu magischen Erklärungen: Die Kleine Eiszeit war zunächst einmal die große Zeit der Hexenverfolgungen in Europa. Hexen standen im Ruf, die Ernte zu schädigen.

Wenige Generationen später hatte sich nicht nur das physische, sondern auch das intellektuelle „Klima“ geändert. 1682 wagte es der Schriftsteller Pierre Bayle, den Glauben an Kometen als „Wunderzeichen“ und Träger göttlicher Botschaften für einen „irrigen Wahn“ zu erklären. Als gesellschaftsfähig galt eine solche Meinung freilich noch lange nicht, Bayle wurde von katholischen wie von protestantischen Lesern der Gotteslästerung geziehen. Er selbst sah in seiner Arbeit auch keineswegs einen Schritt zum Unglauben oder zum Atheismus, sondern eine konsequente Fortführung der Reformation: „Ich bin ein guter Protestant im vollen Sinn des Wortes, denn im Grunde meiner Seele protestiere ich gegen alles, was man so sagt und was so protestiert.“

Mehr und mehr kamen die Intellektuellen davon ab, Welt und Geschichte nach philosophischen oder theologischen Denkmustern zu erklären. Die Verantwortlichkeit wurde von Gott und den Sternen, vom Teufel und den Hexen auf die ganz gewöhnlichen Menschen verlagert, mit Folgen, die wir heute durchaus makaber finden. Blom verweist auf das „Rasphuis“, das 1596 für arbeitsunwillige junge Männer eingerichtet wurde. Angeblich war im Keller für besonders Renitente eine Zelle eingerichtet, die langsam mit Wasser volllief. Die Gefangenen saßen an einer Pumpe. Wer nicht eifrig pumpte, drohte zu ertrinken.

Unter den vielen Teilantworten, mit denen sich Europa angesichts der Herausforderung durch die Kleine Eiszeit versuchte, war auch die Kolonisierung anderer Kontinente – und der Wiedereinstieg in den Sklavenhandel, nachdem die Sklaverei in Europa selbst längst ausgestorben war. Ein Punkt, an dem die klare Zuordnung zwischen Klima und Geschichte jedoch wiederum ihre Grenzen findet: Die Anfänge des europäischen Kolonialismus liegen im 15. Jahrhundert, also noch in der mittelalterlichen „Warmzeit“. Seine Blüte erreichte er dann aber tatsächlich in der Kleinen Eiszeit.

Für einen Großteil der Weltbevölkerung, bilanziert Blom, hat die „Präsenz des Westens“ zwar die „Rhetorik der Menschenrechte“ mit sich gebracht, manchmal auch deren Realisierung, aber ebenso oft „Unterdrückung und Versklavung“. Auch in Europa selbst verschärften sich die Unterschiede. Am frühesten und entschiedensten – auch am  erfolgreichsten – verfuhren in ihrer Antwort auf die Kleine Eiszeit England und die Niederlande. „Frankreich arrangierte sich nur halbherzig mit dem Klimawandel“, schreibt Blom, Italien zunächst einmal beinahe gar nicht. Die Entwicklung in Deutschland hat der Autor, warum auch immer, an dieser Stelle ausgeklammert.

Pierre Bayle, Portrait von Louis
Ferdinand Elle l. j., um 1675 
Bild: Wikipedia 


Hält man unsere Gegenwart neben diese Kleine Eiszeit, springen zunächst einmal die Unterschiede ins Auge. Damals war das  Hauptproblem im Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt der Einbruch der landwirtschaftlichen Erträge; heute sind es erstens die absehbare Erschöpfung vieler Ressourcen und zweitens das Phänomen, dass die Menschheit – erstmals in ihrer Geschichte – durch ihre wirtschaftlichen Aktivitäten das Klima des Planeten verändert. Ein Vergleich mit Mittelalter und Früher Neuzeit legt zwar den Gedanke nahe, dass sich der Planet zur Zeit auch aus bloß natürlichen, nicht vom Menschen verursachten Gründen hin zu einer neuen Warmzeit bewegen könnte. Blickt man auf die Temperaturkurve in Europa im letzten Jahrtausend, stellt Blom fest, ergibt sich, dass wir heute in einem mittleren Klima leben: etwa zwei Grad Celsius wärmer als in der Kleinen Eiszeit, andererseits jedoch zwei bis drei Grad kälter als in der mittelalterlichen Warmperiode.

Aber das Tempo der Entwicklung lässt doch wohl nur den Schluss zu, dass die Wirkungen der Industrie daran den bei weitem größeren Anteil haben. Dabei war die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts sozusagen die ultimative Antwort, die Europa – oder zunächst England – auf die Kleine Eiszeit fand. Jedenfalls ein Teil dieser Antwort, ein anderer war der Traum von einer freiheitlichen, wahrhaft menschlichen Gesellschaft, den die Philosophen der Aufklärung formulierten. Blom reflektiert in seinem Schlusskapitel über die Ambivalenzen in dieser Entstehung unserer modernen Welt: „Nur Gesellschaften die wirtschaftlich prosperierten und politisch stabil waren, konnten die Ideale des liberalen Traums durch Institutionen stützen, seine Rechte und Freiheit einklagbar machen.“

Prosperität und Stabilität, die zunächst unter den schwierigen Bedingungen der „Kleinen Eiszeit“ erreicht wurden. Welche Kompromisse und Heucheleien sich dabei ergaben, demonstriert Blom am Beispiel von John Locke und Voltaire, zwei Philosophen, die in ihren Schriften mit viel Verve die Freiheit und Gleichheit aller Menschen vertraten: Beide verdienten über Kapitalanlagen am Sklavenhandel. Die einzig mögliche oder historisch zwangsläufige Antwort auf die Frage, wie Gesellschaft zu organisieren sind, bildet der liberale Traum ohnehin nicht, wie uns ein Blick auf China oder die islamischen Länder belehrt. Ob dieser Traum die Herausforderung des aktuellen Klimawandels bestehen kann und dann vielleicht kein bloß vorübergehendes Phänomen der Weltgeschichte bleibt, ein Sonderweg der europäischen Neuzeit, sozusagen, sondern universalhistorische Bedeutung gewinnt, ist vorläufig eine offene Frage.


Neu auf dem Büchermarkt:

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart, dtv, München 2018, 300 S. mit Abb., ISBN 978-3-423-34940-6, 14,90 €



Mehr im Internet:

Kleine Eiszeit - Wikipedia 
Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln, dtv 
scienzz artikel Frühe Neuzeit 

 

 

 

 

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