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04.02.2019 - PHILOSOPHIE

"Wir zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht"

Ueber das "Subjekt der Politik"

von Josef Tutsch

 
 

Eugène Delacroix: Die Freiheit führt
das Volk (Ausschnitt), 1830 (Louvre
Paris) - Bild: Wikipedia

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“, soll auf dem „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ stehen, das für den Platz vor dem Berliner Schloss geplant ist. Der erste dieser beiden Sätze griff 1989 eine alte Parole revolutionärer Bewegungen auf - „Wir“ als die große Mehrheit des Volkes gegen despotisch herrschende kleine Gruppen. Der zweite proklamierte in den Monaten danach eine Einheit von zwei Bevölkerungen, die damals staatlich getrennt waren, in einer einzigen Nation – „Deutschland einig Vaterland“, wie es in der Nationalhymne der DDR hieß, die aus ebendiesem Grund seit Jahrzehnten nur noch ohne Text gespielt werden durfte.

Was ist das eigentlich, dieses „Wir“?, fragt der Philosoph Tristan Garcia von der Universität Lyon in seinem neuen Essay „Nous“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Seit sich „rechtspopulistische“ Protestbewegungen den Spruch „Wir sind das Volk“ angeeignet haben, sind wir mit pauschalen Aussagen über „Wir“ oder das „Volk“ etwas vorsichtig geworden. Dass es 2016 in Jena eine satirische Gegendemonstration gegen den Rechtspopulismus unter der Parole „Wirr ist das Volk“ gab, war Garcia sicherlich nicht bekannt, als er seinen  Text verfasste. Aber tatsächlich geht es bei Garcia um die klassische Aufgabe philosophischen Denkens: die Wirrnis in unseren Köpfen zu entwirren.

„‘Wir‘ ist das Subjekt der Politik“, beginnt Garcia seinen Essay. Immer geht es darum, dass sich ein Individuum mit manchen Anderen enger zusammengehörig fühlt, als mit Dritten. „Wir“ zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht, stellt Garcia lapidar fest. „Wir“, die Franzosen, zum Beispiel, im Unterschied zu den Deutschen. Oder umgekehrt. Eine solche Grenze muss keineswegs feindselig gemeint sein. Aber sie bedeutet, dass eine eigene Sphäre von einer anderen unterschieden wird: mehr als „Ich“, aber in der Regel weniger als „alle“. In der Regel …  Auch die gesamte Menschheit lässt sich als „Wir“ auffassen. Es wäre, so Garcia, „das einzige Wir, das keine Entsprechung hat“, zu dem es keine „anderen“ gibt.  „Wer ist mein Nächster?“, wird Jesus im Neuen Testament gefragt. Darauf folgt im Text das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: „Nächster“ kann ein jeder sein, auch der scheinbar Fremdeste und Fernste.

Der Kreis um das Individuum lässt sich enger oder weiter fassen, etwa als die eigene Familie oder die Bewohner einer Gemeinde oder Region. Oder – in den letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir intensiv erlebt, wie schwierig eine solche „Wir“-Bildung sein kann – als „die Europäer“. Jeder dieser konzentrischen Kreise bringt Verpflichtungen mit sich, das kann in der Interaktion mit gleichartigen Kreisen zu tödlichen Konflikten führen – der Kampf zwischen den Capulets und den Montagues in Shakespeares „Romeo und Julia“. „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da“, sagt Antigone in der Tragödie des Sophokles. „Mitzulieben“, aber mit wem? Mit den Angehörigen der eigenen Familie, den Bürgern des eigenen Stadtstaates? Oder darüber hinaus? Gehörten für die Bürger Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. auch die Bürger anderer, feindlicher griechischer Stadtstaaten zu ihrem „Wir“? Oder gar die „Barbaren“, Menschen außerhalb der griechischen Kultur? Oder die eigenen Sklaven?

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten“, beginnt die Verfassung der USA, „von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen ...“. Voraussetzung war, dass dieses „Wir“, dieses Volk, sich im Aufstand gegen die britische Krone konstituiert hatte. Als Vorbild hatten die Verfassungsväter den Bund des auserwählten Volkes Israel mit seinem Gott Jahwe vor Augen. Aber ein hehres und frommes Geschäft ist die Politik nun einmal nicht, das „Wir“ kann auch dazu dienen, die Bevölkerung gegen einen gemeinsamen Feind zu mobilisieren. „In den Unterhaltungen sprach Madame Verdurin immer nur per ‚wir‘, wenn sie Frankreich meinte“, zitiert Garcia aus Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ - ein einziger knapper Satz, in dem Proust den Aufschwung des Chauvinismus im Ersten Weltkrieg illustrierte.

Natürlich sind Völker und Nationen oder Regionen nicht die einzig möglichen Einteilungen, es gibt andere Einteilungen, die dazu „quer“ verlaufen. Das Individuum befindet sich auf der  Schnittstelle vieler „Kreise“, die miteinander gerade nicht konzentrisch sind. „Wir“ - das können auch Schwarze sein, im Unterschied zu Weißen, Frauen im Unterschied zu Männern, Proletarier im Unterschied zu Kapitalisten, Muslime im Unterschied zu Christen oder Ungläubigen. Auch Fußballfans und Briefmarkensammler können „Wir“ sagen und in der pluralistischen Gesellschaft als „Wir“ handeln. Und nicht zu vergessen: Anhänger aller politischen Richtungen.

Rembrandt: Der barmhezige Sama-
riter, nach 1633 (Wallace Collection,
London) - Bild: Wikipedia 


Usw. usf., es gibt „Wir“-Kategorien, die uns von Geburt an vorgegeben und unveränderlich sind, andere, die uns durch Familie und Erziehung nahegelegt wurden, sich aber ändern lassen, wenigstens im Prinzip. Wieder andere, die wir frei gewählt haben. Oder solche, zu denen wir uns bekennen, weil wir glauben, zu besserer Erkenntnis gelangt zu sein. Garcia führt den Galaterbrief des Paulus an: „Es gibt nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Männer noch Frauen, nicht mehr Sklaven noch Freie, sondern alle sind einer in Christus.“ Die alten „Wir“-Einteilungen wurden durch eine neue, wichtigere Einteilung überdeckt: die Bekehrten im Unterschied zu den Nicht-Bekehrten.

Heute ist es uns selbstverständlich, dass jedes Individuum vielen solcher „Wir“-Kreise angehört, aber in keinem dieser Kreise ganz aufgeht. Nation, Hautfarbe, Geschlecht, Glaube, soziale oder ökonomische Stellung usw. begründen Zugehörigkeiten und „Wir“-Gefühle, die einander im Weg stehen können. Dann müssen wir Prioritäten setzen. Als 1913 die englische Suffragette Emmeline Pankhurst proklamierte „Wir gehören zu allen Klassen, wir dringen in alle Klassen der Gesellschaft ein“, da stieß sie neben vielen anderen auch die Wortführer der Arbeiterbewegung vor den Kopf. Die „universelle weibliche Identität“ transzendierte die Zuordnung nicht nur zu Nationen, sondern auch zu Klassen.

Dabei hatte Karl Marx erst zwei Generationen zuvor mit dem „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ die Scheidung von Lohnarbeit und Kapital zum Hauptwiderspruch erklärt und sonstige Konfliktlinien zu Nebenwidersprüchen. In Stalins Rede vom Mai 1941 vor den Absolventen der sowjetischen Militärakademien hat Garcia einen bemerkenswerten Fall gefunden, dass sich ohne große Probleme vom einen „Wir“ zu einem anderen übergehen lässt, wenn es gerade sinnvoll erscheint. Stalin wusste oder ahnte, dass ein deutscher Angriff auf die Sowjetunion unmittelbar bevorstand. Um die Landesverteidigung vorzubereiten, hielt er es für angebracht, das „Wir“ der Proletarier und der Kommunisten in ein „wir Russen“ zu verwandeln. Die Rede endete mit dem Ausruf „Es lebe unsere ruhmreiche Heimat, ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit!“

„Heimat“ - das ist ein anderes Wort für „Wir“, ähnlich wie „Identität“ oder auch „Leitkultur“. Irgendwo wollen wir uns, bei allem Sinn für Universalität und „Weltbürgertum“, eben doch zu Hause fühlen; die „Unbehaustheit“, um den Ausdruck von Martin Heidegger zu nehmen, ist kein wohnlicher Ort. Doch zugleich müssen wir erkennen, dass es mit einem schlichten „Mia san mia“ in der Regel nicht getan sein kann.  Garcia nennt als Beispiel einen Maghrebinier, der in Frankreich lebt und sich als homosexuell erkennt. In der französischen Mehrheitsgesellschaft ist er aufgrund seiner Herkunft ein Außenseiter; in der arabischen oder muslimischen Community wird er wegen seiner Sexualität womöglich erst recht diskriminiert. In welchem „Wir“-Kreis wird er sich „zu Hause“ fühlen?

Etwas salopp spricht der Essaytext von einem „Tohuwabohu der Wir“, mit einem Plural, der in der deutschen wie in der französischen Grammatik eigentlich nicht vorgesehen ist: „Wir“ und „nous“ sind bereits Pluralformen. Welche der verschiedenen Einteilungsmöglichkeiten, die jeweils verschiedene „Wir“-Aussagen begründen, wir gerade wählen, hängt offenbar ganz von den Umständen ab: erstens von der Situation, die uns vorgegeben ist, zweitens von den Absichten, die wir verfolgen. Noch ein Beispiel dafür,  dass ganze Gruppen plötzlich ihre Priorität wechseln: Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde in Frankreich eine nationale Union begründet, in Deutschland spiegelbildlich die Politik des Burgfriedens ausgerufen.

In beiden Ländern wurde die nationale Einheit der Klassensolidarität übergeordnet, Garcia spricht von einer „strategischen Überlagerung von Darstellungsebenen“. Der Kriegsausbruch legte es nahe, dass „Freund“ und „Feind“ sich eindeutig und aggressiv gegeneinander stellten: „wir“ gegen „die“; für Einteilungen quer dazu war kein Platz mehr. Manchmal versuchen Individuen, sich solchen Zwängen zu entziehen. „Ich war kein typischer Intellektueller, weder Nationalist noch Katholik noch Kommunist noch Rechter“, zitiert Garcia aus dem Tagebuch des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz.

Einen geradezu inflationären Gebrauch der „Wir“-Formel hat Garcia in der Populärkultur des späten 20. Jahrhunderts gefunden. „Wir wollen die Welt, und wir wollen sie jetzt“, sangen 1966 „The Doors“, „Wir sind alle Wütende“, war im Mai 1968 auf Pariser Mauern zu lesen, 1985 komponierten Michael Jackson und Lionel Richie die Hymne „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder“. Hier war es „die Jugend“, die als Subjekt angerufen wurde. 2001, nach dem Terroranschlag vom 11. September, wurde mit „Wir sind alle Amerikaner“ das ethische Empfinden der Menschheit beschworen. Unausgesprochen war jedoch wiederum eine Grenze gezogen: Die Urheber des Terrors konnten mit „alle“ und „wir“ gerade nicht gemeint sein.

H. C. Christy: Unterzeichnung der Verfas-
sung der USA, 1940 (Collection US
Capitol)  - Bild: Wikipedia 


Aber wie gelangt ein solches „Wir“ eigentlich zu gesellschaftlicher und politischer Praxis? Am Ende von Garcias Essay kommt der Leser zu dem Eindruck, dass da noch ein oder zwei Kapitel fehlen würden. Jean-Paul Sartre hat das Phänomen 1960 in seiner „Kritik der dialektischen Vernunft“ ausführlich beschrieben, ohne doch die Frage beantworten zu können: Wie ist es möglich, dass ganze Volksmassen sich plötzlich in Bewegung setzen, ob nun zu einer Revolution oder „bloß“ zu einem spontanen Streik? Manchmal auch unter Gefahr für das eigene Leben? 

Was Sartre mit unverhohlener Sympathie betrachtete, gab anderen Anlass zu größtem Argwohn. So wollte Gustave Le Bon 1895 ein „psychologisches Gesetz von der seelischen Einheit der Massen“ entdeckt haben. Als Glied einer Masse, meinte Le Bon, könnte der einzelne das Machtbewusstsein, das ihm die Menge verleihe, übernehmen, er werde dann „seiner ersten Anregung zu Mord und Plünderung augenblicklich nachgeben“. Le Bon konzedierte aber auch: „Wir sehen die Masse in demselben Augenblick von der blutigsten Grausamkeit zum unbedingtesten Heldentum oder Edelmut übergehen.“

Neuere Soziologen haben, angeregt durch die Verhaltensbiologie, den Begriff der „Schwarmintelligenz“ geprägt. Wer ist eigentlich, wäre im Anschluss an Garcias Essay zu fragen, dieses „Wir“, das sich seit ein paar Jahren in den „Sozialen Medien“ im Internet äußert, oft mit erschreckender Aggressivität? In demokratischen Strukturen wird dergleichen Spontaneität organisatorisch gezähmt, etwa in Parteien, Gewerkschaften oder Verbänden – oder jedenfalls wird eine solche Zähmung versucht.

Für die Gegenwart analysiert der Autor nachdenklich, dass wir „vielleicht in einen längeren Zeitraum der politischen Zerrissenheit des ‚Wir‘ eintreten“. Es könnte in der Tat sein, dass die aktuelle Konjunktur „populistischer“ Bewegungen durch das „Tohuwabohu der Wir“ mitverursacht ist: Die sich vervielfachenden „Wir“-Kreise in der modernen Gesellschaft stellen das Individuum vor eine „Komplexitätsüberforderung“. Da liegt der Wunsch nach einfachen Antworten nahe, sei es, dass ein schroffes Gegeneinander „Wir gegen die“ propagiert wird, sei es, dass wir in unserem Traum von universaler Harmonie nicht wahrhaben wollen, wie unvermeidlich es ist, dass größere und kleinere „Wir“-Kreise miteinander politisch agieren, und das nicht immer konfliktfrei. Hoffnungen, die Geschichte würde auf ein „messianisches“ Reich hinauslaufen, in dem „Wir“-Aussagen von vornherein keinen Ausschluss von anderen mehr bedeuten können, will Garcia dem Leser nicht machen: „Unsere historischen Identitäten sind keine Gefängnisse, sondern die sich wandelnde Form unserer politischen Subjektivität.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Tristan Garcia: Wir, aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 332 S., ISBN 978-518-58724-9, 28,00 € [D], 28,80 € [A], 38,50 CHF


Mehr im Internet:
Politische Philosophie - Wikipedia  
Tristan Garcia: Wir, Suhrkamp Verlag  
scienzz artikel Politische Philosophie

 

 

 

 

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