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12.02.2019 - ZEITGESCHICHTE

Der muehsame Weg zum Pluralismus

Zeithistorische Forschung und politische Kultur im Deutschland der Nachkriegszeit

von Josef Tutsch

 
 

Heinrich August Winkler
Bild: Hans Weingart/Wikipedia

„In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit“, schrieb der Historiker Gerhard Ritter 1946 in einem Büchlein unter dem Titel „Geschichte als Bildungsmacht“. Darin lag ein Stück weit auch Selbstkritik. Ritter hatte die Weimarer Republik aus deutsch-nationaler Perspektive heftig kritisiert und stand nun vor der Frage, inwieweit er die Entwicklung hin zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg mit dem Ende des deutschen Nationalstaates womöglich mit zu verantworten hatte.

Ritter war kein Einzelfall. Unter den deutschen Historikern, wie überhaupt in der akademischen Elite der frühen Nachkriegszeit, stellt die Historikerin Gabriele Metzler von der Berliner Humboldt-Universität fest, gaben unvermeidlich Männer den Ton an, die im Kaiserreich sozialisiert worden waren. Die meisten hatten in der Weimarer Republik auf der konservativen, oft nationalistischen Seite gestanden. Viele hatten sich mit dem Nationalsozialismus mehr oder weniger bereitwillig arrangiert, ihm oft sogar vorgearbeitet.

Da könnte man erwarten, mit der Karriere der Geschichtswissenschaftler hätte sich auch ihr historisches Denken bruchlos fortgesetzt. Genau das geschah nicht, zeigt Metzler in ihrer neuen Studie über Geschichtsschreibung und Geschichtskultur im Deutschland der Nachkriegszeit. Viele Historiker machten sich nun durchaus ernsthaft an die Aufgabe, die ihnen der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, aufgab: „Unser herkömmliches Geschichtsbild bedarf jetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden.“ Meinecke selbst hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg, wie er selbst es ausdrückte, vom „Herzensmonarchisten“ zum „Vernunftrepublikaner“ gewandelt. Darf man sagen, dass seine Kollegen nach dem Zweiten Weltkrieg, mit mehr als einem Vierteljahrhundert Verspätung, diesen Schritt sozusagen nachholten? Metzler: „Der Mainstream der westdeutschen Zeitgeschichte lebte sich überraschend zügig in die neue Republik ein.“

Die Historikerin hat das Miteinander von historischer, vor allem zeithistorischer Forschung einerseits, politischer Kultur andererseits seit dem Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit; zum Beispiel die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht im Nationalsozialismus, die 1995 für heftige Kontroversen weit über die Disziplin Zeitgeschichte hinaus sorgte, ist unberücksichtigt geblieben. In der großen Linie fällt der enorme Kontrast zur Weimarer Republik auf. Dort hatten die meisten bedeutenden Geschichtswissenschaftler in demonstrativer Distanz zur Republik verharrt, treu den monarchistischen Staatsvorstellungen, mit denen sie aufgewachsen waren. Nun „konvertierten“ sie mit großer Selbstverständlichkeit zur neuen Demokratie.

Übrigens nicht nur die Historiker; ähnlich wandelte sich auch die Staatsrechtslehre zu einer Wissenschaft von der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Opportunismus spielte bei solchen Wandlungen sicherlich eine Rolle; dass eigene Verstrickungen in den Nationalsozialismus gern unterschlagen wurden, ist nicht weiter verwunderlich. In gewisser Weise war es eine Rückkehr zum Kaiserreich: Die Wissenschaftler zeigten sich „staatstragend“, nun im Sinne von Demokratie und Republik. Wenn es in der Politologie eine vergleichbare Entwicklung nicht gab, hatte das einen sehr schlichten Grund: Die Disziplin war gerade erst entstanden und an deutschen Hochschulen noch nicht etabliert.

Metzler zitiert ihren Frankfurter Kollegen Christoph Cornelißen, der vor einigen Jahren fragte, ob sich Geschichtswissenschaft und Politik im Deutschland des 20. Jahrhunderts sozusagen „im Gleichschritt“ bewegt hätten. Das Wort „Gleichschritt“ scheint etwas unglücklich, es suggeriert, dass es durchweg staatliche Vorgaben gegeben hätte, denen die Wissenschaftler zu folgen hatten. So war es sicherlich im Dritten Reich, auch später in der DDR, wo die Historiker sich dem marxistisch-leninistischen Geschichtsschema einpassen mussten. Aber nicht im Kaiserreich, erst recht nicht in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht wäre, mit einem Ausdruck aus der Biologie, am ehesten von einer „Koevolution“ von politischer Kultur und historischer Wissenschaft zu sprechen.
Wie in der Politik auch stand das Thema „Vergangenheitsbewältigung“ im Vordergrund. Metzler betont jedoch, dass es zunächst nicht primär um den Holocaust ging. Als „deutsche Katastrophe“ wurde der Weltkrieg begriffen, der das Ende des deutschen Nationalstaates gebracht hatte. Das Überdenken, das Meinecke und Ritter und so viele andere forderten, bezog sich vor allem darauf, dass dem deutschen Geschichtsdenken mit der Teilung sozusagen sein „Fluchtpunkt“ abhanden gekommen war, nämlich der souveräne deutsche Nationalstaat.

Dokumentationszentrum Obersalzberg
des Instituts für Zeitgeschichte 
Bild: Werudolf/Wikipedia


Und zweifellos hatte auch der Kalte Krieg seinen Anteil daran, dass ein Großteil der deutschen Historiker nach 1945 recht problemlos den „langen Weg nach Westen“ absolvieren konnte, den sie und ihre Vorgänger Jahrzehnte lang so hartnäckig verweigert hatten. Das Denkschema des „christlichen Abendlandes“, meint Metzler, erleichterte vielen Konservativen diesen Schritt – ungeachtet aller bleibenden Vorbehalte gegen die Moderne und womöglich gegen die Aufklärung insgesamt. Die Totalitarismustheorie ermöglichte es, Nationalsozialismus und Stalinismus gleichermaßen eine Absage zu erteilen. Zugleich jedoch konnten die vordemokratischen und vorrepublikanischen Traditionen Deutschlands vor einem generellen Verdikt gerettet werden: Sie waren wenigstens nicht totalitär gewesen.

Partiell erschüttert wurde diese Ehrenrettung freilich 1961, als der Hamburger Historiker Fritz Fischer sein Buch „Griff nach der Weltmacht“ herausbrachte. Fischer war in seinen Archivstudien zu dem Ergebnis gekommen, das wilhelminische Kaiserreich hätte durch seine aggressive Politik den Kriegsausbruch 1914 heraufgeführt. Die Herausforderung, die darin lag, hat der aus Deutschland emigrierte amerikanische Historiker Fritz Stern so nachdenklich wie pointiert zusammengefasst: Wenn man „eine Folge von Betriebsunfällen in der deutschen Geschichte“ konstatiere, müsse man wohl auch erwägen, ob im Betrieb selbst etwas nicht gestimmt habe.

Fischer wurde nicht nur von Historikerkollegen, sondern ebenso aus der Politik hart kritisiert: Das historische Selbstbild Deutschlands stand zur Debatte. Aber – und dieser Umstand bezeichnet wiederum schlaglichtartig den Unterschied zwischen den politischen Kulturen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland – niemand verfiel auf die Idee, hier gehe es um die Legitimität des deutschen Staates in der Gegenwart. Als dagegen 1918 in Versailles die Siegermächte in den Friedensvertrag einen Artikel einfügten, der dem Deutschen Reich die Kriegsschuld anlastete, wurde im Auswärtigen Amt in Berlin eine Forschungsstelle eingerichtet, die ausdrücklich den Auftrag hatte, diesen Vorwurf zu widerlegen. Die Weimarer Republik, so hat es später der Berliner Historiker Heinrich August Winkler ausgedrückt, verordnete sich ganz offiziell eine „Kriegsunschuldslegende“.

Bereits 1955 hatte Karl Dietrich Bracher, ein „Grenzgänger zwischen Politikwissenschaft und Zeitgeschichte“, wie Metzler sagt, in seinem Buch über die „Auflösung der Weimarer Republik“ einen neuen Blick auf die Vorgeschichte des Dritten Reiches geboten. Während sich die Historiker zuvor oft mit Begriffen wie „Tragik“ oder „Schicksal“ oder „Dämonie“ begnügt hatten und, wenn sie konkret wurden, ein „Zuviel an Demokratie“ für das entscheidende Problem erklärten, machte Bracher nun gerade umgekehrt ein Zuwenig an demokratischer Gesinnung, eine mangelnde Gewöhnung an demokratische Praktiken als Grund für das Scheitern aus.

Der Band war repräsentativ für die zeithistorische Forschung in Westdeutschland in den Jahren um 1960: Allmählich, ganz allmählich nahm die deutsche Geschichtswissenschaft Abschied von obrigkeitsstaatlichen Vorstellungen. Metzler macht darauf aufmerksam, dass sehr viele der deutschen Historiker in den letzten beiden Jahrhunderten in ihrem philosophischen Selbstverständnis „Hegelianer“ waren. Sie sahen im Staat die „Wirklichkeit der sittlichen Idee“, übersahen dabei freilich, dass Hegel selbst keineswegs die historisch vorhandenen Staatsgebilde mit der Idee verwechseln wollte. Die 1960er Jahre brachten sozusagen eine Entwicklung zu einem „an Aristoteles orientierten Verständnis von Politik“, das die Möglichkeit von Zufällen und Irrtümern im politischen Entscheidungsprozess stärker berücksichtigte.

Einen Seitenblick wirft Metzler auf die Geschichtswissenschaft in der DDR, die den Faschismus als Variante kapitalistischer Herrschaft begriff. In der westdeutschen Zeitgeschichte dagegen, stellt die Autorin fest, spielten marxistische wie neomarxistische Deutungen auch nach 1968 „keine nennenswerte Rolle, dafür war wohl der konservative Habitus von Zeithistorikern, auch wenn sie sozialdemokratisch oder linksliberal dachten, zu stark“. Jedenfalls, wenn man auf die wissenschaftlichen Veröffentlichungen blickt. Für den „universitären Alltag“ mag anderes gegolten haben. Metzler: „Unverkennbar waren die Konservativen von den Erfahrung mit der linken Studentenbewegung, marxistisch inspirierter ‚Seminarkritik‘, gleichermaßen langwierigen wie am Ende wissenschaftlich unergiebigen Ideologiedebatten zermürbt.“

Worauf Metzler nicht weiter eingeht: Bei allem Protest gegen die deutsche Vergangenheit waren diese Ideologiedebatten seit 1968 sehr stark von Denkkategorien in der Nachfolge der Hegelschen Geschichtsphilosophie geprägt, eine „Hegel-Renaissance“, sozusagen. Das gibt den 1960er und 1970er Jahren, wenn man auf die gleichzeitige, von Metzler analysierte Entwicklung „hin zu Aristoteles“ in der zeitgeschichtlichen Forschung blickt, ein merkwürdiges Doppelgesicht.

Löste 1986 den "Historikerstreit" aus:
Ernst Nolte - Bild: rai/Wikipedia.it 


Schlagzeilen weit über die Grenzen des Fachs hinaus machte die akademische Disziplin Zeitgeschichte 1986, nachdem der Berliner Historiker Ernst Nolte in einem Zeitungsartikel die NS-Verbrechen als Reaktion auf die Ausrottung der Bourgeoisie im bolschewistischen Russland gedeutet hatte. Der Philosoph Jürgen Habermas nahm Noltes Beitrag zum Anlass, ganz allgemein „apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ zu diagnostizieren: Der Holocaust würde nicht nur „verständlich gemacht“, für die Gegenwart würde auch der Antikommunismus wiederum legitimiert. In der öffentlichen Debatte, die sich anschloss, geriet die historische Einschätzung des Nationalsozialismus in den Schatten der politischen Frage, welche Strategie der NATO gegenüber der Sowjetunion sinnvoll sei.

„Während auf der einen Seite (neo-)konservative Historiker und Publizisten für die ‚Normalisierung‘ des deutschen Staatsverständnisses auf Basis eines identitätsstiftenden einheitlichen Geschichtsbildes fochten, stritten die anderen, sozialliberal Gestimmten für ein pluralistisches Geschichtsbild als Grundlage einer pluralistischen Demokratie“, skizziert Metzler die zeithistorischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre. An anderer Stelle ist von der „Zeitgeschichte als Reformwissenschaft“ die Rede – und vom „Antipluralismus des konservativen Widerstands“.

Zweifellos, damals wurden diese Auseinandersetzungen als scharfe Polarisierung erlebt. Mehr als drei Jahrzehnte später kann man fragen, ob das nicht doch bloß graduelle Unterschiede, verschiedene Akzentsetzungen waren, mit den Kämpfen der 1920er Jahre jedenfalls völlig unvergleichbar. Die Frage, ob und inwieweit ein „Pluralismus“ ohne „Identitätsstiftung“, auch in historischer Hinsicht, auskommt, ohne eine deutsche oder europäische „Leitkultur“, ist bis heute offen. Das simple „Entweder – oder“ würde auch die komplexe Anforderung verkennen, vor die sich die Bundesrepublik Deutschland seitens ihrer Partner mehr und mehr gestellt sah: In der Gemeinschaft der europäischen und westlichen Staaten als ganz „normaler“ Staat zu agieren, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen oder zu verdrängen.

Metzler stellt für die „Ära Kohl“ geradezu eine Paradoxie fest. Einerseits gab es Tendenzen, etwa durch Rückbesinnung auf Preußen ein deutsches Nationalbewusstsein zu fördern. Beherrschend war in der historischen Wissenschaft wie in der Regierungspolitik jedoch etwas Anderes: die Einfügung Deutschlands in die Europäische Union – ein Modell, das zunächst sowohl den Verfassungsrechtlern als auch den Historikern noch völlig ungewohnt war. Das neue Europa passte nicht in die hergebrachten Kategorien von Staatlichkeit.

Nach 1989, mit der deutschen Wiedervereinigung, hätte die Versuchung nahe gelegen, zum „Fluchtpunkt“ Nationalstaat zurückzukehren, die „Verwestlichung“ womöglich zurückzudrehen; solche Befürchtungen, berichtet Metzler, wurden tatsächlich laut. Eingetreten, meint Metzler, sei eher das Gegenteil: Angesichts dieser Perspektive wurde sich die deutsche Geschichtswissenschaft ihres nunmehr liberal, eben „westlich“ geprägten Staatsverständnisses erst recht bewusst. Inwieweit das für die Zukunft Bestand hat, muss offen bleiben. Die aktuelle Konjunktur jener Strömungen, die wir ebenso vage wie ratlos „populistisch“ oder „rechtspopulistisch“ nennen, stellt auch die Geschichtswissenschaft vor Herausforderungen. Wie die Äußerung vom Nationalsozialismus als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ gezeigt hat, steht auch das historische Bild von Deutschland wieder zur Debatte.


Neu auf dem Büchermarkt:
Gabriele Metzler: Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, suhrkamp tachenbuch wisssenschaft 2269, Berlin 2018, 371 S., ISBN 978-3-518-29869-5, 22,00 € [D], 22,70 € [A]


Mehr im Internet:
Zeitgeschichte - Wikipedia 
Gabriele Metzler: Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, suhrkamp taschenbuch wissenschaft
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