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kultur

24.02.2019 - BRAUCHTUM

Die Lizenz, einmal ganz anders zu sein

Verkleidung und Verwandlung im Karneval

von Josef Tutsch

 
 

Fastnachtshexe aus Furtwangen
Bild: Schwarzwälder/Wikipedia

„Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, sagt eine Figur in der Komödie „Zur schönen Aussicht“ von Ödön von Horváth. „Eigentlich“ wollen wir uns ja nach moralischen Prinzipien richten, aber die Umstände und unsere Begehrlichkeiten lassen uns nicht, das war das Thema von Horváths Stück 1926. „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay den Gedanken fortgeführt, „es tut mir leid, da kann ich nix dafür, denn mein eigentliches Ich ist im Urlaub“, „das wahre Ich bleibt lieber im Schrank“.

„Eigentlich“ wäre mancher von uns statt Angestellter im Büro lieber Cowboy oder Pirat, der Karneval gibt uns die Gelegenheit, solche Träume zur Schau zu tragen, wenigstens für ein paar Stunden. Und unter dem Kostüm sinnieren wir in stillen Augenblicken dann vielleicht, welches eigentlich unser „wahres“ Ich sei, das des Alltags oder das unserer Träume. Ob das „andere“ Ich, das wir gern wären, allerdings irgendwie klüger oder besser ist ... Vielleicht sehnen wir uns ja ganz egoistisch danach, unsere moralischen und sozialen Bindungen abzustreifen. Bereits bei Platon kommt das Gedankenspiel vor, ob wir wohl widerstehen könnten, wenn es uns möglich wäre, all unsere Wünsche frei auszuleben. Eines der beliebtesten Karnevalskostüme heutzutage ist eine Generalsuniform mit Zweispitz à la Napoleon. Die berühmte Rosenmontagsszene mit „Ekel Alfred“ lässt bei aller Komik ahnen, dass da auch Abgründe lauern.

Wahrscheinlich ist der Wunsch, ganz anders oder ein ganz Anderer sein zu dürfen, so alt wie die Menschheit selbst. Auf Höhlenmalereien aus der Altsteinzeit sind tierköpfige Mischwesen zu sehen. Man darf vermuten, dass Tierschädel bei rituellen Tänzen als eine Art Maske vorgehalten wurden. Schwer zu sagen, inwieweit das „bloß“ Spiel war, inwieweit religiöser Kultus – oder auch der Versuch, Jagdglück und Fruchtbarkeit magisch herbeizuzwingen. Allmachtsphantasien also. Bei den Saturnalien im alten Rom durften sich die Sklaven als Herren verkleiden und sich im Gedanken wiegen, was sie tun würden, wenn … ja, wenn am nächsten Tag nicht doch wieder die gewohnte Rollenverteilung angestanden hätte. Sicherlich hatten auch die Herren ihren Spaß, wenn sie in die Sklavenrolle schlüpften: Vorübergehend konnten sie sich von ihren schweren Geschäften entlastet fühlen, auch von den zwingenden Verhaltensregeln ihres Standes.

Heute ist es für viele Karnevalisten eine sehr ernsthafte Gewissensfrage, als was man in diesem Jahr „gehen“ soll; gegenüber der Umwelt werden durch Maske und Kostüm Träume von dem ausgedrückt, was man gern wäre, wenn die Umstände einen lassen würden – eben ein verwegener Pirat, eine verwegene Piratin, weitab vom Moralkodex unserer bürgerlichen Welt. Oder ein Cowboy in den Weiten der Prärie, unter dem Schein unbegrenzter Freiheit. Oder ein mächtiger König. Oder ein weiser Zauberer, wahlweise auch eine böse Hexe.

Die Grenze von Wunsch- zu Angstträumen ist fließend, und wie sich versteht, kommt unter dem Kostüm oft der Ehrgeiz auf, auch eine „böse“ Rolle möglichst gut zu spielen. Das wird bereits bei den Ursprüngen des modernen Karnevals im späten Mittelalter nicht anders gewesen sein. Die Fastnacht war ebenso wie die folgende Fastenzeit eine Station im katholischen Kirchenjahr; die Heilgeschichte als Weg hin zu Ostern, dem Fest der Erlösung, sollte sozusagen erlebbar gemacht werden. Und dazu gehörte, dass man sich in den Tagen vor Aschermittwoch die sündige Welt mit ihren Ausschweifungen noch einmal vorführte.

Eine „Stippvisite“ bei der Sünde, sozusagen, die allerdings nicht erst für Martin Luther ein Stein des Anstoßes war. Die Kirche, verteidigte der Franziskanermönch Geiler von Kaysersberg im späten 15. Jahrhundert die volkstümlichen Belustigungen gegen Predigerkollegen, erlaube „eine ehrliche Wolllustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seien, das heilige Fasten zu halten.“ Natürlich sollte diese Erlaubnis nur vorübergehend gelten, mit dem Aschermittwoch musste alles wieder „vorbei“ sein. In den Tagen zuvor durfte allerdings ein wenig mit dem Feuer gespielt werden.

"Rote Funken" beim Kölner Rosenmontags-
zug, 2006 - Bild: Rolf Hahn/Wikipedia 


Als die volkstümlichen Bräuche in der Romantik wiederbelebt wurden, waren es vor allem zwei Typen aus dem mittelalterlichen Karneval, die Interesse fanden. Genauer: aus dem mittelalterlichen,Karneval, wie man ihn sich damals im Rückblick vorstellte. Ausgerechnet die beliebteste aller Rollen in der „modernen“ Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht scheint es im Mittelalter als festen Karnevalstypus gar nicht gegeben zu haben: die Hexe.

Aber es gab „alte Weiber“, die im Hofstaat des Teufels mit auftraten. Dargestellt wurden sie von jungen Männern – die Frage, ob ehrbare Frauen sich am Karnevalstreiben beteiligen durften, war Jahrhunderte lang ein heiß diskutiertes Thema. Auf einer Illustration zum Nürnberger „Schembartlauf“ um 1500 ist zu sehen, wie eine barbusige Frau aus dem Prunkwagen des Teufels herauslugt; gemeint war sicherlich eine stadtbekannte Dirne. Gezogen wird der Wagen – unter großem Hallo, wie die geschwungenen Pritschen ringsum vermuten lassen – von reich gekleideten Bürgern. Offenbar hatten die Nürnberger Patrizier damals keine Bedenken, sich im Spiel als Gehilfen von Sünde und Teufel zu präsentieren – nur im Spiel, versteht sich. Kein Wunder, dass Martin Luther 1539 von Wittenberg aus wetterte, der Nürnberger Schembartlauf entspringe einer „Verachtung des Evangeliums“.

In der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht von heute kann mit den Hexen nur noch ein weiterer Typus konkurrieren: der Narr. Wenn man nicht glauben will, dass er zum Hofstaat des Teufels gehört – es steht bereits in der Bibel. „Es spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott“, sagt ein Psalmvers. Das gab eine Rechtfertigung, dass unter der Narrenmaske, im Narrenkostüm Dinge gesagt werden durften, die sonst lebensgefährlich gewesen wären. An der „Maison  des Têtes“ im elsässischen Colmar aus dem Jahr 1609 ist eine ziegenbärtige Männerfigur auf Bocksbeinen zu sehen, auf dem Kopf trägt sie eine schellenbehangene Eselsohrenkappe – ein Mischwesen aus Teufel und Narr.

Das Narrengewand par excellence ist im schwäbisch-alemannischen Raum der „Flecklehäs“. Das Wort stammt sicherlich von den vielen bunten „Flicken“, aus denen es zusammengestückelt ist. Aber man darf getrost annehmen, meint der Münchner Brauchtumsforscher Dietz-Rüdiger Moser, dass bei der Entstehung dieses Kostüms auch an „Flecken“ gedacht war, an die Flecken der Sünde, mit denen wir unsere unsterbliche Seele „beflecken“. Die Narrenrolle war eine Lizenz zum Sündigen – aber natürlich nur im Kleinen oder vorübergehend.

Schwäbisch-alemannische Narren und Hexen sind in aller Regel „ganzvermummt“, mit Kostüm und Maske. Ganz anders die „Jecken“ im rheinischen Karneval: Es genügt das Kostüm, das Gesicht muss nicht verhüllt werden, schon gar nicht bei den „Offiziellen“, den Vertretern der Karnevalsvereine. Bei den Männern beherrscht ein einziges Kostüm die Bühne, die „Uniform“. Das geht darauf zurück, dass die Rheinlande zur Entstehungszeit des modernen Karnevals, in der Romantik, von gleich zwei strikt militärisch organisierten Mächten nacheinander in Besitz genommen wurden, zunächst von den Truppen der Französischen Revolution, dann von Preußen. Die Verwunderung gegenüber dem als fremdartig empfundenen militärischen Outfit und Zeremoniell äußerte sich in spöttischer Parodie.

Dass dabei auch Neid eine Rolle spielte, darf man durchaus annehmen. An der Spitze der karnevalistischen Gesellschaft, etwa beim Kölner „Dreigestirn“ von Prinz, Bauer und Jungfrau, wird die Phantasieuniform zu prachtvollen Fürstengewändern transformiert. À propos Jungfrau: Es hat bislang nur zwei Jahre gegeben, in denen die „Jungfrau“ in Köln tatsächlich durch eine Frau repräsentiert wurde, 1938 und 1939. Das nationalsozialistische Regime hatte den Verdacht, in der sonst männlichen Besetzung der Rolle würden sich höchst ungehörige Wunschträume offenbaren. Im Fall der „Funkemariechen“, die bei den Karnevalssitzungen im Rheinland die Tanzeinlagen bestreiten, haben sich solche Befürchtungen sogar durchgesetzt. Bis ins frühe 20. Jahrhundert waren es in der Regel Männer, die in diese Rolle schlüpften. Heute sind es Frauen, die als Funkemariechen Bein zeigen.

Hopfennarr aus Tettnang, Bodensee 
Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia


Von den Offiziellen abgesehen, läuft im Rheinland allerdings jeder, wie er mag, durch die „fünfte Jahreszeit“: kostümiert als Clown oder General, als Vampyr oder Affenmensch, als Elvis Presley oder – politisch aktuell – Donald Trump. Da gibt es nichts, was es nicht gibt, während die schwäbisch-alemannischen Fastnachtsvereine doch gelegentlich darauf pochen, das traditionelle Typenrepertoire zu erhalten. Neben den Narren und den Hexen finden sich da Tierfiguren wie etwa der Esel, der ganz nach Belieben gern im Sinne von Einfalt oder Trägheit oder sexueller Potenz ausgelegt wird. Oder die Riesen: Mit ihrer überragenden Größe drücken sie Träume von Weltbeherrschung aus. Vielleicht sind sie aber auch lebendige Warnungen vor Hochmut. In Riedlingen trägt der Fastnachtsriese den Namen „Gole“, von „Goliath“, jenem Riesen, den der junge David besiegte.

Vor allem für solche traditionellen Kostümierungen wird oft ein enormer Aufwand getrieben. Der Freiburger Brauchtumsforscher Werner Mezger nennt als Beispiele einen Wolfacher „Nussschalenhansel“, dessen Gewand mit fast 3.000 halben Walnussschalen behängt ist, und einen „Schneggehüslinarro“ aus dem benachbarten Zell mit etwa 2.500 Häusern von Weinbergschnecken. In dieser Hinsicht haben Fastnacht und Karneval tatsächlich etwas von jenem Brauch an sich, den die Ethnologen „Potlatch“ nennen: Es besteht ein sozialer Zwang, einander verschwenderisch zu übertrumpfen, also zu zeigen, dass die eigenen Möglichkeiten, seine Träume zu verwirklichen, größer sind als die des anderen. Im späten Mittelalter kam eine Mode auf, mit der die Männer das ganze Jahr über diesen Traum zur Schau stellen konnten: die Schamkapsel. Ihren Ursprung hatte sie im Bedürfnis, den Harnisch durch einen Schutz für die Genitalien zu ergänzen. Nachdem sie auch in die Zivilkleidung eingegangen war, wurde sie, je nach Geschmack des Trägers rund oder auch gurken- und bananenförmig gestaltet, zum Entsetzen der Sittenprediger immer größer und größer.

1555 polemisierte der lutherische Theologe Andreas Musculus in Frankfurt an der Oder in einer Predigt wieder einmal gegen die ebenso verrückte wie verwerfliche Mode der „Hosenteufel“. Die Reformatoren forderten von ihren Zeitgenossen ein höheres Maß an Selbstdisziplin, auch was die Träume von einem anderen, einem gesteigerten Selbst und deren Zurschaustellung anging. Für weite Teile Europas setzte sich der neue Geist durch, wenngleich nicht ohne Widerstände und Spott: Am Tag nach der Predigt fand Musculus in der Kirche, an der Kanzel aufgehängt, ein besonders ausgeprägtes Exemplar des „Hosenteufels“ vor.


Mehr im Internet:

Karneval - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um den Karneval 

 

 

 

 

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