Berlin, den 24.05.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

18.02.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Ein Maler, der sich den Maechtigen verweigerte

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt bietet eine neue Sicht auf Leonardo da Vinci

von Josef Tutsch

 
 

Leonardo da Vinci, Selbst-
portrait (um 1512), Biblio-
teca Reale di Torino)
Bild: Wikpedia

„Seine Verrücktheiten gingen so weit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ Leonardo da Vinci war schon seit drei Jahrzehnten tot, als Giorgio Vasari ihn 1550 mit dieser „Würdigung“ bedachte. Ihm selbst konnte eine solche Beschuldigung also nicht mehr gefährlich werden. Aber die Sätze warfen einen Schatten auch auf Menschen aus seinem Umfeld, die noch lebten: Teilten sie womöglich die „ketzerischen Vorstellungen“ des Meisters?

Gut möglich, dass irgendjemand bei Vasaris Brotherrn, dem Herzog der Toskana, mit der Bitte intervenierte, er möge seinen Hofkünstler doch dazu bringen, diese Inkriminierung zurückzunehmen. In der zweiten Auflage von Vasaris „Lebensbeschreibungen“ der Renaissancekünstler, die 18 Jahre später herauskam, war jedenfalls nur noch davon die Rede, Leonardo habe „Gott und die Menschen dieser Welt dadurch beleidigt, dass er in seiner Kunst nicht so gearbeitet hatte, wie es sich gehörte“. Ein Vorwurf, der um so schwerer wog, als der Biograph ihm zugleich bescheinigte, er sei der „allergöttlichste Geist“ gewesen.

Das Bild von Leonardo da Vinci „als dem geheimnisvollen, rätselhaften, nicht ganz geheuren Verächter aller Werte, Normen und Regeln, der die Mächtigen mit seiner Faulheit und Nonchalance vor den Kopf stößt und nach verborgenem Wissen trachtet“, hat bis heute Konjunktur, stellt der Historiker Volker Reinhardt von der Universität Fribourg fest. Im Vorfeld von Leonardos 500. Todestag am 2. Mai hat Reinhardt eine Biographie vorgelegt, die mit den vielen Mystifikationen seit Vasari gründlich aufräumen will.

Oder sollte man sagen: seit Leonardo selbst? Dass der Künstler seine Notizen, die eine Hauptquelle für die Interpretation von Leben und Werk sind, in Spiegelschrift niederlegte, mag von seiner Linkshändigkeit herrühren. Aber sicherlich diente ihm diese Gewohnheit auch zur Verrätselung. Leonardo sah sich als Außenseiter der Renaissancegesellschaft, und er hatte dazu reichlich Grund. Schon sein Mangel an lateinischer Bildung schloss ihn von den Humanistenkreisen aus, die damals den Ton angaben. Leonardos Vater, der Notar Piero aus  Vinci in der Toskana, gab seinen unehelichen Sohn in die Werkstatt des Malers Andrea Verocchio zur Ausbildung. Malerei war ein Handwerk, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ein Blick auf die kaum zwei Dutzend Gemälde, die von Leonardo erhalten sind, belegt, dass er dieses Handwerk so virtuos beherrschte wie kaum ein anderer. Aber zum Ärger seiner Auftraggeber – und zu eigenem finanziellen Schaden – ließ er angefangene Gemälde immer wieder unvollendet liegen.

„Leonardo schien sein Ausnahmetalent gering zu schätzen, ja regelrecht zu vergeuden“, schreibt Reinhardt. „Monatelang rührte er den Pinsel nicht an“, „lehnte die ehrenvollsten Aufträge mit den fadenscheinigsten Begründungen ab.“ Stattdessen befasste er sich mit versteinertem Meeresgetier, mit anatomischen Studien, mit technischen Phantasien. Immer wieder kam das übermächtige Interesse an Naturforschung und Ingenieurskunst seiner Malerei in die Quere.

Es gab aber noch einen zweiten, vielleicht wichtigeren Umstand, der Leonardo immer wieder vom Malen abhielt: Gegenüber der Funktion, die der Kunst von den Mächtigen zugedacht war, scheint er einen geradezu physischen Ekel empfunden zu haben. Reinhardt vergleicht Leonardo mit den anderen führenden Künstlern der Zeit. Zum Beispiel Benozzo Gozzoli oder die Brüder Ghirlandaio hielten sich – als „Handwerker“ in einem ganz wörtlichen Sinn – minutiös an die Bildprogramme, wie sie ihnen vorgegeben waren; der Machthaber von Florenz, Lorenzo de‘ Medici, konnte sie „optimal für Propagandazwecke einsetzen“. Michelangelo wiederum war zwar ein sehr politischer Mensch, ein bekennender Republikaner, hatte jedoch keinerlei Bedenken, für die Familie der Medici bedeutende Kunstwerke zu schaffen. Er revanchierte sich auf seine Weise: indem er subtile Botschaften unterbrachte, die den Wünschen der Auftraggeber zuwiderliefen.

Leonardo da Vinci: Abendmahl, in Santa
Maria delle Grazie, Mailand, 1495-98
Bild: Wikipedia 


Ganz anders Leonardo: Er verweigerte sich einem Dasein als Hofkünstler, „die Umtriebe der Mächtigen scheinen ihn von Anfang an kalt gelassen zu haben“. Immerhin, er fand sich bereit, für Ludovico Sforza, Herzog von Mailand, Portraits seiner Maitressen zu malen und Festdekorationen zu entwerfen sowie ein Tonmodell für eine überlebensgroße Reiterstatue des Fürsten. Später trat er in den Dienst von Cesare Borgia – jenem Cesare Borgia, den Macchiavelli in seinem „Principe“ als Vorbild einer amoralischen Politik würdigte. Ob dieses Verhältnis Leonardos Gewissen belastete, lässt sich nicht sagen.

Und offenbar durchaus ernsthaft trug sich Leonardo mit dem Gedanken, für den osmanischen Sultan Bayezid I. zu arbeiten: Er unterbreitete ihm den Plan einer Brücke über den Bosporus. Dass die gesamte Christenheit damals im Sultan den schlimmsten ihrer Feinde sah, spielte für Leonardo keine Rolle. Sein Bild von der politischen Welt muss derart schwarz gewesen sein, dass die Unterschiede zwischen den Potentaten unwichtig wurden. Ingenieursarbeiten verlangten von ihm ja auch nicht, dass er darin ein persönliches Bekenntnis ablegte.

Bei Gemälden sah er es offenbar anders; das könnte dazu beigetragen haben, dass es immer wieder zu Streit mit seinen Auftraggebern kam. Etwa in Leonardos „Felsgrottenmadonna“, gemalt um 1485, weist der Engel mit seinem Finger nicht etwa auf das Jesuskind als den zukünftigen Erlöser, sondern auf Johannes den Täufer, der doch bloß der Vorläufer sein soll. Davon stand im penibel formulierten Auftrag der Mönche des Klosters von San Francesco in Mailand kein Wort. Das Bild sollte die Unbefleckte Empfängnis Mariens darstellen – wovon wiederum in Leonardos Ausführung nur ein Blumensymbol übrig blieb, die Schwertlilie.

Noch um einiges verwirrender sind die Rätsel, die das Bild der „Anna Selbdritt“ ein Vierteljahrhundert später aufgibt; offenbar malte es Leonardo ohne Auftrag, nur für sich selbst. Dargestellt ist die Gottesmutter Maria mit ihrer eigenen Mutter Anna und dem Jesuskind; als vierte Figur ist ein Lamm zu sehen, das übliche Symbol der Passion Christi. Die hundert und aberhundert Besucher, die das Bild im Louvre Tag für Tag betrachten, werden vorderhand nichts Verdächtiges feststellen. „Jesus hat sein linkes Bein über das Lamm gelegt und dieses an den Ohren gepackt“: Die Andeutung des Kreuzestodes versteckt sich in kindlichem Spiel. Nur dass der kleine Jesus bei dem Lamm reichlich grob zupackt, so grob, dass sich in der neueren kunsthistorischen Forschung, wie Reinhardt berichtet, die Interpretation verbreitet hat, Jesus sei gerade dabei, dem Lamm das Genick zu brechen.

Überzeugende Antworten, wie man eine derart skandalöse Abweichung von der Tradition verstehen soll, seien „bislang ausgeblieben“, schreibt Reinhardt. Hing Leonardo womöglich irgendeiner religiösen Richtung am Rande der Rechtgläubigkeit an? 2003 behauptete der Thrillerautor Dan Brown in seinem Roman „Sakrileg“, davon eine Spur gefunden zu haben: In Leonardos Abendmahlsgemälde im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand sei unter der Maske des Lieblingsjüngers Johannes in Wirklichkeit Maria Magdalena dargestellt, Jesu angebliche Ehefrau. Pure Phantasie, meint Reinhardt; soweit wäre Leonardo in seiner Umdeutung christlicher Themen wohl kaum gegangen. Aber auffällig sei in der Tat, dass in diesem „Abendmahl“ alle „übernatürlichen Bezüge konsequent ausgespart“ sind. Da Heiligenscheine fehlen, so sticht der Verräter Judas allenfalls durch seine Hässlichkeit hervor, ist ansonsten jedoch nicht von den anderen Aposteln abgehoben.

Eine „Gleichmacherei“ von Bösem und Heiligem, Frommem und Weltlichem, Allzuweltlichem? Es sei „ein äußerst feines Werk“, schrieb der Kunstkenner Cassiano del Pozzo im 17. Jahrhundert über ein Spätwerk Leonardos, einen „Johannes den Täufer“, „aber es gefällt nicht sehr, weil es keine Frömmigkeit vermittelt.“ In der Tat, das Bild zeigte keinen hageren Asketen, sondern einen Jüngling „von schwellender Fleischlichkeit“. Irgendwann um 1700, im Umkreis von Ludwig XIV. und seiner frömmelnden zweiten Gattin, Madame de Maintenon, wurde das Bild als derart anstößig empfunden, dass ein unbekannter Maler den Heiligen in den Weingott Bacchus verwandelte. Reinhardt: „Da die nackte Figur nicht Enthaltsamkeit lehren konnte, sollte sie überschäumenden Genuss der Sinne verkünden.“

Volker Reinhardt ist zu dem Schluss gekommen, dass sich in Leonardos Bildern mit biblischen Sujets nicht etwa abweichende religiöse Lehren ausdrückten, sondern eine prinzipielle Distanz zu den Heilsversprechen der Kirche. Manche Sätze in den Notizbüchern erinnern an die Katholizismuskritik der Reformatoren einige Jahre später, zum Beispiel:  „Das unsichtbare Geld wird viele von denen, die es ausgeben, triumphieren lassen“ - das nahm Luthers Kritik am Ablass vorweg. Aber offenbar meinte es Leonardo noch viel grundsätzlicher: „In allen Teilen Europas werden große Völker in Weinen ausbrechen, weil ein einziger Mensch zu Ostern gestorben ist.“

Leonardo da Vinci: Anna Selbdritt,
zwischen 1500 und 1513, Louvre,
Paris - Bild: Wikipedia 


Leonardo, lautet die zentrale These von Reinhardts Biographie, war „Nicht-Christ“, wenngleich nur im Geheimen, wie sich versteht. Anders als so viele Intellektuelle damals hing er auch nicht der Modephilosophie der Zeit an, einem christlich getönten Platonismus. Wahrscheinlich waren seine anatomischen Studien nicht zuletzt als Suche nach der Seele des Menschen, seiner unsterblichen Seele, angelegt. Was er gefunden oder nicht gefunden hatte, wagte Leonardo selbst in seinen Notizbüchern nicht klar zu formulieren: „Den Rest der Definition lasse ich in den Köpfen der Mönche zurück, diesen Vätern der Völker, die alle Geheimnisse durch Inspiration kennen.“

Leonardo wollte auch nicht daran glauben, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und die übrigen Geschöpfe ihm zu dienen hätten: „Die Menschen treten mit ihrer grenzenlosen Überheblichkeit die anderen Lebewesen mit Füßen.“ Er lebte als Vegetarier, allein das schon muss ihn in der Gesellschaft seiner Zeit zum Außenseiter gemacht haben. Dabei war er von einer idyllischen Auffassung der Natur weit entfernt. Die Tagebücher offenbaren vielmehr eine durch und durch pessimistische Weltsicht, die überall nur das Gesetz des „Fressens oder Gefressenwerdens“ am Werke sah – verbunden freilich mit der Weigerung, sich selbst dieses Gesetz zu eigen zu machen.

Bis heute zu den bekanntesten Schöpfungen Leonardos gehört seine Zeichnung, in der er die Maße des menschlichen Körpers in die „vollkommenen“ Figuren der Geometrie, Kreis und Quadrat, einzufügen versuchte. Leonardos letztes Wort war dieses Blatt sicherlich nicht: Die vollkommene Schönheit war die ganz große Ausnahme, die Natur, resümiert Reinhardt, „verteilte ihre Vorzüge ungerecht, und der Mensch war nicht ihr Lieblingsobjekt“.

Und dennoch: Das menschliche Antlitz muss Leonardo fasziniert haben. Was, fragt Reinhardt, fand er an jener Frau, die als „Mona Lisa“ bekannt wurde? Wahrscheinlich war sie die Gattin des florentinischen Kaufmanns Francesco del Giocondo. Ein besonders üppiges Honorar kann nicht der Grund gewesen sein, überlegt Reinhardt: Da hätte Isabella d‘Este, die Markgräfin von Mantua, die immer wieder vergeblich darum ersuchte, Portrait sitzen zu dürfen, viel mehr bieten können. Erotische Anziehungskraft war es auch nicht. Nach allem, was wir von Leonardo wissen, war er für weibliche Reize unempfänglich. Reinhardt vermutet eine Art von Geistesverwandtschaft: „La Gioconda“ könnte in seinen Augen jene ideale Einheit von Mensch und Natur verkörpert haben, die er selbst ersehnte, darauf deutet vielleicht auch die Felsenlandschaft im Hintergrund hin.

In unserer technikbegeisterten Welt ist der Maler Leonardo gegenüber dem Ingenieur ein wenig in den Hintergrund getreten. Manche seiner technischen Phantasien sind längst Wirklichkeit geworden, etwa die Nachahmung des Vogelflugs, die er in seinen Notizbüchern skizzierte. Schwer zu sagen, inwieweit er selbst an die Praktikabilität seiner Utopien glaubte.  Dass er praktische Versuche unternommen hätte, bei denen ein Assistent Knochenbrüche davontrug, erklärt Reinhardt für Legende. Gelegentlich gefiel er sich darin, ein höfisches Publikum mit pseudo-magischen Kunststückchen zu verblüffen, etwa einem einem „Automobil“, einem Wagen, der sich, einmal angestoßen, mit seinem kunstvollen Gefüge von Federn und Räderwerken eine Zeitlang wie „von selbst“ bewegte. In der Regel blieb es bei „Mentalexperimenten“. Wie in seiner Malerei verstand sich Leonardo auch hier als „Philosophen“, als „geistig schaffenden Künstler, für den die Hand nur ausführendes Organ war“.



Neu auf dem Büchermarkt:

Volker Reinhardt: Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2018, 383 S., mit 111 farb. Abb. und 1 Karte, ISBN 978-3-406-72473-2, 28,00 €


Mehr im Internet:
Leonardo da Vinci - Wikipedia
Volker Reinhardt: Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Kunst der Renaissance

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet