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03.03.2019 - GESCHICHTE

"Keine Lichtgestalt und kein Daemon"

Eine neue Napoleon-Biografie

von Josef Tutsch

 
 

Antoine-Jean Gros: Bonaparte
auf der Brücke von Arcole,
1796 (Schloss Versailles)
Bild: Wikipedia

Im Pariser Pantheon findet sich neben vielen anderen „Helden der französischen Nation“ auch der italienische Bischof Giovanni Battista Caprara. Als päpstlicher Legat arbeitete er in der Zeit des Ersten Konsuls Napoleon an der Versöhnung der katholischen Kirche mit der französischen Republik. Und auch in den Vorbereitungen zu Napoleons Kaiserkrönung 1804 nahm er eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Rolle ein. Als christlicher Kaiser hätte Napoleon das Manko gehabt, dass es im Kirchenkalender keinen Heiligen dieses Namens gab. Caprara machte sich auf die Suche und fand wenigstens eine Namensähnlichkeit: Unter Kaiser Diokletian war in Alexandria ein gewisser „Neopolis“ zum Märtyrer geworden. Als Festtag des wiederentdeckten Heiligen wurde der 15. August bestimmt. Es war „zufällig“ der Geburtstag von Napoleon Bonaparte.

Die Weltgeschichte setzt sich, unter dem Mikroskop betrachtet, eben aus vielen kleinen und winzigen Mosaiksteinchen zusammen. Der Journalist und Frankreichkenner Günter Müchler bietet in seiner neu erschienenen Napoleon-Biographie auf fast 600 Seiten dem Leser eine Fülle solcher „Steinchen“. Etwa die Intrige, die sich Napoleons Ehefrau Joséphine vor der Krönung einfallen ließ, um ihre Stellung zu festigen. Sie beichtete Papst Pius VII., dass sie mit Napoleon nur standesamtlich verheiratet war, kirchenrechtlich betrachtet also „in wilder Ehe“ lebte. Pius war nahe daran, seine Teilnahme an der Feier abzusagen. Napoleon blieb nichts anderes übrig, als die kirchliche Trauung rasch nachzuholen.

Aber Müchler belässt es nicht bei solchen Details; es ist ihm gelungen, durch die vielen Mosaiksteine hindurch eine große Linie deutlich zu machen: jene staunenerregende Karriere, die den Sohn eines korsischen Anwalts und Richters für einige Jahre zum Beherrscher Europas macht. „Revolutionär auf dem Kaiserthron“ lautet der Untertitel des Bandes. Manche Zeitgenossen haben in dieser Kopplung einen unauflöslichen Widerspruch gesehen. „Was haben Sie aus der Freiheit gemacht?“, schrieb ihm Rouget de Lisle, der Schöpfer der „Marseillaise“, zur Krönung: „Was haben Sie aus der Republik gemacht?“

Napoleons Kaisertum als eine Wiederkehr des Ancien régime, das die Revolution anderthalb Jahrzehnte zuvor gestürzt hatte? Müchler setzt den Akzent gerade umgekehrt: Der Kaiserthron war Napoleons Versuch, der Republik Stabilität zu geben, nach langen Jahren der Krise „rettete er von der Revolution, was von ihr zu retten war“. In seinem Titel wurde der Gedanke der Volkssouveränität betont: nicht etwa „Kaiser von Frankreich“, sondern „Kaiser der Franzosen“. Neben dem traditionellen „von Gottes Gnaden“ wurde eine zweite Quelle der Legitimation genannt: „aufgrund der Verfassung“.

Der Amtseid, in dem sich der Kaiser verpflichtete, „die Gleichheit vor dem Gesetz und die politische und zivile Freiheit zu respektieren“, sei nicht bloße Floskel gewesen, meint Müchler. Der Code Civil, den Napoleon wenige Wochen vor seiner Krönung einführte, deutet in der Tat darauf hin, dass es ihm mit der Gleichheit ernst war. Mit der politischen Freiheit hatte er weniger im Sinn. Für Napoleon, bemerkt Müchler, war das „Volk“ vor allem ein „Objekt“, „eine Vielheit, für deren Wohlergehen man sorgen soll, die auch ‚gehoben‘ werden muss durch Bildung, die man aber vor allem für die Armee braucht und für Plebiszite“.

Als „des Satans ältesten Sohn“ titulierte der deutsche Schriftsteller Ernst Moritz Arndt den Kaiser. Bis heute wird gern das menschenverachtende Wort zitiert, das Napoleon nach der blutigen Schlacht von Preußisch-Eylau 1807 gesprochen haben soll: „Eine Nacht in Paris wird das alles wettmachen.“ Der Ausspruch ist wahrscheinlich erfunden. Aber richtig ist zweifellos: Napoleon war bereit, über Leichen zu gehen, wenn es ihm politisch angebracht schien. Im März 1804 ließ er den Herzog von Enghien aus dem Geschlecht Bourbon-Condé aus Baden verschleppen und in Paris nach einem Scheinprozess hinrichten.

Jacques-Louis David: Napoleon krönt
Joséphine zur Kaiserin (Ausschnitt),
1807 (Louvre, Paris) - Bild: Wikipedia 


Müchler warnt jedoch vor Simplifizierungen. Derselbe Mann, der die unterworfenen Staaten rücksichtslos ausplünderte, stiftete der Stadt Jena eine beträchtliche Geldsumme, um die schlimmsten Kriegsschäden zu heilen. 1811 besuchte er die Elendsviertel in Köln und händigte dem Bürgermeister spontan Geld aus, um den Armen zu helfen. Müchler: „Der moralische Mensch Napoleon ist nicht leicht zu fassen.“

Das Rätsel wird noch um einiges größer, wenn man nach der Überzeugungs- oder Überredungskraft fragt, die Napoleon auf Menschen ausübte. Am 19. März 1814 veröffentliche der politissche Theoretiker Benjamin Constant im „Journal des débats“ einen Artikel, in dem er Napoleon, der gerade aus der Verbannung in Elba zurückkehrte, mit Attila und Dschingis Khan in eine Reihe stellte. Nachdem Napoleon am Tag darauf in Paris eingezogen war, lud er Constant zu einem Gespräch in die Tuilerien und bat ihn um Mitarbeit bei einer neuen Verfassung des Kaiserreichs. Über die Anwürfe vom Tag zuvor sah der Kaiser generös hinweg.

Constant erlag dem Charme des „Hunnenkönigs“ und entwarf im Dialog mit Napoleon eine liberale Verfassung, nach britischem Vorbild. Ob Napoleon diese Verfassung beachtet hätte, muss offen bleiben; wenige Wochen später ging es mit dem "Empire" zuende. Wie sehr sich der Kaiser nach wie vor dem Erbe der Revolution verpflichtet fühlte, zeigt Müchler an einem Detail aus den Verhandlungen mit Constant. Während der Staatstheoretiker die Konfiskation des Adelsbesitzes mit Berufung auf die Freiheit des Eigentums rückgängig machen wollte, bestand der Kaiser auf deren Rechtsgültigkeit.

Doch ebenso gut konnte Napoleon, wenn er es für angebracht hielt, grob und verletzend werden. 1808, als er in Erfurt die Monarchen Europas zur Huldigung empfing, lud er Prinz Wilhelm von Preußen zur Hasenjagd auf dem Schlachtfeld vor Jena ein – dort, wo die französische Armee zwei Jahre zuvor den Staat Friedrichs des Großen zu Boden geworfen hatte. Und er konnte kleinlich und rachsüchtig sein. 1810, als Napoleon nach der kirchenrechtlich unzulässigen Scheidung von Joséphine die österreichische Erzherzogin Marie Louise heiratete, um endlich den ersehnten Thronfolger zu zeugen, weigerte sich ein Teil der französischen Kardinäle, an der Feier teilzunehmen. Napoleon ordnete an, in Zukunft dürften sie den Kardinalspurpur nicht mehr tragen.

Müchler hat seine Biographie erzählend angelegt, nur in Einzelfällen wird der Erzählfluss durch die Erörterung offener Fragen unterbrochen. War der Brief des österreichischen Staatskanzlers Klemens von Metternich im Dezember 1813 wohl ernst gemeint? Zwei Monate nach der „Völkerschlacht“ von Leipzig unterbreitete er Napoleon darin ein Friedensangebot: Die Dynastie Bonaparte sollte erhalten bleiben, mit Napoleons Sohn auf dem Thron – und Marie Louise als Regentin. Dass Metternich dieser Lösung mehr abgewinnen konnte als einer Wiedereinsetzung der Bourbonen, scheint durchaus plausibel. Aber Napoleon, der weiterhin auf einen Sieg hoffte, wich einer Antwort aus.

„Keine Lichtgestalt und kein Dämon“ pointiert Müchler seinen Versuch einer sachlichen Sicht auf Napoleon. Bereits den Zeitgenossen wie zum Beispiel Goethe, aber auch späteren Historikern fiel es schwer, dem Gedanken an eine dämonische Urgewalt auszuweichen. Seine Persönlichkeit, kritisiert Müchler weite Teile der traditionellen Geschichtsschreibung, wurde als Beleg genommen, dass es wirklich die „großen Männer“ sind, die Geschichte machen. Und dieses „simple Erzählmuster“ wurde dann gegen Napoleon gewendet: Der Korse wurde „zu einer Art Supermann, der alles vermag – und deshalb in allen Punkten der Anklage schuldig sein muss“.

Napoleon selbst spürte, wenn man seinen späten Äußerungen auf Sankt Helena glauben will, viel stärker die Fesseln, die ihm durch die Umstände angelegt waren: „Die Wahrheit ist, dass ich niemals ganz Herr meiner Bewegungen war. Ich habe Pläne gehabt, aber niemals die Freiheit, sie auszuführen.“ Müchler nennt einige dieser „Umstände“: etwa den Familienclan, von dem Napoleon sich niemals emanzipieren konnte und wohl auch gar nicht wollte.

Oder den Punkt, dass die Französische Revolution neben so vielem anderen auch die Natur des Krieges in Europa gründlich verwandelt hatte. In früheren Kriegen war es „bloß“ um Macht gegangen, nun ging es auch um Ideologie, um Revolution oder Konterrevolution. Aus einem solchen Krieg konnte man nicht einfach „aussteigen“, schreibt Müchler, er musste mit der Unterwerfung der einen oder anderen Seite enden. Oder den Mangel an „Legitimität“, der an Napoleons Herrschaft trotz der Kaiserkrönung immer haften blieb. „Ich bin nur der Sohn des Glücks“, sagte er im Juni 1813 zu Metternich. „Ich würde von dem Tag an nicht mehr regieren, an dem ich aufhörte, stark zu sein.“

Antoine-Alphonse Monfort: Napoleons 
"Adieux" in Fontainebleau, um 1840
(Schloss Versailles) - Bild: Wikipedia 


Aus dem nagenden Gefühl der Illegitimität entsprang wohl auch die Ungeduld, die Napoleons Handeln mit den Jahren immer mehr bestimmte – obwohl er selbst es  im Grunde doch besser wusste: „Der Triumph wird dem gehören, der am geduldigsten ist“, sagte er einmal zu Metternich. Zu dem verhängnisvollen Russlandfeldzug entschloss sich Napoleon, weil die „Kontinentalsperre“, der Wirtschaftskrieg gegen Großbritannien, nicht die erhofften Ergebnisse brachte. Und zur Kontinentalsperre kam es, weil Napoleon hatte einsehen müssen, dass ein militärischer Angriff auf England nicht aussichtsreich war. Eigentlich hätte er den anhaltenden Krieg in Spanien zu einem erfolgreichen Abschluss bringen müssen. Aber dann wäre ihm womöglich Russland in den Rücken gefallen. Müchler: Napoleon „hetzte von einer Reparaturbaustelle zur nächsten.“ „Reaktion verdrängte Gestaltung.“

Was bleibt als Erbe Napoleons? Für Frankreich sicherlich die Rechtsreform, die er selbst höher einschätzte als seine militärischen Siege. In den Rheinlanden wurde der französische Code civil bis 1900 zäh gegen das preußische Allgemeine Landrecht verteidigt. Das „Königreich Westphalen“, in dem Napoleon seinen Bruder Jérôme zum König einsetzte, war als Musterstaat gedacht, er sollte für das französische Vorbild in Deutschland werben, ebenso das „Großherzogtum Berg“, in dem Napoleon selbst als Großherzog amtierte.

Das Kunstprodukt „Westphalen“ war aus 40 alten Territorien zusammengesetzt, Jérôme hatte gute Gründe, dem neu gestifteten „Orden der Westphälischen Krone“ das Motto „Je les uni“, „Ich einige sie“, zu geben. Über die Schwierigkeiten seiner Aufgabe machte er sich Jérôme keine Illusionen: „Ich kann nicht gleichzeitig König von Westphalen und französischer Untertan sein“, sagte er lapidar. Aber Napoleon konnte bei allem Reformwillen eben auch nicht darauf verzichten, Westphalen als eine Art „Ersatzkasse“ für den enormen Finanzbedarf des Mutterlandes zu nutzen. Als 1813 alliierte Truppen einmarschierten, fiel das Königreich, gerade mal sechs Jahre nach seiner Gründung, sang- und klanglos zusammen. Die Zeit war Napoleons „Gegenspielerin“, seit er in die Politik eingestiegen war, schreibt Müchler.

Eine Frage, die sich dem Leser aufdrängt, lässt der Autor bei allem Reichtum des Bandes unbeantwortet: Worum ging es diesem Menschen, der Europa in weniger als zwei Jahrzehnten so gründlich verwandelte wie kaum jemand sonst, eigentlich? Im Testament 1821 sprach Napoleon vom französischen Volk, das er „so sehr geliebt“ habe, er sei „Franzose durch und durch“. Ausgerechnet diese Antwort wischt Müchler jedoch beiseite: „Frankreich war seine Bühne, nicht seine Liebe.“ Europa war es auch nicht, selbst dann nicht, wenn man Großbritannien und Russland aus diesem Begriff ausschließen würde. Die Kontinentalsperre, weit davon entfernt, das kontinentale Europa zu vereinigen, vertiefte vielmehr den Riss zwischen Frankreich und den Vasallenstaaten. Für Frankreich erlaubte Napoleon gelegentlich Ausnahmen vom Wirtschaftskrieg, die Verbündeten hatten das Nachsehen.

„Ich war gezwungen, Europa durch Waffen gefügig zu machen; heute muss man mit Überzeugung arbeiten“, diktierte der Sterbende seinem Adjutanten. Und als Empfehlung an seinen Sohn im fernen Wien: „Alle seine Anstrengungen sollen darauf gerichtet sein, durch Frieden zu regieren.“ Worte, die bei einem Politiker überraschen müssen, der nicht zuletzt durch seine Kriege im Gedächtnis geblieben ist.


Neu auf dem Büchermarkt:

Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss Verlag, 623 S. mit 30 s/w. Abb., ISBN 978-3-8062-3917-1, 24,00 €


Mehr im Internet:

Napoleon - Wikipedia
Günter Müchler: Napoleon, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss Verlag
scienzz artikel Revolution und Napoleon

 

 

 

 

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