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22.03.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Die Zwiebel weiss er zu gebrauchen wie wenige"

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue ermordet, der Erfolgsdramatiker der Goethezeit

von Josef Tutsch

 
 

August von Kotzebue
Bild: Wikipedia

In den 26 Jahren von 1791 bis 1817, die Goethe als Intendant am Hoftheater in Weimar tätig war, wurden an fast 2.800 Abenden Schauspiele gegeben, also Tragödien oder Komödien oder Possen, an mehr als 1.300 Abenden Opern oder Ballette. Im Musiktheater führten Mozarts Opern die Liste an. Auch im Sprechtheater war es ein einziger Dramatiker, der mit über 600 Vorstellungen, also mehr als einem Fünftel der Abende, das Repertoire dominierte.

Nein, es war nicht Goethe selbst. Auch nicht Schiller. Der große Erfolgsdramatiker der Goethezeit hieß August von Kotzebue. Eigentlich mochte Goethe ihn nicht. Mit leicht gequältem Bemühen um Sachlichkeit bescheinigte er ihm einerseits „eine gewisse Nullität“, andererseits „ein vorzügliches, aber schluderhaftes Talent“. Talent wozu? „Die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen.“ Programmdirektoren der Fernsehsender heute würden sagen: die Quote zu heben.

Ein einziges von Kotzebues mehr als 200 Stücken steht heute noch gelegentlich auf den Spielplänen: „Die deutschen Kleinstädter“, 1802 in Wien uraufgeführt. Eine Satire auf die „kleinbürgerliche“ Welt in der deutschen „Provinz“. Kotzebue gab dem Handlungsort, angeregt durch eine Stelle bei dem Schriftsteller Jean Paul, den Namen „Krähwinkel“. Das Wort ging in den Duden ein.

Seinen bleibenden Erfolg verdankt das Stück dem Umstand, dass auch die Gegenstände der Satire erhalten geblieben sind. Etwa die Gier nach Titeln: Eine der Figuren möchte unbedingt mit „Frau Ober-Floß-und-Fischmeisterin“ angeredet werden. Oder die Merkwürdigkeiten der Bürokratie: Um eine der beiden Straßen des Städtchens auszubessern, wird eine Steuer erhoben. Ausgeführt werden die Arbeiten jedoch nicht. Danach müsste die Steuer ja entfallen, was die Stadt aber nicht wollen kann.

Oder die Lächerlichkeit von Kulturschaffenden, die ihrer Aufgabe leider nicht gewachsen sind. Kotzebue ließ einen Amateurdichter auftreten, der seinen Zuhörern in poetischem Hochgefühl den Vers „Der Schmetterling vermählt sich mit der Rose und trinkt entzückt den Tau aus ihrem Schoße“ zum besten gab. Solche Schlüpfrigkeit boten Koetzebues Kritikern den Beleg: Da hielt die vulgäre Posse ihren Einzug ins „bürgerliche“ Theater. Boulevardtheater eben, mit viel mehr Erfolg beim breiten Publikum, als die Stücke von Goethe und Schiller jemals einheimsen konnten.

Eine andere Kritik an Kotzebue besteht bis heute fort. „Der Einfluss Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten“, mokierte sich 1919 Kurt Tucholsky. Dabei war Kotzebue durchaus ein Aufklärer, wenngleich ein sehr später und durchaus kein radikaler. Sabine, die Protagonistin der „Kleinbürger“, setzt mit viel Geschick durch, dass sie statt des hochangesehenen „Bau-Berg- und Weg-Inspektor-Substituten“ den Mann heiraten darf, den sie liebt, obwohl der ohne hochtrabenden Titel daherkommt.

Der Schauspieler H. Roose als "Bau-,
Berg- und Wegeinspektorssubstitut
Sperling" - Bild: Wikipedia 


Kotzebue stellte sich mit seinem Drama in die Tradition des Kampfes gegen die „Standesgrenzen“, die Jahrhunderte lang einer Verbindung von „oben“ und „unten“ im Wege gestanden hatten. Den Durchbruch beim Publikum hatte Kotzebue, der aus einer Weimarer Kaufmanns- und Beamtenfamilie stammte, 1789 mit einem Trauerspiel geschafft, „Menschenhass und Reue“. Heute würden wir das Stück als einen einzigen, fünf Akte lang währenden Angriff auf die Tränendrüsen der Zuschauer bezeichnen. Der Dichter gab seinem Publikum reichlich Gelegenheit zu weinen. Das späte 18. Jahrhundert war eben nicht nur die Epoche der Revolution, es war auch die große Zeit der Sentimentalität: In aller Öffentlichkeit und vor allem im Theater zu weinen, war gesellschaftsfähig geworden.

Und Kotzebue vermochte es, virtuos auf dieser Klaviatur zu spielen. „Die Zwiebel, mit welcher man den Leuten das Wasser in die Augen lockt, weiß er zu gebrauchen wie wenige“, bemerkte einmal Goethe – er wusste genau, wie viel er als Theaterintendant diesem Dichter verdankte, der seiner eigenen Vorstellung von der dramatischen Kunst doch so fernstand. Der „Tränenschleusen-Direktor“, wie Spötter ihn betitelten, gab die ökonomische Voraussetzung für das Bestehen des Weimarer Hoftheaters.

Kotzebue war klaglos bereit, die Zweiteilung zwischen einer „höheren“ und einer „niederen“ Literatur zu akzeptieren. Allgemeine Bildung „aller das Schauspiel besuchenden Volksklassen“ sei „ein Unding“, kommentierte er Goethes Bemühungen um eine Verbesserung des Geschmacks, jedenfalls Bildung „in einem solchen Grade“, wie Goethe das wohl erhoffte. Man könnte sich die beiden gut als Diskutanten im Programmbeirat eines Fernsehsenders vorstellen.

Dabei ist durchaus die Frage zu stellen, ob es nicht erst Kotzebues Verflachung des „bürgerlichen Trauerspiels“ zum „Rührstück“ war, die den aufklärerischen Ideen auf dem Theater zu Breitenwirksamkeit verhalf. 1779 hatte Lessing in „Nathan der Weise“ einen Juden die Idee religiöser Toleranz verkünden lassen. 1796 wagte es Kotzebue in „Der Opfer-Tod“, einen jüdischen Geldverleiher positiv darzustellen. Traditionell war diese Bühnenfigur ein Anlass für Hohn und Spott: Durch viel Gelächter sollte sich das Publikum für die ökonomischen Probleme schadlos halten, die es gern den Geldverleihern anlastete. In Kotzebues Schauspiel ist es ausgerechnet der Jude, der sich gemäß dem christlichen Prinzip der Nächstenliebe verhält.

Ganz unrecht haben Kotzebues Verächter freilich nicht: Er tränkte seine Handlungen gern in eine Sentimentalität, die für Leser oder Zuschauer heute schwer genießbar wäre. Bei vielen Zeitgenossen machte er sich eher durch seine Neigung zu literarischen Fehden unbeliebt. In späten Jahren wurde er da selbstkritisch: „Ich konnte nicht schweigen, und dadurch habe ich es selbst verschuldet, dass meine Feinde sich mehrten.“ „Ich besitze leider die Gabe, das Lächerliche an einer Sache schnell aufzufinden und scharf herauszuheben.“

1800 hatten die Querelen in Weimar ein derartiges Maß angenommen, dass Kotzebue beschloss, nach Russland überzusiedeln. Bereits seit 1781 hatte er neben seinen literarischen Werken gelegentlich in russischen Diensten gearbeitet, 1785 war er in den erblichen russischen Adelsstand erhoben worden. Aufgrund eines Missverständnisses wurde er beim Grenzübertritt verhaftet und ins sibirische Tobolsk verbracht. Dort erlebte er eine Überraschung: Während er im Gefängnis saß, spielte die städtische Bühne unter großem Beifall seine Stücke … Einem dieser Stücke verdankte er dann auch seine Freilassung: Zar Paul I. fühlte sich geschmeichelt, weil Kotzebue in „Der alte Leibkutscher Peters III.“ einen seiner Vorgänger verherrlicht hatte.

Von Frankreich bis Sibirien, von Italien bis Skandinavien: Einige Jahrzehnte lang waren Kotzebues Schauspiele Publikumsmagneten. Und daneben betätigte er sich unermüdlich als Publizist in politischen Fragen. 1817 ließ Kotzebue sich wieder in Weimar nieder, offiziell als russischer Generalkonsul. Die relative Pressefreiheit im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach ermöglichte es ihm, der die frühe deutsche Nationalbewegung mit viel Misstrauen beobachtete, vor allem die Burschenschaften und Turnerbünde scharf anzugreifen. „Wenn man den Kindern Messer in die Hände gibt, so schneiden sie sich damit“ - seine scharfe Zunge brachte die „Jugendbewegten“ der Zeit zur Weißglut. Als die Studenten im Oktober 1817 beim „Wartburgfest“ eine Bücherverbrennung abhielten, wurde auch eine Veröffentlichung Kotzebues in die Flammen geworfen.

Kotzebues Ermordung, zeitgenössische
Illustration - Bild: Wikipedia 


Kotzebue, der angesichts der Anfeindungen um sein Leben fürchtete, wich wiederum aus, diesmal nach Mannheim. Dort traf ihn am 23. März 1819, vor 200 Jahren, der Dolch des Jenaer Theologiestudenten Karl Ludwig Sand. Im Prozess, der im Mai des folgenden Jahres mit dem Todesurteil endete, wurde deutlich, dass Sand sich als Tyrannenmörder und als Märtyrer für die deutsche Sache verstand. „Ein Zeichen muss ich geben“, hatte er vor der Tat in einer Art Bekennerbrief formuliert, „weiß nichts Edleres zu tun, als den Erzknecht und das Schutzbild dieser feilen Zeit, dich, Verräter und Verderber meines Volkes, August von Kotzebue, niederzustoßen.“

Der Dolch traf einen Vertreter des Ancien régime, dem der Gedanke, sich voll und ganz mit der deutschen Nation identifizieren zu sollen, fremd war. Kotzebue sah kein Problem darin, als deutscher Schriftsteller zugleich für den russischen Zaren zu arbeiten; in erster Linie fühlte er sich, bei aller Trivialität seiner Produkte, als Mitglied einer europäischen „république des lettres“.

Die öffentliche Hinrichtung Sands am 20. Mai 1820 wurde zum Fanal der nationalen Bewegung in Deutschland. „Als der Sarg weggebracht war“, heißt es in einem Augenzeugenbericht, „stürzte alles aufs Schafott, um Andenken zu erhalten. Das Tuch erhaschte ein Student“, andere „tauchten einen Rockzipfel oder ein Taschentuch in Sands Blut, und schon der kleinste Blutstropfen gilt als Reliquie.“ Der Berichterstatter selbst wollte im Besitz von Sands langen Haaren sein, „es ist unendliche Nachfrage danach“. „Spänchen von dem mit Sands Blut befleckten Gerüst werden von den Henkersknechten um hohe Preise verkauft.“ 

Noch Jahrzehnte später war die Richtstätte vor dem Heidelberger Tor als „Sands Himmelfahrtswiese“ bekannt. Der Scharfrichter selbst war vom Auftreten des „Märtyrers“ Sand derart erschüttert, dass er sein Amt aufgab. Aus den Gerüstbalken des Schafotts baute er sich in seinem Rebgarten in Heidelberg hoch über dem Neckar ein Gartenhäuschen. Den Heidelberger Universitätsannalen zufolge veranstalteten die national gesinnten Burschenschaftler dort viele Jahre lang Rituale im Andenken an Karl Ludwig Sand.

Kotzebue dagegen geriet wegen seiner anti-nationalen Haltung in Verruf. Und die Literaturhistoriker missachteten ihn, weil er nun einmal kein Goethe und kein Schiller war, aber doch so viel mehr Erfolg hatte  als die „Klassiker“. Nur die „Deutschen Kleinstädter“ haben im Repertoire bis heute überlebt.

Und wenigstens indirekt bleibt Kotzebue auch im Musiktheater lebendig. 1842 verarbeitete Albert Lortzing das Stück „Der Rehbock oder Die schuldlos Schuldbewussten“ zum Libretto seiner Oper „Der Wildschütz“. 1812 hatte bereits Ludwig van Beethoven bei Kotzebue angefragt, ob der ihm nicht einen Operntext schreiben wolle. Der Komponist hatte gerade die Musik zu Kotzebues Festspiel „Die Ruinen von Athen“ abgeschlossen, mit dem „Türkischen Marsch“ landete Beethoven einen seiner größten Ohrwürmer. Die Antwort des Dramatikers ist nicht bekannt, Beethovens Projekt einer Kotzebue-Oper blieb unverwirklicht.


Mehr im Internet:

August von Kotzebue - Wikipedia 
scienzz artikel Literatur der Goethezei

 

 

 

 

 

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