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09.03.2019 - PHILOSOPHIE

Kein "Zimmer" mehr fuer sich allein

Das Internet verschiebt die Grenze zwischen Oeffentlichkeit und Privatsphaere

von Josef Tutsch

 
 

"Intelligenter
persönlicher
Assistent"
von amazon
Bild: Frmorrison/
Wikipedia

„Das Private ist politisch“, propagierten vor einem halben Jahrhundert Aktivisten der Studenten- und der Frauenbewegung. So entwickelte die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Kate Millett 1970 in ihrem Buch „Sexus und Herrschaft“ die Strategie, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse von einem scheinbar rein privaten Lebensbereich her zu erschüttern, der Sexualität.

Sicherlich kalkulierten Millett und ihre Mitstreiter oder Mitstreiterinnen dabei ein, dass sie das konservativ-liberale Bürgertum mit nichts anderem so erfolgreich provozieren konnten wie mit dieser Negation der gewohnten Unterscheidung zwischen einer Sphäre des Politischen und einer Sphäre des Privaten. Liebgewordene Gewohnheiten werden eben gern als eine „zweite Natur“ empfunden. Aber „privates Leben ist keine Naturtatsache“, stellt die Soziologin Marianne Brieskorn-Zinke von der Evangelischen Hochschule Darmstadt in einem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Privatheit“ lapidar fest. „Ständig verändern sich die Zuschreibungen menschlichen Handelns zur Privatsphäre einerseits und zur öffentlichen Sphäre andererseits.“

2013 machte ein Mitarbeiter der CIA der Weltöffentlichkeit schlagartig bewusst, wie sehr die Selbstverständlichkeit dieser Grenzziehung in der Gegenwart durch die technischen Möglichkeiten des „world wide web“ in Frage gestellt ist. Das Darmstädter „Institut für Praxis der Philosophie“ nahm die „Causa Edward Snowden“ zum Anlass, 2016 eine Tagung zum Thema „Kultur der Privatheit in der Netzgesellschaft“ abzuhalten. Die Beiträge sind nun mit einiger Verspätung als Sammelband erschienen.

Snowdens Enthüllungen wurden vor allem deshalb als so schockierend empfunden, weil die „sozialen Medien“ doch nach allgemeiner Erwartung die weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten, wie es im Beitrag der Amsterdamer Philosophin Beater Rössler heißt, verbessern und neue Interaktionsformen eröffnen sollten. Als Realität enthüllte sich dann jedoch, dass die Bevölkerung „in großem Maßstab und in der Regel ohne Anlass“ durch die Geheimdienste massenhaft überwacht werden kann. Gar nicht davon zu reden, dass außer den Firmen und Organisationen, mit denen wir online Kontakt aufnehmen, selbstverständlich auch die Netzbetreiber unsere Daten zur Kenntnis nehmen.

„Big brother is watching you“ - wobei wir lange sinnieren können, vor wem eigentlich größere Besorgnis angebracht ist, vor dem Staat oder vor jenen Firmen, die eigentlich ja ebenso „privat“ sind wie wir auch und deshalb natürlich keiner demokratischen Kontrolle unterliegen.

Dabei haben sich die zuvor ungeahnten Möglichkeiten, die das Internet bietet, ausgerechnet in einem historischen Augenblick eingestellt, in dem man meinen durfte, in den liberalen Demokratien sei die staatliche Überwachung mittels „konventioneller“ Techniken einigermaßen beherrschbar geworden.

Wie wenig selbstverständlich jedoch der Schutz der Privatsphäre in globalhistorischem Maßstab ist, macht der Direktor des Darmstädter Instituts, der Philosoph Gernot Böhme, in einem Seitenblick auf Japan deutlich. Im Westen, zitiert Böhme seinen Kollegen Yuho Hisayama von der Universität Kobe, seien „sowohl die Öffentlichkeit als auch die Privatheit jeweils als eigene Werte anerkannt“. In Japan dagegen habe Privatheit keinen eigenen Wert, sie „unterliegt der öffentlichen Sphäre.“

Erster Web-Server am CERN, 1989
Bild: Henry Mühlpfort/Wikipedia 


In Japan, jenem asiatischen Land, das sich, trotz aller Prägung durch den chinesischen Konfuzianismus, doch am frühesten und entschiedensten der politischen Kultur des Westens öffnete ... Private Tätigkeit werde als potentielle Störung und Bedrohung der öffentlichen „Harmonie“ angesehen, resümiert Böhme. Auf die naheliegende Frage, wie das in anderen außereuropäischen Ländern, zum Beispiel in China, aussieht, geht der Sammelband nicht ein.

Privatheit – eine europäische, bloß europäische „Errungenschaft“? In der Antike, schreibt Brieskorn-Zinke, waren Haushalt und Familie zwar eigene „Herrschaftsbereiche des Hausherrn“. Diese Sphäre blieb, für sich genommen, jedoch defizitär. Die Griechen kannten den Begriff des „idiotes“; das war jemand, der als Bürger einer Polis eigentlich die Möglichkeit gehabt hätte, sich politisch zu engagieren, dem jedoch seine Privatgeschäfte vorzog. Als Mensch im vollen Sinn des Wortes konnte nur der Bürger einer griechischen Polis gelten – nicht der „Barbar“, nicht der Sklave und eben auch nicht der „idiotes“.

Immerhin – Haushalt und Familie galten als eigene Herrschaftsbereiche des Hausherrn, im Rom des „pater familias“. Doch der uns heute so selbstverständliche Begriff von Privatheit bildete sich erst in der frühen Neuzeit aus. Brieskorn-Zinke verweist auf eine Reihe von Phänomenen: die Alphabetisierung weiter Bevölkerungsteile, die individuelles Lesen und Schreiben ermöglichte; religiöse Praktiken wie das einsame Beten und die persönliche Gewissenserforschung; eine neuartige Einstellung zum eigenen Körper, mit einer gesteigerten Schamhaftigkeit und Scheu vor dem Zeigen des Körpers; die Entstehung von Salons und Clubs in den Städten. Im Gegenzug zur bürokratischen Zentralisierung und Monopolisierung von staatlicher Macht wuchsen auch die Proteste im Sinne von Individualität und Privatsphäre, bis hin zu den modernen Dystopien wie George Orwells Roman „1984“.

Rössler weist darauf hin, dass die beiden amerikanischen Rechtsanwälte Samuel Warren und Louis Brandeis bereits 1890 ein Recht auf „informationelle Privatheit“ proklamierten. Der Theorie nach, meint Rössler, sei es heute in der politischen Kultur des Westens weitgehend Konsens, dass der Schutz von Privatheit notwendig ist „nicht nur für die Ermöglichung individueller Freiheit, sondern für das Funktionieren und Überleben der demokratischen Gesellschaft im Ganzen“.

In der Praxis allerdings, stellt die Darmstädter Philosophin Ute Gahlings fest, „fielen in der Bilderwelt von Printmedien und Fernsehen immer mehr Tabus“. „Es begann ein beispielloser Voyeurismus, gegen den juristische Mittel und journalistische Ethiken nur wenig auszurichten vermochten.“ Durch den Cyberspace hat sich diese Tendenz enorm verschärft: Die technischen Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, es kostet fast gar nichts und die Anonymität fördert eine „Hemmungslosigkeit“, die auf die Privatsphäre anderer keine Rücksicht nimmt.

Unnötig zu sagen, dass juristische Vorkehrungen gegen diese Hemmungslosigkeit darauf angewiesen sind, selbst in die Privatsphäre eingreifen zu dürfen. Der Sammelband weicht der politischen Diskussion aus, inwieweit den staatlichen Stellen vielleicht Überwachungsmöglichkeiten zuzugestehen wären, zwecks Bekämpfung von Kriminalität und politischem Extremismus. Auch eine Sozialpolitik, die Benachteiligungen ausgleichen will, ist darauf angewiesen, Einblick in „private“ Verhältnisse zu gewinnen, die den Staat „eigentlich“ nichts angehen.

Das verblüffendste Phänomen in der aktuellen Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre ist aber wohl doch die Bereitwilligkeit, mit der viele Menschen in den „sozialen Medien“ wie zuvor bereits in den Fernseh-Talkshows einem anonymen Publikum Dinge mitteilen, die früher wahrscheinlich selbst den Beichtvätern nur mit großem Zögern anvertraut worden wären. Zeigen solche Entblößungsrituale, dass der Wert der Privatheit ganz grundsätzlich im Schwinden ist?

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett betrachtete das Problem 1974 aus der gerade umgekehrten Perspektive: Die Diskussion über „gesellschaftlichen Sinn“ werde durch die „Tyrannei der Intimität“, die unbändige Neugier auf das Gefühlsleben der anderen, erstickt. In den Massenmedien wird Privates als öffentlich behandelt; das Internet erlaubt es erst recht, jene Dinge, die früher im Klatsch face-to-face weitergegeben wurden, in Windeseile mit einer weltweiten Community zu „teilen“.

"Like" am Facebook Headquarter in Menlo
Park, Kalifornien - Bild: Soerfm/Wikipedia 


Sennet propagierte demgegenüber die Idee eines „öffentlichen Lebens“, „in dem es sinnvoll wird, anderen Menschen zu begegnen, ohne dass gleich der zwanghafte Wunsch hinzuträte, sie als Personen kennenzulernen“. Aussichtsreich ist diese Utopie vermutlich nicht. Rössler bezeichnet „connectivity“ geradezu als die „Ideologie“ unserer Gegenwart: „Jedes Trennen, jedes Nicht-Verbinden, jedes Nicht-Öffentlich-Machen, jede Einschränkung dieses Teilens muss als Aufgabe begriffen werden, als besondere Leistung, die die User erbringen müssen, wenn sie gegen diese Ideologie verstoßen wollen.“

Wie merkwürdig diese Ideologie des „Teilens“ in historischer Perspektive ist, macht Buchholz mit einem Blick auf Virginia Woolfs berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“, 1929, deutlich. Zum Beispiel für Jane Austen im frühen 19. Jahrhundert sei es ein völlig illusorischer Gedanke gewesen, ein Zimmer für sich allein zu haben; ihre Romane, die heute zur Weltliteratur gehören, entstanden im gemeinsamen Wohnzimmer der Familie.

Das beruhte auf äußeren Zwängen, denen Austen nicht entgehen konnte, das „Zimmer für sich allein“ war bloß ein Traum. Heute ist eigentlich niemand gezwungen, seine Privatsphäre über Facebook öffentlich zu machen. „Eigentlich“ - wer in einem öffentlichen Amt Karriere machen will, kommt vermutlich nicht umhin. Da drängt sich die Frage auf, welch gesteigerte Schauspielerleistungen Menschen, die in den sozialen Medien die Tür zu ihrer Privatsphäre weit aufstoßen, wohl bewältigen müssen. Der Philosoph Kai Buchholz verweist darauf, mit welcher Sorgfalt frühere Generationen oft ihre Wohnung einrichtete, die Besuchern Einblick in die Privat-, womöglich sogar Intimsphäre ihrer Bewohner eröffnete.

Und mit welcher Sorgfalt auch diese Besucher ausgewählt wurden. Sind wir beim „interaktiven“ Netz zu solcher Auswahl überhaupt noch in der Lage? Aber selbst wenn wir uns von Facebook und dergleichen fernhalten: Schon unsere Bequemlichkeit sorgt dafür, dass wir mit unserer Privatsphäre nicht sehr pfleglich umgehen. Briefe, bei denen man in der Regel davon ausgehen kann, dass das Briefgeheimnis gewahrt wird, werden immer mehr durch Emails ersetzt, die sind schneller und billiger. 1942 regte der Schriftsteller Rudolf Borchardt gegenüber seinem Freund Rudolf Alexander Schröder an, sie möchten ihre Briefe in Zukunft lateinisch abfassen, um möglichen Mitlesern wenigstens die Arbeit zu erschweren. Heute würde auch das nichts mehr helfen: Google Translator beherrscht Lateinisch, zwar noch nicht perfekt, aber für eine Überwachung hinreichend.

Buchholz berichtet von einem Selbstversuch, den der „Spiegel“-Reporter Uwe Buse 2013 unternahm. Buse provozierte, dass ihm auf Laptop und Handy eine Spionagesoftware installiert wurde. Nach wenigen Tagen erhielt er per Post Waren, die Hacker in seinem Namen bestellt hatten; sein Bankkonto wurde leergeräumt, sein Chef erhielt eine Kündigung, sein Facebook-Account wurde gekapert: Buse hatte keinen Einfluss mehr darauf, was „er“ dort der Welt über sich selbst verkündete. Irgendjemand ließ ihn wissen, er könne ihm auch Kinderpornos auf den Rechner schieben – und danach die Polizei alarmieren.

Längst ist der Prozess im Gang, dass auch die Haushalte digital vollautomatisiert werden: Jalousien öffnen sich morgens von selbst, der Kaffee wird vorbereitet, ohne dass wir einen Handschlag tun müssten, der Kühlschrank geht bei Bedarf online einkaufen. Das mag durchaus komfortabel sein, aber wie der „Spiegel“ 2015 warnte, damals kam der „Virtuelle persönliche Assistent“ von Google kam in den USA gerade auf den Markt: Die „klugen Haushaltsgeräte“ könnten wirklich zuverlässig vorläufig nur eins: „die Bewohner ausspionieren“.


Neu auf dem Büchermarkt:
Kultur der Privatheit in der Netzgesellschaft, herausgegeben von Gernot Böhme und Ute Gahlinger, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2018, 179 S., ISBN 978-3-8498-1265-2, 24,80 €


Mehr im Internet:

Internet - Wikipedia 
Kultur der Privatheit in der Netzgesellschaft, herausgegeben von Gernot Böhme und Ute Gahlinger, Aisthesis Verlag
scienzz artikel Praktische Philosophie

 

 

 

 

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